Freitag, 04. Dezember 2020

Ich habe meine endgültige Bestimmung gefunden: ich bin eine Pizza. Ich hatte gestern nachmittag einen toten Punkt. Er war nicht nur tot, er war schon am Verwesen. Also kippte ich kopfüber auf die Matratze im Tobeflur und rührte mich nicht mehr. Aber wie immer, wenn Mütter verwesende Punkte haben, waren die Kinder absolut unleidlich. Der Fünfjährige hockte sich auf meinen Rücken und quengelte ununterbrochen in mein Ohr: “Mama, holst du meinen Pferdestall vom Dachboden und spielst mit mir?” Ich stellte mich tot, aber das interessierte ihn nicht weiter. “Mama, Mama, Mama, Mama.” Also nuschelte ich in die Matratze:
“Ich weiß nicht, wo der Stall ist, frag Papa, der hat den hoch gebracht.” Unser Dachboden ist ein riesiger alter Speicher, auf dem mittlerweile sämtliche lebende und tote Verwandte ihre Sachen zwischengelagert haben. Wenn einmal etwas auf diesem Dachboden landet, ist es nahezu unmöglich, es wieder zu finden. Daher verschleppt Friedolin gern Kinderspielzeug dorthin, das Platz weg nimmt und selten bespielt wird, in der Hoffnung, dass der Marder und die Mäuse es anknabbern und wir es dann endlich weg werfen dürfen. Falls wir es wieder finden. Weil ich mich also weiterhin weigere, den Pferdestall vom Dachboden zu holen, spielt der Fünfjährige jetzt Pferd mit mir und reitet auf meinem Rücken. Die Siebenjährige legt sich neben mich. Schön, sie will kuscheln, denke ich. Bis sie mit spitzen Fingern mein Augenlid hochzieht und sagt: “Mama, ich weiß nicht, was ich mir vom Christkind zu Weihnachten wünschen soll.”
“Aber du hattest doch schon Ideen.”
“Bisher habe ich nur: Ich wünsche mir Schnee und dass die Menschen weniger Plastik verbrauchen.”
“Nur was in Geschenkpapier geht”, kräht der Fünfjährige und kracht unsanft in meine Wirbelsäule. “Sonst kann das Christkind es ja nicht unter den Tannenbaum legen.”
“Mir fällt nichts ein, Mama, hilfst du mir, meinen Wunschzettel zu schreiben?”
“Gebt mir 10 Minuten, dann helfe ich euch”, sage ich matt, was natürlich niemanden interessiert. Beide stellen auf absoluten Quengelmodus.
“Wisst ihr was: ihr backt jetzt eine Pizza auf mir und wenn die fertig ist, helfe ich euch”, schlage ich vor.
Das finden sie fair und beginnen, den Teig, also meinen Rücken durchzukneten.
“Und jetzt?”, rufen sie.
“Jetzt muss der Teig ruhen”, sage ich.
“Aber beim Stockbrot sagst du doch immer, der Teig muss gehen”, sagt der Fünfjährige und versucht, mich hochzuziehen.
“Dann müsst ihr den Teig jetzt halt ausrollen”, sage ich.
Also rollen sie mich aus, bestreichen mich mit Tomatensoße, belegen mich mit Pilzen und Paprika und Käse und versuchen, mich in den Ofen zu schieben. Klappt nicht, ich bin zu schwer.
“Dann müsst ihr den Ofen um mich rum bauen”, sage ich. Finden sie eine Spitzenidee und fangen sofort an, mich mit Kissen und Decken zuzubauen.
“Und jetzt?”
“Jetzt muss die Pizza 20 Minuten backen”, sage ich.
“Prima, tschüss, Pizza”, rufen sie fröhlich und gehen einträchtig ins Kinderzimmer, um zu spielen. Ich liege ordentlich geknetet, breit und weich in meinem warmen, gemütlichen Ofen und denke: Ab heute gibt es jeden Tag Pizza.

Donnerstag, 03. Dezember 2020

Das Gute an diesem sensationell verkorksten 2020 ist: gerade kann mich nichts mehr schocken. Als Friedolin gestern zunächst die Duschwanne rausgebrochen hatte, unter der alles schwarz war und dann die Wandfliesen abgekloppt hatte, unter denen alles schwarz war und sich dann Fliese für Fliese den Fußboden vornahm, unter dem alles rosaweiß mit silber Glitzersternen war (kleiner Witz, war natürlich auch alles schwarz), dachte ich nur: Hätte ich mir das Badputzen gestern eigentlich auch sparen können. Die Kinder sind zur Abwechslung mal intakt. Solange ich mit dem kaputten Bad nichts ins Krankenhaus muss, ist doch alles nur halb so wild. Wir sollen ja ohnehin Kontakte reduzieren, da wäre Duschen doch auch wirklich überflüssig. Dreck soll ja warm halten, können wir Heizkosten sparen. Ergo müssen wir auch drinnen Mützen tragen, dann fallen die fettigen Haare nicht so auf. No-Poo in aller Konsequenz, wir sind so was von Trendsetter.
Natürlich wäre es schöner gewesen, Weihnachten nicht auf einer Baustelle zu hocken. Aber wir haben dieses Jahr als Familie so viele mittlere und große Katastrophen überstanden, dann wird uns dieses marode Bad auch nicht klein kriegen. Wobei, wenn ich an die Sache mit dem Puzzle denke, möchte ich mir gar nicht ausmalen, wie Friedolin und ich uns bei der Auswahl von Fliesen, Armaturen, Duschkabinen und Badewannen zerfleischen. Aber Corona nimmt uns dankenswerter Weise auch diese Entscheidung ab. Da unsere finanzielle Misere vermutlich noch bis weit in 2021 reichen wird, werden wir wohl das meiste über ebay-Kleinanzeigen besorgen. Da ist die Auswahl zum Glück nicht so groß und wir haben weniger, über das wir uns streiten müssen.

Mittwoch, 2. Dezember 2020

Ich setze heute aus. Es ist Vorweihnachtszeit, Corona und was weiß ich noch alles, ich habe den Eindruck, viele von Euch haben gerade besseres zu tun, als jeden Morgen meine Zeilen zu lesen. Ich habe heute auf jeden Fall dringenderes zu erledigen, als welche zu schreiben. Unser Bad ist verschimmelt. Was ausnahmsweise mal nicht an meiner mangelnden hausfraulichen Kompetenz liegt, sondern an verpfuschter Bausubstanz. Friedolin wollte unsere in die Küche regnende Dusche reparieren, dabei sind Fliesen von der Wand gefallen, dahinter war alles schwarz vor Schimmel. Ich finde, die Dusche hätte ruhig noch bis zum Sommer mit ihrer schimmelschwarzen Eröffnung warten können, dann hätten wir immerhin im See baden können. Jetzt ist unser Bad Sperrgebiet, bis die verschimmelten Spanplatten raus sind, und wir müssen vor uns hin müffeln, da unser Gäste-WC erstens winzig ist und zweitens nur über Kaltwasser verfügt. Das wird lustig.

Dienstag, 01. Dezember 2020

Friedolin und ich haben etwas völlig undenkbares getan. Etwas, das in unserer 12-jährigen Beziehung noch nie passiert ist. Wir haben zusammen gepuzzelt. Und ich sage es gleich: es war nicht schön. Daran konnte auch der Jostabeeren-Likör nichts ändern. Whiskey hätte vielleicht geholfen. Oder Valium. Oder ein Vorschlaghammer. Wenn mich jemand fragt, ob ich lieber noch mal mit meinem Mann puzzeln oder für den Lions-Club unseren Smash-Hit “Alte weiße Männer” in frostiger Stille spielen würde, wäre meine Antwort: “Kommt aufs gleiche raus.” Die alten weißen Männer vom Lions-Club haben zumindest nicht so viel gejammert.
Es ist ja nicht so, dass ich ihn nicht vorher gefragt hätte. Das Puzzle ist für den Adventskalender der Kinder. Und da Friedolins Beitrag zum alljährlichen Adventskalender lediglich das Aufhängen der Skistöcke ist, an dem dann die Säckchen hängen, während ich die Ressorts Konzeption, Beschaffung, Verpackung und Geheimhaltung inne habe, konnte er schlecht nein sagen. Vielleicht habe ich auch unterschätzt, dass selbst Erwachsene für 550 Puzzle-Teile eine Weile brauchen. Und dass man fürs Puzzeln Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz benötigt, was mein Mann beides nur besitzt, wenn Kabelbinder und Spaxschrauben involviert sind. Aber Friedolin hätte sich auch durchaus körperlich und seelisch vorbereiten können. Zum Beispiel endlich mal eine Brille besorgen. Oder besseres Licht. Das hätte vielleicht geholfen, 150 winzige Puzzleteile mit schwarzen, feinverzweigten Ästen vor dunkelblauen Nachthimmel zusammen zu fügen. In unserem Wohnzimmer kann man nicht besonders viel sehen. Friedolin nennt es indirektes Licht. Ich nenne es schummrig. Aber er ist der Lichtdesigner im Haus, er muss es wohl besser wissen. Manchmal hätte ich halt gern einen Baustrahler. Beim Puzzeln zum Beispiel. Am Ende haben wir dann nur die niedlichen Waldtiere im Schnee und die Kirche und die Weihnachtsbäume gepuzzelt und anschließend altersgemäß portioniert für den Adventskalender verpackt. Den dunklen Nachthimmel haben wir in einer Kiste in seiner Werkstatt verschwinden lassen. Alles andere hätte unsere Ehe nicht überstanden.

Montag, 30. November 2020

Das Licht stirbt. Mit jedem Tag versinkt die Sonne früher hinter den Hügeln. In der dunkelsten Zeit des Jahres entzünden wir unsere Adventskerzen, um uns auf die Ankunft vorzubereiten. Die Rückkehr der Sonne, die Ankunft Gottes Sohns, den Beginn eines neuen Jahres mit neuen Hoffnungen, Vorsätzen und Aufgaben. Früher bin ich in der Düsternis des Winters immer fürchterlich melancholisch und antriebslos gewesen. Seit ich auf dem Land lebe und die Zyklen der Natur viel stärker erlebe, erscheint mir der Winter als ebenso ein Wunder wie der Frühling. Die Pflanzen ziehen sich unter die Erde zurück, die Bäume verlagern ihre Kraft nach innen. Unsere Kaninchen haben flauschiges Winterfell bekommen und hocken dick und rund unter dem Apfelbaum, um das letzte Laub zu fressen.
In alten Zeiten schöpfte die Muttergöttin in der Ruhe des Winters Kraft. Sie behütete die Pflanzen und Tiere, die mit in ihr lichtdurchflutetes Reich unter der Erde gekommen waren. Der Winter war ein langes stilles Einatmen und Innehalten. Sie bereitete sich auf die Geburt des Sonnengottes vor, der nach seinem Tod am 21. Dezember schließlich wiedergeboren wurde. Dieses Motiv der Wiedergeburt des Lichtes zieht sich durch alle Kulturen und Zeiten. Es war so tief im kollektiven Gedächtnis verankert, dass die christliche Kirche schließlich Jesu Geburt vom ursprünglich 6. Januar im Jahr 336 auf den 25. Dezember verlegte. Die Römer hatten an diesem Tag den Geburtstag ihres Sonnengottes Sol Invictus gefeiert, ebenso die Anhänger des orientalischen Mithras-Kultes, die nordischen Heiden zelebrierten ihre Jul-Feste. Streng genommen ist das Christentum ja eine Patchwork-Religion, die im Laufe der Jahrhunderte Mythen und Bräuche anderer Religionen integriert und umerzählt hat, wenn sie sich nicht ausmerzen ließen. Ich finde es immer wieder spannend, an dieser Patina zu kratzen und die alten Schichten darunter zu entdecken. Die Parallelen in den uralten Erzählungen zu entdecken, die sich vom hohen Norden der Wikinger bis in den tiefen Süden der Griechen und Perser finden lassen. Bevor es die heutige Wissenschaft gab, haben sich die Menschen den Kreislauf der Natur in Mythen und Ritualen verdeutlicht und erklärt. Erst das Christentum hat sich von diesem uralten Kreislauf gelöst und das Kirchenjahr anhand des Leben, Leiden und Sterben eines Mensch gewordenen Gottes ausgerichtet, was eher einer linearen Erzählung gleicht als die immer wiederkehrenden Zyklen der Natur.
Ich frage mich manchmal, ob neben all den Skandalen auch das einer der Gründe ist, warum die Kirchen mit immer mehr Austritten zu kämpfen haben. Die Menschen sehnen sich nach mehr Verbundenheit mit der Natur. Je mehr sie zerstört wird, je weniger wir in unserem hochtechnisierten Alltag in Kontakt mit ihr treten können, desto kostbarer und heiliger erscheint sie uns. Vielleicht ist das eine Zukunftschance der Kirche, die Naturverbundenheit und Naturverehrung stärker in ihr Patchwork-Muster zu weben. Gerade in Zeiten von Pandemien können Gottesdienste in Parks und Wäldern, an Quellen, Flüssen und Seen vielleicht mehr Menschen anlocken, als Zeremonien in von Menschen erbauten steinernen Innenräumen.

Freitag, 27. November 2020

Wahrscheinlich werden unsere Kinder nicht alt. Bei ihrem Zuckerkonsum werden sie schon als Teenager Diabetes und eine Fettleber kriegen. Eigentlich können wir ihr Ausbildungskonto direkt auf den Kopf kloppen.
Als am Weltdiabetestag die Medien voll von apokalyptischen Warnungen vor zu viel Zuckerkonsum bei Kindern waren, ist mir direkt der Keks aus der Hand gefallen. Jedes siebte Kind ist übergewichtig, schon Teenager tragen Wohlstandsbäuche mit sich herum und leiden am metabolischen Syndrom, was früher nur mit alten Menschen in Verbindung gebracht wurde. Dabei waren Friedolin und ich mit so guten Vorsätzen gestartet.
In den ersten Lebensjahren der Siebenjährigen gab es bei uns ungesüßten Haferflockenbrei zum Frühstück, Leitungswasser zum Trinken, ungesüßten Naturjoghurt und selbstgemachtes Eis aus püriertem Obst und Hafermilch. Die Kinder kannten es nicht anders und haben nichts vermisst. Wir waren vorbildliche Hippie-Eltern.
Spätestens nach den ersten Spielverabredungen kam aber die Frage auf, warum es bei uns nicht auch immer Apfelschorle gibt und diese hübschen Zuckersterne in den Joghurt. Eine Familie ist keine Insel. In jeder Gruppe, die Kinder im Namen trägt, werden Süßigkeiten verteilt. Weil immer irgendwer Geburtstag hat oder weil Ostern ist oder Martinstag oder Advent oder einfach nur, um den Kindern eine Freude zu machen. Ich habe noch nicht ein einziges Mal Süßigkeiten für unsere Kinder gekauft und trotzdem sind ihre Schatztruhen immer übervoll. In den Truhen horten sie die auflaufenden Süßigkeiten und einmal am Tag nach dem Mittagessen dürfen sie sich eine Kleinigkeit aussuchen. Das klappt eigentlich wunderbar, es gibt bei uns kein Gequengel nach Süßigkeiten und sie gehen auch nicht heimlich an die Dosen, um zu naschen. Das wäre eine gesundheitlich unbedenkliche Menge an Zucker pro Tag. Aber dann kommt ja noch die Außenwelt dazu. Eine Weile habe ich versucht, gegen zu steuern und die Regel eingeführt: “Wenn ihr heute vormittag schon genascht habt, gibt es nichts mehr nach dem Essen.” Dann war ich aber natürlich die gemeine Mutter und das Geschrei groß. Eigentlich habe ich vor allem Angst um ihre Zähne. Ich habe so schlechte Zähne, dass ich mit jeder Mitarbeiterin meiner Zahnarztpraxis per Du und ziemlich erfahren im Umgang mit Schmerzen und Opiaten bin. Natürlich würde ich meinen Kindern diesen Leidensweg gern ersparen, weniger Zucker könnte dabei helfen.
“Achten sie einfach darauf, dass ihre Kinder nur einmal am Tag etwas Süßes essen und zeitnah die Zähne putzen”, hatte mir meine Zahnärztin deswegen mit auf den Weg gegeben. Da konnte ich nur müde lächeln.
Gestern stocherte der Fünfjährige nur in seinem Mittagessen herum.
“Hast du keinen Hunger?”, fragte ich ihn.
“Nee, im Kindergarten gab es Kakao mit Sahne und Glitzerstaub.”
“Aber du magst doch gar keinen Kakao?”
“Deshalb hab ich nur die Sahne mit Glitzerstaub gekriegt”, sagte er und strahlte übers ganze Gesicht. Hauptsache die Kinder sind glücklich.

Donnerstag, 26. November 2020

Die berufstätigen Mütter des Dorfes versuchen sich in tiefer Bauchatmung. Die Weihnachtsferien beginnen früher, also stellt sich die Frage, wohin mit den Kindern? Über eine Notbetreuung wird diskutiert. Was ja aber den Sinn des ganzen, nämlich rechtzeitig vor Weihnachten die Kontakte zu minimieren, ad absurdum führen würde. Manche müssen also wieder die Großeltern einspannen, die man als Risikogruppe ja eigentlich schonen wollte. Oder den Ehemann im Homeoffice bemühen? Großes Gelächter. “Dann habe ich bis Weihnachten alle Hände voll zu tun, das Chaos wieder zu beseitigen.”
Es ist ja ein beliebter Sport unter Frauen, sich über das Putzverhalten ihrer Ehemänner zu mokieren. “Wenn er mal saugt, dann nur die Mitte des Raumes.”
Allgemeine Heiterkeit. Weil, wie jede Hausfrau weiß, sich die Wollmäuse und der Dreck immer in den Ecken und unter den Schränken sammeln.
“Neulich hat er mal das Bad geputzt und mich gefragt, was ich mich denn immer so anstellen würde, das ginge ja ratz fatz… Er hatte aber nur die Waschbecken geputzt.” Großes Gelächter.
Schließlich habe er ja Rücken, da könne man sich nicht so mühsam zum Putzen über die Wanne beugen.
Ein paar Frauen gucken etwas schmallippig in die Runde. Was aber daran liegt, dass sie schon dankbar wären, wenn ihr Mann immerhin mal die Waschbecken putzen würde.
“Naja, ich könnte dafür kein Haus bauen”, sagt eine Mutter etwas kleinlaut und alle anderen verschlucken ihre nächsten Sätze. Dabei das ist ja gar nicht der Punkt. Natürlich können die Männer auch eine Menge Dinge ziemlich gut. Dieses freundschaftliche Lästern dient ja eher als Ventil, um der eigenen Überforderung Luft zu verschaffen, als die Männer wirklich schlecht zu machen. Wobei sie sich schon ganz gern bequem in den alten Rollenmustern zurück lehnen.

Für mich ändert sich in diesem Jahr nicht viel. Ich halte es schon immer mit der alten Tradition, dass bis zum 21. Dezember alle Arbeit erledigt sein muss. Früher durften die Frauen ab der Wintersonnenwende nicht mehr ihrer wichtigsten Aufgabe, dem Spinnen und Weben nachgehen. Weil nur noch die Schicksalsgöttinnen in dieser magischen Zeit zwischen den Jahren die Lebensfäden der Menschen weben durften. Die wilde Jagd zog über den Himmel, angeführt von Frau Holle oder der Percht, wie man sie im Süden nennt. Frauen, die bis zum diesem Tag ihr Haus nicht in Ordnung hatten, wurden bestraft. Mit Krankheit oder bleierner Müdigkeit im neuen Jahr. Die zwölf Tage zwischen den Jahren sollten dem Rückzug und der inneren Einkehr im Kreis der Familie dienen. Es wurde viel über das kommende Jahr orakelt, über das Wetter und die Ernte, die Liebe, Geburten und Tod. Geblieben ist davon unser Bleigießen an Silvester. Die Menschen tankten Kraft in dieser Zeit, erholten sich von ihrer schweren Arbeit und kehrten im Januar seelisch und körperlich gestärkt zu ihrem Tagwerk zurück.

Wenn ich in der Presseabteilung des Bundes arbeiten würde, hätte ich den Menschen also nicht gesagt, dass sie sich 2020 auf das härteste Weihnachtsfest der Nachkriegsjahre einstellen müssen. Sondern, dass wir dieses Jahr total retro sind. Wir werden die Weihnachtszeit verbringen wie unsere Urahnen. In stiller Einkehr und im Kreis der engsten Familie. Und uns dann mit vereinter Kraft den Herausforderungen des neuen Jahres stellen.

Mittwoch, 25. November 2020

Der Fünfjährige hat einen neuen Look. Er heißt: Nachtsichtbrille meets Kater-Kostüm. Was thematisch vollkommen kohärent ist, da Katzen ja über integrierte Nachtsichtbrillen verfügen. Die Katerverkleidung besteht aus dem ausrangierten schwarzglänzenden Turnanzug seiner Cousine und Schnurrhaaren, die ihm die Siebenjährige in ihrem Schönheitzsalong aufmalt. Leider hat der Fünfjährige die Angewohnheit, immer und überall Flugrollen zu machen, weshalb jetzt sowohl unser Sofa als auch sämtliche Kissen und Matratzen im Haus mit schwarzer Kinderschminke verziert sind. Ich brauche dringend eine größere Waschmaschine.
“Ab heute bist du ein Kater ohne Schnurrhaare”, bestimme ich.
“Miau”, antwortet der Kater und macht einen gekonnten Luftsprung inklusive Drehung. Er sieht aus wie ein zu heiß gewaschener Superheld: der katastrophale Karate-Kater.

Seit meine Nichte zwei Katzenbabys bei sich aufgenommen hat, sind die Kinder im Katzenrausch. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in die Kategorie “Guckt-Katzenvideos” gehören würde. Aber die Kinder verlangen ständig nach den Whats-App-Kätzchenvideos ihrer Cousine. Natürlich sind die Kätzchen unfassbar süß. Und natürlich bin ich jetzt die herzlose Mutter, die ihren Kindern keine Kätzchen erlaubt. Das ist die gerechte Strafe von meiner Schwester, die vorher die herzlose Mutter war, die ihrer Tochter weder Hühner noch Kaninchen erlauben wollte. Auf den Videos sieht man, wie meine Nichte den Kätzchen Tricks beibringt. Den wie ich finde lustigsten Trick haben sie leider nicht gefilmt, den hat das Kätzchen meiner Nichte beigebracht. Diese schließt sich wie jede 11-Jährige für Stunden im Bad ein, um dort Gesichtsmasken aufzulegen oder anderen geheimen Teenager-Ritualen zu frönen. Denn wie jeder weiß, ist 11 das neue 13. Das Katzenklo befindet sich allerdings ebenfalls im Bad. So tigerte das Katzenmädchen müssend und maunzend im Flur vor der verschlossenen Badezimmertür auf und ab, bis es schließlich nicht anders konnte, als in das Bett der 11-Jährigen zu pinkeln. Was es von dem Tag an immer tat, wenn die Tür zu lange versperrt war und auch, weil es so schön war. Seitdem haben wieder alle Familienmitglieder zu jeder Zeit freien Zugang zum Bad. Und meine Schwester einen Haufen Wäsche.
Das scheint aber der Preis für ein Kätzchen im Haus zu sein, egal ob es zwei oder vier Beine hat.

Dienstag, 24. November 2020

Die Siebenjährige wird seit ein paar Tagen von Alpträumen geplagt. Mitten in der Nacht steht sie wie eine bleiche Erscheinung still und durchscheinend vor meinem Bett. Ich rücke beiseite und nehme das zittrige Kind unter meine warme Decke. Als Kind bin ich selbst oft nachts gewandert, weil ich fürchterliche Alpträume hatte und nicht mehr schlafen konnte. Die Kehrseite von hoher Sensibilität und blühender Fantasie. Meine berufstätigen Eltern wussten sich irgendwann nicht mehr anders zu helfen, als ihre Schlafzimmertür nachts abzuschließen. Die ersten Morgen fanden sie mich zusammengerollt vor der Tür liegen. Irgendwann gab ich auf und blieb in meinem Bett. Aber vermutlich hatte ich mir in einer dieser kalten Türschwellen-Nächte geschworen, meine Kinder niemals abzuweisen, wenn sie Alpträume haben. Mittlerweile habe ich vollstes Verständnis für das Verhalten meiner Eltern. Sie konnten nicht jeden Morgen übernächtigt zur Arbeit fahren, weil ihre Kinder nachts durchs Haus wanderten. Dieses bleierne Gefühl der Dauermüdigkeit ist ja auch wirklich fürchterlich, man fühlt sich latent krank, ist gereizt und unkonzentriert. Wobei ich mich frage, was zuerst da war: die Alpträume der Siebenjährigen oder meine angespannte Stimmung. Unsere Nerven liegen blank, uns fehlt Betreuungszeit. Durch Corona hat sich unsere Arbeit so sehr von abendlichen Auftritten hin zu stundenlanger Schreibtischarbeit verlagert, dass die kinderfreie Zeit von 8:10 Uhr bis 11:50 Uhr hinten und vorne nicht mehr reicht. Vor allem nicht, seit uns die Großeltern abhanden gekommen sind. Meine Mutter ist zwar immer im Hintergrund, aber da wir seit Wochen einen gemeinen Husten rumreichen, wollen wir sie auf keinen Fall anstecken. Sie fehlt den Kindern als liebevoller Ausgleich, als Omimi, die nichts muss, aber alles darf. Aber mitten in einer politischen Diskussion über Schulschließungen kommt es vermutlich nicht gut an, wenn wir ausgerechnet jetzt um eine außerplanmäßige Betreuungsverlängerung bitten. Also versuche ich verzweifelt, die Nachbarskinder zu uns zu locken. Marodierende Kinderhorden sind immer noch besser, als gar keine Betreuung. Auch wenn es die Aufnahmen fürs Radio erschwert, weil ich ständig Störgeräusche rausfiltern muss.
Heute nacht werde ich der Siebenjährigen eine Wärmflasche mit ins Bett geben. Mir hilft das seit Corona ungemein, trotz Gedankenkreisen und kalter Füße besser in den Schlaf zu finden. Leider geht nämlich die Wärmflasche, die ich geheiratet habe, abends zwei Stunden später als ich ins Bett.

Montag, 23. November 2020

Es regnet in unserer Küche. Wir müssen Töpfe und Schüsseln aufstellen, was eigentlich recht dekorativ anmutet und unsere aktuelle Situation hübsch illustriert. Spitzweg hätte garantiert seinen Pinsel gezückt. Sollte sich herausstellen, dass unsere Kinder einfach nur lernen müssen, ihre Zauberkräfte zu beherrschen und daher ständig aus Versehen Gewitterwolken unter die Küchendecke hexen, könnte ich mich mit dem Zimmerregen arrangieren. Sie könnten dann ja später auf zauberhafte Weise unsere Rente aufbessern. Da es aber nur regnet, wenn jemand im Badezimmer über der Küche duscht, ist der Regen vermutlich nicht magischer Natur. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Als wir vor fünf Jahren hier einzogen, hatten wir uns vorgenommen, das Haus peu à peu zu renovieren, je nach Zeit und Geld. Gerade haben wir beides nicht, daher ist es recht taktlos von dem Bad, ausgerechnet jetzt renoviert werden zu wollen. Vielleicht haben wir auch seine Hilferufe zu lange ignoriert. Die Armatur der Badewanne hat sich so festgefressen, dass sie sich nur noch mit einem Malerrollengriff als Hebel wieder zudrehen lässt. Leider vergisst meine Mutter das immer, wenn sie unsere Kinder einhütet und badet. Dann kriegt sie den kraftvoll rauschenden Badewannenhahn nicht mehr zugedreht und muss die Nachbarn zur Hilfe holen, während unsere Kinder juchzend in der überfließenden Wanne hocken. Immerhin bleibt ihr das dank Corona jetzt erspart, wir gehen ja nicht mehr auf Tour. Außerdem sind von der Duschkabinentür die Rollen gebrochen, so dass man die Tür nur noch mit freundlichen Tritten öffnen kann. Bei der Temperatureinstellung liegt zwischen kochend heiß und eiskalt nur eine Millimeterdrehung, was auch eher ungünstig ist, wenn man Kindern die Haare wäscht. Und der Waschbeckenstöpsel lässt sich nicht mehr bewegen, was extrem ungünstig ist, wenn eines der Kinder ihn gewaltsam zugedrückt hat, weil ganz dringend ein Seehundbecken benötigt wurde. Also werfe ich beim Abendessen in die Runde, dass es endlich Zeit für die Badrenovierung sei und wir bei der Gelegenheit auch mal die hässlichen Fischfliesen los werden könnten, was die Kinder mit lautem Protestgeheul beantworten, weil sie die hässlichen Fischfliesen natürlich ganz wunderbar finden. Es sind ja Fische drauf. Auch Friedolin protestiert, weil Kacheln abkloppen so eine fürchterlich deprimierende Arbeit ist, die aber natürlich er wird machen müssen, zur Strafe dafür, dass ich dieses marode Bad in den letzten fünf Jahren geputzt habe. Daraufhin schweigt mein Mann vielsagend. Aber man muss ja auch immer die positive Seite sehen: wenn der Lockdown-Light noch verschärft wird, bin ich vielleicht ganz dankbar über ein paar gesprächige Handwerker im Haus.

Freitag, 20. November 2020

Die Siebenjährige muss einen Wunschzettel als Deutschhausaufgabe schreiben.
“Ist doch praktisch”, sage ich. “Dann kannst du den hinterher direkt an das Christkind schicken.”
Sie schaut mich schockiert an. “Nein, Mama. Da würde sich das Christkind bestimmt nicht drüber freuen. Für das Christkind muss ich einen ganz besonderen Wunschzettel schreiben. Aber so kann ich schon mal üben.”
Die Siebenjährige liebt es, Zettel zu schreiben. Wunschzettel, Einkaufszettel, Beschwerde-Zettel, Sehnsuchts-Zettel, Zettel-Weisheiten. Gestern lag ein in Schönschrift geschriebener Zettel auf meinem Schreibtisch:
“Jeder Gegenstand ist wie ein Wesen, wenn man ihn richtig betrachtet.”
Darunter zwei Herzen mit einem Regenbogen verbunden.
“Wo hast du denn den Spruch her?”, frage ich sie.
“Den habe ich mir selbst ausgedacht”, sagt sie. Die Siebenjährige liebt die Magie des Alltags und hat viel Mitgefühl für alle belebten und unbelebten Dinge. Aber sie würde Jean Piaget streng widersprechen, dass ihr Animismus sie davon abhalte, die Funktionsweise der Welt zu verstehen und im Widerspruch zu logischem Denken stünde. Sie kann sehr wohl logisch denken, nur mit abstrakten Matheaufgaben hat sie es nicht so. Daher fand ihre Omimi bei der Mathenachhilfe mit ihrer Enkeltochter statt gelöster Aufgaben ebenfalls nur einen Zettel vor: “Wer zu viel rechnet, verliert den Sinn des Lebens”, hatte die Siebenjährige darauf geschrieben und war spielen gegangen.
Das ist das schöne an Sinnsprüchen: wenn man sie nur sorgfältig formuliert und mit ein paar Regenbögen verziert, erscheinen sie dem Betrachter sofort als unumstößliche Wahrheit.

Donnerstag, 19. November 2020

Die babylonische Sprachverwirrung in unserer Küche hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Vielleicht als gerechte Strafe, weil Friedolin und der Fünfjährige einen imposanten Turm aus Kapla-Steinen bis unter die Zimmerdecke gebaut haben. Deutsche und englische Satzfetzen schlingen sich um plattdeutsche Brocken und seit neuestem flattert auch Hühnersprache durch den Raum. Die verschwurbelte Kindergeheimsprache ist die Rache der Siebenjährigen für unsere anhaltenden Exkurse ins Englische. Eltern-Sein gleicht ja einem gekonnten Boomerang-Wurf: jede unserer Verhaltensweisen kommt früher oder später über das Imitationsverhalten unserer Kinder zu uns zurück geschossen. Wir sprechen Englisch, wenn wir nicht wollen, dass die Kinder uns verstehen. Also redet die Siebenjährige Hühnersprache mit mir, wenn sie mir Erziehungstipps für den Fünfjährigen gibt, die er nicht verstehen soll. Manchmal gibt sie mir auch Erziehungstipps für Friedolin, der versteht die Hühnersprache nämlich auch nicht. Sie dauert ihm einfach zu lange. Hühnersprache verlängert jede Wortsilbe um ein Vierfaches. Aus “ich” wird so ich-hich-le-fich und aus “Mama” MAM-ham-le-fam-MA-ha-le-fa. Am Ende eines viersilbigen Wortes wie HAUSAUFGABEN vergisst selbst der geübte Sprecher, was er ursprünglich sagen wollte. Es erfordert viel Geduld, den Ausführungen der Siebenjährigen bis zum Ende zu folgen, auch wenn sie ein atemberaubendes Sprechtempo an den Tag legt. Geduld hat Friedolin ja bekanntlich nicht, also entwickelt sich unser Abendessen immer mehr zu einem chaotischen Blabylon und das Wasser in den Gläsern schlägt winzige Wellen im Rhythmus zu Friedolins Kniewipperei.
“Hast du Hände gewaschen?”, frage ich den Fünfjährigen, als er sich an den gedeckten Tisch setzt.
“Ja?”, antwortet er.
“Lass mich mal dran riechen.”
Er versteckt die Hände unter dem Tisch.
Friedolin kommt in die Küche und lässt wie immer die Tür offen stehen. Was insofern ungünstig ist, weil die Küche in der Übergangsjahreszeit der einzig warme Raum in unserem Haus ist.
“Dören tau”, rufe ich und er schließt die Tür und sagt: “Our neighbour just gave me candies for the children.”
“Was ist mit uns Kindern?”, ruft die Siebenjährige.
“Geh jetzt Händewaschen”, sage ich zu dem Fünfjährigen, aber er kneift nur ungehalten die Lippen zusammen.
“DU-hu-le-fu MUSST-hust-le-fust EIN-ein-le-fein SPIEL-hiel-le-viel DRAUS-haus-le-faus MACH-hach-le-fach-EN-hen-le-fen”, sagt die Siebenjährige und nickt vielsagend in Richtung ihres Bruders.
Also sage ich zu ihm: “Wer ist zuerst im Bad – du oder ich?” Und er springt fröhlich auf, rennt in Richtung Bad und als er als erster die Türklinke berührt, reckt er eine Faust in die Luft und ruft: “Yes-hes-le-fes.”
Ich glaube, die Siebenjährige muss langsam eine neue Geheimsprache lernen. Vielleicht zur Abwechslung mal die echte Hühnersprache. Dann könnte endlich jemand unseren Hühner erklären, dass sie nicht ständig vor die Küchentür kacken sollen.

Mittwoch, 18. November 2020

Ich schreibe nur, um zu schreiben, dass ich nichts schreibe. Der Fünfjährige hat die Nacht durchgehustet. Ich war ohnehin viel zu spät im Bett, das ich dann immer mal wieder verlassen musste, um dem hustenden Kind ein Glas Wasser zu bringen oder Thymian-Balsam auf die Brut zu reiben oder entspannende Sch-Geräusche von mir zu geben. Womit Mamas halt so ihre wilden Nächte verbringen. Dabei hatte der Abend so gut angefangen. Wir sind gestern bei Desimos Talk&Show im schönen, aber sehr leeren Apollo Kino in Hannover aufgetreten. Ich war den ganzen Abend extrem heulig. Bei jedem lieben Wort oder rührenden Lied stiegen mir Tränen in die Augen. Schlafmangel gepaart mit Abschiedsschmerz. Wenn wir nicht auftreten und uns in unserem Dorf verkriechen, verdränge ich die aktuelle Situation gekonnt. Leider stören mich manchmal Journalisten dabei, die telefonisch nachfragen, ob denn die Novemberhilfen bei den Künstlern ankämen oder ob unsere Situation immer noch so schwierig sei. Dann lache ich etwas ungehalten. Wenn noch nicht einmal Journalisten die Lage richtig einschätzen können und auf die blumigen Worte der Politiker reinfallen, kann ich mir ja vorstellen, was unsere Nachbarn so denken. Nein, die Novemberhilfen sind nicht bei den Künstlern angekommen. Weil wir den Antrag dafür noch nicht einmal stellen dürfen. Das geht erst ab der letzten Novemberwoche und auch nur, wenn der Server nicht wieder überlastet ist. Also müssten die Novemberhilfen eigentlich Dezemberhilfen-seht-selbst-zu-wie-ihr-im-November-klar-kommt heißen, weil alle von dem Wellenbrecher Betroffenen ihre Rechnungen im November mit Monopoly-Geld bezahlen und hoffen müssen, dass es keiner merkt. Bevor ich mich über das alles zu sehr aufrege, verdränge ich es lieber wieder und pflücke Vogelmiere und Hirtentäschel für die Kaninchen. Wenn ich dann aber mal auf einer Bühne stehe und auch noch mit so lieben Kollegen wie Desimo und Matthias Brodowy und ich weiß, dass es vermutlich wieder das letzte Mal für längere Zeit sein wird, fühle ich mich seltsam nostalgisch und verloren. Vielleicht lag meine gestrige Dünnhäutigkeit auch daran, dass ich am Morgen bei meiner Osteopathin in Behandlung gewesen war und ich immer gerührt bin, wenn meine Knochen und Organe wieder an Ort und Stelle sind. Schmerzfreie Tage sind bei mir eher die Ausnahme. Wenn sie dann mal da sind, bin ich immer verwundert, wie leicht das Leben doch sein könnte, wenn einem nicht immer stechende Schmerzen durch den Körper jagen. Wenn ihr bis zu diesem weinerlichen Schluss gelesen habt, seit ihr selbst Schuld, ich hatte ja angekündigt, dass ich nur schreibe, um zu schreiben, dass ich nichts schreibe, alle Zeilen bis hier waren also nur eine Illusion. Das kommt davon, wenn ich zu viel Zeit mit Zauberern verbringe.

Dienstag, 17. November 2020

Die Kinder haben ein Theaterstück für uns einstudiert. Mittlerweile müssen wir bei Aufführungen nicht mehr nur Sicherheitsabstand halten, sondern uns auch die Hände “desfizieren”, wie der Fünfjährige sagt. Sogar zweimal. Dafür sprüht er uns eine nicht identifizierbare milchige Flüssigkeit aus einer alten Plastikflasche auf die Hände und wartet, bis wir unsere Finger gründlich damit eingerieben haben. Ich rieche unauffällig dran. Jetzt weiß ich, wo meine Lavendel-Seife abgeblieben ist.
Die Kinder betreten die Matratzenbühne und der Fünfjährige schlägt theatralisch die Hände über dem Kopf zusammen: “Oh, nein, wir haben die Hochzeit vergessen!”
“Immer vergisst du alles”, ruft die Siebenjährige und rollt mit den Augen.
“Vielleicht ist es besser, wenn ich erstmal schlafen gehe”, sagt der Fünfjährige und verlässt den Raum. Die Siebenjährige bleibt ratlos zurück. Ende. Verhaltener Applaus. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig sind. Eventuell kam ich zwar neulich in den Flur und fand einen halben Sellerie auf dem Kaminsims vor. Ich war mir nicht sicher, ob Friedolin wollte, dass er da liegt. Friedolin hat eine recht eigenwillige Vorstellung von Interior Design. Es besteht auch die leise Möglichkeit, dass er auf dem Weg von der Speisekammer in die Küche einfach vergaß, was er mit dem Sellerie vorhatte. Auf dem Kaminsims lag er ja erstmal ganz gut. Vielleicht wartet er dort auf Godot.

Seit Corona zieht Friedolin eine Spur aus mitten drin abgebrochenen Aufgaben hinter sich her. Er ist in Gedanken ständig woanders. Genau genommen war es zwar schon vor Corona so, aber mittlerweile nimmt es schrullige Ausmaße an. Häufig sind besonders intelligente Menschen vergesslich. Vergesslichkeit hält dem Gehirn sozusagen den Rücken frei, sie filtert aus einer Flut von Daten die wichtigen Informationen heraus. Wobei was wichtig ist, natürlich im Auge des Betrachters liegt. In Friedolins Fall gibt es eine klare Trennung zwischen Informationen zur Außenwelt/Job (wichtig) und Innenwelt/Haushalt/Kinder (unwichtig, kann sich also Wiebke merken). Seit Corona befinden wir uns aber so viel in der Innenwelt, dass unser heimisches Gleichgewicht empfindlich gestört ist. Leider bekommt mein zerstreuter Professor keine W3-Besoldung. Dann würde ich es ihm nachsehen.

Montag, 16. November 2020

Wenn ich richtig masochistisch drauf bin, lese ich mich durch die Kommentarspalte auf tagesschau.de. Schon nach kürzester Zeit fühle ich mich dann, als hätte ich Chlorreiniger getrunken. Ich kann trotzdem nicht wegklicken, weil mich die abfällige Boshaftigkeit der Kommentierenden in ihren dunklen Bann schlägt. Zuletzt hatte ich die Kommentare unter einem Artikel zum möglichen Feuerwerksverbot in Berlin und Köln überflogen. Ich wollte wissen, ob sich die Meinung zu diesem Thema im Corona-Jahr verändert hat. Hat sie nicht. Das Land spaltet sich in extreme Feuerwerksgegner (57 %) und extreme Feuerwerksbefürworter (43 %). Auch das Argument, im Corona-Jahr die Rettungskräfte und Krankenhäuser zu entlasten und die Feinstaubbelastung nicht unnötig in die Höhe zu treiben, wiegt nicht so schwer, wie das gefühlte Recht auf Spaß und Selbstbestimmung. Aber wie so oft schränkt der Spaß des einen die Freiheit des anderen ein. Jeder Haustierhalter kann da ein Lied von singen. Jeder, der schon einmal von einer Rakete abgeschossen oder dessen Kind am Neujahrsmorgen von einem scheinbaren Blindgänger verletzt wurde. Jeder, der über die Müllberge an Neujahr verzweifelt oder dem die Rauchschwaden aus Feinstaub in der Silvesternacht die Luft zum Atmen rauben.
Die Feuerwerksmanie ist in den vergangenen Jahren ins Unermessliche gestiegen. 40.000 Tonnen Feuerwerkskörper wurden 2019 importiert, 133 Millionen Euro in einer Nacht in die Luft gejagt, Schäden im zweistelligen Millionenbereich verursacht. Was allein in unserem 800-Seelen-Dorf zwischen Mitternacht und 1 Uhr an Silvesterraketen verballert wird, hätte früher für eine komplette Saison des Feuerwerkswettbewerbs in Herrenhausen gereicht. Bevor hier irgendwelche Missverständnisse entstehen: ich gehöre zu den extremen Gegnern. Als Teenager hat mir jemand einen Böller an den Kopf geworfen, seitdem habe ich einen Tinnitus auf dem linken Ohr. Jedes Jahr landen Tausende Menschen im Krankenhaus, oft Kinder und Jugendliche, mit abgerissenen Fingern, Verbrennungen, Augenverätzungen und Hörschäden. Alkohol und Pyrotechnik sind natürlich auch eine großartige Kombination. An Mitternacht gleichen die meisten Städte zu Silvester einem Kriegsgebiet. In der Stadt hatten wir uns irgendwann nachts nicht mehr aus dem Haus getraut. Zu oft hatten Betrunkene Raketen unter die überhängenden Dächer in den engen Gassen abgefeuert, die wieder zurück auf die Straße schossen und unten zwischen den Menschentrauben explodierten. Aber auch auf unserem Balkon waren wir nicht sicher, weil ständig Querschläger zwischen unseren Blumenkästen explodierten.
Wir basteln zu Silvester unser eigenes Feuerwerk. Im Spätsommer trocknen wir die Blütenstände von Königskerzen. Sie sind oft an Bahndämmen oder auf Brachflächen zu finden. An Silvester schmelzen wir die Kerzenreste des Adventskranzes ein und tauchen die langstieligen Königskerzen in das flüssige Wachs, früher wurde Pech oder Harz dafür verwendet, fertig sind die Fackeln der Könige. An Mitternacht entzünden wir die Königskerzen und ziehen mit den Fackeln durch den Garten, die Kinder blasen in Trillerpfeiffen oder schlagen Topfdeckel aneinander.

Weil der Fackelrauch vor bösen Mächten schützen soll, wurde die Königskerze früher auch Unholdpflanze genannt. Man kann die bösen Geister aus 2020 also auch ganz emissionsfrei verjagen.

Freitag, 13. November 2020

Heute ist Freitag der 13. Ein absoluter Glückstag. Es sei denn, man ist zutiefst katholisch und nennt die 13 immer noch unheilvoll das “Teufelsdutzend”. Ich halte es mit dem alten Glauben, wonach die 13 heilig und eine Glückszahl ist. Die Frühkulturen maßen die Zeit mit den Zyklen des Mondes, ein Mondjahr bestand aus 13 Vollmonden. Auch im Judentum ist die 13 eine Glückszahl. Der Aberglaube von Freitag, den 13. geht vermutlich auf das neue Testament zurück. Beim Abendmahl war Judas Ischariot der 13. Gast und Jesus starb an einem Freitag am Kreuz, et voilà, Freitag, der 13. Dabei sind Freitage ja eigentlich ganz wunderbare Tage, sie leiten das Wochenende ein und tragen ihren Namen zu Ehren der Göttinnen der Liebe und Mutterschaft Venus/Frigg/Frija. Mein Tag fing heute auf jeden Fall schonmal gut an. Die Siebenjährige ist krank zu Hause, also durfte ich eine halbe Stunde länger schlafen. Sie ist nicht wirklich schlimm krank, sie hustet und schnieft, ohne Corona hätte ich sie zur Schule geschickt. Als ich dann mit dem Fünfjährigen zum Kindergartenbus radelte, waren wir so früh dran, dass wir noch eine Runde durch die Felder drehten. Die Sonne stand rund und rot über dem Höhenzug im Osten und die Haflinger reckten ihre Gesichter in das Morgenlicht. In der Ferne riefen die Wildgänse, der Falke zog seine Kreise, ein Güterzug ratterte unterhalb der Burg vorbei. Wieder zu Hause öffnete ich den Hühnerstall und ging direkt in Deckung, damit mich die Hühner nicht über den Haufen flatterten. Dann holte ich mir von den Kaninchen meinen Guten-Morgen-Kuss ab. Kaninchen begrüßen sich untereinander mit einem Nasenstüber, weil ich ihnen morgens das Futter bringe, bekomme ich auch immer einen. Als ich zurück ins warme Haus komme, hat Friedolin Kaffee gekocht und wir verteilen uns alle mehr oder weniger schniefend an unsere jeweiligen Schreibtische. Es gibt gerade genug, über das ich unglücklich sein könnte. Aber manchmal hilft es, sich an den kleinen Freuden festzuhalten, damit aus einem Freitag, den 13. ein Glückstag wird.

Donnerstag, 12. November 2020

“Ich habe eine Kopfschmerzmaschine im Kopf”, sagt der Fünfjährige.
“Eine was?”, frage ich.
“Dann fliegt da immer so eine Drohne durch meinen Kopf und die nimmt die Geräusche von der Kopfschmerzmaschine auf”, sagt er.
“Woher weißt du denn, was eine Drohne ist?”, frage ich.
“Wir hatten doch mal eine im Garten”, sagt er. “Als dieser lustige Mann hier war.”
Ich muss einen Moment nachdenken. Dann fällt mir ein, dass vor zwei Jahren ein Kabarett-Kollege zu Besuch war und seine Drohne in unserem Garten fliegen ließ. Der Fünfjährige hat für ein Kind seines Alters ein ziemlich gutes Gedächtnis.
Unsere Kinder benutzen vollkommen andere Sprachbilder, als wir in unserer Kindheit. Die Siebenjährige träumte neulich, dass sie zaubern könne. Sie benutzte dafür im Traum aber keinen Zauberstab, sondern einen Cursor.

Der Fünfjährige hat jetzt also eine Drohne im Kopf.
“Zeig mal deinen Arm”, sage ich.
“Nein”, schreit er und rennt aus dem Zimmer. Seit seinem Armbruch ist er leicht traumatisiert, was seinen Arm angeht. Nach zwei Operationen, diversen verrutschen Gipsverbänden und unzähligen schmerzhaften Arztkontakten kann ich das gut verstehen. Leider entzündet sich die OP-Naht immer wieder. Das sogenannte selbstauflösende Nahtmaterial löst sich einfach nicht von selbst auf. Daher die Kopfschmerzen. Es wäre eine hilfreiche Information vor der Operation gewesen, dass sich selbstauflösende Fäden nicht immer selbst auflösen. Vor allem die Knoten nicht. Dann können sich Granulome bilden und die Wundheilung verzögern. Das Ergebnis sind unschöne Narben. Bei seiner doch eher kleinen Naht wären stinknormale Fäden vielleicht die bessere Wahl gewesen. Hinterher ist man immer schlauer, aber man könnte auch vorher schlauer sein, wenn bei einer OP-Vorbesprechung im Krankenhaus Zeit für solche Informationen gewesen wäre.
Also mache ich, was ich immer mache, wenn meine Kinder ein medizinisches Problem haben, ich rufe meinen Arzt-Vater an.
“Dann hast du nur zwei Möglichkeiten”, sagt er. “Entweder du gehst mit ihm zum Arzt und lässt die Fäden ziehen…”, sagt er und lässt eine vielsagende Pause am Ende des Satzes. Er weiß, dass das nur mit gewaltsamer Fixierung des Fünfjährigen möglich wäre. Nach der OP war mein Vater gekommen, um das Klammerpflaster von der Naht zu entfernen und die Wunde zu kontrollieren. Mich hatte der Fünfjährige nicht an den Arm gelassen, ich hatte gehofft, die autoritäre Arzt-Präsenz seines Großvaters würde ihn umstimmen. Aber er lief weinend und schreiend durchs Haus und versteckte sich unter der Treppe. Also riss ich das Pflaster ein paar Tage später beim Buchlesen ohne Vorwarnung mit einen Ruck ab. Zum Glück ging die Naht nicht auf, fachmännisch ist nämlich anders.
“Und was ist die zweite Möglichkeit?”, frage ich also meinen Vater am Telefon.

“Du ziehst ihm die Fäden, wenn er schläft.” Und wieder finde ich mich in einer dieser Situationen, die nicht zu der romantischen Vorstellung gehören, die ich in jungen Jahren mal von Mutterschaft gehegt habe. Ich balanciere also nachts um 23 Uhr mit einer Taschenlampe im Mund und einer desinfizierten Pinzette in der Hand auf dem Hochbett und ziehe meinem Sohn die Fäden, entferne das Granulom und den Eiter, säubere und verbinde die Wunde und gehe schlafen. Am nächsten Morgen sind seine Kopfschmerzen deutlich besser und wir können dem Arm beim Verheilen zusehen.
Das Prozedere durfte ich dann zehn Tage später wiederholen, weil noch Fäden aus den tieferen Gewebeschichten hochgewandert waren und sich wieder entzündet hatten. Aber jetzt scheint der Arm wirklich zu verheilen. Erst hatte ich Sorge, dass der Fünfjährige Schlafstörungen entwickelt, wenn er weiß, dass ich nachts heimlich an ihm rumdoktere. Aber er lächelte mich am nächsten Morgen nur an und sagte: “Ist doch besser, wenn du das nachts machst. Dann muss ich am Tag nicht zum Arzt und hab mehr Zeit zum Spielen.”

Mittwoch, 11. November 2020

Martinstag. In der Morgendämmerung fliegen die Wildgänse sehnsuchtsvoll rufend über die Stoppelfelder in Richtung Kiesteiche. Sie müssen sich zum Glück keine Gedanken über den traditionellen Speiseplan der Menschen machen. Im Dorf herrscht seit Tagen große Aufregung darüber, ob und wie wir den Kindern den Martinstag ermöglichen können. Normalerweise werden in der Schule und im Kindergarten Martinslieder gesungen. Fällt coronabedingt aus. Ebenso die Kinderkirche und der Martinsumzug mit Laternen und Blaskapelle. Aber irgendetwas muss es doch geben dürfen? Die Kinder haben schließlich auch ohne Martinslauf genügend Gelegenheit, sich untereinander anzustecken. Wenn sie morgens dicht gedrängt im Schulbus stehen oder im Kindergartenbus sitzen. Unser Dorf ist zum Glück immer noch coronafreie Zone. Es geht also weniger um die Frage der Ansteckungsgefahr, sondern eher darum, was in diesen Zeiten erlaubt und angemessen ist. Unser Ministerpräsident Stephan Weil hat an die Bürger appelliert, Hinweise zu Verstößen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen an Polizei und Ordnungsämter zu liefern. Ich möchte aber nicht in einem Land leben, in dem sich Nachbarn wieder untereinander anzeigen. Diese Aufforderung zum Denunziantentum schafft eine angespannte, misstrauische Stimmung, die wir gerade doch überhaupt nicht gebrauchen können. Was wir gerade brauchen ist Liebe, Fürsorge und starkes Miteinander in der Distanz. Dafür steht ja auch der Martinstag: für Nächstenliebe und Barmherzigkeit.
Schließlich haben es die Mütter des Dorfes in die Hand genommen: Unser Kinder werden mit ihren kleinen Beuteln und Laternen losziehen und sich am Brauch des Teilens erfreuen. Es wird in diesem Jahr allerdings eher eine stille Schatzsuche, ohne Klingeln und ohne Singen. Und es machen nur die Familien mit, deren Kinder ohnehin untereinander in Schule und Kindergarten Kontakt haben. Sie stellen als Erkennungszeichen ein Licht vor ihre Tür, einen Leuchtturm der Freude. Die Kinder werden kleine Tüten mit Süßigkeiten an Wäscheleinen hängend vorfinden, in Blumentöpfen verteilt oder vorm Geräteschuppen aufgereiht. Friedolin hat eine absolut kontaktfreie Süßigkeitenrutsche aus einer alten Regenrinne gebaut. Die Lieder summen wir dann leise für uns, im Licht der Laternen auf dem Weg zwischen den Häusern. Nur vor dem Gartentor des Altenheims singen wir einmal laut und kraftvoll, damit die Kinder ihre Lebensfreude mit den isolierten alten Menschen teilen können.

Dienstag, 10. November 2020

Ich bin heiser. Als ich den Kindern gestern Calvin & Hobbes vorlas, habe ich es mit der aufgeregten Schreierei des sechsjährigen Comic-Helden etwas übertrieben. Die Kinder haben sich vor Lachen gekringelt, da ist es mit mir durchgegangen. Jetzt habe ich überall blaue Flecke. Kuscheliges Vorlesen mit vor Heiterkeit explodierenden Kindern geht selten ohne Blessuren der Mutter vonstatten. Der Fünfjährige sprang vor Freude auf und rammte mir dabei seinen Kopf unters Kinn, die Siebenjährige unterstrich ihre Lachanfälle mit spitzen Ellbogenstößen in meinen Busen. Vielleicht ist das der Grund, warum viele Eltern nicht gern vorlesen.
Laut der kürzlich erschienenen Studie der “Stiftung Lesen” lesen 50 % der Eltern ihren Kindern nur ungern und 30 % gar nicht vor. Keine Zeit, zu müde, keine Lust. Vorlesen sei aber deshalb so wichtig, weil es ja nicht nur bedeute, einen Text zu erfassen sondern auch mit dem Kind ins Gespräch zu kommen und Nähe zu teilen. Dabei müssten die Kinder nicht still sitzen, sondern könnten während dessen auch rumtoben oder basteln. Durch Zeigen oder Benennen lerne das Kind, dass man sich über etwas gemeinsam Verständigen kann, was die beste Vorbereitung für spätere Lernprozesse in der Schule sei. Eines der Hauptargumente der Eltern gegen das Vorlesen war, dass man dann ja schauspielern müsse und sich das vor den eigenen Kindern seltsam anfühle.
Ganz ehrlich, ich spiele meinen Kindern ständig etwas vor. Wenn ich ich sie mit meiner wahren Gefühlslage konfrontieren würde, wären sie vermutlich bereits traumatisiert. Wenn ich sie zum Beispiel um 06:30 Uhr wecke, singe ich ein leises Guten-Morgen-Lied und kraule sie noch kurz. Alles gespielt. Der stark zensierte Subtext lautet: SCHEIßE! BIN! ICH! MÜDE! Warum musste ich bloß Kinder kriegen? Also mein Job zwingt mich nicht, so früh aufzustehen, oh, Gott, das geht jetzt noch 10 Jahre so, ich hasse Schultage, was kostet eigentlich ein Internat?” Wenn ich das rausließe, würden die Kinder vermutlich nicht so gern aufstehen. Also spiele ich die liebevolle, ausgeschlafene Mutter und lasse den zensierten Subtext erst raus, wenn sie im Bus sitzen. Meistens kriegt es dann Friedolin ab, wenn er verschlafen in die Küche geschlurft kommt. Ein Teil von mir möchte die Kinder auch liebend gern anschreien, wenn sie sich vor kopfloser Wildheit mal wieder verletzt haben. “WAREN WIR DIESES JAHR NICHT OFT GENUG IM KRANKENHAUS???? Welchen Teil von: ihr sollt nicht im Regen auf den Steinplatten Fangen spielen, habt ihr nicht verstanden???” Käme aber auch nicht so gut an. Also streichele ich ihnen sanft übers Haar und sage: “Ich hole dann mal ein Cool-Pack.” Verglichen damit ist das bisschen Stimme-Verstellen beim Vorlesen doch ein Klacks.

Montag, 09. November 2020

Unsere Kinder haben einen morbiden Musikgeschmack. Sie lieben Mörderballaden wie die Moritat von Mackie Messer oder die Ballade von der Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschenoper. Wenn Jenny ihren Piraten befiehlt, alle Gefangenen zu töten, singen sie fröhlich mit: “Und wenn dann der Kopf fällt, sage ich: Hoppla!” Sie hüpfen aufgeregt kichernd im Kreis und gruseln sich. Ihr aktuelles Lieblingslied ist Bidla Bu von Georg Kreisler, in dem der Sänger bildreich beschreibt, wie er seine Geliebten der Reihe um die Ecke bringt, damit die Liebe nicht verblasst. Natürlich ist es wichtig, bei solchen Liedern die Kinder liebevoll zu begleiten.

“Mama, was ist Strychnin?”
“Ein wirksames Gift, das einen sofort tötet.”
“Aha.”
“Und wozu braucht man Petroleum?”
“Damit zündet er seine Geliebte an.”
“Verstehe.”

Ich mache mir keine Sorgen, dass sie deswegen zu mordlustigen Psychopathen heranwachsen. Ebenso wie ich nicht glaube, dass sie ältere Damen mit Warzen auf der Nase in Öfen schubsen oder den Wölfen im Tierpark nach der Fütterung den Bauch aufschneiden. Kinder lieben Angstlust ebenso wie Erwachsene. Was für uns Game of Thrones, sind für unsere Kinder Lieder von Kurt Weill oder Kreisler. Sie genießen den schaurigen Nervenkitzel aus der Sicherheit des heimischen Wohnzimmers. Sie lernen, mit Tabubrüchen umzugehen und sich davon zu distanzieren.
Find ich ehrlich gesagt weniger jugendgefährdend als der ganze Technoschlager, der schon im Kindergartenbus gespielt wird: “Hol das Lasso raus, wir spielen Cowboy und Indianer. Hast du mich umzingelt, werd’ ich mich ergeben. Stell mich an den Marterpfahl…”, also mal ehrlich.

Gestern waren allerdings die Nachbarskinder zu Besuch und die Siebenjährige legte, bevor ich intervenieren konnte, ihr neues Lieblingslied auf. Nach den ersten Zeilen “Es ist traurig, wenn Liebe erkaltet, es ist furchtbar, wenn Liebe vergeht”, kriegten die Nachbarskinder schon das Würgen und wollten den Raum verlassen. “Ich hasse Liebeslieder!”, riefen sie einstimmig.
“Nee, wartet doch mal, gleich wird’s gut”, sagte die Siebenjährige und sang lautstark: “Lola mit der Engelsmine legt ich auf die D-Zugschiene, Lilli, Lene und Marianne starben in der Badewanne…” Der Song lief dann in Dauerschleife und alle Kinder hopsten glücklich durchs Wohnzimmer. Zum Glück verstanden die Nachbarskinder den Text nur zur Hälfte und sangen statt “Petroleum” immer “Das Akkordeon habe ich schon bestellt.” Wenn sie das dann zu Hause singen, komme ich wenigstens nicht in Erklärungsnot.

Freitag, 06. November 2020

“Kann die Zahnfee Corona kriegen?”, fragt die Siebenjährige und legt ihren Schneidezahn unter ihr Kopfkissen.
“Ich glaube nicht, sie ist ja ein Fabelwesen”, sage ich.
“Das ist gut, sonst müsste sie ja 1,5 Meter Sicherheitsabstand halten und könnte sich den Zahn gar nicht holen”, sagt der Fünfjährige.
“Können Fabelwesen denn nicht krank werden?”, will die Siebenjährige wissen.
“Doch, wenn Menschen aufhören an sie zu glauben. Dann verschwinden sie einfach.”
Seitdem meine Nichte mit großem Herzschmerz die erwachsene Wahrheit über den Weihnachtsmann herausgefunden hat, lasse ich bei der Existenzfrage von Symbolfiguren wie Osterhasen und Nikolaus gern ein leichtes Fragezeichen.
“Was macht denn die Zahnfee mit den ganzen Zähnen?”, fragt der Fünfjährige.
“Keine Ahnung, was glaubt ihr?”
“Vielleicht sammelt sie die Zähne und macht Gebisse für alte Menschen daraus”, überlegt die Siebenjährige. Unser sehr tolles Nachbarmädchen hat vor kurzem einen Teil ihrer langen Haare gespendet, damit Perücken für Krebspatienten daraus geknüpft werden können. Das hat die Kinder schwer beeindruckt.

Mir persönlich ist diese Zahnfee etwas suspekt. Ich hatte bisher mit ihr nie etwas zu tun. Als ich ein Kind war, gehörte Deutschland noch nicht zu ihrem Liefergebiet. Und die Siebenjährige hat ihre bisherigen Milchzähne entweder behalten wollen oder verbummelt. Seit Wochen quälte sie aber ein wackelnder Schneidezahn, der einfach nicht rauswollte und ständig blutete. Und weil wackelnde Zähne ja bekanntlich wackelnde Kinder erzeugen, waren wir unserer Zahnärztin sehr dankbar, dass sie ihn gestern bei der Kontrolluntersuchung fachmännisch gezogen hat.
“Den kriegt jetzt aber die Zahnfee”, sagte die Siebenjährige daraufhin entschieden. Wobei unsere Zahnärztin den Job streng genommen bereits übernommen hatte: sie hat der Siebenjährigen einen Flummi für ihre Tapferkeit geschenkt. Das beste, was ich mal beim Zahnarzt gekommen habe, war eine Beruhigungsspritze vor einer Wurzelspitzenresektion. Danach war ich so high, dass ich den Zahnarzt heiraten wollte, weil ich der festen Überzeugung war, er sei der schönste Mann der Welt.
Ich habe mich dann aber doch für Friedolin entschieden. Den finde ich auch ohne Drogen schön.

Der Brauch der Zahnfee geht anscheinend schon auf die Wikinger zurück. Die Krieger gaben ihren Kindern Geld für die Zähne und trugen sie in einer Kette um den Hals, was Glück im Kampf bringen sollten. In anderen Kulturen wurden die Zähne im Garten vergraben, damit die neuen Zähne gut wuchsen und böse Hexen sie nicht in die Finger bekamen und damit Macht über die Kinder erlangten. Daher wurden die Zähne auch oft verbrannt. Der erste verlorene Zahn ist seit jeher Teil eines Übergangsrituals. In Frankreich und Italien kommt die Zahnmaus, in der Schweiz eine Ameise und in Korea die Elster. Bei uns komme ich in der Nacht geschlichen und tausche den Zahn gegen einen winzigen silbernen Fingerhut, den ich in meiner Sammelsuriumskiste gefunden hab. Vielleicht sollte ich mir im Gegenzug den Zahn den Siebenjährige um den Hals hängen, um mich für die Kämpfe dieses Winters zu wappnen.

Donnerstag, 05. November 2020

Am Tag nach der Bürgermeisterwahl kam der Fünfjährige aufgeregt nach Hause und sagte: “Mama, Frau Krellmann hat den richtigen Bürgermeister gewählt und jetzt freut sie sich ganz doll!”
“Welches ist denn der richtige Bürgermeister?”, fragte ich.
“Na, der, der es jetzt auch geworden ist”, sagte er.
“Dann haben wir also den falschen gewählt?”
“Ja, genau, vielleicht solltet ihr nächstes Mal besser überlegen, wen ihr wählt.”
Wir hatten den Kandidaten gewählt, der sich um Klimaschutz und die Belange der Kinder kümmern wollte. Unter anderem. Das war wohl nicht die richtige Wahl. Wäre ja auch zu verrückt gewesen, wenn wir mal einen Fahrradweg bekämen, die gärtnerisch genutzten Grünflächen der Stadt nicht mehr mit Glyphosat gespritzt würden und der Kindergarten endlich ausgebaut würde. Unser kleiner Kindergarten hat zwei Gruppen und für jede Gruppe nur einen Raum und wenn es draußen stürmt und regnet ist der Lärmpegel mit über 20 hibbeligen Kindern in einem Zimmer für alle Anwesenden recht ordentlich. Der Fünfjährige sagt bei schlechtem Wetter immer: “Im Kindergarten war es nur so mittel. Man muss da immer nach vorn gucken, damit man nicht gegen andere Kinder gegen läuft.” Obwohl er es natürlich eigentlich toll im Kindergarten findet. Er hätte nur auch bei schlechtem Wetter gern eine ruhige Ecke oder Platz zum Toben. Das gäbe es im Oberschoss des Kindergartens, das komplett leer steht, weil es ohne Sanierung nicht genutzt werden darf. Weshalb die Erzieherinnen seit Corona sehr einfallsreich sein und Nerven wie Drahtseile haben müssen. Oder eigentlich immer.
Unsere Nachbarn nennen den Fünfjährigen manchmal “den kleinen Bürgermeister”. Weil er gern mit Schirmmütze und hinter dem Rücken verschränkten Händen gewichtig dreinblickend über den Hof marschiert. Er wäre sicherlich eine gute Wahl gewesen. Dann gäbe es in jedem Dorf drei Spielplätze, eine Eisdiele und einen Bäcker und Kreisel-Bepflanzung für die Bienen. Und die Pferdeweiden würden nicht in Neubaugebiete umgewandelt.
Aber ob der richtige oder falsche Kandidat gewählt wird, liegt natürlich immer im Auge des Betrachters.

Mittwoch, 04. November 2020

Die Kinder wollen nicht mehr allein einschlafen. Früher bestand unser Abendritual aus einer Geschichte-einem Lied-einem Kuss und dann ging ich aus ihrem Zimmer. Ich ließ die Tür noch einen Spalt offen und tippte extra laut auf meinem Laptop nebenan, bis sie endgültig eingeschlafen waren. Oft hörte ich sie streiten, weil der Fünfjährige auf seinem Hochbett beim Einschlafen gern Plopp-Schnalz-Pfeiff-und-Pups-Geräusche macht, um die Spannung des Tages abzubauen, die Siebenjährige im unteren Bett aber bei Plopp-Schnalz-Pfeiff-und-Pups-Geräuschen nicht einschlafen kann. Dann musste ich wieder rein und klarstellen, dass die Siebenjährige auch durchaus in ihrem eigenen Zimmer schlafen könne, das zur Zeit nur als Gästezimmer genutzt wird, weil sie dort ja ihre Ruhe vor Plopp-Schnalz-Pfeiff-und-Pups-Geräuschen habe, aber dann müssten halt BEIDE Kinder ALLEIN schlafen. Danach waren sie meistens mucksmäuschenstill und flüsterten inniglich. Für geschwisterlichen Frieden braucht es halt manchmal ein gemeinsames Feindbild. In diesem Fall die Dunkelheit und ich.
Friedolin hat sein eigenes Ritual, das aus einer Geschichte und dann so lang andauerndem Gequengel besteht, bis er noch eine kleine Geschichte erzählt und dann noch eine winzige Geschichte und dann noch eine Winzigkleineminigeschichte.
Eigentlich dürfen sich die Kinder den Inhalt der Geschichte aussuchen.
“Sie soll von einem Reh handeln”, sagt der Fünfjährige dann jedes Mal.
“Nein, nicht schon wieder ein Reh, sie soll von einer Elfe handeln”, sagt die Siebenjährige.
“Wenn sie nicht von einem Reh handeln darf, dann soll sie von nichts handeln”, sagt der Fünfjährige bockig und verkriecht sich unter der Bettdecke. Also erzählt Friedolin eine Geschichte von dem Nichts, das sich hinter der Tür des Kinderzimmers befindet, was die Kinder aber so gruselig finden, dass Friedolin noch eine kleine Geschichte erzählen muss und dann noch eine winzige Geschichte und dann noch eine Winzigkleineminigeschichte von einem Reh.

Aktuell lesen wir aber “Madita”, weil Friedolin und ich seit Corona zu fahrig sind, uns Geschichten auszudenken. Und wir dürfen nicht mehr aus dem Zimmer, bevor sie eingeschlafen sind. Die Unsicherheit der Tage kommt beim Einschlafen mit voller Wucht zum Vorschein. Ich singe dann oft mehrere Schlaflieder hintereinander, das beruhigt die Kinder und es beruhigt mich.

Laut Studien verlangsamen die sanften Klänge der Wiegenlieder nicht nur die Atmung und den Herzschlag der Kinder, sondern auch die des Vortragenden und wirken sich positiv auf das Immunsystem aus. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob man wie Ella Fitzgerald oder wie Milli Vanilli singt, ob man beim Text hilflos improvisiert oder einfach nur summt.

Da ich alle Schlaflieder gefühlt schon 1000 Mal gesungen habe, mische ich mittlerweile irgendwelche Balladen unter, deren Texte ich noch halbwegs zusammen kriege. Von Friedrich Hollaender bis Bernd Begemann, von Schubert bis zu den Beatles. Nur herzergreifend melancholisch müssen sie sein. Das aktuelle Lieblingsschlaflied der Kinder ist “Die Capri-Fischer”. Es hilft nur leider überhaupt nicht beim Einschlafen. Jedes Mal, wenn der Refrain kommt, erklingen zwei zarte Stimmchen aus der Dunkelheit: “Bella, bella, bella Marie, bleib’ mir treu ich komm’ zurück morgen früh’ und steigern sich immer lauter und leidenschaftlicher bis zum finalen: “Bella, bella, bella, bella Marie, vergiss’ mich nie.” Dann bin ich gerührt und glücklich und spüre, wie der Tag von mir abfällt und ich ganz bei meinen Kindern bin, dass ich ihnen sogar ohne Gequengel noch “La-le-lu” hinterher singe, um sie sanft und behütet auf dem Weg in ihre Träume zu begleiten.

Dienstag, 03. November 2020

Wir sind eine mehrsprachige Familie. Friedolin und ich reden fast nur noch Englisch beim Essen. Ich könnte jetzt behaupten, dass wir alles für die kindliche Frühförderung tun. Tatsächlich hagelt es Zwischenrufe, wenn wir uns auf Deutsch unterhalten:

Friedolin: “Wir müssen die PV-Anlage dringend nachfüllen.”
Siebenjährige: “Was ist die PV-Anlage?”
Ich: “PV steht für Photovoltaik – die Platten auf unserem Dach, die Sonnenlicht in Strom verwandeln.” zu Friedolin: “Können wir da nicht den Nachbarn von…”
Fünfjähriger: “Wo Papa mal hochgeklettert ist, weil die ein Vogel durchgepickt hat?
Friedolin: “Ja, das war der Temperaturfühler von den Warmwasserkollektoren.” zu mir: “Ja, der hat Solarflüssig…”
Siebenjährige: “Foto so wie in Fotografieren?”
Ich: “Ja, das ist der gleiche Wortstamm, Photo bedeutet Licht und für ein Foto braucht man ja auch Licht.”
Fünfjähriger: “Was sind Warmwasserkollektoren?”
Friedolin: “Wir haben jetzt übrigens noch einen Verschiebe-Termin im Januar in der Bar Jeder Vernunft gekriegt.”
Siebenjährige: “Wo ist das?”
Ich: “In Berlin. Waren da denn viele Karten verkauf…”
Siebenjährige: “Kommen wir mit nach Berlin?”
Friedolin: “Das ist ein Montag, da hast du ja eigentlich Schul…”
Fünfjähriger: “Schlafen wir dann wieder auf dem Bauernhof?
Friedolin: “Nein, wir spielen dieses Mal gar nicht in der UFA-Fa…”
Siebenjährige: “Dürfen wir dann wieder zu den Meerschweinchen oder ist dann immer noch Corona?”
Fünfjähriger: “Könnt ihr mal aufhören zu sprechen, ich muss aufs Klo, aber ich will das unbedingt hören.”
Rennt raus.
Friedolin: “Wir müssen uns dann noch um ein Hotel küm…”
Fünfjähriger brüllt durch die offene Klotür: “NICHT SPRECHEN! ICH HAB DOCH GESAGT IHR SOLLT WARTEN!”

Manchmal hätte ich gern einen Bundestagspräsidenten, der Ordnungsrufe verteilt. Haben wir aber nicht, also reden wir Englisch, wenn wir etwas dringendes zu klären haben. Könnte man bei der AfD auch mal versuchen.

Die Schüler wurden neulich im Lernentwicklungsgespräch gefragt, was sie in der Schule gern noch lernen möchten. Viele Kinder in dem Alter haben da noch keine genaue Vorstellung. Die Siebenjährige hatte sofort eine Antwort parat: Englisch.
Vielleicht müssen wir in Zukunft auf Plattdeutsch umstellen.

Montag, 02. November 2020

Der Fünfjährige schaut mit einer Feder unseres verstorbenen Puschenhühnchens in der Hand in das Feuer. Der Oktober-Vollmond scheint durch die nachtschwarzen Äste des Ahorns, zwei Fledermäuse flattern wie bestellt über unsere Wiese.
Plötzlich fängt er an zu glucksen: “Ura und dein Opa essen jetzt bestimmt oben im Himmel Abendbrot und Puschi flattert ihnen auf den Tisch und alle lachen ganz doll.”
Wie so oft, wenn die Kinder von meinen Großeltern im Himmel erzählen, steigen mir Tränen in Augen.
“Können wir ein paar Haferflocken ins Feuer werfen?”, fragt er.
“Für Puschi?”, frage ich.
“Der Rauch von den Haferflocken steigt ja zu ihr in den Himmel, dann freut sie sich.”
Ich gehe in Richtung Küche, um Haferflocken zu holen.
“Aber bring viele mit!” ruft er mir nach. “Dann kriegen die geschredderten Küken auch welche ab.”
“Die was?”, frage ich fassungslos.
“Na, die männlichen Küken, die geschreddert werden, weil sie keine Eier legen. Die sind doch bestimmt auch alle im Himmel.”

Notiz an mich selbst: Nicht mehr mit meiner Mutter in Gegenwart der Kinder über Massentierhaltung diskutieren. Wenn meine Mutter Essen aus Qualtierhaltung bei uns anschleppt, platzt mir manchmal der Kragen. Dann neige ich zum moralischen Dozieren. Ich mache das nur bei ihr, weil ich weiß, dass sie eigentlich genau so denkt wie wir, es im Supermarkt aber immer wieder vergisst. Oder sich von den ganzen Siegeln verwirren lässt. Wir reden zu Hause oft über artgerechte Tierhaltung. Aber normalerweise in kindgerechter Form. Denn die Kinder haben natürlich unzählige Fragen zu unserem Lebensstil. Warum essen wir kein Fleisch, die Familien ihrer Freunde aber schon? Warum kaufen wir keine Eier im Supermarkt, wenn unsere Hühner Legepause haben? Warum haben wir kein Nutella sondern diese faire Schokocreme, die ihre Freunde beim Übernachtungsbesuch immer nicht essen wollen? Warum fliegen wir nie mit dem Flugzeug? Wir versuchen ihnen unser Weltbild dann sanft und ohne Druck zu erklären: Wir möchten nicht, dass Tiere unsertwegen leiden. Wir möchten nicht, dass Menschen für die Herstellung von Lebensmitteln oder Waren nur einen Hungerlohn bekommen. Wir möchten euch Kindern eine Welt hinterlassen, in der es noch Regenwald und Packeis und lebendige Ozeane gibt.
Wir verbieten den Kindern nichts. Wir erklären es ihnen und lassen ihnen die Wahl, ob sie bei ihren Großeltern oder bei Kindergeburtstagen Fleisch oder Fisch essen wollen. Ein Freund von uns ist bei strikt dogmatischen Vegetarier-Eltern groß geworden, jetzt als Erwachsener lässt er keine Gelegenheit aus, zu McDonald’s zu gehen. Wir wollen sie nicht in den Widerstand drängen. Wir wollen, dass sie zu aufgeklärten, verantwortungsbewussten Menschen heranwachsen. Der Fünfjährige stopft sich trotzdem mit Würstchen oder Schnitzeln voll, sobald er die Gelegenheit dazu bekommt. Die Siebenjährige ist mittlerweile eiserne Vegetarierin, nur Fischstäbchen bei ihrer Omimi hat sie noch gegessen. Aber das hat Friedolin ihr auch verleidet.

Wir waren auf Tour mit den Kindern in einem Dorf-Restaurant. Ich bestellte das einzig vegetarische Gericht: Salat. Davon wird Friedolin aber nicht satt und wir hatten noch einen langen Auftrittsabend vor uns. Er bestellte eine Forelle aus einem lokalen Weiher. Fand er ökologisch vertretbar. Die Siebenjährige bestellte das einzigå vegetarische Kindergericht: Nudeln ohne alles, der Fünfjährige wollte Pommes. Die Forelle wurde serviert und sah noch ziemlich lebendig aus. Mit Kopf inklusive Augen und Zähnen und Schwanz und glänzenden Schuppen lag sie auf Friedolins Teller, als würde sie davon schwimmen, wenn es denn nur Wasser gäbe. Die Kinder waren entsetzt. Die Siebenjährige wollte ihr Essen nicht anrühren.
“Können wir Papa nicht woanders hin setzen?”
“Alle Tische sind leider reserviert”, sagte ich.
Daraufhin verschanzte sie sich hinter einem Sichtschutz aus Blumenvase, Salzstreuer und Serviettenhalter. Der Fünfjährige saß neben Friedolin und starrte angestrengt geradeaus. Er war leicht grün im Gesicht und versuchte, seinen Vater und dessen Forelle so gut es ging zu ignorieren. Als Friedolin ihn fragte, ob er seine Pommes probieren dürfe, spießte der Fünfjährige die Pommes auf und reichte sie mit zusammen gekniffenen Augen auf Geratewohl in Friedolins Richtung.
“Wie konntest du das tun, Papa”, fragte die Siebenjährige fassungslos.
“Ich weiß gar nicht, was ihr habt”, rechtfertigte Friedolin sich. “Die Fischstäbchen, die ihr bei Omimi immer esst, sahen doch vorher genau so aus.” Beide Kinder erstarrten. In Zukunft wird es meine Mutter deutlich schwerer haben, die Kinder satt zu kriegen.

Freitag, 30. Oktober 2020

Unser Dorf ist Halloween-Sperrgebiet. Dafür brauchen wir Corona nicht. Letztes Jahr sind drei Jungs mit schwarzen Umhängen durch die Straßen gezogen und haben halbherzig an ein paar Türen geklingelt. Die Antwort fiel immer gleich aus: “Ihr habt euch wohl im Tag geirrt! Kommt am Martinstag wieder, dann gibt’s was.” Bei uns hat niemand geklingelt, ich hätte aber das gleiche gesagt. Da bin ich konservativ. In meiner Heimatstadt Hannover verdrängt Halloween den Martinstag zusehends. Hier auf dem Dorf halten wir noch wacker an der alten Tradition fest. Ich finde es schade, wenn der rituelle Ursprung von Festen völlig von Kommerz und Krawall überlagert wird. Am Martinstag wird der Heischebrauch immerhin noch mit der Tugend des Teilens und Gesang verbunden. Der heilige Martin teilt seinen Mantel mit dem armen Mann im Schnee. Das hat mich als Kind immer sehr beeindruckt. An Halloween geht es um die Party, wer das gruseligste Kostüm hat und die meisten Süßigkeiten abgreift. Dabei hat auch dieses Fest bedeutsame Wurzeln, die im Laufe der Zeit unter Kürbiskitsch und Kaufhauskostümen begraben wurden.

Im alten Glauben öffneten sich mit dem 31. Oktober die Tore zur Anderswelt. Zu der Unterwelt der Verstorbenen und den Hügeln der Feen, des alten Volkes. Der Schleier zwischen den Welten hob sich während der dunklen Jahreszeit und sank erst Anfang Januar am Ende der Rauhnächte wieder herab. Nicht nur im keltischen Raum, auch bei uns stellte man zu dieser Zeit Lichter und Opfergaben in Form von süßen Speisen vor die Tür oder auf die Gräber, um die Seelen der Verstorbenen gnädig zu stimmen und ihnen den Weg zu leuchten. Denn die Toten waren nicht fort, sie waren unsichtbare Mitglieder des Haushalts, die einem mit Rat und Tat zur Seite stehen konnten, aber auch Unheil stiften, wenn man sie erzürnte.

Wir feiern am Samstag unsere eigene Form von Halloween/Samhain/Allerseelen. Wir schmücken unseren Jahreszeitenaltar mit Fotos und Gegenständen der Verstorbenen, die noch in unseren Herzen sind. Die Kinder graben eine Wurzel aus und legen sie dazu, als Sinnbild für unsere Wurzeln, die Verbindung zu unseren Ahnen, den Großeltern und Urgroßeltern. Das Wort Enkel kommt aus dem althochdeutschen und bedeutet: kleiner Ahne. Früher glaubte man an die Seelenwanderung der Verstorbenen und ihre Reinkarnation in den Neugeborenen der Familie. Um Reinkarnation zu finden muss man also nicht bis nach Indien reisen, auch im Glauben unserer Vorfahren war sie ein zentrales Element.
Nach altem Kräuterbrauch darf die Wurzel auf keinen Fall mit Eisen ausgegraben werden. Eisen verjagt die Pflanzengeister. Eine Schaufel aus Kupfer sollte es sein oder, wie in unserem Fall, das abgeworfene Geweih eines Rehbocks. Wir graben die Wurzel des Alant aus, eine wunderschöne Sonnenpflanze, die früher zur Abwehr von Dämonen verwendet wurde. Sie riecht getrocknet zart nach Veilchen und erinnert geräuchert an den pudrig-weichen Geruch von Sandelholz. Dann erheben wir im Schein des blauen Oktober-Vollmonds unser Glas auf die Verstorbenen und erzählen am Lagerfeuer ihre Geschichten.

An Halloween verkleidet man sich besonders gruselig, um die wandernden Toten damit zu erschrecken und zu vertreiben. Aber ich möchte sie gar nicht vertreiben. Ich lade sie zu uns ein. Gerade in diesen Tagen kann ich das Durchhaltevermögen und die Weisheit meiner Großeltern gut gebrauchen.

Donnerstag, 29. Oktober 2020

“Kinder, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch”, sagte ich gestern beim Abendessen. Ich hatte einen riesigen Topf Nudeln gekocht, wir brauchten alle etwas Nervennahrung. Zwei kleine Gabeln blieben erwartungsvoll in der Luft hängen, vier blitzblaue Augen schauten mich an.
“Die gute Nachricht ist: Papa und ich gehen den ganzen November nicht auf Tour und haben viel Zeit für euch”, sagte ich. Mäßiger Jubel am Tisch. Ich hatte mir fest vorgenommen, die Kinder nichts von unseren Sorgen über diesen erneuten Lockdown spüren zu lassen. Meine Eröffnung fand ich schonmal ziemlich gelungen.
“Und was ist die schlechte Nachricht?”, fragte die Siebenjährige.
“Sag: Ihr müsst eure sündhaft teuren Steiff-Tiere zurück geben, weil wir wieder kein Geld verdienen”, flüsterte mir mein böser Zwilling ins Ohr, der das für einen lustigen Halloween-Streich hielt. Natürlich sagte ich das nicht. Halloween fällt ja auch aus. Aber mein böser Zwilling hatte mich so irritiert, dass ich vom geplanten Text abwich und sagte:
“Wir müssen Papa verkaufen.”
Großer Jubel.
“Kriege ich dann ein Hoverboard?”, fragte die Siebenjährige. Beide Kinder lachten sich kaputt, sogar Friedolin fand es ein bisschen lustig. Er weiß auch noch nicht, dass es stimmt. Ich habe ihn an eine Freundin meiner Mutter verhökert, damit er ihr hilft, die Wohnung auszuräumen. Meine Mutter hat viele allein stehende Freundinnen, wenn sich das rum spricht, kann er vielleicht ein Start-Up draus machen. Ich schmeiße nämlich gerade das Geld mit vollen Händen zum Fenster raus.

Mein Leben lang war ich ultra sparsam, aber seitdem wir kaum noch Geld verdienen, habe ich irgendwie das Gefühl, dass es jetzt auch egal ist. Daher auch die Sache mit den Steiff-Tieren. Dazu muss man sagen: Ich habe unseren Kindern noch nie ein Kuscheltier gekauft. Zur Geburt hatte ich ihnen welche genäht. Seitdem haben sie peu à peu die Kuscheltiere meiner Kindheit geerbt, die ich all die Jahre in einer großen blauen Tonne auf diversen Umzügen mit geschleppt hatte. Die Kinder schlossen diese abgeliebten Tiere sofort in ihr Herz, wobei sie oft gar nicht ahnten, dass sie noch aus meiner Kindheit stammen. Ganz ehrlich, wie sollten das Christkind, der Osterhase oder die Schnullerfee auch an meine Tiere gekommen sein? Vielleicht haben die da so ein Syndikat-Ding am Laufen.

Auf Tour waren wir in Rothenburg ob der Tauber in Käthe Wohlfahrts Weihnachtsdorf, diesem irrsinnigen Zauberladen, in dem das ganze Jahr über Bescherung ist. Die Kinder liefen mit großen Augen an den überbordend geschmückten Weihnachtsbäumen vorbei, legten den Kopf in den Nacken, um den glitzernden Sternenhimmel zu bewundern und begrüßten jeden Weihnachtsengel mit einem entzückten Jauchzen. Am Ende standen wir vor diesem Regal mit Kuscheltieren. Und der Fünfjährige nahm ein Meerschweinchen in den Arm und die Siebenjährige einen kleinen Dalmatiner und beiden sahen glückselig aus.
“Mama, ich glaub, ich kann das Meerschweinchen nie wieder hergeben”, sagte der Fünfjährige. Die Siebenjährige schaute auf das Preisschild ihres Hundes, ließ die Schultern hängen und stellte ihn zurück ins Regal. Sie hat Geld in der Schule durchgenommen und wusste, dass ihr Taschengeld nicht für so ein Steiff-Kuscheltier reicht. Und plötzlich sah ich mich selbst mit fünf Jahren an der Hand meiner Mutter vor einem Schaufenster stehen, in dem ein kleines Kuschelkaninchen saß. Ich war der festen Überzeugung, dass es furchtbar unglücklich dort war und unbedingt zu mir wollte und weinte bittere Tränen, als meine Mutter mich fort zog. Wochenlang dachte ich an das einsame Kaninchen und dann bekam ich es zu Ostern. Die Freude war groß, aber ich erinnere mich immer noch an den Herzschmerz.
“Wisst ihr was”, sagte ich zu den Kindern. “Schnappt euch eure Tiere, wir gehen zur Kasse.” Der Fünfjährige jubelte, die Siebenjährige schaute mich ungläubig an.
“Kriegen wir die dann zu Weihnachten?”, fragte sie vorsichtig.
“Aber dann darfst du sie noch nicht in Geschenkpapier verpacken, sonst kriegen sie keine Luft”, sagte der Fünfjährige besorgt.
Ich schaute Friedolin an. Er lächelte. “Ihr habt Mama so viel fürs Radio geholfen, dafür hätte sie euch eigentlich für bezahlen müssen…”, sagte er.
“Stimmt”, sagte ich. “Dann sind jetzt die Kuscheltiere eure Bezahlung.”
Ich lasse mich doch nicht von Corona davon abhalten, unsere Kinder glücklich zu machen. Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Und wenn ich es genau nehme, sind wir sehr, sehr reich.

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Die Kinder erklären die erste Hotelzimmerolympiade für eröffnet. Zu den Disziplinen gehören Bettvorlegerweitrutschen, Bettgestellkunstturnen, Fensterbankhochsprung, Unterdembettextremrobbing und Dauerduschen. Zum Glück sind durch das Beherbergungsverbot nicht alle Zimmer belegt. Die Disziplinen sind alles andere als geräuscharm. Aber es regnet in Strömen und sie müssen sich die lange Autofahrt aus den Gliedern zappeln. Schließlich entdeckt der Fünfjährige eine Schafherde auf dem Hang unterhalb des Hotels und verbringt den restlichen Aufenthalt auf der Fensterbank. Eine weiße Ziege hat es ihm besonders angetan, er kommentiert jeden ihrer Schritte:
“Jetzt läuft sie quer über die Wiese. Jetzt stellt sie sich auf die Hinterbeine und frisst Blätter. Die kann bestimmt auch auf Bäume klettern, wie die Ziegen in dem Bäume-Buch.”
“Ich würde gerne lesen”, sagt die Siebenjährige.
“Tust du doch auch”, antwortet der Fünfjährige.
“Aber ich kann mich nicht konzentrieren, wenn du die ganze Zeit von Ziegen redest.”
“Dann rede ich halt leise und du musst lauter lesen. Oh, nein, JETZT HÄNGT SIE FEST!”
Die Siebenjährige kapituliert mit einem sehr erwachsenen Seufzer und klettert neben ihren Bruder auf die Fensterbank. Dort werde ich beide Kinder auch im Morgengrauen finden. Sie schauen leise flüsternd den Schafen und Ziegen beim Schlafen zu und beobachten, wie die Lichter in der kleinen Stadt unten im Tal langsam zu leuchten beginnen. Ihr Anblick macht mich glücklich und traurig zu gleich. Ich nehme mir vor, mit ihnen auf der Tour noch ganz viele Abenteuer zu erleben. Denn wahrscheinlich werden sie die Welt in diesem Winter oft genug nur von ihrem Eckfenster aus beobachten können.

Dienstag, 27. Oktober 2020

Die Kinder trinken die erste Orangina ihres Lebens. Der Fünfjährige bricht in so lautstarke Rufe des Entzückens aus, dass die Gäste an den Nachbartischen irritiert zu uns schauen. Vielleicht denken sie, dass wir eine jugendfreie Variante der Restaurantszene aus Harry & Sally drehen. Die Siebenjährige schließt genießerisch die Augen. Friedolin hat seinen Kaffee bereits vor 10 Minuten ausgetrunken und trommelt nervös mit den Fingern auf dem Tisch. Die Kinder spielen “Wer-am-langsamsten-Trinken-kann”. Sie stellen nach jedem winzigen Schluck ihre Flaschen vor sich auf den Tisch, richten sie penibel zueinander aus und vergleichen die Pegelstände. Friedolin wippt mit dem Knie. Dann diskutieren die Kinder ihre Pegelstände und heben die Flasche in Zeitlupe an die Lippen, um erneut einen winzigen Schluck zu trinken. Friedolin schnauft: “Wenn ihr keinen Durst habt, kann ich das auch für euch austrinken.” Lautstarkes Protestgeheul. “Wir müssen die letzte Seilbahn noch kriegen”, sagt er. Was natürlich Unsinn ist, da die letzte Seilbahn erst in einer Stunde fährt, das sollten wir ja wohl schaffen. Die Kinder trinken noch ein winzigen Schluck. Na, gut, vielleicht schaffen wir die letzte Seilbahn. Aber wir sind im Harz und nicht in den Alpen, zur Not wandern wir zurück ins Tal. Den Weg rauf haben wir ja auch geschafft. Friedolin wippt immer schneller. Er ist wirklich gestraft mit dieser Familie. Beim Mittagessen hat er meist schon zwei Teller verschlungen, während wir noch in unserer ersten Portion picken. Dann fragt er im Fünfminutentakt, ob jemand noch einen Nachschlag möchte. Es ist mir ein Rätsel, warum unsere Kinder so groß und kräftig sind. Meist isst Friedolin unseren Nachschlag einfach selbst auf, nur damit das Mittagessen endlich ein Ende hat.
Mittlerweile sage ich in diesen Situationen einfach: “Geh doch schonmal vor, wir treffen uns dann dort.” Dann schlendere ich gemütlich mit den Kindern hinterher. Friedolin kann ja in der Zwischenzeit irgendetwas wichtiges erledigen. Einen Baum fällen, ein Wildschwein häuten oder wozu auch immer seine ungeduldigen Gene ihn da drängen.

Ich weiß genau, wie er sich fühlt. Ich habe eine extrem schnelle Auffassungsgabe, Gruppenarbeiten in der Schule oder an der Uni waren für mich immer eine Qual.
Aber ich liebe es, mich auf das langsame Tempo der Kinder einzulassen. Meine Gedanken kommen nie zum Stillstand, ich schlafe abends schlecht ein und tue beim Yoga immer nur so, als würde ich meditieren. Die Kinder helfen mir, mehr im Moment zu sein und nicht schon drei Schritte voraus. Mich ganz und gar einer Beobachtung, einem Geschmack zu widmen und nicht währenddessen To-Do-Listen durchzugehen. Das Leben wird so viel leichter, wenn man sich auf das Tempo der Kinder einlässt und nicht versucht, ihnen unser Erwachsenen-Tempo aufzuzwingen. Man muss dafür halt immer ein bisschen früher aufstehen oder losgehen, um dem Zeitdruck zu entgehen.

Es gibt im Übrigen Selbsthilfegruppen für chronische Kniewipper. Beim Kniewippen gehe es um das Aufspringen wollen, während man gezwungenermaßen irgendwo sitzt, heißt es dort. Es ist eine simulierte Flucht, ein bedingter Abhau-Reflex, der in dem Moment chronisch wird, da das nicht gelingt und man festsitzt.
Seit Corona müsste die Erde langsam zu beben beginnen, da wir vermutlich alle gerade ziemlich viel mit den Knien wippen. Und sei es mental.

Montag, 26. Oktober 2020

Wir reisten mit den Kinder durch das Land. Vom nebelverhangenen Norden in den verregneten Süden. Wir schliefen in einer Burg, im Gästehaus einer Justizvollzugsanstalt, in einem Stadt-Hotel und auf einem entlegenen Bauernhof. An manchen Orten gaben sich die Menschen zur Begrüßung die Hand, tranken und lachten zusammen als wäre es das normalste von der Welt. An manchen Orten trugen sie Masken, hielten Abstand, desinfizierten sich ständig die Hände und sahen müde aus. Wir waren mit gemischten Gefühlen zu dieser Reise aufgebrochen. Die Kanzlerin hatte die Menschen gebeten, daheim zu bleiben. Aber wie sollen wir daheim bleiben, wenn die Theater weiterhin geöffnet sind und wir Geld für unseren Lebensunterhalt verdienen müssen? Also fuhren wir los und blieben auf Distanz, verschanzten uns hinter Masken und hielten den Kindern die Finger fest, bevor sie sich in den Mund stecken konnten.

Es war die erste Tour ohne meine Mutter. Wir wollten sie auf Grund der steigenden Fallzahlen nicht quer durch Deutschland schleppen. Die Kinder bauten sich während der Auftritte mit ihren Kuscheltieren hinter der Bühne ein Lager aus Fellen und Jacken. Der Fünfjährige schlief schon vor der Pause, die Nase in sein Meerschweinchen vergraben. Die Siebenjährige reckte uns bei jedem Applaus freudestrahlend zwei erhobene Daumen entgegen. Nach dem Schlussapplaus trugen wir sie durch die Nacht in ihre Betten.

Am Anfang eroberten die Kinder noch jeden Raum mit Freudengeheul, schlichen durch den Weinkeller des Gasthaus Thaddäus in Kaisheim auf der Suche nach dem eingemauerten Abt der Klosterbrauerei, spielten Fangen im leeren Saal des Bockshorn in Würzburg. Aber nach dem dritten Ortswechsel waren sie einfach froh, im Hotelzimmer still in ihre Reisetagebücher zu kritzeln.
In Würzburg waren wir mal wieder in der Notaufnahme. Die Siebenjährige hatte sich vor den Ferien das Handgelenk in einer Autotür geklemmt, es war nichts gebrochen, aber die Schmerzen waren schließlich so stark geworden, dass sie die Hand gar nicht mehr bewegen konnte. Sie bekam einen riesigen Gips vom Handgelenk bis zur Schulter verpasst. Zum ersten Mal seit unserer Verletzungsserie verlor ich die Fassung und brach in Tränen aus. Die Ärztin guckte mich verständnislos an. “Das ist doch nur für ein paar Tage.” Aber es war das Ende der Auftritte und wir wollten auf der Rückreise drei Tage in der Rhön Station machen, damit die Kinder noch etwas echte Ferien und Friedolin und ich mal den Kopf frei bekamen. Wir wollten Wandern und Klettern und Schwimmen. Aber mit diesem Monster-Gips würden wir wohl die ganze Zeit in der kargen Ferienwohnung hocken, weil wir noch nichtmal eine Jacke mithatten, die darüber passte. Ich hörte Friedolin schon sagen: “Dann können wir auch gleich nach Hause fahren.”
Doch die Siebenjährige ist eine Kämpferin und schafft nahezu alles, sobald die ersten Tränen getrocknet sind. Wir zogen ihr einen dicken Pulli von Friedolin mit einer Weste über und schafften immerhin ausgedehnte Spaziergänge. Im Moor und im Wald und auf der Wasserkuppe, ich musste lediglich ihren Arm regelmäßig hochhalten, damit die Finger nicht anschwollen.

Die Tage waren von einer leisen Melancholie überschattet. Unsere Agentin meldete sich regelmäßig, um von neuen Auftrittsabsagen zu berichten: Mainz, Hamburg, Hildesheim, Braunschweig, Kiel, Nürnberg… Es war seltsam, sich in Würzburg beim Schlussapplaus vor maskierten Zuschauern zu verbeugen und nicht zu wissen, ob wir diesen Herbst noch einmal auf der Bühne stehen werden.
Ich verfolge manisch die Fallzahlen. Die Kinder haben Sorge, dass das Martins-Singen ausfällt. Sie freuen sich schon seit Monaten darauf. Wir haben im Dorf zwar noch nicht einen Corona-Fall, aber unser Landkreis ist Risikogebiet, da es in mehreren Pflegeheimen Ausbrüche gegeben hat. Friedolin überlegt, eine Murmelbahn für Süßigkeiten zu bauen, damit die Kinder bei uns auf jeden Fall klingeln dürfen.
Ab morgen werde ich über all die schönen und lustigen Dinge schreiben, die uns in den vergangenen Tagen passiert sind. Heute war mir noch nicht danach. Diese ständige Unsicherheit, diese fehlende Planbarkeit zerrt sehr an meinen Nerven. Eigentlich müssten wir für unser Jubiläumsprogramm proben. Aber falls doch alles abgesagt wird, bräuchten wir die Zeit dringend, um anderweitig Geld zu verdienen.
Heute morgen sagte der Fünfjährige: “Papa, es hat sich gar nicht gelohnt, dass du dich gekämmt hast. Du siehst immer noch total verstrubbelt aus.” Womit er recht hat. Gerade sind wir genau das: total verstrubbelt.

Freitag, 09. Oktober 2020

Unser Leben hat sich in zwei Paralleluniversen aufgeteilt. In dem einen Universum packen wir heute unsere Koffer, um auf unsere Bayerntour aufzubrechen. Erste Station Helmbrechts. Dort gibt es ein grandioses Wellenbad mit einem riesigen schwimmenden Krokodil in der Mitte und einem sehr netten Bademeister, da freuen die Kinder sich schon seit Wochen drauf. Zweite Station Nabburg, da schlafen und spielen wir im historischen Schmidt-Haus. Dann München Lach-und-Schießgesellschaft, mit dem Höhepunkt: Frühstück mit selbstgemachtem Granola im roten Haus in Schwabing bei unseren langjährigen Weggefährten vom Münchner Kabarett Kaktus, Janne und Klaus Weinzierl. Im Anschluss müssen die Kinder natürlich im Englischen Garten Gänse jagen und die Surfer beobachten.

In dem anderen Universum hocken wir heute zuhause und wissen nicht, was wir in den Herbstferien machen sollen. Unsere einwöchige Bayern-Tour ist auf zwei Auftritte zusammengeschrumpft und wenn wir uns das Infektionsgeschehen so anschauen, glauben wir erst, dass die stattfinden, wenn wir auf der Bühne stehen. Erste Station ist jetzt nächsten Freitag Kaisheim, sechs Stunden südlich von hier. Das mit Kindern im Auto plus Soundcheck plus Auftritt ist ein ziemlicher Ritt. Wir hatten überlegt, ein paar Tage im Süden dran zu hängen, damit die Kinder nicht so viel Fahrerei haben. Aber es ist natürlich alles, was mit Kindern schön wäre, längst ausgebucht. Friedolin und ich sind auf Grund der unsicheren Lage ziemlich angespannt. Urlaub zu Hause mit uns ist ohnehin kein Spaß, weil wir uns stets zusammen reißen müssen, nicht doch an den Schreibtisch zu gehen. Der Fluch der Selbstständigen.
Zumindest diese Kolumne lasse ich für zwei Wochen ruhen. Die Kinder werden viel Liebe und Aufmerksamkeit brauchen. All ihre Freunde sind verreist, die Verletzungen noch nicht verheilt und die Dramen der letzten Wochen vom Schulbusunfall der Siebenjährigen bis zu Puschis Tod noch nicht ganz überwunden. Ich melde mich am 26. Oktober wieder. Bis dahin wünsche ich Euch einen wunderschönen Herbst, bleibt gesund und ich freue mich, wenn Ihr nach den Ferien wieder vorbei schaut.

Donnerstag, 08. Oktober 2020

Die Kinder inspizieren eine plattgefahrene Kröte. “Die hätte auch mal eine Wurmkur gebraucht”, sagt der Fünfjährige. “Ich glaube, das ist der Darm und kein Wurm”, sagt die Siebenjährige fachmännisch. Beide nicken wissend. Seitdem wir Madenwürmer hatten, kommt das Thema immer mal wieder auf. In unserem Freundeskreis glauben plötzlich auch alle, Würmer zu haben. Ich hatte den Müttern zur Warnung von unserem Wurmbefall erzählt und auch, dass ich mich nach der Wurmkur deutlich kraftvoller und ausgeschlafener gefühlt hatte.
“Ich fühle mich schon seit Wochen so abgeschlagen, vielleicht habe ich auch Würmer”, sagen die Mütter dann.
“Möglich”, antworte ich vorsichtig. Natürlich ist es eine traumhafte Vorstellung, seine Dauermüdigkeit mit einer simplen Pille zu beseitigen. “Wahrscheinlicher ist aber, dass du Corona 2. Grades hast”, sage ich.
“Das habe ich ja noch nie gehört.”
“Habe ich mir auch gerade ausgedacht.”
Corona 2. Grades heißt, dass man nicht an Corona leidet, sondern an den Folgen der Epidemie. Die Mütter hatten noch keine Zeit, sich von der Mehrfachbelastung aus Homeoffice, Haushalt und Homeschooling und der Sorge um die ältere Generation zu erholen. Wann auch, der ganz normale Wahnsinn in Zeiten von Corona geht ja weiter. Und die Väter hatten noch keine Zeit, sich von ihren gleichermaßen angegriffenen wie griffigen Frauen zu erholen.Ich bräuchte auf jeden Fall mal wieder ein Wurmkur. Nach dem Verletzungsmarathon der Kinder fehlt mir Zeit und Kraft, es ist so viel liegen geblieben. Wenn der Wecker morgens in tiefer Dunkelheit klingelt, fantasiere ich von Personal, das die Kinder versorgt, sich der Wäsche und dem Chaos unseres Hauses annimmt und mir mal solange alles abnimmt, bis ich ausgeschlafen bin. Also bis Corona endlich vorbei ist. Vielleicht sollte ich mal eine Stellenausschreibung in den Kamin werfen.

Mittwoch, 07. Oktober 2020

Der Fünfjährige ist auf Nachplappermodus gestellt. Leider finde ich den Ausknopf nicht.
“Räum deine Schuhe weg”, sage ich.
“Räum deine Schuhe weg”, sagt er.
“Und häng deinen Kindergartenrucksack auf”, sage ich.
“Und häng deinen Kindergartenrucksack auf”, sagt er fröhlich.
“Ich verzichte eine Woche lang auf meinen Nachtisch”, sage ich.
“Ich verzichte eine Woche lang auf meinen Nachtisch”, sagt er und grinst.
“Prima, dann nehme ich ihn”, antworte ich und er lacht sich kaputt. Er hatte die Lunte natürlich gerochen, findet es aber trotzdem irrsinnig komisch. So komisch, dass er sogar wirklich eine Woche auf seinen Nachtisch verzichten würde. Auf die Idee mit dem Nachtisch bin ich nicht selbst gekommen. Das hatte ich mal in einem Calvin&Hobbes-Comic gelesen.
Ich bin kein Fan von Erziehungsratgebern. Wenn ich Ratgeber lese, denke ich hinter her immer, dass ich offenbar eine Menge in der Kindererziehung falsch mache, obwohl unsere Kinder außerordentlich wohlgeraten sind, aber dennoch verkopfe ich dann und höre nicht mehr auf mein Bauchgefühl und dann mache ich wirklich eine Menge falsch. Dann doch lieber Calvin&Hobbes. Oder Ratgeber für Hundeerziehung. Da habe ich wirklich von profitiert, was meine Kinder betrifft.

Zu meinem Hund hätte ich zum Beispiel nie gesagt: “Sitz, bitte!”
Auch nicht: “Könntest du jetzt bitte mal das Stöckchen holen, ich möchte das nicht dreimal sagen müssen, jetzt trödel nicht so, wir müssen wirklich weiter, wieso kannst du nicht einfach mal machen, was man dir sagt?”

Wenn ich etwas von meinen Kindern will, sie aber gerade keine Lust haben, stelle ich mir einfach vor, sie seien süße Dalmatiner-Welpen. Dann nehme ich meine Leitwölfin-Pose ein und gebe kurze, präzise Anweisungen kombiniert mit eindeutigen Gesten und meistens klappt das dann auch.

Ein Freund von mir sagte, er fände es unhöflich, sein Kind zu etwas aufzufordern, ohne Bitte zu sagen und den Grund für seine Bitte zu erläutern.
Aber eine höfliche Bitte darf das Kind doch durchaus ablehnen. Es ist ja eine Bitte und kein Befehl. Dann wird schnell aus:
“Könntest Du bitte mal dein Zimmer aufräumen?”
“Kann gerade nicht.”
Ein: “Aber guck doch mal, wie unordentlich das schon wieder ist, ich kann nicht ständig hinter dir her räumen, so kommt man ja überhaupt nicht mehr durch, nie räumst du irgendwas weg, dabei hatte ich gestern erst aufgeräumt und außerdem bekommen wir gleich Besuch.” Diese vorwürflichen Tiraden empfinde ich als sehr viel unhöflicher und beschämender für das Kind als ein nüchternes “Räum jetzt dein Zimmer auf. Keine Diskussion.” Dann spart man sich eine Menge Zeit und kann, bevor der Besuch kommt, noch gemeinsam Calvin&Hobbes lesen und sich dabei fortbilden.

Dienstag, 06. Oktober 2020

Die Kinder jagen dem Wind nach. Mit jeder Böe trudeln filigrane Ahornsamen zu Boden, sie strecken die Arme Richtung Himmel und versuchen sie aus der Luft zu haschen. Jedes fallenden Ahornblatt wird mit einem Freudenschrei begrüßt. “Können wir die pressen”, fragen sie, als sie die Kunstwerke staunend in den Händen halten. Blutrote, goldene und grüne Farbverläufe leuchten durchscheinend in der Herbstsonne. Wir kleben uns Samenhörner auf den Nasenrücken und folgen dem Wind bis zu dem Sportplatz am Feldrand. Dort pfeift er besonders schön und unser Drache kann sich nicht in Ästen oder Stromleitungen verfangen. Ein paar Krähen fliegen ungehalten krächzend über das Stoppelfeld davon. Abends sitzen wir bei Feuerschein vor dem Kachelofen in der Diele und ich erzähle den Kindern die Geschichte von Thor, in der sein Hammer gestohlen wurde und er sich als Braut verkleiden muss, um ihn von dem König der Riesen zurückzuholen. Ein bärtiger Donnergott in Spitze und Schleier. Das finden sie zum Piepen. Die Kinder liegen warm und schwer in meinem Arm, es riecht nach Eichenrauch und Mandarinenschalen und ich bin unendlich dankbar über unseren sicheren Rückzugsort, während draußen die Welt im Chaos zu versinken droht.

Montag, 05. Oktober 2020

Die Kinder haben anlässlich unserer Rückkehr eine Zaubershow einstudiert. Wir müssen allerdings ziemlich lange auf den Einlass warten, weil sie die Sicherheitsabstände noch markieren müssen. Schließlich liegen im Flur ordentliche Streifen aus Decken und Tüchern, damit wir wissen, wie viel Abstand wir zueinander und zur Bühne halten müssen. Die Siebenjährige trägt einen knallgrünen, zerknautschten Zylinder zu mehreren Lagen Glitzerkostümen und begrüßt lautstark die zahlreich erschienenen Zuschauer, also Friedolin, die Omimi und mich. Der Fünfjährige ist nirgendwo zu sehen, aber ich höre ihn leise kichern. Bevor die Zaubershow beginnt, entschuldigt sich die Siebenjährige, dass wegen Corona gerade leider keine Close-Up-Tricks statt finden können, weshalb sie den auf magische Weise verschwundene Fingerhut nicht hinter meinem Ohr sondern unter ihrem Fuß wieder hervor zaubert. Dieses Kunststück vollbringt sie dann aber auch gleich mehrfach. Genau genommen so oft, bis der Fünfjährige brüllt, dass er jetzt auch mal dran sei und sie zurück brüllt, ja, wenn sie fertig sei und bevor einer heult, applaudieren wir lautstark, woraufhin sich die Siebenjährige reflexartig verbeugt und die Bühne frei macht. Der Fünfjährige ist so aufgeregt, dass er direkt wieder im Nebenzimmer verschwindet. Erst nach mehrfacher Anmoderation: “Applaus für den großen Lololino!” erscheint er auf der Matratze, äh, der Bühne und verwandelt eine Kastanie in einen giftgrünen Leuchtstein. Seine wiederkehrenden Lachanfälle lenken geschickt von der Tatsache ab, dass er die Kastanie in der linken und den Leuchtstein in der rechten Faust hält und lediglich abwechselnd die Hände öffnet. Er hat definitiv das Zeug zu einem großen Illusionisten. Am Ende singen sie noch ein selbst komponiertes Zauberlied und verbeugen sich so oft und schwungvoll, dass ich schon fürchte, dass Mittagessen könne einen U-Turn machen. Ich glaube, in Zukunft bleibe ich auf dem Sofa und schicke einfach die Kinder auf Tour.

Freitag, 02. Oktober 2020

Und dann wurde es plötzlich eine dieser glitzernden Nächte, dieser seltenen tiefblauen Stunden, die man niemals so planen kann, weil sich ihr Zauber nur im flüchtigen Moment entfaltet. Die Tontechniker hatten die Bühne abgeräumt, die Zuschauer lagen in ihren Betten und die Musiker standen mit Jacken und Instrumentenkoffern im leeren Saal. Und dann setzte sich der Chansonnier Sebastian Krämer doch noch für ein letztes Lied ans Klavier. Und der klassische Pianist Christian Fritz gesellte sich zum ihm und beide begannen, vierhändig zu improvisieren. Natürlich mit 1,5 Meter Sicherheitsabstand zwischen sich auf dem Klavierhocker. Sie spielten mit einem entrückten Lächeln, einer Selbstvergessenheit und Verspieltheit, die so in der konzentrierten Professionalität des Auftritts selten möglich ist. Sie spielten wie Kinder, wie Genies, mit atemberaubenden Tempo, mit unbändiger Kraft und Schönheit, plötzlich sprang der eine auf und sie tauschten die Plätze, ein Rundlauf auf der Klaviatur zwischen Wettkampf und absoluter Harmonie. Dann holte Stefan Balazsovics seine Geige wieder hervor und flocht eine neue Melodie in den Klang und der Cellist Victor Plumettaz forderte mich zum Tanz auf und wir flogen ohne uns zu berühren durch den leeren Saal und Friedolin lächelte mir zu, in seiner eigenen Gesprächsblase mit Timm Beckmann auf der Bühnentreppe vertieft und dann stieg ich atemlos bei den Caprifischern und Fly me to the moon mit ein und die ganze Zeit hatte ich ein strahlendes Lächeln auf den Lippen und ein schmerzhaftes Ziehen im Herzen, weil ich mir so gewünscht hätte, die Kinder wären hier und könnten all dies miterleben.

Donnerstag, 01. Oktober 2020

“Müsst ihr wirklich wegfahren”, hatte mich die Siebenjährige vor unserer Abreise unglücklich gefragt.
“Wir müssen ja Geld verdienen”, sagte ich und lud meinen Ukulelen-Koffer ins Auto.
“Ihr könnt doch einfach zu so einem Automaten gehen und euch da Geld holen”, schlug sie vor.
“Aber dafür muss ich vorher erstmal Geld in den Automaten rein tun”, sagte ich und gab ihr zum Abschied einen Kuss. Die Kinder waren streng genommen nicht betrübt, dass wir wegfahren. Sondern, dass sie nicht mitdurften. Die Siebenjährige muss schließlich zur Schule. Seit ihrer Einschulung ist unser Leben noch komplizierter geworden. Unsere Agentin hatte uns dieses Jahr tollerweise drei große Touren mit den Kindern in den Oster-, Sommer- und Herbstferien gebucht. Alle drei sind wegen Corona ausgefallen.

“Bringt ihr uns Marmeladenschälchen zum Essen mit?”, fragte der Fünfjährige. Sie fantasieren regelmäßig vom Frühstücksbuffet im Hotel. Unser Frühstück zuhause ist eher spartanisch. Haferflockenbrei an Schultagen, am Wochenende sind Croissants von der Tankstelle das höchste der Gefühle. Dagegen erscheint ihnen die bombastische Buffet-Auswahl von Rührei, Lachs, Nutella, Würstchen und all den Dingen, die wir niemals kaufen würden, wie das Schlaraffenland. Als Babys krabbelten sie zwischen den Tischen hindurch und versteckten sich unter den tiefhängenden Tischdecken. Sobald sie laufen konnten, schlichen sie unzählige Male zum Buffet, um sich immer nur ein einzelnes Teilchen auszusuchen und es wie einen erbeuteten Schatz freudestrahlend zu unserem Tisch zurück zu tragen.

Ich glaube, die unzähligen Hotelaufenthalte haben ihre Bewegungsmuster stark geprägt. Beide Kinder konnten so schnell krabbeln, dass sie fast vom Boden abhoben. Die endlosen Hotelflure waren die beste Rennstrecke, in unserer engen Drei-Zimmer-Wohnung hätten sie solche Geschwindigkeiten niemals erreichen können. Später entwickelten sie sie die hohe Kunst des lautlosen Fangenspiels. Sie hatten schnell raus, dass man gerade in großen Hotels wunderbar die langen Flure im Kreis rennen kann. Sofern man barfuß und leise ist, weil einen sonst die Rezeptionistin oder auf Kur befindliche Rentner anschnauzen.
Im Hotel angekommen, kann ich sie schnell trösten. Frühstücksbuffet in Corona-Zeiten ist gar nicht so toll. Man darf nichts anfassen, sondern nur mit Mundschutz darauf zeigen und dann bekommt man das Essen zugeteilt. Es gibt längst nicht so eine große Auswahl und das meiste ist hygienisch eingeschweißt oder in winzigen Papptütchen portioniert. Cornflakes und Knuspermüsli zum Beispiel. Wobei man die natürlich wunderbar zwischen zwei Zeitungsseiten für den unglücklichen Nachwuchs nach Hause schmuggeln kann, ganz theoretisch.

Mittwoch, 30. September 2020

Die Siebenjährige und ich führen eine geheime WhatsApp-Unterhaltung, seitdem wir auf Tour sind. Es sind viele Emojis in Form von herzäugigen Katzen, Sternschnuppen und Zwinkersmileys involviert. Das bringt die Persönlichkeit der Siebenjährigen ziemlich gut auf den Punkt. Normalerweise darf sie nicht ans Handy, daher nutzt sie meine Abwesenheit, um mit dem Smartphone ihrer Großmutter heimlich zu texten. Zwar schreibt sie ausgerechnet der Person, die ihr das Smartphone eigentlich verbietet, da wir aber beide wissen, wie sehr ich sie vermisse, sehen wir einmütig über diesen inneren Widerspruch hinweg. Mit den Kindern zu telefonieren, habe ich aufgegeben. Das Timing hat nie gestimmt. Wenn ich von Tour aus anrief, riss ich sie entweder aus dem schönsten Spiel oder erwischte sie ausgerechnet in einem dieser seltenen Zeitfenster, in denen sie nichts zu sagen haben. Daher bin ich dazu übergegangen, ihnen Sprachnachrichten zu schicken. Die können sich die Kinder anhören, wenn sich in ihrem Tagesablauf eine mutterförmige Leerstelle auftut. Sie hören die Nachrichten so oft hintereinander, bis sie genug von mir haben. Dann schicken sie mir reizende Sprachnachrichten zurück.

Der Fünfjährige erzählt stolz von seiner Mülleimertüröffnungserfindung. Er braucht drei Anläufe, um das Wort fehlerfrei herauszubekommen. Das ist so herzzerreißend niedlich, dass ich mir die Nachricht dreimal anhöre. Die Siebenjährige erzählt in ihrer Nachricht genervt von der Mülleimertüröffnungserfindung des Fünfjährigen, die die ganze Küche blockiert. Um sich altersgemäß von ihrem Bruder abzugrenzen, schickt sie aber seit Kurzem immer häufiger akkurat getippte Textnachrichten.
Erklären musste ihr das niemand, Kinder lernen ja durch beiläufiges Beobachten. Sie klicken, wischen und tippen mit ihren kleinen Fingern schneller, als man mit Erwachsenenwurstfingern die App überhaupt geöffnet bekommt.
In ihrem Freundeskreis haben bereits ein paar Kinder ein Smartphone. Mittlerweile sind es bei den 6- bis 13-Jährigen 40 Prozent. Und natürlich hatten wir auch schon die Diskussion, warum die dürfen und sie nicht. Aber im Grunde weiß sie selbst, warum nicht. Sie hat oft genug Streitereien zwischen Eltern und Kindern über Handynutzung mitbekommen. Schimpft manchmal selbst mit ihrer Großmutter, wenn die zu lange in ihrem Smartphone abtaucht oder jede wache Bewegung der Kinder fotografiert. Als wir im Sommer Sternschnuppen beobachteten, sagte sie:
“Wenn Omimi hier wäre, würde sie die Sternschnuppen mit ihrem Handy filmen und sich dann die Sternschnuppen erst im Handy und gar nicht in echt angucken.” Das findet sie verrückt, sie möchte die Welt mit allen Sinnen entdecken. Jugendliche, die ständig auf ihr Smartphone starren, befremden sie. Vielleicht ähnlich wie mich als Kind rauchende Jugendliche befremdet haben.
Immer mehr Kinder leiden durch das viele Klicken, Tippen, Wischen an Konzentrationsstörungen. Eine Freundin von mir, die im kindertherapeutischen Bereich arbeitet, erzählte mir, dass die psychologischen Tests für Kinder geändert werden müssten. Weil die heutigen Kinder so sehr auf Reiz und schnelle Reaktion programmiert werden und sich kaum noch in tiefergehende Aufgaben reindenken könnten, verstünden sie die alten Tests nicht mehr.

Auch etliche Erwachsene berichten, dass ihre Aufmerksamkeit kaum noch für ein komplexes Buch reicht, weil sie so an die hohe Taktung der neuen Medien gewöhnt sind. Ich kenne viele Erwachsene, die mehr Zeit mir ihrem Smartphone verbringen, als ihnen lieb ist. Der Suchtfaktor ist enorm. Initiativen wie “Schau hin” raten, dass Kinder erst ab 12 ein eigenes Smartphone besitzen sollten. In diesem Alter besäßen die Kinder angeblich die nötige Reife, um sich vor den Gefahren des Internets zu schützend. Man kann als Eltern noch so viele Kindersicherungs-Apps installieren, am Ende reicht das eine Gewalt- oder Pornovideo, das von einem Mitschüler in einer Hausaufgabengruppe geteilt wird und die Kinder kalt erwischt. In Schwerin brach ein Mädchen zusammen, nachdem es ahnungslos das von einem Klassenkameraden geteilte Video öffnete, in dem zwei Männer mit einer Kettensäge enthauptet wurden. Diese Fälle häufen sich. Gewalt, Sex oder sexuelle Gewalt halten Einzug im Kinderzimmer.

Auf unserem Shift-Phone steht der Warnhinweis: “Smartphones können Zeitfresser sein. Es gibt für dich an diesem Tag kein größeres Geschenk als die nächsten 24 Stunden. Nutze sie sinnvoll. Menschen sind wichtiger als Maschinen.” Ich hoffe sehr, dass unsere Kinder das verinnerlichen, bevor sie im Smartphone-fähigen Alter sind.

Dienstag, 29. September 2020

Jetzt ist es raus: Musiker sind gefährlicher als Handballer. Ich stehe auf der Bühne von Plexiglaswänden eingerahmt und versuche, durch die Trennwände meine Mitmusiker zu hören. Ein paar von ihnen spielen sogar vom Balkon am anderen Ende des Saals herunter, zwangsläufig, weil wir bei 15 Musikern die geforderten Sicherheitsabstände auf der Bühne sonst nicht einhalten können. Sie werden dann per Leinwand auf die Bühne übertragen. Der Tontechniker versucht händeringend, die dadurch entstehende Zeitverzögerung zu kompensieren. Wie immer seit Corona ist alles etwas surreal. Und während ich mal mehr mal weniger synchron zu den anderen spiele, frage ich mich, warum die Aerosole des Flötisten hinter der Scheibe neben mir ansteckender sein sollen, als das schwitzende Ausatmen eines Handballers in der Turnhalle, während er den Kreisspieler mit einem Bodycheck gekonnt zu Fall bringt.
Wir spielen für vier Tage bei Timm Beckmanns Liga der außergewöhnlichen Musiker in Essen und Mühlheim. Wobei außergewöhnlich ein denkbar dehnbarer Begriff ist. Meine Ukulele und ich sind etwas eingeschüchtert von all den studierten klassischen Musikern um uns herum. Zum Finale des Abends spielen wir gemeinsam ein bombastisches Ennio-Morricone-Medley und eigentlich müssten wir dringend dafür proben. Aber wir kommen nicht dazu, weil das Einrichten der Plexiglaswände und ständige neu Verhandeln der Sicherheitsabstände so viel Zeit kostet. Warum wir zu den Zuschauern Abstand halten müssen, verstehe ich. Aber warum wir als Band untereinander anders behandelt werden als Mitglieder eine Sportmannschaft, will mir nicht einleuchten. Aber gut, wir können wohl froh sein, überhaupt auftreten zu dürfen.
Als die 52-seitige Partitur für das Medley vor ein paar Wochen bei uns eintraf, hat Friedolin der Fuchs sich sofort dem Arrangeur als Geräuschemacher an den Hals geworfen. Jetzt ist er mit Peitschenknall und Zug-Tuten fein raus. Ich hingegen musste zur Freude der Kinder in jeder freien Minute üben, Cowboy-mäßig zu pfeifen, das hohe G zu singen und meiner Ukulele Akkorde zu entlocken, deren Existenz ich noch nicht einmal erahnt hatte. Während der Probe verpasse ich ständig meinen Einsatz, weil ich Terence Hill vor mir über die Prärie reiten sehe und irgendwie Lust auf gebratene Bohnen habe.
Von 230 im Frühjahr verkauften Karten pro Abend, dürfen nur 85 Zuschauer in den Saal, weshalb die verbleibenden 145 auf andere Veranstaltungen verteilt werden mussten. Am Ende tauchen aber nur 39 Zuschauer auf. Das ergibt bei 15 Künstlern auf der Bühne einen Zuschauer-Musiker-Betreuungs-Schlüssel von 2-zu-1. In einer Kita wäre das ein Traum. Im Theater hat es etwas Trostloses. Wir hätten doch unsere Kinder mitnehmen sollen. Die machen Stimmung für Zehn.

Montag, 28. September 2020

Der Fünfjährige ist auf seinem ersten Trip. Wir warten vor dem OP, in dem gleich die Drähte aus seinem gebrochenen Arm entfernt werden. Er trinkt aus einen winzigen Becher mit Beruhigungsmittel und taucht kurze Zeit später tief in den Kaninchenbau ein. Ich singe leise “Henriette Bimmelbahn” und er bewegt dabei erstaunt eine Hand vor seinen Augen hin und her. Er betrachtet jeden einzelnen Finger, fasziniert von diesem Wunder des menschlichen Körpers mit dem wir große Kunst und großes Leid erschaffen können. Dann lächelt er mich an und in seinen Augen liegt so viel Liebe, dass mein Herz für einen Schlag aussetzt.

Als er in den OP gefahren wird, tauche ich in meinen eigenen Kaninchenbau, tiefer und tiefer, 20 Jahre tief, um bloß nicht zu sehr darüber nachzudenken, dass eine Vollnarkose auch immer ein gewisses Risiko mit sich bringt. Die Erinnerungen sind verschwommen und spepiafarben, doch langsam schälen sich immer schärfere Konturen und sattere Farben heraus.
Ich kauere an einem einsamen thailändischen Strand und bewege meine Hand erstaunt vor meinen Augen hin und her, versunken in den mäandernden Strukturen der Adern, Knochen und Sehnen. Plötzlich liege ich in einer Strandhütte, ein aufgeregt gackerndes Huhn flattert um mich herum und ein Koch läuft schreiend mit einem Messer hinter her. “Passiert das wirklich oder bilde ich mir das nur ein?”, frage ich die anderen. Es erinnert mich irgendwie stark an die Muppet Show.
“No, it’s real”, sagt jemand und ich denke, wie schön sie doch alle sind, das Huhn und der Koch und die jungen Rucksackreisenden um mich herum. Dann laufe ich verwundert durch einen Garten, kurz zuvor war dort nur Unkraut und Gestrüpp, nun wachsen dort schillernde Blumen und riesenhafte Dschungelpflanzen. Im Morgengrauen erwache ich am Strand inmitten eines Rudels wilder Hunde und dem Rauschen des Ozeans.

Der Fünfjährige erwacht inmitten von Atemschutzmasken und dem Geruch von Desinfektionsmittel. Am Nachmittag dürfen wir nach Hause. Wir laufen auf der Suche nach dem Ausgang durch endlose Krankenhausflure und stehen unvermittelt vor einem großen Aquarium. “Ist das echt?”, fragt der Fünfjährige und bestaunt den riesigen Wels am Grund des Beckens. Als ich ihn endlich vom Aquarium loseisen kann, fragt er: “Können wir hier mal wieder her?” und ich sage: “Nein, bitte nicht so bald.”

Donnerstag, 24. September 2020

Der Fünfjährige hat eine Kamera im Kopf.
“Sie ist aber ziemlich klein”, sagt er, so hat er noch genügend Platz für schöne Gedanken. Wenn Friedolin und ich beim Essen zum Beispiel über Auftritte in Bayern vor zwei Jahren sprechen, ruft er: “Oh, davon habe ich noch ein Foto!” Dann schließt er die Augen und erzählt uns detailgetreu von der Drachenhöhle voller Tropfsteine, die wir damals bei einem Zwischenstopp besucht hatten. Die Fotos legt er ordentlich sortiert in Gedankenschubladen ab, damit er nicht lange danach suchen muss. Es gibt eine Schublade für Tiere, eine für Urlaubsbilder, eine für besondere Orte. Wenn ich bei einem Spaziergang manchmal nicht weiß, ob wir links oder rechts abbiegen müssen, sucht er nach dem passenden Bild und sagt mir, wo es lang geht.

Ich frage mich, welche Bilder aus diesem Jahr in seinen Schubladen überdauern werden. Als wir an seinem Geburtstag im Zoo waren, zeigte die Siebenjährige auf die leicht zerfetzte Wimpelkette über dem Elefantengehege und rief: “Warum hängen denn dort lauter Mundschutze?” Der Fünfjährige schaute auf, blinzelte einmal, um die Kamera auszulösen, und speicherte das Foto mit geschlossenen Augen. Ich fürchte, Atemschutzmasken werden auf ziemlich vielen Bildern zu sehen sein. Ebenso leere Räume, die Abwesenheit von geliebten Menschen, die sonst seine innere Galerie beleben. Außerdem ein kleines Puschen-Hühnchen, sonnenverbrannte Wiesen und die Deckenleuchten im Krankenhaus.

Mein Corona-Bild ist eigentlich eine Sequenz aus Bildern, auf denen zwei junge Kollegen von uns Backstage mit Mundschutz und Sicherheitsabstand aufgeregt über eine neue Idee sprechen, fröhlich mit einem High-Five einschlagen und schlagartig in der Bewegung einfrieren. Dann ziehen beide ein Fläschchen mit Desinfektionsmittel aus der Jackentasche und die Fröhlichkeit des Moments löst sich in einer Wolke aus Ethanol auf, während sie sich hektisch die Hände desinfizieren.

Für viele Menschen verschwinden die ersten Lebensjahre rückblickend im Nebel. Ich weiß nicht, ob ich dem Fünfjährigen wünschen soll, dass die Bilder dieses Jahres für immer bleiben oder mit der Flut neuer Bilder fortgespült werden.

Mittwoch, 23. September 2020

Unsere Kinder sind chronisch gut gelaunt. Kaum schlagen sie die Augen auf, fällt ihnen schon etwas lustiges ein und sie kichern im Bett liegend vor sich hin. Im Badezimmer erzählen sie die ersten Witze, während ich noch damit beschäftigt bin, die Augen aufzukriegen.
“Mama, was stinkt und wächst unter der Erde? Eine Furzel.” Sie kugeln sich vor Lachen über die Badematte, obwohl sie den Witz schon 100 Mal erzählt haben. Ich nuschele dann etwas, das nach: “Ja, voll lustig” klingt, versuche aber gleichzeitig das Thema auf etwas deprimierendes wie das große Artensterben oder die Abholzung der Regenwälder zu bringen, sonst geht das ohne Pause vom Frühstück bis zum Kindergartenbus so weiter.
“Was liegt am Strand und spricht undeutlich? Eine Nuschel.”
“Was ist rot und kämpft sich durch den Salat? Ein Rambodieschen.”

Zwischendrin freuen sie sich lautstark über den glitzernden Tau, die leuchtenden Morgensonnenstrahlen über dem Dachfirst und dass sie am Leben sind.
Ihre gute Laune ist wie ein Überschallantrieb, der sie in Höchstgeschwindigkeit durch den Tag katapultiert. Ich komme da nicht mit. Manchmal fühle ich mich wie Mary Poppins, die ungehalten dem Schornsteinfeger und ihren Schützlingen dabei zu sieht, wie sie kichernd unter der Decke hängen und ständig sagt: “Hört auf, euch wie ein Rudel lachende Hyänen zu benehmen.” Um das Gleichgewicht in unserem Familienuniversum wieder herzustellen, muss ich zwangsläufig die Spaßbremse spielen und dumme Erwachsenensätze sagen wie: “Macht mal langsam.” “Jetzt ist aber auch mal gut.” “Kommt da runter.” Sonst verletzen sie sich ständig. Sie haben vor lauter Lebensfreude keine Zeit, nach potentiellen Gefahrenquellen zu schauen.

Schuld daran sind vermutlich all die Aufritte während der Schwangerschaft. Sie sind im Bauch mit Gelächter, Musik und Eustress regelrecht überflutet worden. Versuche mit Ratten legen nahe, dass das Verhalten der Mütter während der Schwangerschaft den Nachwuchs für das folgende Leben programmiert. Ich habe zwei ausgesprochene Frohnaturen ausgebrütet. Im Alltag überfordert es mich manchmal. Aber wenn ich Kinder treffe, die eher mürrisch, maulig und trantütig sind, bin ich plötzlich unendlich dankbar über unsere gut gelaunten Wirbelwinde. Dann lehne ich mich gemütlich zurück und lasse meine kichernden Elektronen um mich herum sausen und glitzernde Lebensenergie versprühen.

Dienstag, 22. September 2020

Das Licht verabschiedet sich. Von heute an übernehmen die Nächte die Vorherrschaft, die Tage werden kürzer. Noch stehen wir mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Aber schon bald werde ich die Kinder in absoluter Finsternis wecken und die Siebenjährige im Licht der einsamen Straßenlaterne zum Bus laufen sehen. Gestern haben wir zur Tag-und-Nacht-Gleiche unser erstes Herbstfeuer entzündet. Die Kinder schmückten unseren Jahreszeitenaltar mit Kastanien, Zapfen, Hortensienblüten und Kürbis. Friedolin röstete Räuberfladen über dem Feuer. Die Geduld der Kinder reicht immer nur für ein Stockbrot, den restlichen Teig backen wir in Fladen über der Glut. Eigentlich wollte ich ein Räucherritual zelebrieren und die Naturgeister um Schutz für die dunkle Jahreszeit bitten. Johanniskraut für das Feuer, Mädesüß für das Wasser, Angelikawurzel für die Erde und und Mistel für die Luft. Wir sind alle etwas aus dem Gleichgewicht, Räuchern hilft dabei, sich zu erden und zentrieren und wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Aber dann waren die Kaninchen ausgebüxt und wir jagten sie lange durch den Garten und dann dachte die Siebenjährige, der Abend wäre schon vorbei und löschte die Glut mit einer Gießkanne voll Regenwasser. Also fiel unser Räuchergut etwas trostlos auf nasse Asche, was für unsere derzeitige Situation aber auch irgendwie passend war. Wir haben uns dennoch für einen schönen Sommer und die reiche Ernte bedankt. Denn trotz Corona und unzähliger Verletzungen gibt es viel, für das wir dankbar sein dürfen. Wir haben diesen Sommer so oft gebadet wie nie zuvor, im See, im Meer, im Fluss und einmal sogar im Freibad. Unser Garten hat sehr unter der Trockenheit gelitten, dennoch ist unsere Speisekammer voll von frisch gemostetem Apfelsaft, von Johannisbeergelee und duftendem Tee, von gekochten Zucchini und Tomaten. Die Schnecken haben den Mangold verschont, was vor allem die Kaninchen freut, was wiederum die Kinder freut, weil sie ihn dann nicht essen müssen. Und bisher ist Corona an unserer Familie vorbei gegangen.
Die Kinder haben für die dunkle Jahreszeit nur einen einzigen Wunsch: Schnee. Der hat sich hier seit drei Jahren nicht blicken lassen. Letzten Winter sind sie einmal hysterisch vor Freude durch den Garten gesprungen, als für zehn Minuten nasskalter Schneeregen nieder ging. Sie können sich kaum noch an Schnee erinnern. Den letzten richtigen Winter haben sie 2017 in der Schweiz erlebt, wo wir sechs Wochen für eine Weihnachtsshow gewohnt hatten. In Zukunft wird es wohl eher Schnee- als Sonnentourismus geben. Im Sommer aalen wir uns bei 30 Grad an der Riviera unseres heimischen Baggersees, dafür werden wir im Winter den Schnee jagen müssen.
Nach altem Brauch hält man Erntedankfeste noch bis zum ersten Vollmond nach der Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche ab, in diesem Jahr der 02. Oktober. Vielleicht wagen wir dann noch einmal einen Versuch, die Naturgeister gnädig zu stimmen. Damit die Kinder wenigstens einen Schneemann im heimischen Garten werden bauen können.

Montag, 21. September 2020

Friedolin möchte mich schlachten. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er seit Corona mein Gewicht mit Chips und Vanilleeis in die Höhe treibt. Vielleicht hat er im Darknet irgendeinen Kannibalen-Club aufgetan und hofft, mit seiner dicken Frau noch ein paar Euros dazu zu verdienen. Seit Corona suchen ja alle Künstler verzweifelt nach neuen Geschäftsideen. Und ich falle jeden Abend drauf herein. Wir haben gesund zu Abend gegessen mit Gartenkräuter-Tee, Bio-Vollkornbrot und Rohkost, die Kinder schlafen, Friedolin und ich brechen erschöpft auf dem Sofa zusammen und nach einer Weile lässt er ganz beiläufig diesen perfiden Satz fallen:

“Irgendwie hab ich noch Hunger…”

Und bevor ich “Einspruch” brüllen kann, ist er schon aus der Speisekammer zurück und stellt eine Schale mit Salt&Vinegar-Chips zwischen uns oder gesalzene Nüsse oder irgendeine andere Schweinerei, die man am nächsten Morgen bereut, wenn einem latent schlecht ist und die Augen vom vielen Salz zugeschwollen sind wie von Rocky Balboa.

“Es zwingt dich ja keiner, das zu essen”, sagt Friedolin dann immer. Was ja als Argumentation völlig unsinnig ist, weil natürlich MUSS ich das essen, wenn er es neben mich stellt. Und ich muss es auch aufessen. Ein bisschen Chips ist ja ähnlich befriedigend wie ein bisschen Sex. Aber mit jemanden, der einen Kalorienumsatz von einem hyperaktiven Erdmännchen hat, braucht man so etwas nicht zu diskutieren.

Die Kinder haben längst gewittert, dass hier was im Busche ist. Der Fünfjährige schlurft neuerdings mit meinen Hausschuhen durch die Gegend und singt: “Ich bin ‘ne dicke Mama, ich bin ‘ne dicke Mama.” Eines morgens haben sie Sherlock-mäßig die Chipskrümel aus der Sofaritze gepult und uns vorwurfsvoll entgegengestreckt:
“Ihr habt Chips gegessen!” Sie bekommen Chips nur bei Dorffesten im Feuerwehrhaus. Seitdem stecke ich abends extra ein paar Krümel in die Sofaritze, damit die Kinder sie am nächsten Morgen finden. Schließlich ist Corona, da zählt jede Beschäftigungsmöglichkeit.

Ich flehe Friedolin an, diese Sachen nicht mehr zu kaufen. Mittlerweile hat er mich jedoch so konditioniert, dass ich, sobald mein Hintern das Sofa berührt, so laut CHIPS denke, dass ich den Film nicht mehr verstehe und dann maule, weil er keine gekauft hat. Er sagt, mein Verhalten sei völlig widersinnig.
“Und wessen Schuld ist das?”, frage ich überflüssigerweise, weil er ja ohnehin immer Schuld ist.

Dabei ist es mir schnurzpiepegal, wie viel ich wiege. Ich habe zwei granatenstarke Kinder in diesem Körper beherbergt, das darf man durchaus auch sehen und würdigen. Mein Körper erzählt die Geschichte meines Lebens, mit allen Narben, Bergen und Tälern. Aber Chips und Sahneeis sind Kapitel, für die ich gern einen strengeren Lektor hätte. Ich träume davon schlecht und bin morgens gereizt, weil ich mich innerlich verklebt fühle. Also drücke ich auf die Spaßbremse, putze mir abends gemeinsam mit den Kindern die Zähne und gehe mit einem Buch ins Bett, während Friedolin unten alleine chipsflixt. Soll er sich doch eine neue Geschäftsidee suchen.

Freitag, 18. September 2020

Achtsamkeit, my ass! Eine Freundin schickte mir die Zeilen eines Zen-Priesters:
“Jetzt nehme ich mir Zeit, Kartoffeln zu schälen, Salat zu waschen und Rüben zu kochen, den Boden zu schrubben, Waschbecken sauber zu machen und Müll rauszubringen. Versunken im Alltag habe ich Zeit, mich zu lösen, mich zu entspannen, den ganzen Körper.”
Ganz ehrlich, der Typ hat doch bestimmt keine Kinder. Und wenn ja, kümmert sich seine Frau um sie, während er achtsam den Boden wischt. Früher, ja früher konnte ich mich beim Putzen auch entspannen und hinterher im Einklang mit mir und meiner Wohnung die Ordnung und Klarheit genießen. Heutzutage putze ich mit zwei Kindern im Schlepptau. Meist streiten sie sich, wer den tolleren Lappen hat oder das Spritzdings haben darf. Kartoffeln schäle ich parallel zum Homeschooling. Wenn die Kinder nicht dabei sind, erledige ich alles im Zeitraffer, weil schon die nächste Aufgabe Schlange steht, ohne Sicherheitsabstand.

Achtsamkeit, my ass! Ich bin nicht achtsam. Ich bin Mutter. Ich habe keine Zeit, minutenlang achtsam auf einer Rosine rumzukauen. Wenn überhaupt bin ich achtsam, dass meine Kinder nicht vor einen Laster laufen oder sich beim Trampolinspringen das Genick brechen. Ich schmecke nicht mit allen Sinnen meinen Kaffee, weil meine Sinne damit beschäftigt sind, die Kinder zu beobachten, wie sie das erste Erdbeereis des Sommers genießen. Dann bin ich auch achtsam und ganz in diesem Moment, nur halt nicht in meinem Moment. Ich lebe seit sieben Jahren mit Second-Hand-Erlebnissen. Ich erlebe die meiste Zeit durch meine Kinder, begleite sie bei ihren kostbaren Ersterfahrungen, lache, weil sie lachen, fühle mich lebendig, weil sie leben. Natürlich verliere ich mich manchmal dabei. Aber ich hatte Zeit genug, entspannt atmend unter Bäumen zu sitzen. Jetzt putze ich verspannt das Klo. Wenn die Kinder aus dem gröbsten raus sind, sehen wir weiter.

Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, werde ich aber bestimmt keine Anhängerin der Achtsamkeitsindustrie. Von all den Büchern, Kursen und Sinnsprüchen. Ich bin Trends gegenüber zutiefst skeptisch. Das habe ich im Geschichtsunterricht so gelernt. Wenn ich mir ein Schild ins Haus hängen muss, um mich daran zu erinnern, dass ich Lachen, Lieben und Leben soll, läuft doch ohnehin etwas schief. Ich will mir nicht von Frauenzeitschriften im Wartezimmer erklären lassen, dass mein Waldspaziergang plötzlich das neue Trend-Achtsamkeitsritual Waldbaden ist. Achtsamkeitsbücher für Kinder sind das größte Absurdum. Ebenso wie Stoppersocken für Neugeborene. Kinder sind von Natur aus achtsam. Sie leben im Moment, nehmen sich Zeit, minutenlang eine Schnecke zu beobachten oder ihr Eis in Zeitlupe zu genießen, bis es auf den warmen Sommerasphalt tropft. Wenn Kinder nicht achtsam sind, liegt es in der Regel an ihren überspannten Eltern. Ihr merkt schon, ich bin heute überhaupt nicht achtsam. Die Tage haben seit Corona nicht genug Stunden. Es ist 21.30 Uhr und ich werde mir gleich, statt wie geplant Yoga zu machen, achtsam ein Bier hinter die Binde kippen. Achtsamkeit, my ass!

Donnerstag, 17. September 2020

Ich fordere eine FSK-Kennzeichnung für Gedichte. Gestern Abend ist der Fünfjährige irgendwo zwischen Goethe und Heine zitternd zurückgeblieben. Weil er oben auf seinem Hochbett kauerte, habe ich es zu spät bemerkt. Irgendwann kam ein gedämpftes Stimmchen unter der Bettdecke hervor: “Ich schwitze so unter der Decke, aber ich habe solche Angst, dass ich sie nicht wegnehmen kann.” Es war fast Neun, als die verängstigten Kinder mich endlich aus dem Zimmer ließen.
Begonnen hatte alles damit, dass wir im Wartezimmer beim Arzt ein Pixie-Buch angeschaut hatten, in dem die Mutter beim Zubettbringen Gedichte vorlas. “Weil ihr dabei besser einschlafen könnt als bei Abenteuergeschichten”, sagte sie zu ihren Kindern.
“Können wir das auch mal machen”, fragte die Siebenjährige und ich sagte ahnungslos: “Ja, das ist bestimmt schön.”
Am ersten Abend hatten wir einen guten Start mit mit dem melancholisch-schleppenden Metrum von Rilkes Panther, aber Theodor Storms “Von Katzen”, das ich bis dato selbst nicht kannte, kam dann beim Publikum nicht mehr so gut an. Es geht in dem Gedicht viel um Katzenbabys, die ertränkt werden sollen. Am zweiten Abend wählte ich daher Gedichte aus, die ich gut kannte und als Kind gemocht hatte. Am Ende von Goethes Zauberlehrling war ich jedoch selbst ganz atemlos, wir hörten Sturzbäche über unsere Treppe rauschen, fühlten uns von manischen Besen verfolgt und spürten die Verzweiflung des Zauberlehrlings über sein grandioses Scheitern der Selbstständigkeit. Im Anschluss hoffte ich mit “Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland” auf sicheres Terrain zu gelangen. Die Kinder mögen doch den Lolli-Opa hier im Dorf so gern und der alte Ribbeck ist ja auch so etwas wie ein Lolli-Opa nur halt mit Birnen. Wobei ich heutzutage den Kindern ganz schön die Leviten lesen würde, wenn sich sich von einem fremden alten Mann mit Birnen anlocken ließen. Im Halbdunkel klingt ein Birnbaum, der aus einem Grab erwächst, und eine flüsternde Friedhof-Stimme aber auch ohne pädophilen Kontext ganz schön gruselig. Ich schloss mit Heines “Lied der Loreley”, weil ich dachte, Nixen gehen immer, aber irgendwie kam ich von der Loreley auf Odysseus und die Sirenen und es ging plötzlich ziemlich viel um ertrunkene Matrosen und auf jeden Fall lesen wir morgen Harry Potter. Voldemort ist längst nicht so aufregend.

Mittwoch, 16. September 2020

Der Fünfjährige fand den Lockdown gar nicht so übel. Endlich durfte er jeden Tag zu Hause in Ruhe spielen und Erwachsene hielten Sicherheitsabstand zu ihm. Er ist eines dieser Kinder, denen auch wildfremde Menschen gern über den Kopf streichen und wohlmeinende Gesprächsangebote machen. Dabei kenne ich eigentlich kein Kind, das freiwillig mit Fremden Smalltalk macht.
Seit seinem Armbruch kriegt er ständig: “Was ist denn mit deinem Arm passiert?” zu hören. Im Supermarkt, auf der Straße, im Wartezimmer. Der Fünfjährige presst dann die Lippen zusammen und kriegt einen leeren Blick. Er hasst es, mit fremden Erwachsenen zu sprechen und tut dann immer so, als wäre er geistig zurück geblieben. Ich kann ihn verstehen, ich mochte es auch nicht, wenn mich Fremde auf meinen schwangeren Bauch ansprachen oder ihn gar ungefragt berührten. Nur leider muss man mit Kindern ja ständig zu irgendwelchen Früherkennungsuntersuchungen und da wäre es durchaus hilfreich, wenn das Kind auch mal den Mund aufmacht. Als wir zum Früherkennungstest für Kindergartenkinder unseres Landkreises mussten, war es besonders schlimm. Was vielleicht daran lag, dass gleich zu Beginn die Ärztin mich in seinem Beisein recht unfreundlich auf die fehlende zweite Masernimpfung hinwies. Die Tatsache, dass dies mit unserem Kinderarzt abgesprochen war, da der damals Dreijährige eine extreme Reaktionen auf die erste Masernimpfung gehabt hatte, interessierte sie nicht weiter. Danach war die Stimmung etwas angespannt und der Dreijährige nicht mehr kooperationsbereit. Als am Ende eine Sozialpädagogin ihm noch unvermittelt einen Ball entgegen warf, den er vor Schreck nicht fing, blockiert er endgültig. Er ließ die Arme demonstrativ hängen und verweigerte sich. Das hinderte die Pädagogin aber nicht, es noch mehrfach zu versuchen, so dass der Ball jedes Mal unverrichteter Dinge an seinem Bauch abprallte. Zum Abschluss fragte mich die Ärztin ebenfalls in seinem Beisein:
“Glauben sie eigentlich, dass die Schüchternheit ihres Sohnes bereits pathologisch ist?”
Leider war ich so überrumpelt, dass ich nur: “Äh, nee?” rausbrachte. Eigentlich hätte ich aber sagen müssen: “Was erlauben sie sich eigentlich, nach 20 Minuten mein Kind beurteilen zu wollen? Er ist Drei und hat keine von Ihnen jemals zuvor gesehen und diese ganze Situation ist äußert unnatürlich und deshalb gehen wir jetzt Eisessen.”
Der Dreijährige vertraute mir hinterher an, dass er die Frau nicht mochte und deshalb nicht mit ihr Ball spielen wollte. Unser Kinderarzt hat sich später fürchterlich über die Formulierung “pathologisch” aufgeregt.
“Sie glauben nicht, wie oft ich verunsicherte oder weinende Mütter in meinem Behandlungszimmer habe, denen eingeredet wird, ihre vollkommen normalen Kinder wären nicht richtig und therapiebedürftig”, schnaubte er. Als der Fünfjährige bei der U-Untersuchung letzte Woche nicht mit ihm sprechen wollte, hat er ihn nur angelächelt und gesagt: “Ich finde es gut, wenn jüngere Kinder Fremden gegenüber schüchtern sind. Das ist ein ganz normales Schutzverhalten.”
Danach hat sich der Fünfjährige sichtlich entspannt, ist vorbildlich auf einem Bein durchs Zimmer gehopst und hat alle Bildkarten richtig benannt. Ich wäre auch sehr gern bei unserem Kinderarzt in Behandlung. Ich habe so viele pathologische Verhaltensweisen, bei denen es schön zu hören wäre, dass es ganz normales Schutzverhalten ist.

Dienstag, 15. September 2020

Die Siebenjährige läuft mit ihren Krücken quer durchs Dorf, bis sie mich vor der Tür unserer Nachbarin findet. Ich hatte mich verquatscht, nachdem ich den Fünfjährigen zum Spielen abgeliefert hatte. Die Siebenjährige möchte von mir verarztet werden. Sie hat sich beim Kastanienmännchenbasteln ein Loch in die Hand gebohrt. Ihre Krücke ist etwas mit Blut verschmiert. Sie musste recht lange humpeln, um mich zu finden.
„Papa, war doch zuhause, warum hast du den nicht gefragt?“, sage ich.
„Der hat nur gesagt, ist doch nicht so schlimm und ist wieder in sein Arbeitszimmer verschwunden.“ Als Arzt-Enkeltochter besteht sie jedoch darauf, dass eine Wunde vernünftig desinfiziert und versorgt wird, bevor sie zur Tagesordnung übergeht. Also hat sie sich trotz Krücken auf eine Mama-Odyssee begeben.
Das erinnert mich an ein Bild der wunderbaren Illustratorin Paula Kuka, auf dem Vater und Sohn einträchtig nebeneinander mit Dinosauriern spielen. Dann steht der Junge auf, durchquert einen tiefen Wald, ein Gebirge und rudert über einen großen See, bis er endlich bei seiner Mutter ankommt und sagt: “Mama, ich habe Hunger.”

Das beschreibt unseren Familienalltag ziemlich gut. Friedolin behauptet, es hätte etwas mit den Brüsten zu tun. Weil ich gestillt habe, wären die Kinder stärker auf mich fixiert. Ich glaube es hat etwas mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu tun. Friedolin ist in Gedanken ständig bei all den wichtigen Dingen, die er noch zu erledigen hat. Das spüren die Kinder und lassen ihn in Ruhe. Ich bin zwar ebenfalls ständig in Gedanken, aber durchaus gleichzeitig in der Lage, den Kindern meine scheinbar ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Deshalb trage ich auch immer mein Cape mit der Aufschrift “Multitasking-Mama”. Aber vielleicht liegt auch alles nur an meinen Brüsten.

Montag, 14. September 2020

Der Fünfjährige macht jetzt in Bildende Kunst. Seine derzeitige Schaffensperiode heißt: Vor der zweiten Welle. Es ist viel Tesafilm involviert. Connoisseure performativer Gegenwartskunst konnten kürzlich Zeuge werden, wie in einem scheinbar zerstörerischen Akt eine langstielige Sukkulente in ihre Einzelteile zerlegt und mit einem Küchenmesser ihrer schützenden Außenhaut beraubt wurde. Dabei ging der Künstler ironisch auf das geltende Abstandsgebot ein, indem er als Teil der Performance Pflanzenteile in einem Umkreis von exakt anderthalb Metern von sich schleuderte. Anschließend applizierte er das organische Material mit Tesafilm auf einem DIN-A4 Blatt. In der Transformation von Natur zu Kultur wurde das Spannungsfeld zwischen Chaos und Norm erfahrbar. Der Tesafilm, als Inbegriff der Wegwerfgesellschaft, beraubt die bereits zerfallene Sukkulente ihrer organischen Haptik und stellt damit eine moderne Interpretation des Vanitas-Motives dar. Tesafilm und DIN-Norm als Symbole überdauernder irdischer Existenz stehen in starkem Kontrast zu der Vergänglichkeit des organischen Materials. Im Anschluss hängte der Künstler dies Memento Mori an den Kühlschrank, wo die Betrachter in den kommenden Wochen Zeuge sein dürfen, wie das Kunstwerk langsam verschimmelt.

Freitag, 11. September 2020

Mir fehlen Umarmungen. Dieses unnatürliche Innehalten auf Distanz bei der Begrüßung von lieben Freunden macht mich ganz zappelig. Meine Mutter lässt sich von den Kindern jetzt immer von hinten umarmen, also eine Popo-Umarmung. Das ist ihr Corona-Kompromiss, weil sich der Po ja nicht so schnell ansteckt. Natürlich darf ich meine Kern-Familie umarmen. Aber wenn ich meine Kinder umarme, wollen die immer gleich was von mir: Rücken kraulen, Geschichte erzählen, Hoppe Hoppe Reiter… Einfach mal umarmen ohne Dienstleistung gibt es nur selten. Und ja, ich habe auch einen Mann, den ich theoretisch umarmen könnte. Aber dafür müsste der erstmal stillstehen. Friedolin ist ja immer schwer beschäftigt. Trägt Baumstämme durch die Gegend, repariert Abflüsse oder führt stundenlange Telefonate. Ich denke dann immer, das ist bestimmt beruflich und lasse ihn in Ruhe. Aber seit Corona telefoniert er auch gern mal mit meinen Freundinnen, wenn die hier anrufen. Meistens bekomme ich erst mitgeteilt, dass meine Freundin am Apparat ist, wenn deren Zeitfenster zum Telefonieren schon fast wieder geschlossen ist und im Hintergrund irgendein Kind brüllt. Dann sagt sie: “Naja, Friedolin kann dir ja erzählen, was bei uns los ist” und legt auf. Was natürlich der absolute Oberwitz ist, weil Friedolin ja beim Telefonat seine Worte für den Tag aufgebraucht hat und mir lediglich eine Zusammenfassung morst, bei der er aus Effizienzgründen alle wichtigen Details weglässt. Das kommt aber am Ende aufs Gleiche raus, als hätte ich selbst telefoniert. Wenn ich telefoniere, muss ich ständig von Zimmer zu Zimmer flüchten, weil die Kinder hinter mir her sind und extra viele Geräusche machen, damit ich kein Wort verstehe. Sie sind wie Katzen, die einem beim Zeitung lesen auf die Zeitung springen, um sie zu zerfetzen. Also schließe ich mich mit dem Telefon im Klo ein, aber dann hämmert der Fünfjährige so lange gegen die Tür, bis ich einen massiven Wutanfall kriege. Deshalb reagiere ich leicht verschnupft, wenn Friedolin entspannt mit meinen Freundinnen telefoniert. Also hebt er jetzt nur noch den Hörer ab, wenn er sieht, dass es für mich ist, und bringt mir stumm das Telefon. Er sagt vorher auch nicht “Hallo, hier ist Friedolin” oder “Sie wünschen?” oder “Firma Röhrich, Gas, Wasser, Scheiße” oder was man halt so sagt, wenn man den Hörer abnimmt. Meine Freundin hört dann am anderen Ende der Leitung nur knackendes Rauschen und denkt: “Ach, die auf dem Land haben mal wieder ein Problem mit ihrer Leitung” und legt auf.
Telefonieren ist ohnehin kein Ersatz für Umarmungen. Kontaktsport ist ja wieder erlaubt. Vielleicht biete ich mich unserem Sportverein mal als Team-Leiterin an für die neue Trendsportart: Extrem-Umarming. Anmeldungen werden ab jetzt entgegengenommen.

Donnerstag, 10. September 2020

Der Bussard hat unser Wunderhuhn getötet. Als ich gestern in den Garten kam, sah ich noch, wie er auf ihr hockte und sie in Einzelteile zerlegte. Dann flog er mit kräftigen Flügelschlägen davon. Für ein paar Minuten hielt ich mich wie eine im Sturm schwankende Tanne am Komposthaufen fest und wusste nicht, was ich tun sollte. Die Kinder haben in den letzten Monaten so viel mit gemacht. Lockdown, Großeltern fort, angespannte arbeitslose Eltern, Armbruch, Bänderriss und jetzt auch noch Puschi. Der Fünfjährige hatte sie so getauft, weil sie Federn an den Füßen hat, … hatte, die wie riesige Puschen aussahen. Wenn wir im Garten saßen, flatterte sie auf den Tisch und stolzierte zwitschernd zwischen den Tellern umher, bis die Siebenjährige sie auf den Schoß nahm und fütterte. Wenn die Kinder sie streichelten, machte sie Geräusche wie ein kleiner Singvogel. Mit ihr hatten die Kinder die Greifvogel-Show einstudiert, bei der Puschi auf dem ausgestreckten Arm der Siebenjährigen saß, um dann eine Nudel im Sturzflug zu erledigen. Nach unserem Marderschaden vor fünf Jahren, dem neun Hühner zum Opfer fielen, hatte ich mir geschworen, Hühnern nie wieder Namen zu geben und keine enge Beziehung zu ihnen aufzubauen. Jetzt stehe ich am Komposthaufen und schluchze. Dann gehe ich zu den Kindern. Wir setzen uns unter den Ahornbaum, erzählen die schönsten Puschi-Geschichten und weinen gemeinsam. Der Bussard hätte auch die sieben anderen Hühner holen können, das wäre zwar nicht schön, aber ertragbar gewesen. Ich wüsste gern, was uns das Schicksal damit sagen will, dass er ausgerechnet die unersetzbare Puschi geholt hat. Dann springen die Kinder auf und rasen geschäftig durch den Garten, um Puschis kläglichen Überresten ein schönes Grab zu bereiten und Sträuße aus ihren Federn zu binden. Im Anschluss sind sie schon wieder guten Mutes. Manchmal wäre ich gern wieder klein, die Melancholie liegt immer noch wie ein schwerer Mantel auf meinen Schultern. Ich habe mich in den letzten Monaten so oft wieder aufgebaut, gerade mag ich nicht mehr.

Als ich spät am Abend in den Garten gehe, um den Hühnerstall zu schließen, läuft die alte Leithenne noch aufgeregt über die Terrasse. Normalerweise sitzen um diese Uhrzeit längst alle Hühner auf der Stange, sie sucht unser federfüßiges Puschenhühnchen. Puschi war ihr Ersatzküken, die beiden saßen nachts eng aneinander geschmiegt auf der Stange und die alte Henne legte ihren Flügel über Puschi. Sie hatte sie unter ihre Fittiche genommen.
“Puschi ist nicht mehr da”, sage ich zu der Henne. “Ich vermisse sie auch. Aber du musst jetzt in den Stall, bevor der Marder kommt.” Dann gehen die Henne und ich gemeinsam zum Hühnerstall und ich schließe die Tür hinter ihr.

Ich fühle mich gerade wie in einem dieser Englischen Klassiker, wo Protagonisten und Leser mit einer Kette qualvoller Ereignisse gequält werden, nur damit dann am Ende die reiche Erbtante oder Mr. Darcy um die Ecke kommt. Also, jetzt wäre dafür ein ganz guter Zeitpunkt.

Mittwoch, 09. September 2020

Unsere Kinder haben Großeltern adoptiert. Weil sie ihre eigenen Großeltern seit Corona nur noch selten und mit Sicherheitsabstand sehen, haben sie sich kurzerhand neue organisiert. Kinder sind pragmatisch. Seitdem gibt es allerdings ständig Streit, wer bei den Ersatz-Großeltern spielen darf. Zur Zeit sogar handgreiflich mit Krücken und Gips.

Den Opa hatten sie schon lange im Visier. Wenn die Kinder ihm im Dorf begegnen, setzen sie ihre großäugigen Katzenbabyminen auf, denn er hat immer etwas Süßes für seine Enkel in der Hemdtasche. Anfangs war der Fünfjährige mit dem neuen Opa noch etwas schüchtern. Der Opa nennt ihn Benjamin Blümchen, wegen seiner Vorliebe für geblümte Kleidung. Der Fünfjährige war sich zunächst nicht sicher, ob er das lustig oder beleidigend finden sollte. Mittlerweile grüßt er ihn freudestrahlend, wenn sie sich über den Weg laufen. Der Opa ruft: “Hallo Benjamin” und der Fünfjährige kräht: “Hallo Eumel” und beide lachen sich kaputt. Er ist sehr stolz, dass der Opa für ihn einen eigenen Spitznamen hat. Jetzt hat er sogar mit Basteln angefangen, obwohl ihn das bisher nicht so interessiert hat. Seine Adoptions-Oma hat einfach bessere Bastel-Ideen als ich. Wenn ich die Kinder von den Ersatz-Großeltern abholen möchte, muss ich Zeit einplanen, weil sie sich mal wieder in einem der vielen Baumhäuser verstecken oder immer im Kreis ums Haus vor mir davon laufen. Sie wollen partout nicht nach Hause.

Es gibt in puncto Großeltern-Gate ein deutliches Stadt-Land-Gefälle. Bei uns auf dem Dorf haben sich die Großeltern während Corona kaum vor ihren potentiell infektiösen Enkeln in Sicherheit gebracht. Vielleicht, weil Corona hier gefühlt weiter weg war. Außerdem sind viele Dorfkinder nur in Kurzzeitbetreuung und um 12 Uhr wieder zu Hause. Da könnten die Eltern gar nicht arbeiten gehen, ohne Unterstützung aus der Familie. Die Generationen leben eng verwoben miteinander.
In der Stadt hingegen sind viele Kinder bis nachmittags in Kindergarten, Ganztagsschule oder Hort untergebracht, da sind die Großeltern nicht so stark eingebunden oder leben ohnehin weit entfernt. Wir sind in der Beziehung eine ungünstige Kombination aus Stadt und Land. Die Kinder sind um 12 Uhr wieder da, aber wir haben keine Familie vor Ort zur Unterstützung. Zum Glück hatte meine Mutter nach acht Wochen Selbstisolation so große Sehnsucht nach ihren Enkelkindern, dass wir sie wieder regelmäßig sehen. Ohne sie hätten wir unsere Sommer-Open-Airs gar nicht spielen können und ich hätte irgendwann vollends die Nerven verloren. Vielleicht sollten wir ihr mal ein Hemd schenken, in dem sie Süßigkeiten verstecken kann.

Dienstag, 08. September 2020

Wir müssen ab jetzt unsere Haustür nachts abschließen. Damit der Fünfjährige nicht im Morgengrauen das Haus verlässt, um an der Bushaltestelle Kastanien zu sammeln. Zu seinem Leidwesen sind die Schulkinder morgens als erste an der Haltestelle. Wenn er und ich fünfzig Minuten später dort auf den Kindergartenbus warten, sind bereits alle Kastanien weg.
“Dafür bist du mittags früher wieder hier”, tröste ich ihn.
“Aber nachts haben die Kastanien viel mehr Zeit zum Runterfallen. Das ist so ungerecht”, sagt er.
Plötzlich kann er seine Einschulung kaum erwarten. Nicht, weil er Lesen und Schreiben lernen möchte, sondern weil er dann als Erster bei den Kastanien sein kann. Auf meine Frage, was er denn mit den ganzen Kastanien vorhabe, guckt er mich nur verständnislos an. Es ist natürlich eine dieser völlig unsinnigen Erwachsenenfragen. Was soll man mit Kastanien schon vorhaben? Sie besitzen, natürlich. Weil sie so glänzend herbstbraun sind und wunderbar in der Hand liegen. Und weil das Sammeln ein tiefes Urbedürfnis befriedigt. Letztes Jahr ist allerdings ein ganzer Haufen Kastanien in der hintersten Ecke meiner Wäschekammer verschimmelt, wo sie ein blondes Eichhörnchen versteckt hatte.

Dieses Jahr werde ich mir einfach welche klauen und Waschmittel draus machen. Dazu muss man acht reife Kastanien mit dem Messer vierteln, mit 300 ml Wasser übergießen und acht Stunden stehen lassen, bis sich beim Schütteln seifenartiger Schaum bildet. Abgeseiht ist es mit ein paar Tropfen ätherischen Öls ein prima Waschmittel für Buntwäsche.
Mit den restlichen Kastanien werden die Kinder zum Männchenbasteln verdonnert. Nachdem sich die Siebenjährige dabei ein Loch in die Hand gebohrt und sich der Fünfjährige einen Zahnstocher unter den Fingernagel geschoben hat, nimmt die Kastanienmanie spürbar ab. Immerhin können wir jetzt sagen, dass sie die Weihnachtsgeschenke für die Großeltern mit Herzblut gebastelt haben.

Montag, 07. September 2020

Am Wochenende haben wir mal wieder einen Ausflug in die Notaufnahme gemacht. Die Siebenjährige hat sich zum einjährigen Jubiläum ihres Bänderrisses erneut einen Außenbandriss zugezogen. Der Fünfjährige hatte sich hinter der Tür versteckt und laut “Buh” gerufen, als sie um die Ecke kam. Vor Schreck ist sie zur Seite gesprungen, umgeknickt und mit dem Fuß gegen die Wand geknallt. Ich hatte mich darauf gefreut, am Samstag einfach mal nichts, rein gar nichts zu tun und am Ende saßen wir wieder drei Stunden in der Notaufnahme unter Coronabedingungen. Die Siebenjährige hatte sich so gefreut, dass Schule und Sport nach den Sommerferien endlich normal weiter gehen. Jetzt darf sie für sechs Wochen keinen Sport machen und wird eine Woche an Krücken gehen. Für Kabarettisten haben wir verdammt schlechtes Timing. Sie hat aber die ganze Zeit gelächelt und fröhlich vor sich hingeplappert. Als sie Friedolin und mein blasses Gesicht sah, hat sie trotz Schmerzen in den Eltern-entlasten-Modus geschaltet. Ältere Geschwister neigen ja dazu, das Familiensystem schützen zu wollen und sie hat sofort verstanden, dass ein Kind mit Gips und eins mit Krücken jetzt nicht so der Knaller für unsere ohnehin mit Corona-Schlagseite schlingernde Familie ist. Aber natürlich soll sie nicht das Gefühl haben, mit ihren sieben Jahren irgend jemanden entlasten zu müssen. Also habe ich versucht, aus unserem Krankenhausaufenthalt superduper Mutter-Tochter-Quality-Time raus zu holen. Wir haben ja selten Zeit zu zweit. Es stellte sich heraus, dass auch der Mann mit der Schnittwunde und die Frau mit dem kaputten Hacken gern bei der “Unendlichen Geschichte” zuhören wollten. Zuhause ging dann direkt die Diskussion los, ob ein Kind mit Gipsarm oder ein Kind mit Krücken und Orthese besser aufs Hochbett klettern kann. Am Ende musste der Fünfjährige oben schlafen.
“Wenn du mich mit deinem Gips hauen kannst, kannst du damit auch aufs Hochbett klettern”, stellte die Siebenjährige lakonisch fest. Das hat der Fünfjährige auch sofort eingesehen. Am nächsten Tag brachte er ihr reumütig Kaninchen und Hühner zum Streicheln und hat sie nicht einmal “dumme dumme Kuh” genannt. In der Nacht hat er prompt Husten und Schnupfen bekommen und geht ab heute mal wieder nicht in den Kindergarten. Eigentlich bin ich ja nicht so ein Fan von Emojis. Einzig das Facepalm-Emoji, das eine Person zeigt, die sich die Hand vor den Kopf schlägt, nutze ich gern. Da muss ich nur unter kürzlich verwendete Emojis gucken und prompt ist es da.

Freitag, 04. September 2020

Der Fünfjährige misst Zeit in Heißgetränken.
“Mama, spielst du was mit mir?”
“Gleich.”
“Wann ist gleich?”
“Wenn ich meinen Kaffee ausgetrunken habe.”
“Darf ich mal gucken, wie viel noch drin ist? Aha.”

Dieser Dialog wird nach jedem getrunkenen Schluck wiederholt, bis mein Becher leer ist.
Der sinkende Kaffeepegel ist nachvollziehbar als Zeiteinheit. Schwieriger wird es für ihn, wenn ich auf dem Klo bin.
“Mama, komm mal ganz schnell.”
“Kann gerade nicht, frag Papa.”
“Wo bist du denn?”
“Geh zu Papa.”
“Papa, wo ist Mama?”
Friedolin: “Auf dem Klo.”
Herzlichen Dank, wenn ich gewollt hätte, dass der Fünfjährige weiß, wo ich bin, hätte ich es ihm auch selbst sagen können.
“Mama, bist du unten oder oben auf dem Klo?”
“Unten.”
“Machst du Aa oder Pipi.”
“Wenn du was willst, frag Papa.”
“Ich soll Papa fragen, ob du Aa oder Pipi machst?”
“…”
“Wenn du mir sagst, ob du Aa oder Pipi machst, weiß ich ja, wie lange du noch brauchst.”

Diese Dialoge enden meist damit, dass ich wutentbrannt aus dem Badezimmer komme und sowohl Friedolin als auch dem Fünfjährigen eine Tirade entgegen schleudere, in denen Wörter wie: “kann man nicht einmal in Ruhe…” und “Verstopfung” vorkommen.

Der Fünfjährige verkriecht sich dann unter der Treppe, bis ich einmal tief durchgeatmet habe und frage: “Was war denn so dringend?”
Dann zeigt er mir, dass seine Playmobilmeerschweinchen total viel Spaß haben, wenn sie mit seinem Playmobil-Gabelstapler mitfahren und die Playmobilhasen jetzt aber eifersüchtig sind, weswegen ich mich bitte kurz um sie kümmern muss. Dabei ist er so herzzerreissend niedlich, dass ich mir vornehme, beim nächsten Mal einfach nur Friedolin anzuschnauzen.

Donnerstag, 03. September 2020

Die Siebenjährige hat Beef mit den Busfahrern. Offenbar ist es für die ständig wechselnden Fahrer schwierig, in einem Dorf mit 800 Einwohnern die richtige Haltestelle zu finden. Es gibt zwar nur eine und die liegt gut sichtbar an der Hauptstraße, das hindert die Fahrer aber nicht daran, sie einfach irgendwo raus zulassen. Am anderen Ende des Dorfes zum Beispiel. Oder an der Bundesstraße. Wenn die Siebenjährige sich darüber beschwert, antworten sie: “Ich werde ja wohl am besten wissen, wo die Haltestelle ist.” Auch wenn die Fahrer die Strecke zum ersten Mal fahren, halten sie lieber irgendwo, anstatt den täglich fahrenden Kindern zu glauben. Ich habe mich mehrfach bei dem Unternehmen, das für den öffentlichen Nahverkehr zuständig ist, beschwert. Die danken mir dann für meine Nachricht und beteuern, es an die Busfahrer weiter zu geben. Was aber nichts nützt, da ja ständig neue Fahrer unterwegs sind. Dazu muss man sagen, dass es für jüngere Kinder nicht ganz ungefährlich ist, alleine durchs Dorf zu laufen. Die Straßen sind kurvig und schlecht einsehbar, es gibt keine Zebrastreifen oder Ampel, in vielen Bereichen noch nicht mal durchgehende Bürgersteige. Eine Zeitlang holte ich sie täglich von der Haltestelle ab, da ein Mädchen vor ihrer Schule von einem fremden Mann angesprochen worden war, der sie ins Auto locken wollte. Aber ich wartete oft vergebens, weil sie wieder woanders rausgelassen worden und alleine nach Hause gelaufen war. Den Busfahrern ist die Sicherheit der Kinder scheinbar nicht so wichtig. Wenn Erstklässler zu spät drücken, fahren sie auch mal an der Haltestelle vorbei, selbst wenn die Mütter dort stehen und winken. Wenn die Kinder hinten rumalbern, maßregeln die Fahrer sie gern mit Vollbremsungen oder Kurvenmanövern mit überhöhter Geschwindigkeit.
Seit Corona ist das anders. Die Fahrer achten streng darauf, dass die Kinder im Bus ihre Atemschutzmasken tragen und werden nicht müde, ihnen im Kasernenton damit zu drohen, dass sie sie sofort aus dem Bus werfen, sollten sie über die Überwachungskameras sehen, dass die Kinder die Maske einmal absetzen. Überwachungskameras und Masken scheinen dem Naturell der Busfahrer entgegen zu kommen. Nur einen Busfahrer mag die Siebenjährige sehr gern. Er grüßt die Kinder freundlich, fragt sie, wo sie rausmüssen und lobt ihre hübschen Fotos auf den Fahrkarten. Aber der wohnt auch noch nicht so lange in Deutschland.

Mittwoch, 02. September 2020

Die Mauersegler sind fort. Der Himmel über unserem Garten ist seltsam still und leer. Früh morgens auf dem Weg zum Kindergartenbus schmeckt die Luft schon nach Laub und Fallobst und Abschied. Der Fünfjährige bläst Atemwolken vor sich in die kalte Luft wie eine Miniatur-Dampflok und sammelt unreife Albino-Kastanien. Die Siebenjährige ist mit Tierhaaren übersät, unsere Kaninchen bekommen Winterfell. Ich frage mich, ob ich je wieder Winterfell sagen kann, ohne an Game of Thrones zu denken. Die Hühner haben die Mauser beendet und uns ihre filigran gemusterten Federn überlassen. Jetzt legen sie wieder Eier, bevor sie für die dunkle Jahreszeit endgültig pausieren. Ich trockne Kaninchenfutter und Teepflanzen. Wenn wir sie im Winter räuchern, wird der Geruch die Erinnerung an helle Tage unter freiem Himmel wecken und uns wärmen. Aber vorher muss ich noch die Zucchini und Tomatenernte verarbeiten. Die Zucchini wachsen in der hintersten Ecke des Ackers. Wenn ich viel zu tun habe, vergesse ich manchmal, dort vorbei zu schauen. Also haben wir immer mal wieder Giganten-Zucchini, die tagelang wie ein schlechtes Gewissen auf der Arbeitsplatte der Küche lagern. Einmal wuchs so eine auf unserem Balkon im fünften Stock in der Stadt. Eine Zucchini-Ranke hatte sich unbemerkt unter den Balkon geschlängelt. Irgendwann klingelten die Nachbarn von unten und überreichten uns die Monsterzucchini. Zum Glück hatte sie niemanden erschlagen.
Unser Garten legt sein Herbstkleid an: rostrote Hagebutten, braune Haselnüsse, Goldrute und Blutpflaumen, leuchtende Kürbisse und rotbackige Äpfel. Die Holunderbeeren sind auch fast reif, das große Einkochen kann beginnen. Marmelade für die Kinder, Chutney für die Erwachsenen. Meteorologisch befinden wir uns bereits im Herbst. Ich halte aber beharrlich am Begriff Altweibersommer fest und hoffe für uns und die Tomaten noch auf ein paar milde Tage. In diesem Jahr will ich den Sommer nicht gehen lassen. Normalerweise freue ich mich auf die stille und klare Jahreshälfte. Auf den gemütlichen Rückzug, auf Abende vorm Kachelofen mit Wollsocken und Abenteuergeschichten und verschmusten Kindern. Im Sommer sind wir immer in Bewegung, wir leben im Garten, im Wald, am See, unser Haus verwaist. Es ist schön, sich mit den kürzer werdenden Tagen in jeder Hinsicht in die Innenräume zurückzuziehen.
Aber die zweite Welle rollt bereits mit Kraft heran. Im Moment stehen Innenräume nicht mehr nur für Schutz und Rückzug sondern auch für ein erhöhtes Ansteckungsrisiko. Die Open-Airs, die wir im Sommer spielen durften, gaben uns ein trügerisches Gefühl von Leichtigkeit und Normalität. Es wird sich erst zeigen, ob sich die Zuschauer im Herbst wieder in die geschlossenen Räume der Theater trauen.

Dienstag, 01. September 2020

“Toll, dass es für euch endlich weiter geht!”, sagte eine Nachbarin gestern zu mir.

“Was genau?”, fragte ich verwirrt, denn gerade habe ich eigentlich das Gefühl, dass nichts weiter geht. Vor allem die Siebenjährige mit ihren Krücken nicht. Der Fünfjährige hat sich zwei Nächte hintereinander im Schlaf den Gips vom Arm gezogen, keine Ahnung, wie so etwas überhaupt möglich ist, also auch dort kein sichtbarer Fortschritt.
“Na, ich meine, dass die Theater jetzt wieder aufhaben”, sagte sie. Ich atmete tief durch. Und erzählte ihr, was ich seid Tagen immer wieder erzähle. Unserer Familie, unseren Freunden, Journalisten. Nein, es geht nicht wirklich weiter. Ja, ein paar Theater öffnen ihre Bühnen im Herbst. Aber nur die Bühnen, die die strengen Hygieneanforderungen erfüllen können. Viele können jedoch auf Grund der Abstandsregeln nur ein Drittel ihrer normalen Zuschauerzahl in die Säle lassen, gerade für die kleineren Bühnen bedeutet das ein Minusgeschäft und sie bleiben zu. Die ersten Theater schließen gerade für immer. Aber jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem. Ja, wir DÜRFEN wieder spielen. Aber wir KÖNNEN nur spielen, wenn auch Zuschauer kommen. Die sind aber verständlicherweise noch sehr zögerlich, sich eine Abendveranstaltung in geschlossenen Räumen anzusehen. Ich weiß nicht, ob ich gerade ins Theater gehen würde, wenn ich nicht dort arbeiten müsste. Die Frage ist aber: Warum ist das so?
Meine Mutter fuhr neulich in einem völlig überfüllten ICE nach Kiel, die Fahrgäste saßen sogar auf dem Boden im Flur. Da scheint die Angst vor Ansteckung nicht so groß. Viele meiner Bekannten gehen wieder in Restaurants. In den Urlaub sind auch etliche Menschen geflogen, manche sogar in Risikogebiete. Wir spielen wieder Fußball und Handball mit Kontakt, schicken unsere Kinder in die Schule und in den Kindergarten. Also, warum trauen wir uns das alles, aber nicht ins Theater?
Weil viele Kabarett-Zuschauer zur Risikogruppe gehören und lieber zu Hause bleiben? Weil das Geld nach Corona knapp ist?
Weil Theater verzichtbar ist? Möglich. Aber bei unseren Open Airs haben uns viele Zuschauer erzählt, wie glücklich sie waren, endlich mal wieder unter Menschen zu sein und echten Menschen auf der Bühne zusehen zu dürfen. Dass es sie noch für Tage beseelt hat.

Ich glaube ehrlich gesagt, es liegt vor allem an der Berichterstattung über Corona. Von Anfang an wurde vor Veranstaltungen gewarnt, vor dem Ansteckungsrisiko. Zurecht natürlich. Aber das war BEVOR die Theater Hygienekonzepte mit Abstandsregeln erarbeitet hatten. Aber trotz aller Bemühungen seitens der Bühnen riet Jens Spahn davon ab, Veranstaltungen zu besuchen. Er meinte damit zwar vor allem große Privatfeiern, gesagt hat er aber: Veranstaltungen. Danach brachen die Kartenvorverkäufe ein. Die ersten Auftritte wurden wegen mangelnden Vorverkaufs wieder abgesagt. Dieses Hin und Her, diese Unsicherheit ist es, die sehr an uns nagt. Wir hätten weniger Probleme damit, wenn beschlossen worden wäre: Wir machen alles bis Dezember dicht. Wenn die Ansteckungsgefahr im Theater wirklich groß wäre, wäre das doch nur konsequent. Dann hätten wir uns neue Jobs gesucht. Nicht schön, aber machbar. So fühlt es sich an wie ein Sterben auf Raten. Für die Bühnen und für uns. Aber wenn die Bühnen unter Auflagen wieder öffnen dürfen, kann es doch nicht gefährlicher sein, als Zug zu fahren oder Hallensport zu betreiben.

Wir haben lange die Füße still gehalten und gesagt: Es ist Corona, so ist es halt, das ist für alle schwer. Aber langsam beginnt das Unverständnis. Warum dürfen die und wir nicht? Wieso ist das erlaubt und das nicht? Warum erhalten die so viel finanzielle Unterstützung und wir nicht? Dieser zum Teil unlogische Flickenteppich aus Verboten und Regeln macht es für uns immer schwerer, unsere Situation zu akzeptieren.
Also: Es geht für uns Kulturschaffende erst weiter, wenn die Menschen sich wieder so sicher fühlen, dass sie in die Theater zurück kehren. Die Theater haben gute und strenge Hygienekonzepte ausgearbeitet. Sogar Drosten ist vorsichtig optimistisch. Jetzt ist es an uns, es auch zu sein. Zumindest wenn wir wollen, dass es die deutschen Bühnen und Künstler nach Corona noch gibt.

#kulturerhalten
#alarmstuferot

Montag, 31. August 2020

Es ist Mitternacht. Sie stehen im Halbkreis um mich herum und diskutieren, ob sie nun “Happy Birthday” oder “Wie schön, dass du geboren bist” singen sollen. Ich sage: “Bitte auf keinen Fall “Wie schön, dass du geboren bist”. Sie singen “Wie schön, dass du geboren bist”. Dann entsteht eine seltsame Pause. Es ist der Moment, an dem man das Geburtstags”kind” eigentlich der Reihe nach in den Arm nimmt. Aber es ist Corona und ich kenne die meisten kaum. Es sind die Helfer unseres Auftritts bei den Deisterspielen. Also wahren sie Abstand und winken mir schief lächelnd aus sicherer Distanz zu. Friedolin vergisst, dass wir ja zu einem Haushalt gehören und bleibt auch stehen. Es ist das erste Mal seit 10 Jahren, dass ich in meinen Geburtstag rein feiere und keiner nimmt mich in den Arm. Ich bin ein bisschen deprimiert und freue mich auf die klebrigen Umarmungen und feuchten Küsschen der Kinder morgen früh. Eigentlich ist es auch gar kein Reinfeiern, das Abbauen der Instrumente und Technik hat gedauert und dann war es halt schon Mitternacht.
Alle sind übernächtigt, weil gestern die erste After-Show-Party etwas aus dem Ruder gelaufen ist und das tagelange Planen und Aufbauen doch Kräfte zehrend war. Ich bin gestern Abend nach dem ersten Auftritt zeitig und nüchtern zu unseren Kindern und Tieren gefahren und versuche nicht enttäuscht zu sein, dass ich die eigentliche Party verpasst habe. Wobei die eigentliche Party zwei Auftritte mit unserem sehr tollen und lieben Kollegen Matthias Brodowy waren. Vor echten Menschen. Vielen Menschen. Glücklichen Menschen. Außerdem dürfen wir heute mit den Kindern im Schullandheim Springe übernachten, vor dessen wunderschöner Kulisse wir aufgetreten sind. Der Fünfjährige war bereits um 21 Uhr während unseres Auftritts auf der Picknickdecke eingeschlafen. Die Siebenjährige ist noch bis 23 Uhr mit Wunderkerzen durch die Nacht getanzt, aber dann kippten ihre Augen nach innen und sie nuschelte immer wieder: “Der Matthias Brodowy sollte Clown werden, der ist so lustig.” Dann brachte meine Mutter sie ins Bett. Meine tolle Mama, die am Morgen mit den Kindern noch “heimlich” Zimtwecken für meinen Geburtstag gebacken hat, während ich demonstrativ Kaninchenfutter sammeln gegangen bin. Der Fünfjährige hatte Teigklumpen in den Haaren, hinter den Ohren, in der Nase, eigentlich überall, außer am Gips. Trotzdem sitze ich hier und bin ein bisschen heulig. Wie immer an meinem Geburtstag. Neben mir klafft ein Großvater-förmiges Loch im Universum. Ich war vor all den Jahren sein Geburtstagsgeschenk. Er fehlt mir sehr. Alles Liebe zum Geburtstag, Opi. Bevor ich endgültig in Melancholie versinke, kommt unser Tontechniker als Letzter vom Bühnenabbau, ruft: “Ach, du hast ja jetzt Geburtstag” und zieht mich lachend in eine Bärenumarmung. Ein paar rufen kaum ernst gemeint “Sicherheitsabstand” und “Corona” und er grinst jungenhaft und sagt: “Hab ich gerad mal kurz vergessen” und ich schließe die Augen und denke: Eigentlich ist doch alles ganz wunderbar.

Freitag, 28. August 2020

Die Siebenjährige hat einen “Schönhaitzsalong” eröffnet. Um das Geschäft anzukurbeln, verteilt sie selbst gemalte Werbezettel im Haus. Darauf stehen jedoch weder Preise noch die angebotenen Leistungen. Lediglich: “Schönhaitzsalong! Bitte Portmorne mitbringen“. Dieses Zurückhalten von Information hätte mich skeptisch machen sollen. Ähnlich wie bei windigen Umzugsunternehmen, die ein Pauschalangebot machen und hinterher immer noch was drauf schlagen, weil sie ansonsten leider den riesigen Pax-Kleiderschrank auf der Straße stehen lassen müssen.
Der Fünfjährige ist als Erster dran. Er muss allerdings ziemlich lange im Vorzimmer warten, weil das Salon-Schild noch nicht fertig ist. Schließlich klebt die Siebenjährige mit geschäftiger Miene einen Zettel an ihre Zimmertür: “SchönHaitzSalong Zum goldenen Schlüssel: Negel machen, Hare machen, Gesicht schminken.”

Ich habe keine Ahnung, woher sie weiß, was ein Schönhaitzsalong ist, habe aber ihre 11-jährige Cousine in Verdacht. Die verwüstet derzeit täglich die Küche, um Gesichtsmasken anzurühren. Endlich öffnet sich die Tür und der Fünfjährige darf rein. Er handelt einen Sonderpreis aus, weil er auf Grund seines Gipsarms ja nur eine Hand hat, bei der man die Nägel machen kann. Ebenso wie er darauf besteht, dass wir zur Zeit sagen: “Jetzt geh mal Hand waschen.” Und nicht Hände waschen.
Sie einigen sich auf 2 Cent. Was ich in Anbetracht der Tatsache, dass der Salon auf Grund von Corona verschärfte Hygieneanforderungen und einen höheren Personalaufwand hat, einen fairen Preis finde. Im Salon wird viel gekichert. Dann kommt der Fünfjährige mit knallroten Lippen wieder heraus. Sie haben exakt dieselbe Farbe wie der Lippenstift, den ich für die Bühne benutze. Er steht ihm definitiv besser als mir.
Als Friedolin kurze Zeit später aus dem Salon kommt, verlangt er direkt sein Geld zurück, weil ihn alle Nachbarskinder auslachen, die sich mittlerweile als Schaulustige eingefunden haben. Meine Bemerkung, dass die bunte Kinderschminke und die rosa Haarspange durchaus eine Verbesserung darstellen, hilft auch nicht gerade. Dann darf endlich ich rein, aber meine Laune sinkt schlagartig.
“Warum muss ich denn 20 Cent bezahlen? Die anderen haben doch nur 2 Cent bezahlt!”, frage ich.
„Du bist halt schon so alt, Mama”, sagt die Siebenjährige entschuldigend. “Da ist die Behandlung schwieriger.“
“Dann hätte ich gern das Alte-Leute-Verwöhnprogramm, ohne Schminke, dafür mit Gesichtsmassage.”
Die Siebenjährige drückt mich burschikos auf ihr Bett und beginnt, mein Gesicht großflächig in meiner teuren Weleda-Creme zu marinieren. Es ist erstaunlich entspannend. Als ich kurze Zeit später unsanft geweckt werde, fühle ich mich erfrischt und die goldenen Punkte und Linien unterstreichen durchaus meinen Typ. Wobei ich noch nie wusste, welcher das ist. Im Zweifel Friedolin. Dienstag und Donnerstag hat sie übrigens noch Termine frei.

Donnerstag, 27. August 2020

Der Fünfjährige und ich wachen verkatert im Krankenhaus auf. Besser gesagt, er wacht auf, ich habe gar nicht geschlafen. Das Baby im Nachbarzimmer hat die Nacht hindurch geschrien und der Fünfjährige sich mehrfach den Pulsmesser vom Finger gerissen, woraufhin jedes Mal der Alarm neben dem Bett los ging. Dann riss er sich auch noch den Zugang aus der Armbeuge. Die blutige Nadel kam mir im Halbdunkel unfassbar lang vor, ich war froh, dass sie nicht mehr in meinem Kind steckte. Ich sinniere übernächtigt über die Superkräfte von Eltern, deren Kinder ernsthaft erkrankt sind. Ich fühle mich schon nach einer Nacht im Krankenhaus total ausgelaugt. Wenn Kinder sich etwas brechen, ist das ja eigentlich nicht dramatisch. Sie gewöhnen sich so schnell an den Gips. Sobald nach drei Tagen die Schmerzen besser sind, hüpfen sie schon wieder durch die Gegend, als ob nichts wäre. So war es zumindest bei der Siebenjährigen. Sie hatte sich vor gut zwei Jahren den Arm gebrochen, weil sie mit schwitzigen Händen vom Klettergerüst abgerutscht war. Das war vom Bruch her unkomplizierter, weil sie nicht operiert werden musste und wir nach ein paar Stunden wieder aus dem Krankenhaus raus konnten. Aber es hat uns trotzdem sehr mitgenommen, weil wir gerade auf Tour in Bayern waren und am selben Abend noch einen Auftritt spielen mussten. Die damals Vierjährige und ich waren zwar der festen Überzeugung, dass man so einen Auftritt auch absagen kann, wenn sich das Kind gerade den Arm gebrochen hat. Aber wir wurden überstimmt. Also musste ich das mit Schmerzmitteln vollgepumpte Kind bei 32 Grad mit meiner Mutter in einem Hotel an der Autobahn zurücklassen, wo man die Fenster nicht öffnen konnte, und 250 Menschen zum Lachen bringen, obwohl mir selbst nach Heulen zu Mute war. Keine zehn Tage später bestand die Vierjährige darauf, mit Gummiüberzug über dem Gips ihren Seepferdchen-Schwimmkurs fortzusetzen. Kinder sind hart im Nehmen.
Der Fünfjährige hat noch kein Schmerzmittel bekommen, weil er nach der Narkose zu groggy war, um es zu schlucken und der Zugang ja raus war. Als der Arzt bei der Morgenvisite kurze Zeit später den Verband abwickelt, um die Operationsnaht unter dem Gips zu kontrollieren, schreit der Fünfjährige vor Schmerz auf. Ich muss ihn festhalten.
“Das tut doch gar nicht weh”, sagt der Arzt ungehalten.
“Doch!”, sage ich. “Er hat ja noch kein Schmerzmittel bekommen.”
Der Arzt hört nicht wirklich zu. “Der Knochen ist doch jetzt mit Drähten fixiert, das kann gar nicht weh tun.”
Der Fünfjährige sieht das anders und schreit immer mehr, weil ziemlich viel an seinem frisch gebrochenen und operierten und geschwollenen Arm rumgezurrt und geruckelt wird.
Als ich zum dritten Mal anmerke, dass das Kind noch kein Schmerzmittel bekommen hat, sagt der Arzt schließlich: “Ja, warum hat er denn noch keine Schmerzmittel bekommen?” und ich wünschte mir, die Siebenjährige wäre hier. Sie kann so wunderbar mit den Augen rollen.
Als wir wenige Stunden später endlich zu Hause sind, ist alles gut. Die Siebenjährige schiebt ihren kleinen Bruder im Fahrradanhänger durch das Dorf, damit alle Nachbarn auf seinem Gips unterschreiben. Er hält Audienz wie ein kleiner blasser König mit Augenringen.
Zum Glück haben wir in weiser Voraussicht den Gummiüberzug aufgehoben. In den Tagen nach dem Bruch genießt er es, sich mit Schwimmweste und Gipsüberzug von mir auf dem Surfbrett über unseren See paddeln zu lassen und so zu tun, als wäre er ein Roboter mit blauem Greifarm.
Wir müssen noch zweimal zum Arzt, um den Gipsverband neu wickeln zu lassen. Offenbar ist es recht kompliziert, einem Fünfjährigen einen Verband so anzulegen, dass die Finger nicht absterben.
Ich frage mich, ob ich in diesem verflixten Corona-Jahr noch einmal in Ruhe werde arbeiten können.

Mittwoch, 26. August 2020

Ich höre am Schrei, dass der Fünfjährige sich ernsthaft verletzt hat. Es ist kein trotziges Brüllen, kein jämmerliches Klagen oder erschrockenes Weinen, es ist ein Schrei aus purem Schmerz. Sofort wird mir eiskalt und ich schalte in diesen entrückten Automaten-Modus, in dem man sich selbst erstaunt dabei zusieht, wie ruhig man alle wichtigen Handgriffe erledigt, während ein gut verpackter Teil tief in einem verzweifelt schreit und hyperventiliert. Ruhig stehe ich auf, atme tief durch und laufe zu meinem Kind. Der Fünfjährige liegt verdreht auf dem Rasen und wimmert immer wieder: Mama. Der Unterarmknochen ist seltsam verschoben, er ist eindeutig gebrochen. Als ich ihn vorsichtig berühre, schreit er vor Schmerz auf. In diesem Zustand können wir ihn nicht in den Kindersitz tragen. Unser Nachbar ruft den Krankenwagen, ich höre ihn wie aus weiter Ferne sagen: Nein, die Mutter ist ganz ruhig. Vielleicht hätte ich doch Schauspielerin werden sollen. Die Nachbarskinder schwärmen aus, um Friedolin zu benachrichtigen. Er soll eine Tasche packen, so wie der Arm aussieht, werden wir um eine Operation und eine Nacht im Krankenhaus nicht drum rum kommen. Ich halte dem Fünfjährigen Stirn und Hinterkopf und singe leise, um ihn und mich abzulenken, bis der Krankenwagen eintrifft.
Eigentlich hatten die Kinder und ich nur eine kleine Abendrunde durchs Dorf machen wollen, um uns bei den Nachbarn zurück zu melden. Und dann hatten sie so schön gespielt und ich hatte mich verquatscht und eigentlich war längst Abendbrotzeit und ich wollte schon dreimal aufstehen und sagen: “Jetzt müssen wir aber mal” und dann sprang der Fünfjährige an der höchsten Stelle von der Seilbahn der Nachbarn ab und ich hörte unseren Nachbarsjungen noch rufen: “Nein, da noch nicht!” und schon war es passiert. Hätte ich doch bloß…, warum konnten wir nicht…, wäre ich doch nur… Unsere Nachbarin sieht meinen flackernden Blick und sagt: “Mach dir jetzt bloß keine Vorwürfe.” Zum Glück ist eine sehr kompetente Notärztin kurze Zeit später vor Ort, die dem Fünfjährigen direkt einen Zugang legt und ein Beruhigungsmittel verabreicht: “Für die Proseccolaune.” Im schaukelnden, überhitzten Krankenwagen versuche ich unter meiner Atemschutzmaske Luft zu bekommen, während die Ärztin der Sanitäterin die anstehende Operation im Detail erklärt.
“Können sie vielleicht das Thema wechseln”, bringe ich noch raus, mir wird langsam schwarz vor Augen. Äußerlich bin ich vielleicht ruhig, ich möchte aber trotzdem nicht so genau hören, wie mein Sohn aufgeschnitten wird. “Nehmen sie die Maske ruhig kurz mal ab”, sagt der andere Sanitäter und ich atme erleichtert durch. Gerade hätte ich auch gern etwas für die Proseccolaune.
“Machen sie sich keine Gedanken, Kinder, die toben, verletzen sich. Das gehört dazu.”
Der Fünfjährige und ich machen das gut. Notaufnahme, Röntgen, OP-Besprechung, “Nein, ich lasse ihn nur über Nacht hier, wenn ich auch bleiben kann, er ist Fünf, es ist mir egal, dass Corona ist”, dann warten wir vor dem OP auf die Anästhesistin.
“Dein Opa nennt die Anästhesisten Sandmänner, weil sie schöne Träume bringen”, sage ich zu ihm. Er liegt blass und ruhig auf dem Krankenhausbett, schaut mich tapfer an und sagt:
“Vielleicht gibt es ja auf der einen Hälfte des Planeten Sandmänner, die schöne Träume bringen, und auf der anderen Hälfte Sandfrauen.” Er sieht winzig aus in dem großen Saal.
“Eigentlich bin ich die Schlafwagenschaffnerin”, sagt die Anästhesistin mit einem Lächeln in der Stimme. Sie erklärt dem Fünfjährigen liebevoll, dass er gleich Herztonmusik hören und sie ihn in das Land der Träume begleiten wird. Er nickt. Dann sagt sie: “Es geht gleich los” und ist verschwunden. Aber es geht nicht gleich los. Wir warten und warten und warten, ich erzähle und singe und streichele seine Stirn und langsam wird er nervös und zittrig, das Licht ist grell, die Luft schmeckt unangenehm nach Desinfektionsmittel, da kommen plötzlich drei maskierte Frauen im Stechschritt um die Ecke und rollen seine Liege weg. Ich laufe neben her: “Wo ist denn die Anästhesistin?”
“Die kommt gleich.” Sie fragen nicht, wie er heißt, sie schieben ihn von mir fort. Er beginnt, leise zu wimmern. “Ich geh nur kurz aufs Klo”, sage ich schnell. “Ich komme gleich hinter her.” Aber er hört, dass es eine Lüge ist und als sie ihn durch eine Schiebetür schieben, beginnt er vor Angst zu schreien. Ich bleibe zitternd zurück und hoffe, dass es wie bei der Eingewöhnung im Kindergarten ist, dass er zu weinen aufhört, sobald ich nur lange genug außer Sichtweite bin. Aber er hört nicht auf, stattdessen wird das Schreien immer panischer. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt die Anästhesistin und will noch letzte Details mit mir klären. “Können sie bitte einfach zu ihm gehen”, flehe ich und spüre wie mir die Stimme weg bleibt. “Er hat so große Angst, sie hat er wenigstens schonmal gesehen.” Als die Anästhesistin im OP verschwindet, kauere ich mich neben dem Fahrstuhl zusammen und hoffe, dass er nach der OP alles vergessen haben wird.

Dienstag, 25. August 2020

Im Schatten des knorrigen Kirschbaums liegen sieben Kinder und kichern. Die Großen kichern über ein TikTok-Video. Die Kleinen kichern, weil die Großen kichern. Das Haar hängt ihnen noch dunkel von Meerwasser in die Stirn, zwischendurch schieben sie sich ein Stück Stockbrot mit Grillkäse in den Mund oder verscheuchen träge eine der unzähligen Spätsommerwespen. Wir sitzen mit meiner Schwester, meinem Schwager und ein paar Freunden unter ihrer Laube in der Nähe von Kiel, der letzten Station unserer kleinen Sommerrundreise. Es ist eine dieser seltenen Konstellationen, bei der sich sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder miteinander rundum wohlfühlen. Zufrieden betrachten wir unsere zufriedenen Kinder. Sie liegen müde und satt und entspannt wie junge Kätzchen auf dem Rasen und in der Hängematte und sind dabei so einträchtig, wie Kinder und vor allem Geschwister es nur an endlosen Sommerabenden sein können. Der Fünfjährige sitzt bei seiner Cousine auf dem Schoß und hält stolz das blutige Pflaster an seinem großen Zeh in die Höhe. Er war barfuß den 10-minütigen Fußweg vom Strand zum Schrebergarten gelaufen und hatte sich prompt den Zeh aufgerissen. Das stört ihn aber nicht weiter, weil es ihm die zärtliche Aufmerksamkeit der großen Mädchen garantiert.
Bald werden wir zusammen packen und die abendliche Kühle und Müdigkeit der Kinder nutzen, um uns auf die 3,5 stündige Rückfahrt in unser Dorf zu machen. Die Traurigkeit des Abschieds schleicht sich leise an. Abschied vom Urlaub, von Freiheit und süßem Nichtstun mit den Kindern, von einem tiefenentspannten Ehemann und der Corona-freien Zone. Vor allem aber Abschied von meiner Familie. Zuhause ist, wo meine Schwester und meine Nichte sind. Wir wissen bis heute nicht, warum wir uns ausgerechnet so weit entfernt voneinander niederlassen mussten. Aber noch ist das Glück zu groß, um in Abschiedsschmerz zu schwelgen. Die Ostsee rauscht in meinen Ohren, das Tuten der großen Schiffe, das leise Schlagen der Takelage der Segelboote. Dieser Urlaub war rundum schön. Jeden Tag Wasser, Fluss und See und Nordsee und Ostsee, wenig Streit und nur oberflächliche Schürfwunden. Und jetzt noch diese kostbaren Momente in der Abendsonne im Kreis geliebter Menschen. Die Unglücksveteranin in mir brummt misstrauisch vor sich hin und packt schonmal den gedanklichen Erste-Hilfe-Koffer. Erfahrungsgemäß geht es nach so viel Glück nämlich steil bergab. Sie wird recht behalten. Keine 24 Stunden später sehe ich mit Tränen in den Augen dem vor Angst und Schmerzen schreienden Fünfjährigen nach, wie ihn zwei maskierte Figuren in den OP schieben. Er hat sich den Arm gebrochen.

Montag, 24. August 2020

Der Fünfjährige schiebt sich den dritten Apfelpfannkuchen in den Mund. Und schielt gleichzeitig nach den belegten Broten, die eigentlich für die Erwachsenen gedacht sind. Die Siebenjährige begräbt ihren Teller währenddessen unter einem Berg Zimtzucker. Die Erwachsenen sind mit Quatschen beschäftigt, also hält sie niemand davon ab. Zum Glück sind wir ein paar Tage bei Friedolins Großeltern zu Gast. Bei dem, was unsere Kinder gerade essen, hätten wir sonst längst einen Kredit aufnehmen müssen. Eigentlich wollten wir Tagesausflüge in Dithmarschen unternehmen. Aber wir kommen vor lauter Mahlzeiten nicht dazu.

“Nordseeluft und Wellen machen Kinder hungrig, das sagen alle Legenden”, sagt die Siebenjährige mit erhobenem Zeigefinger und vollem Mund.
“Trotzdem ist jetzt mal gut”, sage ich und nehme ihr den Zuckerstreuer aus der Hand. Die Uroma schlägt freudig die Hände zusammen.
“Das hat man ja ganz selten, das Kinder so wunderbar essen”, sagt sie und schiebt beiläufig noch ein doppeltes Salamibrot auf den Teller des Fünfjährigen. Seit Tagen spielen die Kinder mit ihr das Spiel: Wer zuerst satt ist, verliert.

Friedolins Großmutter beherrscht die hohe Kunst der Benötigung: nämlich Gästen solange Berge von Essen aufzutischen, bis alle die Hosenknöpfe öffnen und kapitulierend die Hände heben. Doch an unseren Kindern beißt sie sich die Zähne aus. Unsere Kinder geben nicht auf. Sie essen so lange, bis der Kühlschrank und die Vorratskammer und die Gefriertruhe leer sind. Der Fünfjährige ist selig, dass er endlich mal sämtliche Wurstsorten probieren kann, die auf einen guten norddeutschen Abendbrottisch gehören: Teewurst, Leberwurst, Fleischwurst, Salami. Bei seinen Vegetarier-Eltern gibt es das nicht, so eine Gelegenheit bietet sich so schnell nicht wieder. Die Siebenjährige bleibt standhaft bei Pfannkuchen und Käsebrot. Schließlich hatte ihre heiß bewunderte Freundin aus Berlin uns neulich verkündet, dass sie jetzt auch Vegetarierin sei.
“Cool, seit wann denn?”, fragte ich.
Sie dachte nach.
“Seit, äh… Sonntag.”
Da hatte sie mit ihren Eltern bei einem amerikanischen Diner an der Autobahn pausiert, um lecker Rippchen zu essen. Leider parkte genau in dem Moment ein Schweinetransporter gegenüber.
“Als ich die armen Schweine gesehen habe, wollte ich nie wieder Fleisch essen”, sagte sie ernst.
“Und dabei hatte ich die Rippchen schon bestellt”, sagte ihr Vater immer wieder kopfschüttelnd.
Theoretisch weiß jeder, dass Wurst und Fleisch mal gefühlt und geatmet haben. Aber die emotionale Transferleistung zwischen der Wurst auf dem Teller und dem lebendigen Tier herzustellen, fällt selbst Erwachsenen schwer. Fleisch essen ist ja immer ein Akt der bewussten Verdrängung: wir müssen die Produktionsbedingungen ausblenden, um genießen zu können. Nicht umsonst gibt es für Kinder Bärchenwurst und bis zur Unkenntlichkeit Paniertes, das nichts mehr vom Tier erahnen lässt.
Als Kind hatte ich diesen Zusammenhang zwischen Töten und Essen zuerst bei Fisch hergestellt.

Es gibt ein rührendes Foto von meiner Schwester und mir, wie wir für tote Schollen beten, die mein Vater zuvor aus der Nordsee geangelt hatte. Von dem Tag an weigerte ich mich, Fisch zu essen. Zur endgültigen Vegetarierin bin ich jedoch erst viel später geworden. Als ich so viele Artikel über Massentierhaltung und Klimaschutz gelesen hatte, dass ich nicht mehr verdrängen konnte, was die Tiere und unser Planet erleiden mussten, bevor das Fleisch auf meinem Teller landete.
“Du weißt schon, dass du gerade genau so ein Schwein isst, wie du auf dem Bauernhof gestreichelt hast?”, sagt die Siebenjährige zu ihrem kleinen Bruder.
“Na und, das Schwein muss doch sowieso irgendwann sterben und es ist lecker”, sagt er achselzuckend.
So in etwa hatte auch sein Urgroßvater das vorher formuliert. Wir bleiben mit der Rechtfertigung für unseren Fleischkonsum auf dem Niveau von Fünfjährigen stehen.

Freitag, 21. August 2020

Ich hätte mir doch einen neuen Bikini kaufen sollen, denke ich, während ich mit den Kindern in der Nordsee bade und bei jeder Welle meinen ausgeleierten Badeanzug festhalten muss, damit er nicht Körperteile freilegt, die besser bedeckt bleiben sollten. Hinter uns auf dem Deich schwitzen dicht an dicht die Urlauber. Nach der Weite Brandenburgs überfordert uns diese Menschenansammlung. Dabei sind wir noch nicht einmal an einem der touristischen Hot Spots sondern in Dithmarschen, das vor allem für seine Kohlfelder berühmt ist. Tagsüber verkriechen wir uns im kühlen Haus von Friedolins Großeltern. Abends kommen wir mit der Flut zum überfüllten Deich. Bei so viel Publikum habe ich sicherheitshalber ein Frühwarnsystem installiert.

“Mama, man kann schon wieder deinen Busen sehen”, ruft die Siebenjährige alarmiert.
“Nicht so laut.”
“Aber du hast doch gesagt, ich soll Bescheid sagen, wenn man deinen Busen sehen kann.”
“Ja, aber wenn du so laut Bescheid sagst, hört doch jeder, dass man meinen Busen sehen kann.”
“Das muss man nicht hören, das kann man ja sehen.”

Ich tauche unter. Mein Badeanzug hat mich treu durch zwei Schwangerschaften begleitet, jetzt ist er ähnlich formstabil wie mein Beckenboden. Mit beiden sollte man keine großen Sprünge wagen.
“Warum hast du dir nicht einfach einen neuen Bikini gekauft?”, fragt Friedolin.

Einfach? Friedolin hat gut reden. Nichts an weiblicher Bademode ist einfach.
Bikinis sind wie Backrezepte aus der Brigitte, die ja angeblich super leicht nachzumachen sind. Auf dem Foto sehen sie fantastisch aus. In der Realität kann es zu Abweichungen kommen. Meine Torten sehen zum Beispiel immer aus, als hätte sich aus Versehen ein Elefant drauf gesetzt. Zwischen den Tortenböden quillt immer irgendwo Füllung raus. Das trifft auch auf mich im Bikini zu. Badeanzüge hingegen sind wie praktische Kurzhaarschnitte: der endgültige Abschied von der Jugend.
Als wir aus dem Wasser kommen und bei der Dusche am Deich Schlange stehen, entdecke ich den Wegweiser zum FKK-Bereich. Dort liegen drei nackte Rentner und 12 Schafe.
“Wisst ihr was Familie? Wir legen uns woanders hin”, sage ich.

“Warum denn?”, fragt der Fünfjährige misstrauisch. Er hat meinen Blick in Richtung Nacktheit verfolgt. Und da er seit kurzem ein ausgeprägtes Schamgefühl mit sich herum trägt, schwant ihm nichts Gutes.
“Mir wird das zu eng hier auf dem Deich. Man ja gar nicht mehr den Sicherheits-Abstand einhalten. Du kannst deine Badehose ja anbehalten.”
Im FKK-Bereich werden wir in jeder Hinsicht mehr Freiheit haben. Und wo nichts ist, kann auch nichts rausfallen.

Donnerstag, 20. August 2020

Und dann gab es diesen Moment, an dem Corona ganz weit weg war und sich alles leicht und unbeschwert anfühlte. Wir schlenderten mit den Kindern in der Abenddämmerung über die sonnenverbrannte Weide in Richtung Fluss. Nach der sengenden Hitze begann der Tag langsam auszuatmen. Die Sonne brannte nicht mehr und verabschiedete sich mit weich schmeichelndem Abendlicht. In der Ferne graste die Stute mit ihrem Fohlen, das sich vertrauensvoll auf den Rücken legte, sobald die Siebenjährige es streichelte. Neben den Kindern schlich die scheue Bauernhof-Katze einher. Sie hatten ihr unsere leeren Quark- und Joghurtbecher zum Ausschlecken vor die Tür gestellt, seitdem folgte sie ihnen auf Schritt und Tritt. Wir liefen über sandigen Boden im Schatten mächtiger Eichen, kletterten über verfallene Gatter und schlängelten uns zwischen Brennesseln hindurch, immer dem Rauschen des Flusses und dem Gesang der Grillen folgend. Als wir die Brücke am Wehr überquerten, blieb die Katze unschlüssig zurück. Wir legten unsere Kleidung auf dem Holzsteg am anderen Ufer ab und tauchten in das köstlich kalte, dunkle Wasser des Flusses. So kurz vor dem Wehr war die Strömung kaum spürbar. Über unseren Köpfen surrten Mückenschwärme, die Bäume spiegelten sich schwarz auf der nachtblauen Wasseroberfläche. Am anderen Ufer lief die Katze nervös auf und ab. Von Staub und Hitze und unzähligen Mückenstichen war nichts mehr zu spüren. Die Kinder tauchten und prusteten und quietschten, leuchtend blaue Augen in braun gebrannten Gesichtern.
Auf dem Rückweg war die Sonne längst hinter den großen Bäumen verschwunden, über uns ein paar tiefrote Wolken, vor uns die endlose Weite Brandenburgs. Hand in Hand kehrten wir zu dem verfallenen Gutshof zurück. Dabei machten wir einen großen Bogen um die Schafherde, deren Bock zum Zeitvertreib Kinder umschubste. Unsere Katze wartete schnurrend auf der verrosteten Hollywood-Schaukel.
Eigentlich hatten wir unsere Bauernhof-Tage absagen wollen. Schließlich wissen nicht, wie lange wir mit unseren Ersparnissen noch Corona aushalten müssen. Aber mein Vater kam uns zuvor und schenkte uns den Urlaub. Ich weiß nicht, wann wir als Familie das letzte Mal so frei und friedlich miteinander waren. Den letzten richtigen Urlaub hatten wir vor einem Jahr, zwei Wochen Dänemark mit Dauerregen, alle krank.
Es war auf dem alten Gut ein bisschen wie zu Hause: Sobald wir die Terrassentür unserer Ferienwohnung öffneten, kamen Hühner in die Küche. Ein Schäfchen nutzte unsere Wohnung gern als Durchgang vom verwilderten Guts-Park zum Hof. Wenn die Sterne heraus kamen, lag ich mit zwei verschwitzten Kindern im Arm im zerwühlten Bett, hörte unter dem Dach die Mäuse kratzen und schlief erfüllt und erschöpft ein. Danke, Papa.

Freitag, 31. Juli 2020

“Und dann sagte er leise und eindringlich: ‘Keine hektische Bewegung. Komm ganz langsam auf mich zu.’ ‘Was ist denn?’, fragte ich ihn irritiert. ‘Tue einfach, was ich sage.’ Es war ernst, das konnte ich an seiner Stimme hören. Ich schaute neben mich auf den verdorrten Boden. Dort lag direkt neben meinem rechten Fuß ein riesiger Komodo Waran. Einer der letzten Drachen. Er schien zu schlafen. Ich hatte die ganze Zeit neben ihm gestanden und ihn im Schatten der Palme nicht bemerkt.” Der Fünfjährige beißt vor Aufregung in sein T-Shirt. Die Siebenjährige schaut mich mit großen Augen an. Sie wissen, wie gefährlich Warane sind, dass ein Biss von ihnen mit einer tödlichen Blutvergiftung enden kann. Wenn sie einen nicht direkt zerfleischen.
Wir liegen in der geborgenen Sicherheit unserer Hängematte und gehen auf Abenteuer-Reise. Unsere Kinder sind zwar in Deutschland schon überall rumgekommen, aber da wir nicht mehr fliegen, haben sie es ansonsten nur bis nach Dänemark und in die Schweiz geschafft. Dort gibt es zu ihrem Leidwesen keine Warane. Sie lieben es, wenn ich ihnen Geschichten meiner Reisen erzähle. Von den Elefanten im thailändischen Dschungel, von isländischen Geysiren und sibirischen Birkenwäldern. Je aufregender, desto besser.
“Weißt du Mama”, sagt die Siebenjährige. “Deine Reisegeschichten dürfen ruhig richtig gruselig sein. Ich weiß ja, dass sie gut ausgehen. Sonst wärst du ja nicht hier.”
Diese Gewissheit hätten meine Eltern damals auch gern gehabt. Meine Schwester und ich sind gemeinsam auf Rucksack-Tour gegangen, seitdem ich Sechzehn und sie Achtzehn war. Wenn unseren Eltern nur die Hälfte unseres jugendlichen Leitsinns zu Ohren gekommen wäre, hätten sie keine ruhige Nacht mehr gehabt. Irgendwann haben wir zum Glück selbst Kinder bekommen und unsere Schutzengel durften sich mit Burn-Out zur Ruhe setzen.
Noch kann ich unseren Kindern diese Geschichten erzählen. Wie wir uns beim Wandern überschätzten und oben auf dem Berg in der Schutzhütte eines Jägers übernachten mussten, weil wir zu entkräftet waren, wieder ins Tal abzusteigen. Wie wir durch den Norden Irlands getrampt sind. Wie ich in Rumänien pfeifend durch den Wald ging, um die Bären zu vertreiben, die dort begonnen hatten, Menschen anzugreifen. Noch sind die Kinder klein genug, dass sie all diese Geschichten bis zur Pubertät wieder vergessen haben werden. Denn natürlich möchte ich auf gar keinen Fall, dass sie später irgendetwas davon nachmachen. In diesem Punkt sollen sie bitte nach ihrem Vater kommen. Friedolin war ein vorbildliches Pubertier, er ist sehr vernünftig und hat ein großes Sicherheitsbedürfnis.
Manchmal mosern die Kinder, weil wir nicht mehr fliegen wollen. Auch wenn sie das mit dem Klima-Schutz schon gut verstehen. Für mich ist es leicht, zu verzichten und großspurig von Flugscham zu reden. Ich habe schon so viel von der Welt gesehen und dabei mehr als genug Emissionen in die Atmosphäre geblasen. Es genügt mir, diesen Sommer in der Hängematte zu verreisen. Das werden wir die nächsten zwei Wochen auch ausgiebig tun. Denn hiermit verabschiede ich mich in die Ferien. In die Weite und das Blau, in die Kinderzeit und die Friedolinzeit. Ich wünsche Euch allen einen leichten Sommer und lasse euch am Montag eine Kurzgeschichte da, für all diejenigen, die diesen Sommer zu Hause bleiben. Vergesst mich nicht, dann vergesse ich euch auch nicht.

Donnerstag, 30. Juli 2020

Sicherheit ist ganz schön unbequem. Wenn die Kinder bei langen Autofahrten verschwitzt in ihren Plastikkindersitzen quengeln und die Siebenjährige wieder Druckstellen am Rücken hat, denke ich wehmütig an die Autofahrten meiner Kindheit zurück. Wenn wir in den 80er Jahren von Hannover nach Südtirol in den Sommerurlaub fuhren, klappte mein Vater die Sitzbank unseres Volvo-Kombis um, trug uns Kinder mit Decken und Kopfkissen ins Auto und wir schliefen selig ausgestreckt auf der Ladefläche die Nacht hindurch, bis wir mit der Morgendämmerung in Südtirol ankamen. Dort erblickte ich jedes Mal schaudernd den versunkenen Kirchturm im Stausee am Reschenpass. Schlaftrunken stellte ich mir vor, die Kirchturmglocken aus der Tiefe des Sees läuten zu hören und dachte an all die Menschen, deren ertrunkene Seelen zwischen den überfluteten Häusern am Grund herum irrten und den Verlust ihrer Heimat beweinten. Mit so vielen Tränen, dass der See immer voller wurde. Irgendwie hatte mir nie ein Erwachsener erklärt, dass die Dörfer für den Stausee mit Plan geflutet und die Menschen vorher umgesiedelt worden waren. Aber traurig waren sie bestimmt trotzdem.
Wenn wir hingegen nach Dänemark fuhren, mussten wir einen Teil der Strecke auf Kindersitzen aus Bierdosen ausharren. Da unsere Großfamilie damals gern Geburtstage auf unserer Lieblingsinsel Fanø feierte, kostete der dafür benötigte Alkohol vor Ort ähnlich viel wie die gesamte Ferienhausmiete. Daher die sehr clevere Idee mit den Bierdosen-Kindersitzen. Unter unseren Hintern schauten die netten Grenzkontrolleure natürlich nie nach Schmuggelware. Mein Vater ist eigentlich ein verkappter Pirat. Auch wenn er das mit seinem Arztkittel gut zu tarnen weiß. Heutzutage ist Reisen mit Kindern so nicht mehr vorstellbar. Auf den überfüllten Autobahnen herrscht ein stetiger Überlebenskampf zwischen LKWs, Pendlern und Rasern. Ich mache nach jeder Tour drei Kreuze, wenn wir heil wieder zu Hause sind. Zu oft kommen wir an schweren Unfällen vorbei. Früher sind wir ausschließlich mit der Bahn gefahren. Aber die Deutsche Bahn ist so unzuverlässig geworden und wir fahren oft noch nachts nach den Auftritten zurück, um bei den Kindern zu sein. Das geht nur mit dem Auto. Manchmal fragen wir uns, wie lange das noch gut geht. Seit wir vor 10 Jahren mit dem Tourleben begonnen haben, hat sich die Verkehrssituation dramatisch zugespitzt, sowohl auf der Autobahn als auch bei der Deutschen Bahn. Man spürt die vorauseilenden Schatten des drohenden Verkehrskollapses. Mittlerweile müssen wir für jede längere Fahrt zwei Stunden Puffer einplanen, damit wir auch trotz Stau oder Zugverspätungen auf jeden Fall rechtzeitig am Auftrittsort ankommen. Wie wunderbar wäre unser Job doch, wenn endlich mal jemand das Beamen erfinden würde.

Mittwoch, 29. Juli 2020

Die Siebenjährige sitzt müde und unglücklich in ihrem Autositz und hält etwas in der geschlossenen Hand umklammert.
“Was hast du denn da?”, frage ich sie.
“Eine Erinnerung”, sagt sie und guckt mit zusammen gepressten Lippen aus dem Fenster auf das vorbeiziehende Brandenburg.
“An Berlin?”
“Nein, an mein Meerschweinchen.”
Sie öffnet vorsichtig die Hand, so dass nur ich den Inhalt sehen kann. Dort liegt ein kleiner brauner Meerschweinchen-Köttel. Meine Mutter hat es natürlich trotzdem mitbekommen und ruft entsetzt: “Jetzt musst du dir sofort die Hände desinfizieren!” Die Siebenjährige und ich rollen mit den Augen. Wir finden an Grasfresser-Kötteln, die eben diese Grasfresser sogar selbst wieder fressen, nichts ekelhaftes. Sie war so verliebt in die Tiere des Kinderbauernhofes der Ufa-Fabrik, dass sie für die Abreise einfach etwas zum Festhalten brauchte. Der Fünfjährige ist neidisch, dass er nicht auf diese grandiose Idee gekommen ist. Ich bin auch traurig, dass wir abreisen. Aber als langweilige Erwachsene, die ich bin, nehme ich lediglich Eindrücke anstelle von Meerschweinchen-Kötteln mit nach Hause. Es ist immer das Gleiche: wenn ich zuhause in meiner gemütlichen Komfortzone bin, möchte ich nicht aufbrechen. Nicht auf Tour und auch nicht in den Urlaub. In der Nacht vor der Abreise schlafe ich schlecht und frage mich, wer auf diese dämliche Idee gekommen ist, wegzufahren. Ich bin sehr gerne zuhause. Früher war ich dieses Kind, das von der Übernachtung bei Freunden spätabends mit Kopfkissen und Decke nach Hause zurück wanderte. Mir fehlten dabei weniger meine Eltern als mein Zimmer. Was das angeht, bin ich eher Katze als Hund. Wenn ich dann aber erstmal unterwegs bin, genieße ich das Losgelöstsein, die Abwechslung, die neuen Eindrücke und Begegnungen. Dann möchte ich nicht mehr nach Hause zurück. Dieses Paradoxon macht mich noch völlig fertig, weil ich während der Auftritts-Saison einmal pro Woche damit klarkommen muss.
Die Kinder schmollen lautstark auf der Rückbank. Auf Tour sind sie sich außergewöhnlich einig. Die spannenden Erlebnisse, das Fehlen von Freunden und Spielzeug schweißt sie zusammen. Sie sind sich Heimat in der Fremde. Sie finden es fürchterlich ungerecht, dass sie wegen der Schulpflicht der Siebenjährigen nicht mehr so oft mitreisen dürfen. Die ersten Jahre waren sie immer dabei. Sie haben in Hotelfluren und Theatern krabbeln und laufen gelernt. Die Siebenjährige hat mit 10 Monaten ihre ersten Worte auf Tour gesprochen: “an” und “aus” – weil sie die Deckenlampe des Hotelzimmers so faszinierte. Beide haben früh sprechen gelernt, weil wir endlose Auto- und Zugfahrten mit Millionen Büchern und Kinderliedern ertragbar machen mussten. Wir verschweigen ihnen, dass wir auch ganz froh sind, sie jetzt manchmal mit ihrer Omimi zuhause lassen zu können. Touren mit Kindern heißt: frühe Tage und späte Nächte, wenig Schlaf und viel zu viel Theater vorm Theater. Klar ist es toll, tagsüber Parks, Zoos, Spielplätze und Museen in fremden Städten zu erkunden, aber eigentlich müssen wir unsere Kräfte für den Auftritt am Abend schonen. Und ihr Blick ist verfälscht, weil wir sie nur auf die schönen Touren mitnehmen. Die fürchterlichen Touren ersparen wir ihnen, auf denen wir jeden Tag vier bis fünf Stunden Fahrt vor uns haben und kaum Tageslicht sehen, weil wir zwischen Deutscher Bahn, Backstage-Räumen und miefigen Hotelzimmern pendeln. Manchmal träume ich von einem Luxus-Wohnmobil. Es ist kräftezehrend, jede Nacht mit Kindern das Hotel zu wechseln. Als die Kinder klein waren, schleppten wir für eine Übernachtung Gepäck vom Auto aufs Zimmer, das andere Familien für einen zweiwöchigen Urlaub mitnehmen: Reisebetten und Bettwäsche für die Kinder (gibt es nämlich in erstaunlich vielen Hotels nicht oder die Betten sind Schrott oder haben keine Matratze), Abendessen in Kühltaschen (Nahrung ist gerade in der Nähe von Dorfhotels oft nicht erhältlich), Spielzeug, Malsachen, Wechselsachen und und und. Mit jedem Lebensjahr wird das Gepäck zum Glück weniger und das Packen leichter.
Unser Leben war sehr unstet die letzten Jahre, ich habe mich immer nach Ruhe gesehnt. Unsere Familie war die einzige Konstante. Die Ruhe haben wir durch Corona nun zwangsläufig bekommen. Wobei wir sie auf Grund der Existenzängste kaum genießen konnten. So lange am Stück war ich noch nie Zuhause. Noch nicht einmal, als die Kinder geboren waren. Aber scheinbar ist uns das Nomaden-Leben doch ins Blut übergegangen. Wir können es kaum erwarten, wieder aufzubrechen.

Dienstag, 28. Juli 2020

Wir stehen mitten auf dem Tempelhofer Feld und ärgern uns, dass wir keine Badesachen eingepackt haben. Ein gewaltiger Wolkenbruch geht über uns nieder, unsere sogenannten Regenjacken sind in kürzester Zeit durchweicht und weit und breit gibt es nichts zum Unterstellen. Nur die Weite des ehemaligen Flughafens, von der in den rauschenden Wassermassen aber nichts zu erkennen ist. Zum Glück sind unsere Kinder hart im Nehmen. Der Fünfjährige zieht seine Schirmmütze tief in die Stirn und den Kopf ein und schiebt seinen Roller stumm durch den kalten Regen. Die Siebenjährige macht sich einen Spaß draus, mit ihren Inlinern alle paar Meter in eine Pfütze zu fallen. Eigentlich wollten wir entspannt mit unserem lieben Kollegen Archie Clapp und seiner Familie von Neukölln über das Tempelhofer Feld nach Tempelhof spazieren. Jetzt fühlt es sich wie ein Kampf gegen die Gezeiten an. Als wir eine Seemeile später triefend an der U-Bahn ankommen und unsere klitschnassen Atemschutzmasken anlegen müssen, wird mir kurz schwarz vor Augen. Ich kriege wegen meiner Nebenhöhlenentzündung immer noch schlecht Luft, die nasse Maske, die sich bei jedem Atemzug an meiner Nase festsaugt, macht es nicht besser.
Aber als wir am Nachmittag zum Soundcheck antreten, kommt die Sonne heraus. Die Kinder hüpfen barfuß über die Bühne und grölen unseren Song: “Alte weiße Männer”. Zum Glück kennt der Ufa-Fabrik Techniker unsere Kinder schon, seitdem sie im Bauch waren und trägt es mit Fassung. Die Kinder lieben es, durch leere Theater zu toben. Zwischen den Stuhlreihen Fangen zu spielen und sich hinter den Molton-Vorhängen zu verstecken. Der Fünfjährige sieht heute zum ersten Mal die ganze Show, wir fangen bereits um 19 Uhr an. Sonst schläft er in der Pause immer schon. Die Siebenjährige war auch mit knapp Fünf zum ersten Mal allein mit bei einem Auftritt. Es war ein lauer Spätsommerabend und als wir um 23 Uhr das Theater verließen, starrte sie mit müden Augen vollkommen verdutzt in den Nachthimmel: “Was ist denn jetzt los?”, sagte sie immer wieder. “Es ist ja ganz dunkel.” Da fiel mir ein, dass sie die letzten Monate immer bei Helligkeit schlafen gegangen war und sich mit ihren fünf Jahren nicht mehr an den dunklen Nachthimmel erinnern konnte. Wir saßen dann noch lange am Fluss-Ufer und haben in die Sterne geschaut.
Ich liebe es, wenn die Kinder mit auf Tour sind. Dann ist die Welt voller Wunder. Das Tourleben eines Kabarettisten hat an und für sich wenig Glamour, es ist eher wie auf Montage gehen als auf Rock’n’Roll-Tour. Aber mit Kindern im Gepäck wird jede verstaubte Strohente auf der Fensterbank der Pension zur Sensation, jedes nüchterne Hotelzimmer zur Piratenhöhle und jedes noch so kleine Theater zum glitzernden Spiegelzelt. Unsere Kinder erinnern uns immer wieder daran, wie trist das Erwachsenen-Leben wird, wenn wir diesen magischen Blick auf die Welt verlieren.

Montag, 26. Juli 2020

Das kleine Holzboot tuckert leise über den Müggelsee am Rand von Berlin. Der Fünfjährige sitzt ebenso stolz wie ängstlich am Steuer und manövriert uns durch die Wellen. Kormorane thronen in den Erlen am Ufer. Ab und zu überholt uns eine Yacht oder ein Party-Floß, aber um uns herum sind Weite und Wasser und Wolken. Der erste freie Tag seit gefühlt dreieinhalb Monaten. Ich kann endlich frei atmen, ein Gewicht ist von meiner Brust genommen. Corona ist weit weg und alle Sorgen ebenso. Zu Hause springen uns die Aufgaben immer förmlich an: Arbeiten, Aufräumen, Putzen, Pflanzen, Renovieren, Reparieren, Tiere versorgen… wir sitzen selten still, um unser Paradies zu genießen. Urlaub zu Hause ist selten welcher. Heute verstecken wir uns vor der Welt und sind doch mitten drin. Die Siebenjährige lässt sich mit ihrer Freundin auf einem Surfbrett hinter dem Boot her ziehen und juchzt fröhlich, wenn die Wellen der größeren Schiffe sie fast zum Kentern bringen. Gestern Abend hatten wir einen Auftritt in Berlin, unser erster Auftritt vor echten Menschen seit Corona, ausverkauft im Sommergarten der Ufa-Fabrik Tempelhof. Am Ende waren aber nur 50 Zuschauer gekommen. Wir wissen nicht, ob die fehlenden Gäste Angst vor Corona oder nur nicht mitbekommen hatten, dass der zunächst abgesagte Auftritt dennoch statt fand. Heute haben wir einen Tag Zwangspause, morgen folgt der zweite Auftritt. Normalerweise mögen wir solche Zwangspausen auf Tour nicht. Sie kosten uns Geld und seit die Siebenjährige zur Schule geht, können wir die Kinder nicht mehr so oft auf Tour mitnehmen. Also stellt sich an diesen sogenannten Off-Tagen die Frage: Fahren wir heim und verbringen viel Zeit im Zug oder auf der Autobahn, um die Kinder kurz zu sehen und dann direkt wieder aufzubrechen oder verharren wir am Auftrittsort, während die Kinder uns daheim vermissen und meine Mutter die ganze Arbeit hat. Heute stimmt alles: wir haben frei, die Kinder und unsere toughe Tour-Omimi dabei und treffen auch noch liebe Freunde. Unsere Freunde leben in ganz Deutschland verstreut, sie fehlen uns im Alltag. Sie sind nach dem Studium in alle Himmelsrichtungen zerstoben oder wir haben sie erst durchs Touren kennen gelernt. So wie Karin Ziegler, die Gründerin und Chef-Designerin des Mode-Labels Blutsgeschwister. Wir haben uns vor Jahren in Berlin kennen gelernt und uns köstlich darüber amüsiert, dass wir bei einer Filmpremiere die einzigen Frauen waren, die beim Büffet zuschlugen. Die sehr mageren Schauspielerinnen nippten nur an ihren Drinks. Irgendwann kamen die Kellner mit ihren vollen Häppchen-Tabletts einfach direkt zu uns. Ich liebe ihre Mode schon immer. Sie kreiert Kleider, die auch Frauen mit ganz normalen Körpern, wie ich einen mit mir herumtrage, wunderschön aussehen lassen. Sie sind ebenso verspielt wie sinnlich, tragen den Charme vergangener Zeiten in sich und sind trotzdem unglaublich selbstbewusst und modern. Und auch noch aus fairer Produktion und oft mit Bio-Baumwolle oder anderen nachhaltigen Materialien. Ich schwärme gern von Blutsgeschwister, weil ich wirklich alles an dem Label toll finde. Meine Mutter und meine Tochter sehen in den Kleidern gleichermaßen wunderbar aus. Ich trage die Kleider seit meinem ersten Auftritt als Kabarettistin, weil ich mich in ihnen auf der Bühne genauso fühle, wie ich sein möchte. Umso glücklicher war ich, als ich die Frau hinter den Entwürfen kennen lernen durfte und in sie sofort genauso verliebt war, wie in ihre Kleider. Heute zeigt sie uns mit ihrer Familie den Müggelsee und die Kinder sind nach der gestrigen Horror-Autofahrt – 5,5 Stunden bei 30 Grad im Stau, “Mama, ich vergesse immer wieder, dass Touren auch ganz schön ätzend sein kann” – dankbar, kopfüber in die Fluten abzutauchen.
Ich lebe gern auf dem Dorf, liebe unsere Nachbarn und unser zurück gezogenes, bodenständiges Leben dort. Aber manchmal ist es auch schön, wieder unter Künstlern zu sein und nicht immer nur die Familie, die alles irgendwie anders macht. Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen, auch wenn unser Heim gerade 320 Kilometer entfernt liegt.

Freitag, 24. Juli 2020

Wir setzen uns nach Berlin ab und überlassen den Wespen das Haus. Sie haben gestern begonnen, sich im rissigen Fachwerkbalken neben Briefkasten und Eingangstür einzunisten. Friedolin hat sofort reagiert und das Loch zu gespachtelt. Aber ein paar waren anscheinend schon drinnen. Die haben sich jetzt Guerilla-mäßig einen Tunnel durchs Holz gefressen und kommen in unserer Diele wieder raus. Zum Glück sind sie friedfertige Guerillas. Bisher wurde noch niemand gestochen. Da wir aber immer alle barfuß laufen und manche Wespen erschöpft über den Boden kriechen, ist es nur eine Frage der Zeit. Jetzt liegen überall Becher und Postkarten rum, damit wir die Wespen jederzeit in die Freiheit transportieren können.
Wir werden von Tieren überrannt. Der Marder wohnt ja schon lange auf dem Dachboden, Waschbär, Eichhörnchen und Falke schauen täglich vorbei, wochenlang hatten wir eine Rattenplage, jetzt also auch noch Wespen. Die Kinder hängen den ganzen Tag vorm Fenster und beobachten sie. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten die Wespen bei uns einziehen sollen. Dann hätten wir aber den ganzen Sommer keine Post bekommen. Jetzt fahren wir für drei Tage nach Berlin, mal sehen, was die Wespen in der Zeit mit unserem Haus anstellen. Vielleicht schrecken sie Einbrecher ab. Wobei ich auf das enttäuschte Gesicht des Einbrechers gespannt wäre, wenn der durch unser Haus läuft. “Wo ist denn der Flachbildschirm? Die moderne Hi-Fi-Anlage? Der Schmuck?” Außer verrückt upgecycleten Möbeln gibt es bei uns nichts zu holen. Höchstens unsere Eheringe. Die passen uns nicht mehr, seitdem wir auf dem Dorf wohnen. Wir haben jetzt Arbeiterpranken und nicht mehr Pianisten-Finger.
Wenn die Kinder an Berlin denken, haben sie Hängebauchschweine, Ponys und Gänse vor Augen. Wir spielen und wohnen auf dem Gelände der Ufa-Fabrik, der ökologischen Kulturoase in Tempelhof. Die haben zufällig auch einen kleinen Bauernhof. Wir reisen also vom Dorf in die Metropole, um wieder auf einem Bauernhof zu landen. Einen Tag ohne Tiere gibt es bei uns nicht.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Ich bin Trendsetterin. Ich war dem shampoofreien Haarwasch-Trend “No-Poo” um Jahre voraus. Bei mir hieß das allerdings “auftrittsfreie-Zeit”. Als dann No-Poo durch die Medien geisterte, dachte ich zunächst, dass sei wieder so ein verrückter Ernährungstrend aus Kalifornien, bei dem man nicht mehr kackt. To poo ist ja das englische Äquivalent zu Aa-machen. Aber nein, es bedeutet lediglich, sich ohne Shampoo die Haare zu waschen. Wow, was für eine Erfindung. Haben unsere Vorfahren zwar für Jahrhunderte praktiziert, aber echt crazy, was die Sozialen Medien da ausgegraben haben. Meal-Prep statt Fertiggerichte. Essigessenz statt Allzweckreiniger. Bienenwachstücher statt Alufolie… es wird ja immer wieder als Mega-Trend angepriesen, was für unsere Großeltern noch vollkommen selbstverständlich war. Die schöne neue Welt sollte bunt, spülmaschinenfest und aus Plastik sein. Und nach kurzem Gebrauch in den Müll wandern. Die Industrie ist gut darin, sich Produkte auszudenken, die kein Mensch braucht und von denen uns die Werbung dann weismacht, dass wir ohne sie nicht mehr leben können. Meist auf Kosten der Umwelt. Flüssigseife zum Beispiel. Unnötiger Verpackungsmüll, fragwürdige Inhaltsstoffe wie Konservierungsstoffe und Emulgatoren. Seit wir vor Jahren wieder auf feste Seife umgestiegen sind, brauchen wir keine Handcreme mehr. Sorry, Körperpflegeindustrie, ist natürlich ein toller Trick, ein Produkt zu verkaufen, für das man gleich noch ein zweites zum Ausgleich braucht. Flüssigseife trocknet die Hände viel stärker aus. Der Fünfjährige bekommt von Flüssigseife im Winter Ausschlag, feste Seife verträgt er wunderbar. Studien haben nachgewiesen, dass Bakterien und Viren von fester Seife nicht übertragen werden.

Ich kaufe auch keine Putzmittel mehr. Seit Schwangerschaft und Stillzeit habe ich eine Abneigung gegen künstliche Duftstoffe. Ich hatte damals einen Geruchssinn wie ein Hund. Am schlimmsten war es, wenn im Wald Jogger an mir vorbeiliefen, die eine synthetische Duftwolke aus Waschmittel, Weichspüler, Deo, Parfüm und Haarshampoo hinter sich herzogen. Erst bin ich auf Naturkosmetik und Öko-Waschmittel umgestiegen. Das geht aber ganz schön ins Geld. Heute mixe ich das meiste selbst. Ein prima Allzweckreiniger fürs Bad lässt sich aus vier Tassen Wasser, vier Kaffeelöffeln Essigessenz und 10 Tropfen naturreinem ätherischem Öl herstellen. Statt Scheuermilch nimmt man einfach Natron mit ein paar Tropfen Wasser vermengt. Als Duftöl nehme ich gern entspannende Melisse. Dann werde ich beim Waschbecken schrubben nicht so wütend, dass schon wieder ich das Bad putzen muss.

Mittwoch, 22. Juli 2020

Ab jetzt vermittele ich auch Liebeszauber. Falls der Ehemann weggelaufen ist oder fremd geht, wendet Euch an mich. Ich habe gute Kontakte zu mächtigen Zauberwirkern. In der Kommentarspalte meines Blogs tauchen ständig Telefonnummern für Liebeszauber auf. Da die geringe Wahrscheinlichkeit besteht, dass es sich um Spam handelt, entferne ich sie. Alle Einträge sind Erfahrungsberichte von geplagten Ehefrauen, die wortreich von mächtigen Liebeszaubern schwärmen, die ihren Mann zurück gebracht und in einen umsorgenden Partner verwandelt haben. Der Zauber funktioniert per Whatsapp. Ich finde es bezeichnend, dass ich ausschließlich Liebeszauber-Spam bekomme. Keine Penisverlängerung oder anderen Schmuddelkram. Scheinbar lesen die Spam-Verbreiter meinen Blog. Beziehungsweise, sie überfliegen ihn. Mein Mann hat mich ja nicht verlassen. Ich finde ihn nur nie. Lieber Chief Eli Dodoru, ich brauche keinen Liebeszauber. Wenn überhaupt wäre ich an einem Gleichberechtigungs-Zauber interessiert. Ebenso wie alle Mütter, die ich kenne.

In den 50er Jahren hätten Friedolin und ich eine harmonische Bilderbuchehe geführt. Wir sind uns nämlich in erstaunlich vielen Punkten einig: Geld, Wohnen, Essen, Umweltschutz, Lebensstil, Urlaubsgestaltung… alles kein Diskussionsthema bei uns. Nur leider habe ich diese unnötige Vorstellung von Gleichberechtigung und kann auch nach sieben Jahren Elternschaft nicht akzeptieren, dass die Kinder uns in alte Rollenmuster katapultiert haben. Besonders das zweite Kind. Friedolin sieht das natürlich komplett anders. In seinen Augen kümmern wir uns gleichberechtigt um die Kinder. Er weiß halt nur nicht, welche Schuhgröße sie haben, wie die Namen ihrer Kindergarten-Freunde lauten und wann der nächste U-Untersuchungstermin ansteht.

In meinem Freundeskreis sind diejenigen Frauen am ausgeglichensten, die akzeptiert haben, dass ihr Mann Karriere macht und sich selbst verwirklicht, während sie ihm mit Kindern und Haushalt den Rücken frei hält. Alle anderen streiten stetig oder sind sehr, sehr erschöpft, weil sie die Doppelbelastung langsam in die Knie zwingt.
Als Paar sind wir keine Insel sondern Teil einer Gesellschaft, in der wir von Gleichberechtigung immer noch weit entfernt sind. Vom Gender-Pay-Gap und solchen Dingen will ich hier gar nicht erst anfangen. Eine Freundin von mir kommt aus Schweden und ist immer wieder bestürzt darüber, wie sehr wir in Deutschland noch in den alten Rollenmustern festhängen.
Ich höre zum Beispiel oft den Satz, dass “Friedolin mir ja mal die Kinder abnehmen könne.” Was ich schonmal komplett unsinnig finde. Er nimmt sie mir nicht ab. Er nimmt die Kinder mit. Er ist für sie ebenso verantwortlich wie ich. Immer noch wird großer Wirbel darum gemacht, wenn er etwas Leckeres kocht oder als einziger Vater zum Bastel-Abend in die Schule oder zum Kinderturnen kommt. Dabei haben wir beide exakt den gleichen Job. Natürlich macht das was mit uns. Ich finde, dafür lohnt es sich, zu streiten. Für unsere Tochter, die sich später hoffentlich nicht bis zur Erschöpfung zwischen Kindern und Job wird aufreiben müssen. Für unseren Sohn, der sich später hoffentlich nicht ständig von seiner Frau wird anhören müssen, warum er neben seinem Job im Gegensatz zu ihr so wenig Zeit mit seinen Kindern verbringt.

Also, Chief Eli Dodoru, Baba Wale Wiseman oder wie auch immer ihr Zauberwirker auch heißen möget, braut mal einen Gleichberechtigungs-Zauber. Damit könntet Ihr richtig Geld verdienen!

Dienstag, 21. Juli 2020

Der Fünfjährige ist verliebt. Sie heißt Anna und kennt sich ziemlich gut mit Tieren aus. Dank ihr weiß er, dass Mauswiesel die kleinsten Raubtiere der Welt sind, Feldhamster auch Kornwölfe genannt werden und Gibbons wie Feuerwehrsirenen klingen. Er sieht sie meistens einmal pro Woche. Sie hingegen sieht ihn nie. Aber er stellt sich vor, dass sie ihn auch sehen kann, wenn sie ihm mit ihren braunen Knopfaugen fröhlich aus dem Fernseher zuzwinkert. Jedes Mal, wenn wir nach einer Folge “Anna und die wilden Tiere” den Fernseher ausschalten, wirft er sich weinend aufs Sofa. Der Abschiedsschmerz ist einfach zu groß.
Als ich nutzlos im Bett vor mich hinfieberte, durfte er sie ausnahmsweise jeden Tag sehen. Seitdem redet er pausenlos von ihr. Wenn es so weiter geht, kann er mit seinem Wissen über Tiere direkt als Zoodirektor anheuern.

Ich weiß genau, wie er sich fühlt. Mir ging es genau so.
In seinem Alter war ich ziemlich abgebrüht. Ich ließ mir von der Frisörin-Mutter eines Kindergarten-Freundes die blonden Korkenzieher-Locken ratzekurz schneiden:
“Ja, meine Mutter will das, weil ich beim Bürsten immer so ein Theater mache”, behauptete ich. Meine Mutter war natürlich entsetzt. Bei meiner Einschulung sah ich aus wie ein spindeldürrer Knabe in Kniestrümpfen. Die nächsten Jahre prügelte ich mich mit den Jungs aus der Nachbarschaft, zerriss mir die Hosen im Wald und schwor, nie auf den Prinzen-Mumpitz aus dem Märchen hereinzufallen. Ich wollte meine eigenen Abenteuer erleben. Und dann ritt mich einer förmlich über den Haufen. Er war ein schottischer Gentleman, eleganter Seitenscheitel, seidenes Halstuch, schwermütig dreinblickende blaue Augen. Wir verbrachten jeden Tag 25 gemeinsame Minuten, von 14.15 bis 14.40 Uhr. Doch die Umstände waren gegen unsere Liebe. Er war ein Star Sheriff und ich ein zehnjähriges Mädchen. Ich hatte mich Hals über Kopf in eine Comicfigur verliebt. Meine große Liebe war weiter von mir entfernt, als die Galaxien, in denen Saber Rider gegen das Böse kämpfte. Ich suchte Rat bei meiner Mutter. Was macht man, wenn man jemanden liebt, den man nicht haben kann? Sie sagte nur: „Das habe ich bei deinem Vater anfangs auch gedacht“, und schmiss den Staubsauger an. Also begnügte ich mich damit, sein Bild vom Fernseher abzufotografieren, um auch abends in seine blauen Augen schauen zu können. Manchmal waren sie auch braun. Oder grün. Je nach Staffel. Aber wir hatten nie eine Chance, ich war einfach zu real.

Friedolin ist ein würdiger Ersatz. Er ist zwar mehr MacGyver als Starsheriff, aber in den richtigen Klamotten könnte man ihn durchaus für einen schottischen Gentleman halten. Und es ist schon beruhigend, dass sich seine Augenfarbe nicht ständig ändert. Dem Fünfjährigen ist das kein Trost. Er hofft einfach darauf, dass ich noch ganz oft krank werde, damit er Anna ständig sehen kann.

Montag, 20. Juli 2020

Wie schön atmen ist, merkt man ja eigentlich erst, wenn es nicht mehr richtig funktioniert. Weil die Nase zu ist, der Rachen bei jedem Atemzug brennt oder einen Hustenanfälle schütteln, bis man fast kotzt. Oder weil einen die große Schwester im Schwimmbad mal wieder zu lange unter Wasser gedrückt hat. Dann schwört man sich, in Zukunft jeden gesunden Atemzug persönlich mit Namen und angemessener Dankbarkeit zu begrüßen und sehr viel Zeit im Wald zu verbringen.
Ich bin immer noch nicht wieder gesund. Die Kinder haben die ersten Tage auch kränkelnd unter ihrem normalen Energieniveau vor sich hingedümpelt, sonst hätte ich ihrer überschwänglichen Lebensfreude nichts entgegen zu setzten gehabt. Aber immerhin ist in meinem Kopf außer Schleim wieder Platz für zusammenhängende Gedanken. Wenn man das hier so nennen mag. Unsere Kaninchen sind auch krank, das macht mir gerade am meisten zu schaffen. Sie haben Kaninchenschnupfen. Im schlimmsten Fall können sie daran sterben. Anders als Männerschnupfen ist Kaninchenschnupfen nämlich eine lebensbedrohliche Krankheit, wenn sie nicht richtig behandelt wird. Ich weiß, für Männer fühlt sich Schnupfen auch lebensbedrohlich an. Leider hat unser Tierarzt die Kaninchen behandelt, als wären sie Katzen mit zu langen Ohren und so ziemlich jeden Behandlungsfehler gemacht, den man nur machen kann, wie mir jetzt ein richtiger Kaninchen-Tierarzt erklärt hat. Kaninchen kommen im Tiermedizinstudium offenbar nur am Rande vor, daher muss man bei der Tierarztsuche darauf achten, dass der Arzt auch Ahnung von Kaninchen hat. Es wäre hilfreich gewesen, wenn ich das alles vorher gewusst hätte. Dann wäre die Überlebenschance unserer Kaninchen ungleich höher gewesen. Bei der Vorstellung, dass unsere unglaublich zahmen und lieben Kaninchen vielleicht sterben und was das mit unseren Kindern machen wird, habe ich so bitterliche Tränen vergossen, dass meine Nase direkt wieder total zugeschwollen ist.
Wir haben wohl gerade eine dieser Phasen. Diese Phasen, wo nichts funktioniert und eine Misere die nächste jagt. Erst werden jetzt auch Auftritte im Winter abgesagt, weil viele Theater die Auflagen nicht erfüllen können, dann hatten wir eine Rattenplage, dann kommt raus, dass unser Antrag auf Soforthilfe verschlampt wurde, dann werden wir krank und haben uns zu allem Überfluss drei chronisch kranke Tiere angeschafft. Als nächstes geht vermutlich noch die Waschmaschine kaputt oder unser alter Bus macht die Grätsche. Während ich das schreibe klopfe ich natürlich dreimal auf Holz. Immerhin hat die Krankenkasse meinen Härtefallantrag für die neue Krone bewilligt. Yeah, ein Lichtblick, ich bin zum ersten Mal seit meiner Berufstätigkeit so arm, dass ich einen Härtefallantrag stellen darf. Vielleicht wünscht ihr euch an dieser Stelle, dass ich noch ein paar Tage länger mit dem Blog pausiert hätte. Aber ich bin ja mittlerweile eine abgebrühte Miseren-Veteranin. Ich weiß, dass wir nur die Luft anhalten müssen, bis wir den Grund erreichen. Dann stoßen wir uns einfach ab und schwimmen wieder oben auf. Um einmal tief und befreit durchzuatmen.

Mittwoch, 15. Juli 2020

Der Fünfjährige hat einen fiesen Sommerinfekt angeschleppt. Er spielt trotzdem fröhlich und munter mit seiner wild zusammengewürfelten Tierlandschaft. Die Siebenjährige und mich hat es umgehauen. Wir liegen fiebrig im Bett und hören Alea Aquarius. Seit der letzten Schwangerschaft habe ich eine chronische Nebenhöhlenentzündung, die sich mit jedem Schnupfen zu einem üblen Kopfschmerz-Monstrum auswächst, bei dem ich die Augen nicht mehr aufkriege. Ich hab bei jedem Infekt Geschmacksverlust, das kann bei mir also nicht als Corona-Symptom gewertet werden. Die Siebenjährige ist zum Glück immer nur zwei Tage krank, egal wie schlimm es ist. Ihr Immunsystem hat den schwarzen Gürtel im Kung-Fu. Ich würde ihr mein Immunsystem gern mal zum Training schicken. In der ersten Nacht hatte sie jedoch einen so schlimmen Hustenanfall, dass sie keine Luft mehr bekam. Ich setzte mich mit ihr in den Garten, bis die kühle Nachtluft ihre Atemwege befreite. “Hast du Angst?”, fragte Friedolin mich. “Wegen Corona?”
Ich glaube nicht, dass wir uns Sorgen müssen. Es fühlt sich wie ein stinknormaler lästiger Sommerinfekt an. Und wo sollten wir uns auch angesteckt haben? Die Fallzahlen sind so niedrig. Wenn die Feierwütigen von den Urlaubsinseln zurückkehren, sieht es vielleicht schon wieder anders aus. Dennoch frage ich mich, ob wir je wieder einfach nur krank sein werden? Wann diese leise Stimme im Hinterkopf verstummt, die fragt, ob es nicht doch Corona ist?
Der Infekt kommt natürlich mal wieder zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt. Monatelang haben wir vor uns hingedümpelt, keine Verabredungen, keine Termine. Diese Woche sind wir zu einem Geburtstag eingeladen, auf den wir uns sehr gefreut hatten, die Siebenjährige hätte eine tolle Sommerferienpassaktion gehabt und wir wollten Friedolins Großeltern an der Nordsee besuchen. Eigentlich sind wir ab morgen sicher wieder so fit, dass all dies möglich wäre. Aber nicht in Zeiten von Corona. Bis alle Schnupfen- und Hustensymptome abgeklungen sind, wird es noch ein paar Tage dauern. Also sagen wir alles ab und verkriechen uns vor der Welt. Ich hätte nie gedacht, dass man sich mit Schnupfen und Husten mal wie ein Aussätziger fühlen würde.

Dienstag, 14. Juli 2020

Die Siebenjährige ist bei unseren Nachbarn gegen die Wintergarten-Tür gelaufen. Die Scheibe der Tür war so gut geputzt, dass sie diese nicht als solche erkannt hat.

Unsere Scheiben sehen einfach nie so aus. Selbst wenn ich zweimal im Jahr Fenster putze, patscht der Fünfjährige sofort mit seinen Schmierfingern dagegen, weil er im Garten eine Kröte gesehen hat oder den Eichelhäher oder einfach nur, weil es Spaß macht mit Schmierfingern gegen die Scheibe zu patschen. Dafür ist bei uns auch noch nie ein Vogel gegen die Scheibe geknallt. Ich tue ja alles für den Artenschutz. Vielleicht sollte man mal so schwarze Scheibenaufkleber mit dem Umriss kleiner Mädchen erfinden. Dann läuft unsere Tochter auch nicht mehr gegen die Tür.

Ich lebe ja frei nach dem Motto: Wir können nicht alle gleichzeitig gut aussehen… entweder das Haus, die Kinder oder ich. Wobei ich mich nicht erinnere, wann ich das letzte Mal gut ausgesehen habe. Zur Zeit sehe ich immer aus, als hätte ich gesoffen oder einen schweren Infekt. Also genau wie unser Haus. Überall stapeln sich Berge von Zetteln, Klamotten, Spielzeug und Schuhen. Wenn früher jemand unerwartet klingelte und irritiert in unseren Wohnflur guckte, konnte ich immer sagen: “Äh, wir sind gerade von Tour zurück gekommen und müssen noch zu Ende auspacken.” Die Ausrede fällt jetzt ja leider weg. Die Zeichen verdichten sich, dass ich einfach keine gute Hausfrau bin. Ich weiß nicht, wie die anderen berufstätigen Frauen das schaffen. Manche haben Eltern vor Ort, die sie unterstützen. Oder ein Kiesbeet hinterm Haus. Oder die Kinder bis nachmittags in der Betreuung. Aber wie viele andere auch stehen wir seit Corona die meiste Zeit allein da und die Kinder um 11.30 Uhr vor der Tür. Wenn sie überhaupt zeitgleich außer Haus sind. Und natürlich frisst dieses ganze Selbstversorgerdings sehr viel Zeit. Aber wir sparen eine Menge Plastik und Emissionen dadurch, dem Klima ist es schließlich piepegal, wie unser Haus aussieht. Ich will überhaupt nicht jammern, bisher sind wir glimpflich durch die Krise gekommen. Nicht, was unsere Arbeit betrifft, aber alle, die wir lieben, sind gesund geblieben. Körperlich. Seelisch nicht. Die Angststörungen nehmen zu, die depressiven Verstimmungen, das Ausgebranntsein und die Verzweiflung, nicht zu wissen, was der Herbst uns bringt. Ob die Kräfte für eine zweite Runde Corona reichen. Ich mache mir Sorgen um die Mütter in meinem Umfeld. Wie es den Vätern geht, weiß ich nicht. Väter fressen ja gern alles in sich hinein und kriegen dann später Herzrythmusstörungen. Zur Zeit haben oft die Mütter die Doppelbelastung mit Homeoffice und Homeschooling und Homeputzing und Homeirgendwas. Vielleicht sollten wir alle uns viel öfter sagen, wie gut wir das bis hierhin gemeistert haben. Wie stolz wir aufeinander sind. Und dass es nicht schlimm ist, wenn die Scheiben mal nicht geputzt oder die Haare mal nicht gewaschen oder die Hausaufgaben der Kinder mal nicht korrekt erledigt sind. Hauptsache, wir bleiben gesund. Körperlich und seelisch.

Montag, 13. Juli 2020

“Vielleicht solltest du doch besser eine Leggings unterziehen”, sagt Friedolin und guckt vielsagend auf meine Beine. “Deine Beine sehen aus, als wärst du Fünf.”
Ich versuche, das für einen Moment als Kompliment stehen zu lassen. Aber so hat er es natürlich nicht gemeint. Also unterziehe ich meine Beine einer kritischen Betrachtung und muss ihm ausnahmsweise mal recht geben: Sie sind nicht präsentabel. Ich habe überall Mückenstiche, entzündete Grasmilbenbisse, blaue Flecken und Kratzer. Das kommt davon, weil ich ständig durch irgendwelche Gebüsche krieche und nach geheimen Eiernestern und entwischten Kaninchen suche. Und die überschwängliche Liebe der Kinder auf mir eine Spur aus blauen Flecken hinterlässt. Langsam muss ich wohl über Funktionskleidung nachdenken und meine Großstadtteilchen endgültig einmotten. Seufzend ziehe ich eine Leggings unter mein Auftrittskleid. Im Scheinwerferlicht kann es sehr heiß werden. Aber ich möchte natürlich nicht, dass die Zuschauer unkonzentriert sind, weil sie denken, ich hätte die Beulenpest. Alternativ könnte ich mir wieder einen Pelz wachsen lassen. Wobei das vermutlich ebenfalls für Ablenkung sorgen würde.
Unsere Tochter wird von unserem sehr tollen Kinderarzt immer für ihre zerschundenen Beine gelobt: “So müssen Kinderbeine aussehen”, sagt er dann. “Ein Kind, das ständig drinnen vorm Fernseher hockt, hat nicht so viele Kratzer und blaue Flecke.”
Das ist mal wieder die Ungerechtigkeit des Erwachsenseins: unsere Tochter wird für ihre Beine gelobt, ich soll mir eine Leggings anziehen. Immerhin habe ich noch keine Krampfadern. Der Fünfjährige hat bald einen U-Untersuchungs-Termin. Ich könnte in kurzer Hose ein wenig im Behandlungszimmer auf und ab flanieren. In der Hoffnung, dass wenigstens unser Kinderarzt etwas nettes über meine zerschundenen Beine zu sagen hat.

Freitag, 10. Juli 2020

Am frühen Morgen hängt träger Dunst über unserer taufeuchten Wiese, Wassertropfen glitzern auf den Blättern des Frauenmantels, die Hühner schütteln ihr nasses Gefieder. Die regenschweren Stauden lassen ihre Köpfe auf den Kiesweg hängen, es riecht nach dampfender Erde, öligen Salbeiblüten und Rindenmulch, holzig, grün, durchdringend. Das feucht-warme Wetter hat unseren Garten in wenigen Tagen in einen Urwald verwandelt. Ein fünfjähriger Elefant stapft mit seinen Wintergummistiefeln vor mir durch das Dickicht und trompetet lautstark vor sich hin. Ein paar Amseln nehmen schimpfend Reißaus. Ich schlage uns mit meiner Machete einen Weg frei. Das fallende Grün sammeln wir für die Kaninchen. Seitdem sie bei uns wohnen, betrachte ich unseren Garten mit völlig neuen Augen. Ich reiße das Unkraut nicht mehr aus, ich ernte es. Und beobachte mit stiller Freude, worauf sie sich als erstes stürzen. Sie lieben Gänsedisteln, Flohknöterich und Franzosenkraut, meine neueste Entdeckung unter den Wildkräutern. Bei vielen Gärtnern ist es ein gefürchtetes Unkraut, weil es sich unheimlich stark aussäht. Aber ähnlich wie Giersch sollte man es nicht fürchten, sondern einfach aufessen. Es steckt voller Vitamine und Mineralstoffe. In puncto Vitamin-C und A schlägt es Gemüse um ein Vielfaches, es hat dreimal so viel Eisen mit wie Spinat, ebenso Calcium, Magnesium, Phosphor und Mangan. Kein Wunder, dass unsere Kaninchen es so gerne fressen. Wir pflücken es für Salat und Pesto. Ohnehin habe ich aufgehört, Salat anzupflanzen. Was der Wind und die Ameisen an Wildkräutern herbeitragen, schmeckt um ein vielfaches besser als jede gezüchtete Salatsorte.
“Wie geht es denn meinen Papageien?”, höre ich den Fünfjährigen säuseln. Er hat sich in unser improvisiertes Baumhaus verkrochen und blättert in seinem Stickeralbum, bis er die Seite mit den bunten Papagei-Aufklebern gefunden hat. “Ach gut, sie fliegen alle noch fröhlich hin und her”, sagt er und klappt das Album zufrieden zu. Möge ein Tag voller Dschungel-Abenteuer beginnen.

Donnerstag, 09. Juli 2020

“Sie mag Heilkräuter, Fantasyromane und die nordischen Götter”, sagt Friedolin und legt mir eine Reportage über eine Frau auf den Tisch, die sich in der rechten Szene radikalisiert hat.
“Vielleicht mag sie auch Toastbrot, Spaxschrauben und liest gern auf dem Klo”, sage ich. “Das haben die in der Zeitung halt weggelassen.” Ich bin etwas dünnhäutig bei dem Thema. Natürlich möchte ich auf Grund meiner Interessen nicht mit Personen in einen Topf geworfen werden, die eine menschenverachtende Gesinnung propagieren. Wenn man sich in Deutschland für altes Brauchtum, germanische Götter- und Heldensagen oder Runenkunde interessiert, gerät man schnell in Erklärungsnot. Es stellt sich die Frage, ob man wegen Nazis, die unsere uralte Kultur missbrauchen, eben dieser Kultur aus dem Weg gehen muss. Auch wenn dieses Kulturgut mehr als 1000 Jahre älter ist als die NS-Ideologie.

Ich bin keine Neu-Heidin, ich bin eine naturverbundene Geschichten-Erzählerin. Für mich sind die Mythen um Wotan/Odin, Freia oder Frau Holle ebenso eine Säule unserer Kultur wie Erzählungen aus der Bibel oder von Zeus und seiner durchgeknallten Patchwork-Sippe.
Wir sind eine synkretistische Familie, das heißt, wir suchen uns aus jeder Säule aus, was zu uns passt. Klassischer Religionsunterricht in Schule und Kinderkirche, Naturverehrung und Jahreskreisfeste im Garten und Geschichten von Thor und Odin, von Zeus und Artemis am Lagerfeuer.

Für mich begann dieser Weg bereits als Kind. Ich fragte mich in Gottesdiensten oft, wo ich als Mädchen eigentlich meinen Platz habe. In einer Religion, in der DER Vater, DER Sohn und DER Heilige Geist das Zentrum bilden und Maria als Trägerin der Erbsünde und entsexualisiertes Wesen nur am Rande mitspielen darf. Warum ging es in der Bibel so oft um die Verehrung von Menschen und so selten um die Verehrung der Natur?
Ich streifte schon als Kind stundenlang allein durch den Wald und die Felder und fühlte mich mit den Bäumen und Bächen und Tieren um mich herum stärker verbunden als mit vielen Menschen, spürte die Anwesenheit des Göttlichen unter freiem Himmel und nicht in der Kirche. Ich las jedes Buch über amerikanische Ureinwohner, das ich in die Hände bekam, verbrachte Stunden in der Bibliothek. In ihren Mythen fand ich den Glauben an die beseelte Natur, die Kraft von Visionen und Träumen und Naturgeistern. Ich trauerte als Kind um diese verlorene Welt, über die Grausamkeit der Siedler und darüber, dass ich diesen Glauben nie würde leben können, weil es nicht meine Geschichte war.
Erst viel später, als ich mich für Heilkräuter und die Geschichte der Phytologie zu interessieren begann, entdeckte ich unsere Ahnen, die Kelten und Germanen und Wikinger. Ebenfalls naturverbundene Waldvölker, deren Bräuche und Mythen starke Ähnlichkeit mit denen der Native Americans aufweisen und bei denen weibliche Gottheiten und Heilerinnen eine große Rolle spielten. Vieles ist mit der Christianisierung verloren gegangen, wurde annektiert, verdreht, verteufelt. Später rissen die Nazis die Deutungshoheit an sich, in dem Versuch, die Herkunft einer arischen Rasse darüber zu legitimieren.

Ich habe mich früher auf meinen Reisen oft geschämt, aus Deutschland zu kommen. Wenn ich mit “Heil Hitler” begrüßt oder behauptet wurde, dass in Deutschland ja immer noch fast alle Nazis seien. Ich habe oft den Satz als Kompliment gehört: “Du bist gar nicht so, wie wir uns Deutsche vorgestellt haben.” “Doch”, habe ich dann trotzig geantwortet. “Ich bin genau so wie viele andere Deutsche auch: weltoffen, neugierig, freundlich, witzig, tolerant.” Dennoch fühlt es sich für mich immer noch komisch an zu sagen: “Ich bin deutsch.” Weil über allem Deutschsein der Schatten des Nationalsozialismus schwebt.
Aber gerade in Zeiten, wo die Menschen verunsichert sind, weil die Natur durch sie selbst und den Klimawandel bedroht ist, wo Flüchtlingsbewegungen die vertrauten Gesellschaftsstrukturen verändern, wo die Kirche für viele nicht mehr der Fels in der Brandung ist, gerade dann ist es umso wichtiger, sich fest in seiner Herkunft zu verwurzeln oder spirituelle Kraft aus seiner Umgebung zu ziehen. Damit man den neuen Umständen selbstbewusst, offen und mutig entgegen treten kann und sich nicht aus Angst rechter Propaganda in die Arme wirft.

Ja, es gibt im Neu-Heidentum völkische Strömungen, ebenso wie es auch rechte Christen gibt. Aber es gibt auch ökologisch oder universalistisch eingestellte Anhänger der Alten Sitte, des Asenglaubens, die sich aktiv gegen rassistische und demokratiefeindliche Weltanschauungen einsetzten. Frei nach dem Motto: “Odin sagt: Keine Nazis in Walhall!”

Ich finde, wir hätten nicht nur die Gesellschaft und Institutionen entnazifizieren sollen, sondern auch die alten Symbole, Geschichten und Bräuche. Sie gehören nicht den Nazis, sie gehören allen Menschen, die sich für ihre Herkunft, ihre Geschichte interessieren oder nach einem naturverbundenen Glauben suchen. Für unsere Kinder hat das Göttliche viele Namen, es ändert einfach seine Gestalt je nach Landschaft und Herkunft der Menschen. Es gibt für sie nicht den EINEN richtigen Glauben, für den es sich zu streiten oder kämpfen lohnt. Auch wenn unsere Tochter in letzter Zeit möchte, dass ich bei “Weißt du wie viel Sternlein stehen” nicht mehr “Gott, der Herr hat sie gezählet” singe, sondern “die große Göttin hat sie gezählet”. Sie ist ein Mädchen und möchte einen Teil des Göttlichen auch für sich beanspruchen.

Mittwoch, 08. Juli 2020

Die Feuerwehrsirene reißt mich aus dem Schlaf. Ich höre die Kinder in ihren Betten rumoren. Der Morgen dämmert in der Ferne. Wie immer, wenn alle zuhause sind, atme ich kurz auf. In den seltensten Fällen ertönt die Sirene auf dem Dach des Feuerwehrhauses, weil es brennt. Häufig sind es schwere Unfälle auf der Bundesstraße, zu denen unsere Feuerwehr ausrücken muss. Die Bundesstraße ist unsere Verbindung zur Außenwelt, zur Schule, zum Kindergarten, zum Supermarkt, zu unseren Familien in der Stadt. Meistens ist es aber einfach Samstag, 12 Uhr und die Funktionsfähigkeit der Sirene wird getestet. Das mussten wir als Zugezogene erst lernen. Anfangs dachte ich noch: Komisch, dass hier immer am Wochenende die Häuser abbrennen.

In der Stadt ertönt keine Sirene, die die Feuerwehrleute zum Einsatz ruft. Doch Fahrzeuge mit Martinshorn hört man häufig. Ob Polizei, Krankenwagen oder Feuerwehr, sie verklingen anonym im Hintergrundrauschen der Stadt. Die Sirene auf dem Dorf ist immer ein kurzer Schreckmoment, sie erinnert einen daran, das gerade jetzt für jemanden etwas Dramatisches geschieht.
Wer hier in der Freiwilligen Feuerwehr ist, muss psychisch stark genug sein, um Schwerverletzte und Tote aus Unfallautos zu bergen. Im schlimmsten Fall sogar Bekannte aus dem Dorf. Der Abschnitt unserer Bundesstraße wird nicht umsonst Todesstrecke genannt. Übermüdete Pendler, Raser, verschmutzte Fahrbahn in den Kurven, Nachtschwärmer, Gründe gibt es genug. Im Osten sah ich auf so einer Strecke mal ein Plakat: “Bitte nicht gegen die Bäume fahren!” Vernünftige Menschen fahren bei uns am äußersten Rand der Fahrbahn, denn Raser nutzen die Mitte als dritte Spur. Als wir hergezogen sind, habe ich jedes Mal Herzrasen gekriegt, wenn mich so ein Raser an den Rand gedrängt hat. Und dennoch wird kein Blitzer aufgestellt.
Als ich nach dem Frühstück zum Zahnarzt unterwegs bin, ist die Bundesstraße immer noch gesperrt. Eine Tote, drei Schwerverletzte. Ich bin in Gedanken bei den Feuerwehrleuten. Fast alle sind Familienväter mit einem anspruchsvollen Vollzeitjob, zu dem sie nach so einem belastenden Einsatz trotzdem fahren müssen. Es ist mir ein Rätsel, wie die das kräftemäßig schaffen.
Beim unserem ersten Osterfeuer im Dorf fragte mich unser Nachbar von der Feuerwehr:
“Na, wie gefällt’s dir?”
“Mir haben ein paar Funken die Jacke versenkt”, sagte ich gespielt vorwurfsvoll.
“Dann habe ich wohl nicht gut genug auf dich aufgepasst”, sagte er ernst. Ich hatte das eigentlich als Witz gemeint, war aber trotzdem hin und weg. Das ist nämlich das Schöne auf dem Land: wenn dir hier etwas passiert, ist immer sofort ein Nachbar zur Stelle, der dich retten kommt.


Dienstag, 07. Juli 2020

Friedolin trainiert nach dem Abendbrot mit der Siebenjährigen für die NBA. Kein Kinderbonus, kein Erbarmen. Wer die meisten Körbe wirft, gewinnt. Was gut für ihre Zukunft ist, da sie vermutlich mindestens meine Körpergröße von 1,79 erreichen wird. Sie möchte zwar lieber Vertikaltuchakrobatin werden (“Weißt du Mama, eine richtige Künstlerin halt, nicht so etwas, was ihr macht.”), aber da werden ihr die langen Arme und Beine ständig im Weg sein. Vielleicht wird ihr unsere vegetarische Ernährung ein paar Zentimeter ersparen. Wobei sich der Brachiosaurus auch vegetarisch ernährt hat, das muss also nichts heißen. Brachiosaurusweibchen hatten aber sicher keine Probleme damit, einen gleich großen Tanzpartner zu finden. Ich erinnerte im tanzschulfähigen Alter stark an einen missmutigen Storch und war im Schnitt einen Kopf größer als meine Klassenkameraden. Da habe ich die Tanzschule lieber ausgelassen. Es war so schon demütigend genug, beim Zeitungsaustragen ständig Sätze zu hören wie: “Wenn du so weiter wächst, kannst du später aus der Dachrinne saufen” oder “`Ne Bohnenstange wie dich könnt ich hinten im Garten gut gebrauchen.”

Es war frustrierend, von Lehrern manchmal strenger behandelt zu werden, weil sie mich aufgrund meiner Körpergröße trotz besseren Wissens älter einschätzten als ich als Klassenjüngste war. Daran musste ich denken, als unsere Tochter kürzlich sagte: “Ich glaube es wäre leichter, wenn ich klein und niedlich wäre.” Ich weiß noch, wie ihre Erzieherin vom Spielkreis mir erbost berichtete, dass unsere Tochter beim Ausflug unerlaubt vom Spielplatz weggelaufen sei.
“Klar, kann ich das mit ihr besprechen”, antwortete ich, “aber sie ist halt erst Zwei.”
Da verstummte die Erzieherin. Sie hatte unsere Tochter für ein Jahr älter gehalten, weil sie so groß war und schon so gut sprechen konnte. Vielleicht wächst man über sich hinaus, wenn man ständig überschätzt wird. Aber es ist auch ganz schön anstrengend. Ich habe mich in meiner Schulzeit in jeder Hinsicht kleiner gemacht, als ich bin. Habe krumm gestanden und beim Lesen in der ersten Klasse extra gestottert. Als Kind möchte man nicht herausragen, man möchte dazu gehören. Gerade Mädchen können untereinander sehr grausam sein. Unsere Tochter geht auf eine Schule mit jahrgangsübergreifendem Lernen. Da wird es immer jemanden geben, der größer oder besser ist als sie. Sie wird dort hoffentlich nie das Gefühl haben, sich verstecken zu müssen. Ich habe erst auf der Bühne gelernt zu zeigen, wie groß ich wirklich bin.
Mittlerweile ist groß und klapperdürr sein ja etwas sehr Tolles, weil man sich dann im Fernsehen von Heidi Klum erniedrigen lassen darf.

Und dank Internet wird unserer Tochter das Regal mit Damenschuhen in Größe 41 in angeblich gut sortierten Schuhgeschäften erspart bleiben. Dort sind nämlich ausschließlich die Modelle eines misogynen Designers zu finden, der mit Ende Dreißig noch bei seiner despotischen Mutter wohnt und sich bei allen Frauen mit großen Füßen dafür rächen möchte.
So oder so kommt es am Ende immer drauf an, dass man sich selbst akzeptiert. Und da ist unsere Tochter auf einem ziemlich guten Weg. Ich muss ihr nur zutrauen, ihn zu gehen und sie nicht aufgrund meiner eigenen Erfahrungen zurückhalten. Das fällt uns Müttern ja manchmal nicht leicht. Egal wie groß wir sind.

Montag, 06. Juli 2020

Warum knutschen Erwachsene eigentlich nicht? Das fragte ich mich als Teenager oft, wenn ich die ältere Paare um mich herum beobachtete. Sie küssten sich natürlich schon irgendwie, aber mit PBKs, mit Paar-Bestätigungs-Küssen, diese kurzen Schmatzer zur Begrüßung, die eher ein Handschlag mit Lippen als sinnlicher Austausch sind. Einerseits war ich natürlich froh darüber. Wenn alte Menschen, also alle über 25, sexualisiertes Verhalten zur Schau stellen, empfindet der gemeine Teenager dies ja als ebenso unappetitlich wie unnatürlich. Andererseits konnte ich es nicht nachvollziehen. Für mich als hormongeflutetes Übergangswesen war Küssen einer der schönsten Zeitvertreibe, die ich mir vorstellen konnte. Warum sollte man fernsehen, wenn man auch küssen konnte? Wenn einen der Freund fragte: “Wollen wir einen Film gucken?”, war das ja eher Code für: “Wollen wir den ganzen Abend durchknutschen?”
Wenn ich heute ein erwachsenes Paar ausgiebig küssen sehe, denke ich immer sofort: Die sind bestimmt frisch geschieden und haben sich über irgendein Dating-Portal kennen gelernt. Ich denke nie: die sind seit 30 Jahren verheiratet, haben drei Kinder, einen Golden Retriever und ein abbezahltes Endreihenhaus und lassen es heute mal so richtig krachen. Was natürlich mehr über mich als über die knutschenden Alten aussagt. Denn jetzt, da ich selbst zumindest vom Alter her erwachsen bin, stelle ich folgendes fest: Erwachsene küssen sich – zumindest tagsüber – nicht, weil sie a) keine Zeit und b) 1000 andere Dinge im Kopf haben und c) nicht wollen, dass die Kinder sich angewidert abwenden.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Menschen beim Küssen über den Speichel Botenstoffe austauschen und erkennen, ob sie körperlich gut zueinander passen, also gesunde Kinder bekommen können. Manche Forscher vermuten, Menschen küssen, so wie Tiere an den Hinterteilen ihrer Artgenossen riechen, um potentielle Paarungspartner zu erschnuppern. Weil wir aufrecht gehen und bekleidet sind, musste man gezwungenermaßen von unten nach oben ausweichen. Wenn man erstmal Kinder hat, erübrigt sich dieses Prozedere ja.
Aber es gibt viele Gründe, warum man auch noch im hohen Alter lieber Küssen als chipsflixen sollte: Küssen trainiert das Immunsystem, denn wir übertragen dabei 80 Millionen Bakterien. Hirnregionen für depressive Stimmungen werden deaktiviert und das Stresshormon Cortisol vermindert. Menschen, die viel küssen, leben laut Studien länger.
Während ich das schreibe, denke ich, dass ich meinen Mann mal wieder ausgiebig küssen sollte. Immerhin bin ich gestresst und seit Wochen bestimmt auch depressiv verstimmt. Außerdem wäre es schön für die Kinder, wenn ich noch eine Weile lebe. Aber zum Küssen müsste ich ihn erstmal finden. Er ist ja gut darin, am helllichten Tag zu verschwinden. Also mache ich mich auf die Suche. Dabei fällt mir der überquellende Wäschekorb ins Auge, den nehme ich direkt mit runter und stelle eine Maschine an. Dann sehe ich den vollen Mülleimer in der Wäschekammer und mir fällt ein, dass die Tonnen morgen abgeholt werden und noch rausgestellt werden müssen. Dabei treffe ich meine Nachbarin Marita und wir verquatschen uns. Währenddessen schlägt sich der Fünfjährige das Knie auf und möchte verarztet werden. Und plötzlich ist Abend und ich erinnere mich dunkel, dass ich irgendetwas ganz dringendes erledigen wollte, aber mir fällt beim besten Willen nicht mehr ein was.

Samstag, 04. Juli 2020

Ich verabschiede mich ab jetzt bereits freitags ins Wochenende.

Als ich am 16. März zu schreiben begann, hatte ich gar keine Vorstellung, wohin die Reise geht. Weder mit Corona, noch mit diesem Blog. Ich hatte nie geplant, einen Blog zu schreiben. Er ist mir und uns passiert. Ich hatte mir vorher keine Regeln überlegt oder die Fallstricke durchdacht, die es bedeutet, einen privaten Blog zu schreiben. Was für Verwicklungen entstehen können, wenn Leser aus unserem privaten Umfeld die Texte über unsere literarische Familie mit unserem echten Leben gleichsetzen. Eigentlich hatte ich zunächst überhaupt nicht damit gerechnet, dass ihn jemand liest. Ich hatte jeden Tag eine Idee, also schrieb ich jeden Tag einen Text. Die ersten waren eher in die Luft geblasene Miniaturen und ließen sich noch zwischen Arbeit und Leben schieben. Sie waren ein Versuch, in dieser Krise zu überleben. Dem Chaos, den Ängsten und der Verzweiflung mit Humor ins Gesicht zu lachen, meine Gedanken zu sortieren und zu teilen. Es war für mich befreiend, ihn zu schreiben und die vielen positiven Kommentare haben mich ermuntert, weiter zu machen. Langsam geht mir jedoch in jeder Hinsicht die Luft aus. Und Euch scheinbar auch. Alle um mich herum sind müde und zerschlagen.
Ich freue mich jedes Mal über Eure Kommentare und Reaktionen. Sie spornen mich an, weiterzumachen, liefern mir neue Ideen, neue Energie. Aber ich verstehe auch all diejenigen, die nur still mitlesen möchten. Doch ich fühle mich zunehmend leer und urlaubsreif. Ich danke euch, für euren Zuspruch und eure Zeit, die ihr mir in den letzten Monaten geschenkt habt. Eine Weile werde ich wohl noch weiterschreiben. Aber nicht mehr am Wochenende. Das gehört ab jetzt voll und ganz der Familie. Schließlich ist Sommer und ich möchte mit meinen Kindern in die Wolken gucken und die echte Welt entdecken. Sonst habe ich irgendwann keine Erlebnisse mehr, über die ich schreiben kann.

Freitag, 03. Juli 2020

Der Tierarzt knallt eine Schale mit blutigen Kaninchenhoden auf den Tisch.
“So, das sind sie”, sagt er. “Äh, danke?” sage ich und schaue in die Transportbox. Der kleine Kastrat liegt benommen in der Ecke hinter Gittern. So sähe eine Folge Kaninchen-Game-of-Thrones aus, denke ich. Der Fünfjährige wendet sich ab und verbirgt sein Gesicht in den Händen. Hätte ich geahnt, dass uns die Beweismittel der Kastration hinterher präsentiert werden, hätte ich ihn im Auto warten lassen. Er hat vor kurzem verstanden, was es mit den Hoden auf sich hat, und fühlt mit dem kleinen Farinelli. 500 Milliarden Spermien produzieren die Hoden in einem Männerleben, das ist schon ein kleines Wunder. Der Fünfjährige fand, die Spermien im Was-ist-Was-Buch sähen aus wie Regenwürmer. Wenige Tage später stand seine kleine Freundin fassungslos neben mir, als ich Ackerfurchen zog und lauter Regenwürmer zum Vorschein kamen. “Wie kommen die denn jetzt da rein?”, fragte sie immer wieder. Ich verstand die Frage erst im Nachhinein, als mir der Fünfjährige eröffnete, dass er ihr die Sache mit den Regenwürmern und den Hoden genau erklärt habe. Schließlich möchte er seine Freundin später heiraten und ein Baby mit ihr haben. Beide waren nur etwas betrübt darüber, dass sie dann nicht mehr schwimmen gehen können.
“Warum denn nicht?”, fragte ich.
“Na, weil wir dann immer auf das Baby aufpassen müssen”, sagten sie.
“Ich kann dann ja mal auf euer Baby aufpassen.”
“Und wer fährt uns dann zum Schwimmen?”
“Na, ihr selbst.”
Beide schauten sich fassungslos an und lachten kopfschüttelnd los. Sie konnten sich ihr gesamtes Leben ausmalen, mit Eigenheim und Baby, aber dass sie allein mit dem Auto zum Schwimmen fahren dürfen, das ging dann doch zu weit. Womit sie natürlich recht haben. Ich weiß auch nicht, wann ich das letzte Mal allein zum Schwimmen fahren durfte.

Donnerstag, 02. Juli 2020

Der Fünfjährige steht am Seeufer und traut sich nicht ins Wasser. Diesen Sommer ist er erstaunlich wasserscheu. Er geht höchstens bis zum Po rein, dann bleibt er stehen und sieht zu, wie seine Schwester davon schwimmt. “Möchtest du es vielleicht einmal ohne Schwimmweste probieren?”, frage ich ihn schließlich. Er überlegt und nickt dann zögerlich. 10 Minuten später taucht er wie ein Seehund durchs Wasser und schwimmt stolz auf mich zu. Am Ende hatte ihn die Schwimmhilfe vom Schwimmen abgehalten. Ich spüre, wie mein Herz weit wird. Wie jedes Mal, wenn die Kinder einen Meilenstein ihrer Entwicklung meistern.
Das erste Mal. Das erste Mal lachen, das erste Mal krabbeln, sitzen, essen, stehen, laufen, sprechen, durchschlafen. Ich weiß noch, wie Friedolin und ich im Bett lagen und glücklich den Atem anhielten, weil unsere Tochter zum ersten Mal früh morgens im Kinderzimmer einfach zu spielen begann, ohne uns vorher zu wecken. Wie sie zum ersten Mal sich und ihrem kleinen Bruder Frühstück machte. Und dabei die Küchenbank mit Sirup verzierte. Wie sie zum ersten Mal an einem dunklen Wintermorgen zum Schulbus ging und sich am Gartentor nicht noch einmal umdrehte, um sich zu vergewissern, dass ich ihr nachschaue.
In zahlreichen nicht-industriellen Kulturen, in denen Kalender keine große Rolle spielen, werden diese Meilensteine gefeiert und nicht die Geburtstage der Kinder. Rituale begleiten den Übergang des Kindes von einem Stadium in das nächste. Auf den Samoa-Inseln gibt es Feste zum “Sitzen des Kindes”, “Stehen des Kindes” und ganz besonders zum “Gehen des Kindes”. Die Bantus in Südafrika feiern, wenn ein Kind das erste Mal auf seinen Namen reagiert.
Es ist ein bittersüßes Gefühl, wenn wir unsere Kinder auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit begleiten dürfen. Mit jedem ihrer Meilensteine bekommen wir etwas von unserer Freiheit zurück. Gleichzeitig ist jeder Schritt nach vorn ein kleiner Abschied. Eltern sein bedeutet auch, sich zurückzunehmen, die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen, ihre eigenen Fehler, auch wenn sie dabei manchmal frustriert oder verzweifelt sind. Wenn wir ihnen immer den Reißverschluss der Jacke schließen oder die Schleife der Schuhe binden, weil wir es mal wieder eilig haben, werden sie umso länger brauchen, es selbst zu lernen.

Ich genieße es, dass der Fünfjährige noch manchmal meine Hand auf unserem abendlichen Spaziergang um das Feld nimmt, es wird nicht mehr lange so sein. Er wird meine Hand loslassen und ich werde mit jedem Schritt lernen, ihn ebenfalls loszulassen.

Mittwoch, 01. Juli 2020

Die Siebenjährige sitzt den Tränen nahe vor ihrem Teller und tupft sich das Blut vom Mund ab. Ihr Schneidezahn wackelt seit Tagen, er will einfach nicht raus. Nicht mit einem Bindfaden, nicht mit drehen, wackeln, zerren, noch nicht einmal, als sie sich bei einer Unterwasserrolle das Knie in den Mund rammt. Sobald sie beim Essen drauf beißt, blutet er und tut weh. Also gibt es nur noch Kartoffelbrei und weiche Nudeln und Brot ohne Rinde, was mir entgegen kommt, da ich seit meinem Zahnarztbesuch einen Krater im Zahnfleisch habe und die Krankenkasse nicht mit dem Heil- und Kostenplan an Land kommt.
Die Siebenjährige isst leidenschaftlich gern, die Babydiät schlägt ihr aufs Gemüt. Sie isst so gerne, dass sie bei der Geburtstagsparty einer Freundin weinend vorm grandiosen Abend-Buffet stand. “Mag sie das alles nicht?”, fragte mich mitfühlend eine andere Mutter.
“Doch, aber sie hat sich beim Kuchenbuffet den Bauch so vollgeschlagen, dass von all diesen leckeren Sachen absolut nichts mehr reinpasst”, sagte ich achselzuckend. Die Mutter wendete sich irritiert ab.

Kartoffelbrei soll man ja ganz toll im Thermomix zubereiten können. Ebenso wie Milchreis oder cremige Dips. Seit Corona schaffen sich immer mehr Eltern einen Thermomix an. Die Kinder essen ja jetzt zuhause und nicht mehr in der Betreuung. Und jeden Tag kochen kostet Zeit, die viele nicht haben. Ich weiß aber nicht, ob ich 1200 Euro für den perfekten Kartoffelbrei ausgeben möchte. Wenn ich mir 1200 Euro als Gehalt auszahle, kann ich dafür ziemlich lange selbst in einem Topf rühren.
Ich verspüre immer leises Unbehagen, wenn Eltern in höchsten Tönen von ihren Küchenmaschinen und den dazugehörigen Rezepten schwärmen. Am Thermomix scheiden sich ja die Geister:
Für die einen ist er unfassbar praktisch, zeitsparend und fertigt perfekt gegarte Mahlzeiten mit perfekter Konsistenz an.
Für die anderen ist Kochen mit dem Thermomix wie malen nach Zahlen, sie wollen nicht mixen, sondern kochen und zwar mit Liebe und ausgefeilten Aromen und sagen, dass bei Asterix & Obelix der Thermomix es höchstens zum Heizungsinstallateur und nicht zum Chefkoch gebracht hätte.

Für uns hat sich seit Corona zumindest in puncto Kochen nichts geändert. Unsere Kinder haben schon immer zuhause gegessen. Als Vegetarier-Familie ist es kompliziert, die Kinder in der Betreuung essen zu lassen. Uns kommt so eine Küchenmaschine trotzdem nicht ins Haus. Friedolin und ich sind impulsive Köche. Wir denken uns gern selbst Rezepte für die Zutaten aus, die in unserem Garten wachsen. Wir kochen, wie wir arbeiten: mit Improvisation, Chaos und Kreativität. Gezwungenermaßen, denn der nächste Supermarkt ist 4 Kilometer entfernt und eigentlich fehlt immer etwas, das wir dringend zum Kochen benötigen. Außerdem hat Kochen für mich etwas Kontemplatives. Es ist die ruhende Mitte in meinem Aufgaben-Karussell. Wenn mir der Thermomix diese Zeit ersparen würde, würde ich sie vermutlich nur mit anderen Aufgaben zumüllen. Ich hätte allerdings gern eine Maschine zum Hinterher-Küche-Aufräumen. Wenn die auch noch Schneidezähne ziehen kann, zahle ich dafür auch gern 1200 Euro.

Dienstag, 30. Juni 2020

Friedolin und ich haben heute Hochzeitstag. Nicht, dass diese Information für irgendjemanden relevant wäre. Wir feiern unseren Hochzeitstag nämlich nicht. Am ersten Hochzeitstag war unsere Tochter gerade geboren, da hatten wir unser Kind im Kopf und nicht uns. Im zweiten Jahr waren wir mit Kind und Campingbus ohne Zeitgefühl in Schweden unterwegs. Ab da haben wir den Tag konsequent vergessen. Vielleicht auch verdrängt. Was daran liegen könnte, dass wir ein ziemlich zwiespältiges Gefühl zu unserer Hochzeit haben. Unsere Gäste sind bis heute der einmütigen Auffassung, dass es ein wunderbar rauschendes Fest war. Zwei Tage voller Liebe und Freundschaft und Natur, voller Spiele, Feiern und Musik.

Wir waren einfach nur brettfertig.
Was vielleicht daran gelegen hat, dass Friedolin den Abend vor unserer Hochzeit im Krankenhaus verbracht hat.

Es hatte am Anreisetag unserer Freilufthochzeit den schlimmsten Wolkenbruch seit 10 Jahren gegeben. Das Schullandheim, in dem wir feiern und schlafen wollten, wurde geflutet. Die Schächte vor den Kellerfenstern füllten sich wie Aquarien. Praktischerweise betritt man das Haus durch den Keller. So konnten sich unsere Hochzeitsgäste beim heiteren Wasserschippen miteinander bekannt machen. Die lustigen Polterabend-Spiele in der Turnhalle mussten wir allerdings beenden, es hatte reingeregnet, der Boden war rutschig. Friedolin wollte trotzdem noch einen letzten Ball auf den Basketballkorb werfen, rutschte aus und knallte auf den Hinterkopf. Für einen kurzen Moment überlegte ich ernsthaft, ihn da einfach blutend liegen zu lassen und mit dem Hausmeister durchzubrennen. Wir hatten diese Hochzeit seit Monaten geplant und Friedolin riskierte alles wegen Basketball.
Im Krankenhaus gab es dann einen eindrucksvollen Showdown zwischen einer netten Assistenzärztin und einer hyperventilierenden Braut:

Ärztin: “Er hat vielleicht eine Gehirnerschütterung, wir möchten ihn über Nacht zur Beobachtung dabehalten.”
Braut: “NEIN! WIR HEIRATEN MORGEN FRÜH!”
Ärztin: “Ich muss ihm jetzt den Hinterkopf rasieren, um die Wunde zu nähen.”
Braut: “NEIN! NEIN WIR HEIRATEN MORGEN FRÜH!”
Ärtzin: “Das sagten sie bereits.”
Braut: “”NEIN! NEIN WIR HEIRATEN MORGEN FRÜH”

Zum Glück gibt es Photoshop. Wir sahen nach dieser schlaflosen Nacht auf unseren Hochzeitsfotos aus wie Zombies. Ich musste auf allen Bildern unsere ziemlich tiefen Augenringe wegretuschieren, Friedolin trug einen Hut. Vielleicht hatten wir uns auch ein kleines bisschen übernommen mit einer selbst organisierten 48-Stunden-Feier für 100 Gäste inklusive Übernachtung. Als ich nachts um 1 Uhr mutterseelenallein im Brautkleid die Reste des Buffets in die Kühlung trug, dachte ich: Weddingplaner haben durchaus ihre Berechtigung.

Wir haben auf dem Gelände des Schullandheims geheiratet, in dem Friedolin Zivildienst gemacht hatte. Es ist ein wunderbarer Ort, direkt am Waldrand des Deisters auf einem Hügel gelegen. Wir haben uns im Wald voller Vogelgezwitscher das Jawort gegeben und auf einer Wiese unterm Sternenhimmel gefeiert. Am Ende war unsere Hochzeit so wie unsere Auftritte:

Wir haben uns bei der Vorbereitung viel gestritten (“Klar, ist es total entscheidend, dass alle Tische mit blauen Blumenvasen und selbst genähten Blümchenservietten geschmückt sind, was für eine dumme Frage!”), mussten währenddessen an 1000 Sachen denken, vor allem, dass wir an der richtigen Stelle den Text nicht vergessen und hatten am Ende vielen Menschen eine ziemliche schöne Zeit bereitet. Wir wollten ein Mal in unserem Leben all unsere weit verstreuten Freunde und Kollegen, unsere zerrissenen Familien, einfach alle Menschen, die uns am Herzen liegen, an einem Ort zusammen führen. Das war wundervoll und es lag viel Liebe in der Luft. Auch wenn wir selbst nicht ganz anwesend waren.
Jetzt freut es uns umso mehr, an diesen besonderen Ort zurückkehren zu dürfen.

Am letzten Augustwochenende werden wir zwei Abende vor der schönen Kulisse des Landheims auftreten. Gemeinsam mit unserem langjährigen Freund und wunderbaren Kollegen Matthias Brodowy. Falls wir zwischendurch plötzlich sagen: “Ja, ich will!” wisst ihr ja, woran das liegt.

https://www.landheim-tellkampfschule.de/deisterspiele/

Montag, 29. Juni 2020

Die Johannisbeeren sind reif. Also beginnt Friedolin, nervös um die Küche herumzuschleichen. Ich könnte ja spontan auf die Idee kommen, Marmelade einzukochen. Da will er rechtzeitig intervenieren können. Wobei ich bezweifele, dass dieses Jahr viel zum Einkochen übrig bleibt. Unsere marodierenden Kinderhorden lassen kaum etwas übrig. Sollen sie ruhig, ich nasche Himbeeren, Erdbeeren und Zuckererbsen auch am liebsten direkt vom Strauch. Einzig die Johannis – und Jostabeerensträucher hängen noch voll, die sind den Kindern zu sauer. Aber die machen auch die schlimmsten Flecken.
Friedolin und ich sind sehr unterschiedlicher Meinung, wie man Marmelade einkochen sollte. Seiner Ansicht nach müsste ich zunächst unsere stets vollgestellte Arbeitsplatte freiräumen, großräumig mit Zeitung oder dünnen Spanplatten abdecken und dann mit dem Einkochen beginnen. Im Idealfall mit einem Eimer Speziallauge zur Hand, um etwaige Flecken direkt zu beseitigen.
Ich sage, bis ich mit diesen Vorbereitungen fertig bin, ist das Zeitfenster, das mir diese Familie zum Einkochen bewilligt, längst wieder geschlossen und die Frucht am Strauch verfault. Also stelle ich mir wie immer lediglich ein mit Küchenhandtuch ausgelegtes Tablett bereit und hantiere unter Zeitdruck mit stark färbendem Obst, während Friedolin um mich herum wuselt und mir Spanplatten unterschiebt. Es ist ja nicht so, dass er pedantisch ist. Wenn ihm zum Beispiel Pfannkuchenteig auf dem Boden tropft, nimmt er auch nicht sofort einen Lappen zur Hand und wischt den weg. Meistens vergisst er den Fleck und ich entferne ihn dann später, was gerade im Winter mit Fußbodenheizung kein Vergnügen ist. Nein, er hat leider vor ein paar Jahren die Küche unseres Vorbesitzers liebevoll renoviert und unter anderem eine sehr schöne, mit Leinöl behandelte Buchenvollholz-Arbeitsplatte eingebaut.
Seitdem ist unsere Küche ein Hochsicherheitstrakt und meine Hobbys werden streng überwacht. Tinkturen mit Glycerin ansetzten – färbt. Aus Johanniskraut Rotöl ziehen – färbt. Marmelade und Sirup kochen – färbt. Also ehrlich, wozu hat man denn eine Arbeitsplatte, wenn man sie nicht benutzen darf? Streng genommen müsste das Ding: Unterkonstruktion-für-eine-noch-aufzulegende-Arbeitsplatte heißen. Wenn meine von mir mit Kreidelack aufgearbeiteten Küchenschränke Macken kriegen, weil Friedolin mal wieder schweres Gerät durch die Küche in den Garten schleppt, stelle ich mich auch nicht so an. Und überhaupt, ich finde, all die Flecken und Abdrücke und Ringe erzeugen auf einer Arbeitsplatte doch erst die Patina, die von einem erfüllten Leben erzählen. “Ach guck mal, bei dem Fleck hatte der Kleine sich den Schneidezahn auf der Rutsche verbogen, worüber ich doch glatt den kochenden Holunderbeersirup vergaß.”
So oder so unterstreicht der ganze Zirkus mal wieder meine Theorie: Renovieren macht das Haus zwar schöner, die Einwohner aber nicht unbedingt entspannter.

Samstag, 27. Juni 2020

“Schlaf, Häschen, schlaf”, singt eine zarte Kinderstimme hinten im Garten. Ich schleiche mich leise an und schaue heimlich durch das Fenster des Bauwagens. Die Siebenjährige sitzt im Stall, zwei winzige Kaninchen mit halbgeschlossenen Augen auf ihrem Schoß. Das Dritte frisst eine Kapuzinerkresseblüte aus ihrer Hand. Sie singt den Tieren leise ein Schlaflied und sieht dabei selig und still aus. Die Kinder haben die Kaninchen in kürzester Zeit mit sich vertraut gemacht. In den zwei Wochen seit sie bei uns sind, haben sie sie nicht einmal hoch genommen oder bedrängt. Die Siebenjährige hat sich einfach mit einem Strauß Wildblumen auf dem Bauch ins Außengehege gelegt und gewartet. Sie war mucksmäuschenstill und hat kaum geatmet. Es dauerte nicht lange, da saßen drei Kaninchen auf ihr und haben entspannt vor sich hin gemümmelt. Abends hat sie ihnen vorgelesen oder gesungen, damit sie sich an ihre Stimme gewöhnen. Mittlerweile springen sie ihr auf den Schoß, sobald sie sich ins Gehege setzt. Die Kleinen schlafen gern auf ihr. Die Große lässt sich zwischen den Ohren kraulen und knabbert an ihren Füßen. Der Fünfjährige ist noch schüchterner mit den Kaninchen als sie mit ihm. Als Kleinkind hat er schlechte Erfahrungen mit aggressiven Hunden gemacht, seitdem ist er verschreckt, wenn Tiere schnell auf ihn zurasen. Auch bei Hühnern oder Kaninchen. Die Tiere helfen den Kindern. Sie werden spürbar ruhiger mit ihnen, selbstbewusster, weil sie jetzt eine verantwortungsbewusste Aufgabe haben.
“Man muss für die Tiere nicht nur außen ruhig werden, Mama, sondern auch innen”, sagte die Siebenjährige zu mir. Sie haben die Tiere nicht gezähmt. Sie haben sie gelassen, wie sie sind, und ihnen ihre Freundschaft angeboten. Wenn Tiere freiwillig zu einem kommen, ist es das größte Geschenk.

Freitag, 26. Juni 2020

Abtauchen, das Wasser rauscht an meinen Ohren vorbei, für einen Moment in der Tiefe schweben, in einem Fächer aus Sonnenstrahlen, Stille. Zarte Schwanenfedern treiben wie Miniatursegel über mich hinweg, Wasserläufer balancieren mit gespreizten Gliedern an der Oberfläche. Auftauchen, atmen, auf dem Rücken treiben und in die Wolken schauen. Der Milan zieht seine Kreise über mir, unter mir liegt der lange Wels tief am kiesigen Grund. Manchmal kann ich ihn denken hören, dunkel und grün. Neben mir gleitet die Siebenjährige durchs Wasser. Sie ist ein Wassermädchen und schwimmt seit sie Vier ist wie eine Robbe durch den See. Der Fünfjährige keschert in Ufernähe Teichmuscheln und beobachtet Libellen. Unser See ist kein malerischer Bergsee, kein idyllisches Haff, er ist ein prosaischer niedersächsischer Baggersee. Aber für uns ist er das Paradies. Auch wenn unsere Einstiegsstelle seit dem Hochwasser vor drei Jahren eine rutschige Abbruchkante hat, auch wenn die Schwäne regelmäßig unsere Paletten-Badeinsel zukacken, es ist unsere versteckte Welt neben der Welt. Sobald wir unsere Parzelle betreten, sind wir tiefenentspannt. Hier gibt es im Gegensatz zu Haus und Garten nichts zu tun. Natürlich könnten wir etwas tun. Unsere See-Nachbarn hegen und pflegen und pflanzen auch hier. Aber wir wollen keinen zweiten Garten. Wir wollen Natur. Wir wollen Walderdbeeren unter den Schwarzerlen pflücken und uns jedes Jahr überraschen lassen, welche Wildblumen unsere Wiese hervorbringt. Schlüsselblumen im Frühjahr, Wiesenmargeriten im Sommer, buntes Laub im Herbst. Der Fünfjährige hat ein Angel zum Geburtstag bekommen, aber eigentlich beobachten wir die Fische lieber, als das wir sie essen.
Vor neun Jahren sind wir das letzte Mal geflogen. Wir vermissen es nicht. Seit wir als Kabarettisten durch Deutschland touren, wissen wir erst, wie schön unser Land ist. Es gibt so viele Wunder zu entdecken zwischen Helgoland und dem Bayrischen Wald. Und sei es die Kiesgrube dichte bi.

Donnerstag, 25. Juni 2020

Heute habe ich zum ersten Mal seit Wochen die Kinder geweckt und nicht sie mich.
Heute sind beide zum ersten Mal seit dem 13. März zeitgleich in Betreuung.
Es fühlt sich normal unnormal an.
Der Fünfjährige geht seit Montag wieder täglich in den Kindergarten und ist fix und fertig. Nach dreimonatigem Rückzug plötzlich mitten im lautstarken Kindergetümmel zu sein, führt bei ihm zu epischen Wut- und Weinanfällen, sobald er mittags die Türschwelle überschritten hat. Dabei hatte er sich so darauf gefreut. Im Kindergarten ist gerade alles anders. Die beiden Gruppen müssen streng getrennt sein, um Ansteckungsketten zu verhindern. Was in unserem winzigen Kindergarten, der aus nur zwei Räumen besteht, schwer umzusetzen ist. Also kann er nicht mehr den normalen Eingang benutzen, sondern muss durch eine Seitentür in die Gruppe, während ich mit Mundschutz aus der Entfernung winke. Er hat seinen Haken und seine Hausschuhe nicht mehr im Flur sondern im Schuppen und benutzt das Klo im Büro, weil das normale Kinderklo der anderen Gruppe vorbehalten ist. Er mag Abläufe so, wie er es gewohnt ist, und wollte heute früh schon nicht mehr in den Kindergarten. Obwohl er sich natürlich freut, die anderen Kinder und seine Erzieherinnen wieder zu sehen, mal wieder andere Spielsachen zu benutzen und mit auf Ausflüge zu gehen, die gerade häufiger statt finden, weil auch das Außengelände durch ein Absperrband zweigeteilt ist. Normal unnormal.

Die Siebenjährige hingegen findet es wunderbar, wieder in der Schule zu sein. Wieder mit ihrer richtigen Lehrerin zu arbeiten und nicht mit ihrer Mutter. Wieder auf dem Pausenhof zu spielen und ihre Klassenkameraden zu sehen, wenn auch nur die Hälfte und mit Abstand. Sie möchte jetzt aber bitte kein Homeschooling mehr machen, das sei ja sinnlos, wo sie wieder zur Schule gehe. Dabei lässt sie elegant unter den Tisch fallen, dass sie nur ein bis zweimal pro Woche in der Schule ist. Die Homeschooling-Machtkämpfe vom Beginn des Lockdowns flammen wieder auf. Zum Glück haben wir Kaninchen, die sich an ihre Stimme gewöhnen müssen. Sie liest ihnen jeden Abend etwas vor. Und auch wenn sie wenig Lust zum Rechnen hat, kann sie jetzt Kaninchenfutter bestimmen: Schafgarbe, Kapuzinerkresse, Knopfkraut, Gänsedistel, Wilde Möhre, Wiesenkerbel. Wir legen Homeschooling jetzt etwas kreativer aus, es sind ja bald Sommerferien.

In den letzten Wochen kamen mir mehrere Artikel unter, in denen uns Eltern nahe gelegt wurde, doch nicht immer über die Belastung der Kinderbetreuung während Corona zu jammern. Sondern die Chance zu sehen, endlich mal so viel Zeit mit unseren Kindern zu verbringen.
Dazu kann ich nur sagen:
Ich habe selten so wenig qualitativ wertvolle Zeit mit den Kindern verbracht, wie in den letzten Wochen.
Ich habe selten so oft den Satz gesagt: “Gleich, ich kann gerade nicht.”

Ich war selten so angespannt und gereizt im Umgang mit den Kindern.

Ich war selten so oft in Gedanken bei all den Dingen, die ich gerade zeitgleich erledigen muss, während ich mit den Kindern gespielt habe.

Ja, wir haben uns ständig gesehen. Aber oft war ich ganz woanders.

Heute werde ich sie mit offenen Armen empfangen, wenn sie nach Hause kommen. Ich werde mit der Arbeit fertig sein. Ich werde mit der Wäsche fertig sein, mit den Überweisungen und dem Mittagessen. Ich werde ihnen aufmerksam zuhören, was sie ohne mich erlebt haben. Und dann fahren wir zum See und lassen uns Hand in Hand auf dem Rücken treiben. Normal unnormal.

Mittwoch, 24. Juni 2020

“SPECHTI!” Der Fünfjährige steht weinend im Garten. Er hat seinen Playmobil-Specht verloren. “Spechti!” Wieder und wieder ruft er und lauscht auf eine Antwort, die nicht kommt. Natürlich hatte ich vorher gesagt: “Nimm ihn nicht mit raus, der geht verloren.” Und wie immer hatte er geantwortet: “Ich pass schon auf.” Jetzt muss die ganze Familie unseren wilden Garten nach einem daumennagelgroßen Plastikspecht durchsuchen, an dem ein fünfjähriges Herz hängt. Ich glaube, kleinteiliges Spielzeug wurde einzig und allein entwickelt, um Eltern mit ständigem Suchen zu beschäftigen, damit sie keinen klaren Gedanken fassen können, zum Beispiel, ob dieses ganze Kapitalismusding wirklich sein muss und Kinder zu ihrem fünften Geburtstag unbedingt 30 Geschenke brauchen, Kleinteile nicht mitgezählt.
Der Fünfjährige saß an seinem Geburtstag in einem Meer aus Geschenkpapier, seufzte tief und sagte leise: “Ganz schön viel.” Dann schnappte er sich aus dem großen Haufen den kleinen Specht und seinen Kuscheltierhund und verkroch sich zum Spielen unter den Tisch. Irgendwie vergessen immer alle in unserer Familie, dass wir eine ziemlich weitverzweigte Verwandtschaft haben und daher die Bitte Nur-ein-Geschenk-pro-Kind wirklich im Sinne des Kindes ist. Stattdessen schenken alle mindestens drei Geschenke, damit sich das Kind auch wirklich geliebt fühlt. In den letzten Jahren hatte ich immer heimlich die Geschenke vorsortiert und alles, was nicht altersgemäß oder zuviel war in eine Geschenkelagerbox auf den Dachboden gepackt. Für das nächste Fest oder die nächste Geburtstagseinladung oder mittellose Kinder. Meistens hatte ich Geschenke, die ich besorgt hatte, oder von fernen Paten aus dem Verkehr gezogen, um die Verwandtschaft nicht zu verletzen.
In diesem Jahr hatten wir auf Grund der allgemeinen Corona-Überforderung den Dingen einfach mal ihren Lauf gelassen. Schließlich hatten wir das Thema oft genug angesprochen und gehofft, dass auch jemand zuhört. Nach dem ersten Auspackrausch war der Fünfjährige vor allem eines: überfordert. Wie sollen denn Kinder ein vernünftiges Verhältnis zu Geschenken bekommen, wenn bei jedem Anlass eine ganze Spielwarenabteilung bei uns aufläuft? Ja, ich weiß, First World Problems, aber es macht mich trotzdem ratlos und verzweifelt. Bei der ganzen Geschenkesortiererei geht so viel Lebenszeit drauf. Psychologen warnen davor, dass diese Geschenkflut bei Kindern langfristig negative Auswirkungen hat. Gerade bei kleinen Kindern sorgt das für eine kaum zu bewältigende Reizüberflutung, die Folge ist ein Reizverlust, die Geschenke werden schnell uninteressant und – ähnlich wie bei Suchtproblemen – lässt sich Freude mit der Zeit nur noch wecken, wenn in immer kürzeren Abständen etwas Neues hinzukommt. Oder die Kinder beginnen, ihren Selbstwert über Materielles zu definieren. Und sitzen am Ende maulend in einem Berg aus Geschenken wie Dudley in Harry Potter: “Nur 36 Geschenke, letztes Jahr waren es 37!”
“Ich hab ihn”, ruft der Fünfjährige. Er klappt den Griff seines Rollers auf und zieht den Specht hervor. “Er war müde, deshalb musste er in der Spechthöhle schlafen.” Er strahlt über das ganze Gesicht und trägt den Specht in der hohlen Hand ins Kinderzimmer, um ihn in seinen Baum zu setzen. Ich atme auf. Solange er sich noch so sehr über einen kleinen Plastikvogel freuen und den riesigen Geschenkberg einfach ausblenden kann, haben wir wohl doch nicht alles falsch gemacht.

Dienstag, 23. Juni 2020

Mein Backenzahn ist durchgebrochen. Als ich auf ein Stück Toast gebissen habe. Anscheinend haben sogar meine Zähne Ermüdungserscheinungen. Vielleicht war es auch ein Zahnmaterialfehler. Stellt sich die Frage, bei wem ich den reklamieren kann. Lieber Gott, bei meinen Zähnen hast du wirklich gepfuscht. Im Auto auf dem Weg zum Zahnarzt höre ich sehr laute Musik, die weder ein rotes Pferd noch den Wunsch einen Schneemann zu bauen beinhaltet und denke: “Ach schön, kommste mal raus.” Ein seltsames Gefühl von Freiheit stellt sich ein. So weit ist es schon gekommen, dass ich mir einen Zahn zerhauen muss, um mal etwas Zeit für mich zu haben.
Ich fahre an der Schweinemastanlage zwei Dörfer weiter vorbei. 4000 Schweine hinter Schloss und Riegel, nur der Gülle-Geruch verrät, dass dort Tiere eingesperrt sind. In unserer Region sieht man erstaunlich wenig Nutztiere. Die Bauern haben ihre Kühe abgeschafft, weil es sich finanziell nicht mehr lohnt. Mais, Zuckerrüben und Weizen sind hier die Devise. Ein Bauer im Dorf hat noch zwei Ziegen und einen altersschwachen Esel. “Damit die Kinder nicht vergessen, wie Tiere aussehen”, sagt er. Die Industrie hat die Tiere aus der Öffentlichkeit verbannt. Weil die Verbraucher lieber günstige Tierprodukte konsumieren, wenn sie nicht sehen müssen, wie die Tiere dafür gehalten werden. Wenn sie Kastenstände, Schnäbelkürzen, Spaltenböden, Anbinde- und Käfighaltung dank der idyllischen Bilder im Supermarkt verdrängen können. Früher war das Schwein ein hoch geschätztes Familienmitglied. Es wurde gehegt, gepflegt, liebevoll gefüttert und wenn es nach einem guten Leben geschlachtet wurde, gab es ein großes Fest. Früher wurden Katzenbabys zwar noch im Dorfweiher ertränkt und nicht mit sanft gegarter Putenleber gefüttert, dafür hatten die Nutztiere ein lebenswertes Leben.
Friedolin und ich sind 2011 vier Wochen mit dem Rucksack durch Rumänien gereist. In vielen Regionen wird dort noch immer Landwirtschaft wie bei uns im 19. Jahrhundert praktiziert. Die Tiere bewegen sich frei im Dorf. Die Pferde schlafen auf sandigen Wegen in der Sonne, die Kühe träumen unter dem Vollmond am Strand und die Esel machen regelmäßige Familienausflüge zur brennenden Müllkippe, um sich das Ungeziefer aus dem Fell zu räuchern. Ob die Tiere nicht weglaufen, hatten wir einen Bauern gefragt. “Nein, sie wissen genau, wann sie arbeiten müssen. Dann kommen sie freiwillig zurück zum Stall”, gab er zur Antwort.
Natürlich kann man 80 Millionen Menschen in einem so dicht bebauten Land wie Deutschland nicht auf diese Weise mit tierischen Produkten versorgen. Schon gar nicht, wenn wir weiterhin so gedankenlos und massenhaft konsumieren wie bisher. Die Forderung nach dem Sonntagsbraten steht schon länger im Raum. Und vielleicht muss es nicht jeden Morgen Latte Macchiato mit einen viertel Liter Milch sein. Immer, wenn ich an dieser Schweinemast vorbei fahre, frage ich mich, wie es sein kann, dass so viel staatliches Geld in einen Sektor fließt und gleichzeitig familiengeführte Bauernhöfe, die das Wohl ihrer Tiere und der Umwelt im Blick haben, aufgeben müssen, wie Großinvestoren Landraub betreiben können sowie Pestizide und Antibiotikamissbrauch unsere Gesundheit und die Umwelt massiv belasten. Das einzig Gute an Corona ist gerade, dass es unser Augenmerk auf die Arbeitsweise von Betrieben wie Tönnies lenkt.

Eine Tierwohlabgabe auf Fleisch, Wurst oder Milch wird diskutiert. Aber wie immer, wenn es um die Preise von tierischen Produkten geht, wird die “dann können sich die armen Leute das ja gar nicht mehr leisten”-Keule rausgeholt. Was ja völlig scheinheilig ist. Arme Menschen in Deutschland können sich auch keine Mieten in Großstädten mehr leisten oder die Klassenfahrt für ihre Kinder oder ein Auto oder eine Reise nach Mallorca. Das Problem ist doch eher, dass in unserem Land immer noch so viele arme Menschen leben und nicht, dass man ihretwegen Billigfleisch beim Aldi bereitstellen muss. Da könnte ich schon wieder mit den Zähnen knirschen. Aber eine zweite neue Krone kann ich mir gerade nicht leisten.

Montag, 22. Juni 2020

“Kaninchen sind viel besser als Handys”, sagt der Fünfjährige. “Kaninchen muss man nämlich nicht aufladen.”
“Doch mit Gemüse”, sagt die Siebenjährige und beide zappeln vorfreudig quietschend in ihren Autositzen.
Wir holen unsere neuen Mitbewohner ab. Nach wochenlangen Diskussionen, vollmundigen Versprechungen und klugen Argumenten (“Mama, wenn wir erstmal Kaninchen haben, habt ihr viel mehr Zeit zum Arbeiten. Dann sind wir ja beschäftigt.”) bin ich schließlich eingeknickt. Ehrlich gesagt wollte ich ja auch schon lange welche. Was von Vorteil ist, denn natürlich werde ich am Ende fürs Saubermachen zuständig sein. Der Fünfjährige ist noch zu klein, die Siebenjährige wird nach anfänglicher Euphorie lieber spielen wollen und Friedolin schneidet seinen Kindern ja noch nicht mal die Fußnägel, da wird er sich sicher nicht um Kaninchen kümmern, die er gar nicht haben wollte. Nein, es dauerte so lange, weil ich nicht wollte, dass die Kaninchen bei uns traumatisiert werden. Nicht umsonst steht bei vielen Tierschutz-Vereinen der Zusatz: “Kaninchen werden nicht als Kinderspielzeug vermittelt”. Kleine Nager leben in ständiger Angst vor Beutegreifern. Für Kaninchen macht es vom Stress her keinen Unterschied, ob sie von Kinderhänden oder eine Gabelweihe geschnappt werden. Also mussten die Kinder Stein auf Bein schwören, die Kaninchen in Ruhe zu lassen, bis sie freiwillig zu ihnen kommen.
“Wir sind ja nicht blöd Mama, bei den Hühnern haben wir uns auch dran gehalten.”

Eigentlich wollten wir Kaninchen aus dem Tierheim, aber da gab es nur sehr alte oder bissige oder welche mit chronischem Schnupfen. Das erinnerte mich sehr an meine Zeit bei der Zeitung, wo ich unter anderem für die Rubrik „Tier des Monats“ zuständig war. Das “Tier des Monats” war die hohe Kunst, versehrte, verkrüppelte, verhaltensauffällige Tierheim-Tiere, so herzerweichend in der Zeitung zu porträtieren, dass die Leser ein schlechtes Gewissen bekamen und sie adoptierten. Zum Beispiel der schwarze Kater Leopold. Ich hatte es damals als Beweis meines fotografischen Könnens betrachtet, ein halbwegs ansehnliches Foto von Leopold geschossen zu haben, obwohl er nur noch ein Auge hatte, das ständig verkrustet war, und ihm permanent Rotz aus der Nase lief, den er genüsslich mit seiner rosa Zunge aufleckte. Wegen des Rotzes schrieb ich vorsichtshalber „liebevoller Halter mit Garten gesucht“. Auf meinen Artikel hin adoptierte ihn tatsächlich eine ältere Dame. Eigentlich meldeten sich immer alleinstehende ältere Damen, mit einer Doppelkopfrunde und einem Ehrenamt beim Roten Kreuz.

Jetzt sind wir unterwegs zur einer Familie, die laut Ebay-Kleinanzeigen in letzter Zeit ein bisschen viel Kaninchen-Nachwuchs hatte. Was gelinde untertrieben ist. Dort angekommen hocken wir in einem komplett untertunneltem Vorgarten zwischen dreißig Kaninchen in allen Größen und Farben. “Wir nehmen ein Böckchen und zwei Häsinnen”, sage ich. Aber die Frau zuckt nur mit den Schultern. “Keine Ahnung, was die sind. Suchen sie sich einfach welche aus.” Also google ich “Kaninchen Geschlecht bestimmen” und bin die nächste halbe Stunde damit beschäftigt, Kaninchen auf den Rücken zu legen und auf den Unterbauch zu drücken, um zu gucken, ob ein Penis raus kommt. Am Ende suchen sich die Kinder zwei kleine Fellknäulchen nach Niedlichkeitsfaktor aus und ich nehme ein größeres Kaninchen, das mir dreimal auf den Schoß gesprungen ist. Es wollte offensichtlich sehr dringend da weg. Friedolin hat, während wir weg waren, aus Holzresten und Dachbodenfunden einen 2 qm großen Kaninchenstall Deluxe im Kinderbauwagen gezimmert, der ab heute der Kaninchenbauwagen heißt. Die Kinder verhalten sich vorbildlich und beobachten andächtig, wie die Kaninchen ihr neues Zuhause erkunden. Dann sammeln wir Löwenzahn, Platterbsen, Ringelblumen und Margeriten und überraschen unsere neuen Mitbewohner mit einem essbaren Willkommens-Strauss. Auch wenn die Kinder ab jetzt im Garten schlafen wollen, fühlt sich alles sehr richtig an.


Samstag, 20. Juni 2020

Sommersonnenwende. An diesem Wochenende feiern wir den längsten Tag des Jahres und den Geburtstag des Vierjährigen, der ab heute der Fünfjährige genannt werden möchte. Er ist ein richtiger Mittsommerjunge, mit Sonne im Herzen und einem lichten Gemüt. Gefühlt und astronomisch beginnt jetzt der Sommer: die Früchte reifen, die Blumen blühen, die Natur berauscht uns mit Fülle und Duft und Farbe. Gleichzeitig befinden wir uns auf dem Zenit, ab jetzt bewegt sich die Sonne langsam wieder abwärts in Richtung Dunkelheit. Die Erzählung des Sonnen- oder Vegetationsgottes, der sich auf dem Höhepunkt seiner Kraft für seinen Opfertod vorbereitet, zieht sich durch alle Zeiten: Adonis, Baldur, Dionysos, Osiris und im Christentum die Enthauptung des Johannes.
Früher glaubten die Menschen, dass an Sommer- und Wintersonnenwende die Tore zur Anderswelt weit geöffnet sind. Im Volksglauben waren es Tage voller Magie. Elfen tanzten, Naturgeister wisperten in den Bäumen und Pflanzen entfalteten ihre magische Wirkung. Dem Tau aus der Sonnenwendnacht sagte man Zauberkräfte für Mensch und Tier nach.
Ich sammele in diesen Tagen Heilkräuter für Tee und Tinkturen, die Konzentration der ätherischen Öle ist jetzt am höchsten. Sie trocknen an Leinen im Schuppen oder im Trockenschrank, werden für den Winter in Schraubgläsern bewahrt, mit Alkohol ausgezogen oder in Öl eingelegt. Wir sammeln Kräutersträußchen, die in den kommenden Monaten als Talismane über unserem Kopfkissen hängen. Neun Kräuter müssen es sein, Neun als uralte magische Zahl der Kräuterkundigen. Aller guten Dinge sind Drei. Und drei mal drei macht Neun. Früher nähte man den Kindern getrocknete Sonnenwendkräuter als Schutz in die Kleidung, gegen Krankheit, Blitzschlag oder böse Blicke. Oder sie trugen sie in einem Säckchen als Amulett um den Hals. Eisenkraut, Beifuß, Johanniskraut, Quendel, Wegwarte, Kamille, Wiesenmargerite, Arnika, Holunder.

Am Abend entzünden wir unser Sonnenwendfeuer. Die Kräutersträußchen vom vergangenen Sommer übergeben wir zusammen mit einem Wunsch den Flammen. Wendepunkte der Sonne sind die richtige Zeit, um Wünsche für die Zukunft zu äußern und dem nachzuspüren, was vergangen ist. Die letzten drei Monate waren für viele Menschen eine Zeit der Ängste, des Rückzugs, der Unsicherheit. Hoffentlich dürfen wir das jetzt hinter uns lassen und den Sommer mit offenen Armen empfangen.

Freitag, 19. Juni 2020

Wir verlangen ab jetzt Eintritt für unseren Garten. Weil die Kinder wegen Corona gerade sonst keine Hobbys haben, proben sie für eine Greifvogelschau. Der ortsansässige Turmfalke ist zwar unwillig, aber wozu haben wir denn Hühner. Solange ausreichend Spaghetti im Spiel sind, halten sowohl Kinder als auch Hühner endlose Proben durch. Der Vierjährige ruft in bester Marktschreiermanier: “Seht her, Puschi, das Wunderhuhn”, dann klettert das Hühnchen auf das ausgestreckte Handgelenk der Siebenjährigen, und lauscht dort stolz thronend einem Vortrag über Bisstöter und Grifftöter. Am Ende erlegt es unter tosendem Applaus eine Nudel im Sturzflug.
Die nächste Attraktion ist unsere Kampfhenne Helene, die sich spektakuläre Zweikämpfe mit riesigen Mutanten-Ratten liefert, die seit ein paar Tagen die Hühnerställe des Dorfes plündern.
“Oma, da war ein Tier, das sah aus wie ein Wildschwein, nur viel kleiner und es ist ganz schnell in den Hühnerstall gerannt”, sagte der kleine Nachbarsjunge dazu. Bei Interesse bieten wir ab jetzt auch Biologie-Homeschooling an.
Dann wäre da noch unser Buntspecht-Küken Knacki, das die Fachwerkbalken unseres Hauses erklimmt, der Stieglitz Szczygiel, der auf bedrohlich schwankenden Distelstängeln balanciert und unsere zahme Amsel Mandarinschnabel, die jeden Morgen so lange schimpft, bis wir ihr Rosinen kredenzen.
Als wir hier einzogen, war der ornithologische Bestand des Gartens recht überschaubar: Amseln, Spatzen, Meisen. Unser Vorbesitzer hatte Hunde, einen fleissigen Kater und jede Menge Kirschlorbeer, dessen ökologischer Nutzen ja noch unter dem einer Beton-Mauer liegt. Da hatten sich die meisten Vögel nicht in den Garten getraut. Wir haben seitdem viele heimische Gehölze und Bienenweiden gepflanzt und aufgehört, den Rasen zu düngen und zu trimmen. Jetzt wächst dort eine summende Wiese. Und wo viele Insekten, Beeren und Wildblumen sind, finden sich die Vögel ganz von selbst ein. Die Kinder können mittlerweile Heckenbraunelle von Mönchgrasmücke unterscheiden und berichtigen gern Besucher aus der Stadt: “Das ist doch keine Schwalbe, das ist ein Mauersegler, du Dulli.” Der einzige Haken an der Sache: ich muss jetzt jede Nacht um 4 Uhr aufstehen und das Fenster schließen. Unsere neuen Mitbewohner beginnen ihr ebenso schönes wie lautes Morgenkonzert nämlich direkt vor unserem Schlafzimmer.

Donnerstag, 18. Juni 2020

Die Kinder haben jeder einen Hund. Böse Zungen behaupten zwar, dass sie lediglich zwei vergammelte Arbeitshandschuhe mit Geschenkband hinter sich herziehen. Aber die haben keine Ahnung. Die Hunde heißen Weggi und Weggä. Der Vierjährige ist gut darin Namen zu erfinden, die sich kein Mensch merken kann. Sie sind uns im letzten Dänemark-Urlaub zugelaufen. Wir waren auf unserem täglichen Müll-Sammel-Rundgang im Wattenmeer, als ich den Arbeitshandschuh fand, kurzerhand mit Plastikmüll ausstopfte, mit Geschenkband zuknotete und dem Vierjährigen in die Hand drückte. Eigentlich sollte er mir nur tragen helfen. Ich war schon beladen mit einem Geisternetz und zerrissenen Tüten voller Plastikflaschen, Batterien, Einwegrasierer und Luftballons. Der Vierjährige zog den Handschuh hinter sich durchs Watt, taufte ihn Weggä und war glücklich, endlich einen Hund zu haben. Seine Schwester wollte natürlich auch sofort einen Hund. Zum Glück finden sich im Watt immer genug Arbeitshandschuhe, die von Containerschiffen über Bord gehen. Und Luftballons mit Geschenkband gibt es auch en masse. Luftballons, die bei Feiern mit guten Wünschen in den Himmel geschickt werden und anschließend im Wattenmeer zur Todesfalle für Seevögel, Schildkröten und anderes Meeresgetier werden. Sie sehen im Wasser treibend wie Quallen aus und werden gefressen. Augen auf beim Partyspaß. Eine schöne Alternative ist fliegendes Wunschpapier. Darauf schreibt man einen Wunsch, zündet das Papier an, es schwebt ein paar Zentimeter glühend durch die Luft, entlässt den Wunsch in den Himmel und zerfällt in Asche. Völlig ungefährlich für Mensch und Tier.
Unsere Kinder sammeln im Urlaub am Strand ebenso gerne Müll wie Bernsteine. Oft gibt es zentrale Sammelstellen, wo es kostenlose Mülltüten gibt, die man dann mit dem gesammelten Müll einfach am Strand stehen lassen kann. Später werden sie dort von Ehrenamtlichen abgeholt.

10 Millionen Tonnen Plastikmüll landen jedes Jahr im Meer. Wenn jeder Strandurlauber zwischen Dänemark und Bali nur eine Stunde seines Urlaubs dem Müllsammeln widmen würde, könnten wir zumindest den schönen Orten, an denen wir uns erholen, etwas zurückgeben. Beziehungsweise etwas zurück nehmen, was durch unseren rauschhaften Plastikkonsum ins Meer gelangte.
Lange Zeit dachte ich, dass wir Deutschen mit unserem ausgeklügelten Recycling-System nicht für die Verschmutzung der Meere verantwortlich sind. Doch nur rund 16% des im Hausmüll anfallenden Kunststoffes wird in neue Produkte recycelt. Der restliche Müll wird unter anderem nach Asien exportiert, wo er dann oft auf ungesicherten Mülldeponien landet, unkontrolliert verbrannt wird oder eben im Meer landet. Und auch Deutschland verbrennt mehr Müll, als dass es Altes zu Neuem recycelt. Mit jedem Zalando- oder Amazon-Paket landen billigste Materialien in unseren Mülltonnen, die nicht recycelt werden können. Die hochgiftigen Filterstäube aus der Müllverbrennung werden in Salzlösungen verflüssigt und dann zum Beispiel in einem der Bergwerkstollen in Thüringen vergraben. Müll verschwindet nicht.

Am Tag der Abreise hatte ich die müffelnden Hunde-Handschuhe beim Packen des Autos ganz aus Versehen in der Mülltonne vergessen. Wir waren schon auf dem Weg zur Fähre, als der Vierjährige einen Nervenzusammenbruch erlitt und wir umkehren mussten, um Weggi und Weggä zu holen. Seitdem wohnen sie bei uns im Schuppen. So klappt Recycling doch ganz wunderbar.

Mittwoch, 17. Juni 2020

Seit Corona muss ich mich ziemlich oft kneifen. Ich schwebe gefühlt zwei Meter über mir, betrachte mein aktuelles Leben und denke: Was geht hier eigentlich ab?
Richtigstellung: Die Siebenjährige war gar nicht krank. Sie war nur nach drei Nächten mit einem schreienden Bruder, der viel Aufmerksamkeit und Liebe bekommen hat, ziemlich bedürftig. Die Gliederschmerzen haben sich als Muskelkater von zu viel Trampolin springen herausgestellt. Sie ist heute zur Schule gegangen. Anscheinend liest aber das Kollegium ihrer Schule diesen Blog und hat sich gefragt, ob wir während Corona ein krankes Kind zur Schule schicken. Nein, haben wir nicht. Wenn ich mehrere Nächte hintereinander nicht schlafe, neige ich zum Katastrophisieren. Außerdem vergesse ich immer, dass auch Menschen aus unserer echten Welt diese Texte über unsere literarische Familie lesen.
Der Vierjährige ist ebenfalls wieder auf dem Damm. Nach mehreren Telefonaten mit Corona-Hotlines und Kinderarzt konnten wir Corona definitiv ausschließen. Er hatte vermutlich eine Lebensmittelunverträglichkeit auf Pizza. Dieses Hippie-Kind ist einfach kein Turboweizen mit Turbohefe und künstlichem Käse gewohnt. Als die nach drei Tagen Nahkampf wieder raus war, ging es ihm schlagartig besser. Ihr bekommt meine Geschichten ja etwas zeitversetzt zu lesen, da ich morgens vor 9 Uhr keine Zeit habe, über den aktuellen Tag zu schreiben. Heute schon, da ich als Homeschooling-Lehrerin frei habe, weil die sehr gesunde Siebenjährige zum ersten Mal nach drei Monaten in der Schule ist. Sie ist vor Aufregung fast durch die Decke gegangen. Vielleicht hätte ich ihr doch eine Schultüte nähen sollen.

Der Vierjährige war als echtes Künstlerkind pünktlich zum Soundcheck für unseren Auftritt beschwerdefrei. Vielleicht wollte er uns auch nur unbedingt los werden. Also durften wir gestern Abend zum ersten Mal in unserem Leben vor Autos auftreten. Es fühlte sich an, wie ein Auftritt in einem Animationsfilm. Die Autos wurden plötzlich lebendig, jedes blinkte und leuchtete mit einer ganz eigenen Persönlichkeit. Hupen war leider verboten, weil in Hannover ein Krankenhaus direkt neben dem Autokino ist. Dafür konnten die Zuschauer über eine App Applaus und Gelächter einspielen. Die App funktioniert aber zeitversetzt, also ähnlich wie dieser Blog. Daher kam das Gelächter immer erst bei uns an, wenn wir schon längst an der Pointe vorbei waren und es gerade überhaupt nicht lustig war, was uns dann sehr irritierte und zu seltsamen Pausen führte. Ich musste mich irgendwann wirklich zusammenreißen, keinen hysterischen Lachanfall zu bekommen. Aber es war trotzdem erstaunlich großartig. Vor allem, weil wir uns die Bühne mit sehr tollen Kollegen teilen durften, es war eine Mischung aus psychedelischem Festival und Klassentreffen. Im Finale war ich den Tränen nahe, Schlafmangel gepaart mit Euphorie und Abschiedsschmerz. Kurz zuvor war unsere Open-Air-Tour in Brandenburg im August abgesagt worden. Bisher hat niemand Karten gekauft, weil alle wegen Corona verunsichert sind. Da hat der Veranstalter vorsichtshalber alle Auftritte abgesagt. Wer weiß, wann wir wieder auf der Bühne stehen dürfen.
Aber der gestrige Tag hat mal wieder gezeigt: Katastrophisieren nützt nix, es kommt doch immer alles anders, als man denkt. Geschlafen habe ich aber immer noch nicht richtig. Der Vierjährige war nach drei Tagen im Bett sehr wach, als wir um 23 Uhr zuhause waren. Er wollte dann noch lange und detailliert mit mir über die Autos sprechen, dann hatte er Hunger und dann war es gefühlt schon wieder Morgen und die im übrigen sehr gesunde Siebenjährige musste zur Schule. Heute mache ich mal was ganz verrücktes: Mittagsschlaf!

Foto: Beate Rostalski

Dienstag, 16. Juni 2020

Seit den frühen Morgenstunden summt John Lennon in mein Ohr: “Life is what happens to you while you’re busy making other plans.” Den Song Beautiful Boy schrieb Lennon für seinen Sohn Sean. Aber diese Zeilen hätte sein Sohn eigentlich ihm zurufen sollen. Kinder werfen ja gern den kompletten Plan über den Haufen. Weil sie unerwartet krank werden, sich verletzen oder epische Trotzanfälle kriegen, die sich auch mit Engelszungen und verzweifelten Bestechungsversuchen nicht auflösen und einen immer zu spät kommen lassen. Urplötzlich stürzen all die sorgfältigen Pläne in einem Gestöber aus Spielkarten in sich zusammen.
Nachdem der Vierjährige gestern nach zwei Fiebertagen wieder fit und munter war, hat er in der Nacht erneut hoch Fieber und Bauchkrämpfe bekommen. Eigentlich hätten wir heute Abend unseren ersten Auftritt vor Live-Publikum seit über drei Monaten. Also genau genommen vor Autos, vor Live-Hup-likum. Wir haben seit Tagen darauf hingefiebert. Unser Sohn hat das ein bisschen zu wörtlich genommen. Seit heute früh klagt auch die Siebenjährige über Gliederschmerzen. Eigentlich hätte sie morgen zum ersten Mal seit drei Monaten wieder in die Schule gehen dürfen. Eigentlich eigentlich eigentlich. Eigentlich passt meine Mutter auch auf unsere kranken Kinder auf. Sie ist eine zähe Löwenmutter und hat schon so manchen Infekt mit uns auf Tour gemeistert. Sich sehenden Auges angesteckt, weil sie dieses ganze the-Show-must-go-on-Ding aus voller Überzeugung mitgetragen hat. Und auch für die Kinder war es immer in Ordnung, von ihrer Omimi in Fieber und Schmerzen getröstet zu werden, schließlich ist sie die Mama-von-der-Mama, also Vollprofi im Mamasein. Aber jetzt ist Corona. Und natürlich wispert diese leise Stimme im Hinterkopf: ist es wirklich nur ein normaler Infekt oder steckt mehr dahinter? Wäre es fahrlässig, sie mit den kranken Kindern Kontakt haben zu lassen?

Eigentlich sind Kinder kleine Yedi-Meister, die uns jedes Mal, wenn sie unsere Pläne auf den Kopf stellen, zurufen. „Viel zu lernen du noch hast.“ Und es ist an uns Eltern, das anzunehmen, Plan-B-Virtuosen und flexibel wie Kaugummi zu werden. Dank unserer Kinder lernen wir, über uns hinaus zu wachsen und ungeahnte Kräfte zu mobilisieren. Erst seit ich Mama bin, weiß ich, wie stark ich eigentlich bin. Schlaf wird ja auch wirklich überschätzt.

Montag, 15. Juni 2020

“Komm doch jetzt mal raus”, sagt Friedolin und klopft an die Tür unserer Duschkabine.
“Lass mich in Ruhe”, nuschele ich und versuche, mich unter dem Wasserstrahl zu verstecken. Die Vorstellung, mich abtrocknen und anziehen zu müssen, übersteigt meine Ressourcen. Der Vierjährige hat mich zwei Nächte mit Fieber und Bauchweh wach gehalten, ich möchte lieber noch einen Moment im Stehen schlafen. Also schließe ich die Augen und lasse Wasser lautstark auf meinen Kopf prasseln.
“Und mir immer was von Umweltschutz erzählen”, sagt Friedolin. Er weiß genau, dass er mich damit kriegt. Aber heute bin ich zu müde, um die Welt zu retten. Schließlich haben wir Warmwasserkollektoren auf dem Dach und die Stadtwerke sind froh, wenn ihre Leitungen mal ordentlich durchgespült werden. Außerdem habe ich letzte Woche zweimal gar nicht geduscht, sondern nur im See gebadet. Das gesparte Wasser möchte ich jetzt bitte nachträglich verbrauchen. Wir betreiben hier Ablasshandel wie im Mittelalter, nur dass wir ausschließlich ökologische Sünden verhandeln. Du hast heute Natternkopf und Borretsch für Bienen gepflanzt, dafür vergebe ich dir, dass du gestern Schokolade von Nestlé gegessen hast. Manchmal denke ich sehnsüchtig an die Zeit zurück, wo ich in seliger Unwissenheit vor mich hinkonsumiert habe. Warum ist es eigentlich so viel zeitaufwändiger, zermürbender und teurer ökologisch zu leben, als es nicht zu tun? Wieso schafft die Politik noch immer keine Anreize, das umzukehren und wälzt es auf die Verbraucher ab, die Umwelt zu retten? In der Stadt war ökologisch zu leben irgendwie einfacher. Hier auf dem Dorf wird es zu einem nervtötenden Vollzeitjob. Ist es ökologisch sinnvoller, im Unverpacktladen im Internet eine Großbestellung aufzugeben oder kaufen wir doch mit Plastikverpackung beim REWE vor Ort? Reicht EU-Bio aus dem Supermarkt oder strapazieren wir unser Familienbudget und kaufen alles mit Demeter-Siegel über die Gemüsekiste? Muss ich mich wirklich zum hundertsten Mal mit meiner Mutter streiten, weil sie ungefragt Schnäppchen-Klamotten mitgebracht hat, die wir nicht haben wollen, weil sie aus in jeder Hinsicht fragwürdiger Produktion stammen? Und wieso ist das Regal mit der Hafermilch schon wieder leer?
Heute ist mein Kind krank, da will ich mir über die Umwelt keine Gedanken machen. Ich will duschen, bis ich aussehe wie eine schrumpelige Walnuss und dann den nächsten Bilderbuch- und Schlaflied-Marathon starten. Wobei es ja gerade die Zukunft unserer Kinder ist, weshalb wir mit dem ganzen Weltrettungsmumpitz überhaupt angefangen haben. Gut, ich komme raus. Nur noch ein bisschen.

Samstag, 13. Juni 2020

“Mama, Mama, bei unseren Nachbarn kann man sich im Boden spiegeln!” Die Siebenjährige ist völlig außer sich. “Und alles ist total aufgeräumt, das musst du dir mal ansehen.”
Nix muss ich. Unser Fußboden ist Teil meiner ausgeklügelten Einbruchsicherung. Wenn Einbrecher ins Haus kommen, bleiben sie einfach kleben und wir können in aller Ruhe die Polizei rufen. Aber ich möchte natürlich, dass die Kinder glücklich sind.
“Gut”, sage ich. “Dann höre ich jetzt auf, Euch ein Buch vorzulesen und wische das Erdgeschoss.”
“So habe ich das auch nicht gemeint.” Die Ordnung fasziniert sie zwar. Aber sie ist alt genug, um zu würdigen, dass ich als berufstätige Mutter meine freie Zeit lieber mit meinen Kindern als mit Putzen verbringe. Doch ich muss wirklich dringend mal wischen. Eine Stunde später kann man sich zwar nicht spiegeln, aber immerhin das Muster der Kacheln erkennen. Die Küchentür geht auf, der Vierjährige rennt ins Haus. Natürlich ohne sich vorher die Schuhe auszuziehen. “Ich hab gerade gewischt!”, rufe ich ihm nach. Aber er hat keine Zeit, weil er ganz dringend seine Playmobil-Meerschweinchen holen muss. Dann läuft die Siebenjährige mit Schuhen durchs Haus. Dann läuft Friedolin mit Schuhen durchs Haus. Und schon sieht der Fußboden genauso aus wie vorher.
“Das ist der Grund, warum ich nicht wische!” brülle ich.
“Wieso, meine Schuhe waren sauber”, antworten alle drei unisono.
Ich zeige vorwurfsvoll auf die Hühnerkackespuren am Boden.
“Das war ich nicht”, ruft der Chor der Schuldlosen.

Die Nachbarn haben übrigens einen Wischroboter. Das kommt für mich nicht in Frage. Bei meinem Glück hat mal wieder ein Huhn heimlich unter den Tisch gekackt und der Wischroboter verteilt die Hühnerscheiße dann im ganzen Haus. Habe ich mal auf youtube gesehen, als das einer Familie mit Hundekacke passiert ist. Danach mussten die das komplette Untergeschoss renovieren. Der Roboter hatte die Kacke die Wände hoch und aufs Sofa geschleudert. Vielleicht war es auch ein Statement von Banksy. Meine Mutter hatte uns ihren Wischroboter mal aus Mitleid mitgebracht. Aber er hockte nur ängstlich piepend in seiner Ladestation und traute sich nicht loszulegen. Kann ich gut verstehen. Ich verzage auch immer beim Anblick unseres großen schmutzigen Hauses. Dann prokrastiniere ich und gehe Unkraut jäten. Mein Garten ist ein Traum.
Ich weiß übrigens genau, was ich mir zum Geburtstag wünsche. Einen Putzmann für einen Tag. Wenn wir bis dahin immer noch kein Geld verdienen, muss Friedolin das halt übernehmen. Ich werde ihm tiefenentspannt bei der Arbeit zu schauen und nachspüren, wie wir der Gleichberechtigung in diesem Haushalt ein kleines bisschen näher kommen. Und dann laufe ich mit Schuhen durchs Haus.

Freitag, 12. Juni 2020

Unser Dorf ist eine Blase. Bei der Einschulung unserer Tochter waren fast alle Kinder blond und blauäugig. Manche Eltern stellen einen Sonderantrag, damit ihr Kind auf so eine Schule gehen darf. Ich verspürte bei diesem Anblick leises Unbehagen. Denn unser Land ist nicht blond und blauäugig. Unser Land ist bunt. Ich möchte, dass unsere Kinder das als selbstverständlich empfinden.

Ich möchte nicht, dass sie später Schwarze oder Menschen of Colour fragen, woher sie kommen, weil sie annehmen, dass es nicht Deutschland sein kann, dass sie nicht dazu gehören. Alltagsrassismus ist nicht immer böswillig, manchmal entsteht er aus Unachtsamkeit, aus Dummheit, Unwissenheit, aus Angst vor Benachteiligung. Er verletzt deswegen nicht weniger. Dagegen hilft Aufklärung, Begegnung, Herzensbildung, das stetige Hinterfragen der eigenen Vorurteile. Das beginnt schon bei den Kaufentscheidungen.
Wir lernen doch bereits in der Schule, dass die Kaffee- und Bananenbauern Hungerlöhne erhalten, wir sehen in unzähligen Fernsehberichten das Leid der Textilarbeiter in Bangladesch, der kurdischen Kinder auf den türkischen Haselnussplantagen, also müssen wir uns immer wieder fragen, warum kaufen wir diese Produkte dennoch? Würden wir sie kaufen, wenn das Leid blonden, blauäugigen Menschen zugefügt würde? Würden wir es hinnehmen, wenn weiße Kinder im Mittelmeer ertrinken? Stehen wir in der U-Bahn nur auf, wenn eine weiße Frau belästigt wird oder auch, wenn eine Frau mit schwarzer Haut oder mit Kopftuch schikaniert wird?
Wir sind als Mitteleuropäer Teil einer latent rassistischen, antisemitischen Kultur. Wir haben noch immer unser kolonialistisches, nationalsozialistisches Erbe aufzuarbeiten. Es ist an uns, für eine friedliche Gesellschaft zu kämpfen, in der alle die gleichen Chancen haben, die gleiche Sicherheit, den gleichen Respekt. Vor allem wenn wir selbst in einer privilegierten Blase leben.

Dem anderen Rassismus, dem böswilligen, gewaltbereiten, beängstigenden bin ich in meinem bisherigen Leben nur vom Hörensagen her begegnet, über schwarze oder jüdische Freunde.
Bis wir unser Video “Alte weiße Männer” auf youtube gestellt haben. Wir hatten den Song im Zuge der Me-Too Debatte und Donald Trumps Kandidatur geschrieben. Und waren entsetzt über die menschenverachtenden, hasserfüllten, vor Gewaltandrohung strotzenden Kommentare aus der rechten Szene. Plötzlich war der rechte deutsche Terror nicht mehr etwas, über das wir in der Zeitung lasen, er war greifbar. Die Kommentare richten sich gegen Schwarze, gegen Juden, gegen Frauen, gegen Geflüchtete. Die brutalsten Kommentare haben wir youtube gemeldet, sie wurden entfernt, die User nicht. Sie kommentieren weiter, bei uns, bei anderen, ich kann nur hoffen, dass die meisten von ihnen nur online hetzen und ihren Worten nicht im wirklichen Leben Taten folgen lassen. Es ist nur ein kleiner von vielen Beweisen, wie überfällig die schwarzen Proteste nach dem Mord an George Floyd auch hier in Deutschland waren. Die Proteste sollten nicht schwarz bleiben. Wir alle müssen aufstehen. Und sei es nur, dass wir unsere Kinder nicht in einer Blase erziehen, sondern als unvoreingenommene, weltoffene Menschen, mit wachem Verstand und Courage im Herzen.

Donnerstag, 11. Juni 2020

“Ich müsste dringend mal früher ins Bett, aber dann hätte ich gar keine Zeit mehr für mich.” Das ist seit Corona der häufigste Satz, den ich von Müttern höre.
Was haben wir früher bloß mit der ganzen Zeit angefangen? Als die Kinder noch jeden Morgen das Haus verließen? Wisst ihr noch, wie schön dieses Gefühl war, von kleinen Armen zum Abschied umfasst zu werden, ein Kuss auf ihren duftenden Scheitel, nein, Mama, du musst mich nicht bis zur Bushaltestelle bringen, was sollen denn die anderen Kinder denken…
Ich vermisse es, die Kinder zu vermissen.
Zugegeben, ich vermisse es nicht, um 6:30 Uhr aufzustehen, Schulbrote zu schmieren und nachmittags als Mama-Kutsche diverse Freizeitaktivitäten anzusteuern. Aber was habe ich mit den kinderfreien Stunden bloß alles angestellt?
Ich kann mich kaum erinnern, es scheint so lange her. Vermutlich habe ich gearbeitet, Rechnungen bezahlt, aufgeräumt, Wäsche gemacht und gekocht. Alles meinem eigenen Rhythmus folgend, ohne Enge in der Brust. Manchmal habe ich auch einen Kaffee getrunken, etwas Zeitung gelesen oder telefoniert, verrückt oder? Das mache ich jetzt natürlich auch alles, aber im Zeitraffer und nach dem Rhythmus der Kinder. Schließlich stapeln sich auf meinem Aufgabenturm zusätzlich zu allem anderen noch Homeschooling, Kindergartenersatz, Kinderturnenersatz, Spielkameradenersatz, der Turm wird höher und höher und passt nicht mehr in meinen 15 Stunden Tag. Also mache ich einen 17 Stunden Tag draus, entwickele die Flimmerverschmelzungsfrequenz einer Stubenfliege und sitze wie ein Mauersegler niemals still.

Seltsamerweise habe ich mich aber schon vor Corona so gefühlt.

Was haben wir früher bloß mit der ganzen Zeit angefangen? Als wir noch in einer Dreizimmerwohnung mit Balkon wohnten und nicht in einem alten Fachwerkhaus mit Gemüsegarten und Hühnern? Ich erinnere mich dunkel, dass ich öfter gewischt, aufwändiger gekocht und mich mit meinem Ehemann in ganzen Sätzen unterhalten habe. Dennoch müssen da noch Stunden übrig gewesen sein? Es kam mir nie so vor. Die Kinder waren schließlich kleiner und brauchten mehr Zuwendung.

Aber was haben wir bloß mit all unserer Zeit angefangen, bevor wir Kinder hatten? Oder als wir nur ein Kind hatten? Wie überheblich fand ich das Mantra der Mehrfach-Eltern: Ein Kind ist kein Kind. Doch sie hatten recht. Wir haben ohne Kinder definitiv mehr geschlafen. Ich erinnere mich schemenhaft an endlose Sonntage im Bett, mit Kaffee und Büchern und Zeitungen und Serien. Wir haben auch häufiger einfach so auf dem Sofa gesessen. Wir haben Mahlzeiten ausfallen lassen oder erst um 21 Uhr gekocht. Vermutlich haben wir achtsam Kaffee getrunken, uns mit Freunden getroffen, sind ins Kino gegangen.
Wie subjektiv ist doch unser Zeitempfinden in Bezug auf das Vergehen der ach so objektiven Zeit. Habe ich wirklich keine Zeit mehr oder nehme ich sie mir nur nicht? Gewinne ich Zeit mit meinen Kindern durch Corona oder verliere ich sie? So oder so würde ich gern einfach mal nur in meiner Hängematte unter dem Apfelbaum liegen und der Amsel bei ihrem Abendkonzert zuhören. Ohne schlechtes Gewissen, weil gerade etwas ganz wichtiges liegen bleibt. Dafür verabrede ich mich jetzt mit mir selbst. Ich erzähle euch dann, wie es war.

Mittwoch, 10. Juni 2020

Immer wenn ich das Hochbett frisch beziehe, denke ich, dass ich die Nummer auch gut ans Varieté verkaufen könnte. Zwischen Matratze und Decke ist kaum ein Meter Abstand, ich bin 1,78 m groß und muss mich dementsprechend verrenken. Daher bin ich sehr froh, dass die Kinder gerade auf dem Matratzenlager in der Diele schlafen.
Unsere Vorfahren müssen Nomaden gewesen sein. Anders kann ich mir nicht erklären, warum wir ständig die Schlafgelegenheiten neu verhandeln. Das war schon in unserer Dreizimmerwohnung so. Baby bei mir und Friedolin im Bett, Friedolin auf dem Sofa, Friedolin beim Baby, ich auf dem Sofa, Baby 2 bei mir im Bett, Friedolin und Kleinkind auf dem Sofa und dazwischen Tourleben mit unzähligen Hotelzimmern. Am Ende ging es immer darum, dass jeder mal ein paar Stunden am Stück schlafen durfte. Unsere Kinder waren unfassbar schlechte Schläfer. Mein größtes Feindbild in den ersten Lebensjahren waren Eltern, die mir ungefragt mitteilten, dass ihr Kind ja schon seit dem dritten Monat durchschliefe. Ich habe nächtelang durchgestillt, weil die Geduld unserer berufstätigen Nachbarn am Ende war. Unser Kinderarzt hat mir Mut gemacht: “Ihr Kind ist schlau und neugierig, es muss nachts eine Menge verarbeiten. Dafür werden sie später in der Schule keine Probleme haben.” Danach musste ich mich sehr zusammenreißen, den besserwisserischen Durchschlafeltern nicht völlig übermüdet entgegen zu schreien: “Mein Kind ist einfach cleverer als deins!”
Seit unserem Umzug aufs Dorf hat jeder schon einmal in jedem Zimmer geschlafen. Unser Haus ist ein bisschen wie Hogwarts und verschiebt seine Räume ständig. Die Siebenjährige war zur Einschulung mit großer Geste aus dem gemeinsamen Kinderzimmer ins Gästezimmer gezogen (um dann nachts kleinlaut zurück zu kehren), das Schrankzimmer wurde zum Tonstudio, das Arbeitszimmer zum Schlafzimmer, der Flur zum Tobezimmer, nur die Küche ist und bleibt die Küche, der Ruhepol in diesem Wohn-Mobile.
Seit Corona schlafen die Kinder im selben Bett. Ihre Tage waren so urplötzlich auf den Kopf gestellt, da ist es tröstlich, nachts die Nähe des anderen zu spüren. Und ich genieße es, abends beide Kinder im Arm zu halten, ohne Diskussion, wer zuerst den Rücken gekrault oder die Füße gewärmt bekommt und ohne Bilderbücher vom unteren zum oberen Doppelstockbett zeigen zu müssen. Ich habe nie verstanden, warum Kinder allein schlafen sollen. Da bin ich zutiefst anachronistisch. Ich glaube, dass die Errungenschaften der modernen westlichen Welt nicht besser sind, als das, was unsere Vorfahren jahrtausendelang praktiziert haben. Mal abgesehen von Medizin und Buchdruck. Ebenso wie ich glaube, dass Maschinen, die uns Zeit sparen sollen, am Ende nur dazu führen, dass wir noch mehr arbeiten.
Jetzt ist Sommer und wir werden wieder mit Kopfkissen und Bettdecken weiter ziehen. Diesmal in unseren maroden Wohnwagen am See. Ich freue mich sehr auf die Tage in unserer verwilderten Parzelle. Kein Strom, kein Gas, kein fließend Wasser, abends Froschkonzert und morgens der Weckruf der Wildgänse. Ihr sehnsüchtiger Ruf klingt nach fremden Ländern und spannenden Abenteuern. Leider ist unser Wohnwagen nicht mehr fahrtauglich. Aber die Nomadin in mir kann ja davon träumen.


Dienstag, 09. Juni 2020

Ich brauche eine Bluttransfusion. Anscheinend hat sich bei allen beißenden und saugenden Insekten herumgesprochen, dass ich so etwas wie eine Bloody Mary auf zwei Beinen bin. Ich habe in den letzten Wochen durch Mückenstiche, Zecken-, Bremsen- und Grasmilbenbisse so viel Blut verloren, wie andere bei einem Bauchschuss. Die Kinder jammern über blutig gekratzten Köpfe und ich muss mich ständig rechtfertigen, dass sie, nein, keine Läuse haben. Wir sind Grasmilbenkerngebiet. Manche Nachbarn gehen nur noch mit hohen Gummistiefeln in den Garten oder haben ihren Rasen ganz abgeschafft. Grasmilben gehören zu den Spinnentieren. Die Larven beissen in die oberste Schicht der Haut, injizieren Speichel in die Wunde und lauern dort ein paar Stunden, bis sie das sich auflösende Gewebe einsaugen können. Die Bisse jucken fast zwei Wochen unerträglich und entzünden sich eigentlich immer. Der Fünfjährige hatte sich außerdem im Krankenhaus Flohbisse zugezogen. Zum Glück ist der Floh im Krankenhaus geblieben. Vielleicht war er in Quarantäne. Die Zecke, die ich dem Fünfjährigen kurz vor der OP noch schnell gezogen hatte, haben wir ihm als Gesellschafterin da gelassen. Im Urlaub hatten wir dann auch noch Madenwürmer, im Volksmund auch liebevoll Powürmer genannt. Die Durchseuchung mit den Viechern ist offenbar recht hoch, viele Kinder haben Würmer, ohne es zu merken. Mein Arzt-Vater meinte, dass früher Kinder prophylaktisch dreimal im Jahr gegen Würmer behandelt wurden. Heute ist das scheinbar ein Tabu-Thema, ich hatte zumindest noch nie etwas von Powürmern gehört. Aber ich schreibe ja im Geist der Aufklärung. Also, falls ihr oder eure Kinder abends oder nachts unerklärliches Jucken am After spürt, solltet ihr euch auf Madenwürmer untersuchen lassen. Bei der Siebenjährigen konnte man sie sogar sehen. Die Behandlung ist denkbar einfach, man nimmt einmalig Tabletten und die Würmer sterben ab. Ich hatte nach der Wurmkur deutlich mehr Energie und fühlte mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten ausgeschlafen. Von wegen übermüdete, überforderte Mutti. Ich hatte Mietnomaden. Langsam habe ich die Nase wirklich voll von all diesen Parasiten. Wozu lasse ich denn Spinnen in unserem Haus leben?
Vor unserem Badezimmerfenster wohnt eine gewaltige, aber auch ziemlich faule Kreuzspinne. Zumindest macht sie ihren Job nicht besonders gut. Sie ist so riesig, vermutlich ist sie radioaktiv bestrahlt worden und anschließend aus dem Versuchslabor geflüchtet. Vielleicht sollte ich mich mal zur Abwechslung von ihr beißen lassen und auf Superkräfte hoffen. Wobei, wer hat schon mehr Superkräfte als eine Mutter?

Montag, 08. Juni 2020

Wir haben ein Corona-Kaninchen. Gehabt. Für ein paar Stunden hatte sich ein schlappohriges Widderkaninchen in unseren Garten verirrt. Die Siebenjährige war der festen Überzeugung, dass es jemand im Wald ausgesetzt haben musste. Sie fing es geschickt ein, taufte es Schlappi und richtete ihm im Kinderhaus einen Stall ein. Das Kaninchen schien sich wohl zu fühlen und mümmelte zufrieden vor sich hin. Ich erwähnte vorsichtig, dass Schlappi vermutlich unseren Nachbarn gehörte. Wir haben nämlich gar keinen Wald in der Nähe. Die Siebenjährige stellte sich taub, pflückte Löwenzahn, streute Heu und stellte Schlappi ein Schälchen mit Wasser hin. Ich klingelte bei den Nachbarn, sie waren nicht zuhause. Wir kennen unsere hinteren Nachbarn nicht besonders gut, weil sie viel mit ihrem Wohnmobil unterwegs sind und einen hohen Sichtschutz zu unserem Garten hin haben. Das kann ich gut verstehen. Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, hätte ich auch gern einen Sichtschutz zu mir rüber. Unsere Tochter klettert gerne in die große Blutpflaume und schaut heimlich über den Sichtschutz hinweg in den Garten der Nachbarn. Dabei hätte sie deren Kaninchen eigentlich sehen müssen. Aber sie blieb steif und fest bei ihrer Kaninchen-grausam-im-Wald-ausgesetzt-Story. Klingt ja auch dramatischer als: Das Karnickel hat sich unterm Zaun durch gebuddelt. Vielleicht geht sie später zur Bild-Zeitung. Als die Nachbarn abends von der Arbeit kamen, brachten wir ihnen das Kaninchen zurück. Die Siebenjährige hoffte, dass sie Schlappi vielleicht gar nicht wieder haben wollten. “Die sind doch immer so viel unterwegs.”

“Ach, mein Mann will die Kaninchen schon lange los werden…”, sagte unsere Nachbarin bei der Übergabe und die Augen der Siebenjährigen blitzen hoffnungsvoll. Sie hatte das ABER im Schatten der Worte geflissentlich überhört. “…aber ich hätte es gern zurück”, beendete sie den Satz und das Herz der Siebenjährigen brach. Es klang ein bisschen, wie wenn der Altglascontainer geleert wird. Sie wollte noch nicht einmal zu Abend essen. Und hockte den ganzen Abend mit leerem Blick im verwaisten Kinderhaus. Nach Hamsterkäufen, Hühnershopping und Geburtstagsmolchen wird es wohl wirklich Zeit für Corona-Kaninchen.

Samstag, 06. Juni 2020

Ich habe euch belogen. Von dem Geld, das ihr über unsere Homepage für einen virtuellen Kaffee gespendet habt, habe ich gar keinen Kaffee gekauft. Wir haben unsere Strom-, Gas- und Telefonrechnung davon bezahlt und diverse Supermarkt-Einkäufe. Da waren aber auch fair gehandelte Espressobohnen dabei. Die Kaffeebauern können ja nichts dafür, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen. Ich hoffe, ihr verklagt uns nicht wegen Veruntreuung von Spendengeldern.
Jetzt bekommen wir zusätzlich 600 Euro Corona-Kindergeld vom Staat. Um die Wirtschaft anzukurbeln. Auch hier werden wir das Geld zweckentfremden. Wir werden nicht kurbeln. Wir verwenden das Geld zur Grundsicherung. Das Kurbeln überlassen wir den Eltern, die während Corona weiterhin normal verdient haben.
Wir sind seit Anfang März auf 20 % unseres Einkommens zurückgeworfen. Vermutlich bis in den Herbst hinein. Die Auswirkungen von Corona werden wir finanziell noch in 2021 spüren, weil unzählige Veranstaltungen aus 2020 dorthin verlegt wurden und derzeit kaum neue Auftrittstermine gemacht werden. Ganz abgesehen davon, dass es manches Theater, manchen Veranstalter dann nicht mehr geben wird.
Wir haben die niedersächsische Soforthilfe beantragt, aber bis heute keine Antwort erhalten. Bei Nachfrage wird darum gebeten, von Nachfragen abzusehen. Manche Mitarbeiter der Kreativbranche haben Soforthilfe für ihre laufenden Betriebskosten erhalten. Wir haben aber wie viele andere Künstler kaum laufende Betriebskosten, wir haben laufende Kosten. Die Kinder wachsen und sind immer hungrig. Außerdem möchten sie gern passende Schuhe und ein regensicheres Dach über den Kopf. Unser Auto wäre zur Not verzichtbar, unsere Kranken- und Pflegeversicherung nicht. Wir können uns keinen neuen Job suchen. Wir haben Verträge, die wir einhalten müssen, sollten die Theater wieder öffnen. Einige werden im Herbst den Spielbetrieb wieder aufnehmen, allerdings nur für einen Bruchteil der Zuschauer, einen Bruchteil der Einnahmen. Die eigentliche Krise steht der Theaterbranche also noch bevor: Lauter defizitäre Veranstaltungen oder wahlweise: noch mehr Absagen.
Wir werden nicht verarmen. Wir haben Hühner, die bereits abbezahlt sind, und einen Gemüsegarten. Und wenn es hart auf hart kommt, Familien, die uns auffangen. Da sind wir in einer deutlich luxuriöseren Position als viele Kollegen, die jetzt Hartz 4 beantragen müssen.
Wir betreiben Kunst nicht als Hobby. Wir zahlen seit Abschluss unseres Studiums Steuern. An unseren Auftrittseinnahmen hängt der Lebensunterhalt vieler: Booking-Agentur, Plattenfirma, Plakatverschicker, Veranstaltungstechniker, Veranstalter, Reinigungskräfte im Theater und nicht zuletzt die Deutsche Bahn.
Wir sind Teil einer Branche, die 1,7 Millionen Mitarbeiter hat und 3 % des BIP erwirtschaftet, wir sind damit auf Platz 2 hinter der Autoindustrie. Wir steuern 100,5 Milliarden Euro an volkswirtschaftlicher Gesamtleistung bei. Aber wir sind kein DAX-Unternehmen. Wir haben keine Lobby und keine Gewerkschaft, die in Hinterzimmern Rettungspakete verhandelt. Deshalb werden wir behandelt wie Praktikanten. Über die Medien wird von der Politik Unterstützung für uns versprochen und angepriesen. In der Realität kommt kaum etwas davon bei den Betroffenen an.
Wochenlang wurde über 9 Milliarden Euro für die Rettung EINES Unternehmens mit gut 70000 Beschäftigten in Deutschland diskutiert. Wir müssen zusehen, wie wir uns selbst retten.

Wir danken euch von ganzem Herzen für eure Unterstützung. Für die Spenden, vor allem aber für die Wertschätzung, die hinter jedem noch so kleinen Betrag steckt. Ohne euch wären wir in den letzten Wochen bestimmt verbittert. Wir haben vielleicht keine Lobby. Aber wir haben Fans. Das trägt uns und macht uns sehr glücklich.

Freitag, 05. Juni 2020

Das Knallen von Feuerwerkskörpern reißt mich aus dem Schlaf. Sämtliche Hunde im Dorf drehen durch und kläffen sich die Kehle wund. Wer zum Kuckuck fackelt während Corona ein Feuerwerk ab, denke ich und taste nach dem Wecker. Mitternacht. Ich war gerade eingeschlafen. Wie so oft nach langem Hin- und Herwälzen, weil ich mal wieder zu lange am Computer gearbeitet hatte und über den Punkt war. Eine Polizeisirene ertönt. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Der Marder führt auf dem Dachboden einen Stepptanz auf oder fährt Rollschuh oder was Marder halt so machen, um ihre Untermieter wach zu halten. Jemand ruft laut und verzweifelt “Mutti!” Mein Herz rast. Unsere alte Nachbarin ruft im Schlaf manchmal nach ihrer Mutter. Wenn ihr und unser Fenster geöffnet ist, kann ich sie hören. Sie klingt wie ein verängstigtes Kind. Ich bin schon oft nachts aus dem Schlaf geschreckt, weil ich dachte, die Kinder rufen nach mir. Aber sie lagen stets friedlich schlummernd im Bett. Irgendwann begriff ich, dass die Rufe von unserer träumenden Nachbarin kamen. Unsere Kinder schreien schließlich nach Mama, nicht nach Mutti. Nichtsdestotrotz triggern die nächtlichen Rufe mein Mama-Adrenalin. Und da wundert sich meine Familie, dass ich tagsüber müde und gereizt bin.
Am nächsten Tag erfahre ich, dass unsere Freunde das Feuerwerk gezündet hatten. Und finde es sofort ziemlich lustig, weil ich mir gut vorstellen kann, wie sie es angetütert am Geburtstag für eine Knaller-Idee hielten und sich 60 Sekunden später mit dem geballten Zorn des Dorfes konfrontiert sahen. Sie bekamen prompt eine Anzeige.
“Das waren bestimmt Zugezogene”, sagt die Mutter meiner Freundin. “Früher hätte es so etwas im Dorf nicht gegeben.”
“Äh, Moment mal…”, sage ich zaghaft und fühle mich etwas in meiner Zugezogenen-Ehre gekränkt. “Ich glaube, es liegt an Corona.”
Nachbarn zeigen Nachbarn an, weil die sich nicht an die Kontaktbeschränkungen halten. 11000 Euro für eine Grillparty, 250 pro Kind auf einer Kindergeburtstagsfeier. Dazu muss man sagen, dass wir in einer Region wohnen, dessen Krankenhaus gerade mal einen Corona-Fall zu verzeichnen hatte. Im Kreis Heinsberg könnte ich das noch verstehen.
Mütter fangen an, andere Mütter zu gängeln, weil diese die Homeschooling-Aufgaben der Kinder nicht gemäß der Anweisungen in die Schul-Cloud hochgeladen haben.
Meiner Mutter wurde von ihren Nachbarn mit Polizei gedroht, da sie unsere Kinder einen Tag vor der offiziellen Öffnung der Spielplätze fünf Minuten auf dem Bolzplatz hatte spielen lassen, weil das Flatterband bereits entfernt war. Meine Mutter hat das entspannt hingenommen: “Seit Corona zeigen die Leute ihr wahres Gesicht”, sagte sie nur.
Ich glaube, ich werde bei der Gelegenheit mal die Nachbarn anzeigen, die ihren Hund immer vor unser Gartentor kacken lassen. Man munkelt nämlich, das waren die Nachbarn, die die Feuerwerksnachbarn angezeigt hatten. Die können mich dann ja anzeigen, weil unsere Kinder ihnen Flusskiesel aus dem Vorgarten zum Bemalen geklaut haben. Gut, sie haben sie bemalt wieder zurück gelegt, aber über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ach, das werden lustige Wochen für die Polizei.

Donnerstag, 04. Juni 2020

Der Chemielehrer der Fünftklässler unseres Dorfes bringt den Kindern bei, wie sie den Aggregatzustand ihrer Eltern transformieren können. Wenn die Chemieversuche für das Homeschooling abends rausgegeben werden, gehen alle Teilchen der Homeoffice Mütter von einem entspannt-amorphen Zustand in kürzester Zeit zum Siedepunkt über. Am Ende des Versuchs sind die Mütterteilchen so schnell in Bewegung, dass sie sich am liebsten gasförmig in Luft auflösen würden. Das nennt man Brownsche Molekularbewegung. Allerdings ist weder der Chemielehrer, noch Herr Brown in diesen Momenten anwesend, um den Schülern oder ihren Eltern diese Weisheit mitzuteilen. Homeschooling eben.
Der erste Versuch wurde den Schülern abends um 22 Uhr zugemailt, mit der Aufforderung, die Versuchsergebnisse am nächsten Morgen bis 9:30 Uhr hochzuladen. Für den Heim-Versuch werde eine Dose Cola und eine Dose Cola-light benötigt. Niemand, den ich kenne, hat Cola-Dosen auf Vorrat. Genausogut hätte der Lehrer ein Fass Lebertran und 500 Gramm Graupen verlangen können.
Also mussten die Homeoffice-Mütter am nächsten Morgen die Arbeit ruhen lassen und Einkaufen fahren. Dieser Morgen ging als Cola-Dosen-Odyssee in die Annalen der Dorfchronik ein. Der nächste Supermarkt ist im Schnitt vier Kilometer entfernt und nicht alle Supermärkte führen Dosen. Unser Dorf war zum ersten Mal im Vorteil: wir haben zwar keine Geschäfte, dafür eine Tankstelle. Also belieferten unsere Dorfkinder die Schüler der umliegenden Dörfer als Fahrradkuriere mit Cola-Dosen.
Für den nächsten Versuch sollten die Kinder den Saft eines 1/4 Rotkohls auskochen und mit Natron oder Zitronensäure vermengen. Die ersten Homeoffice Mütter reagierten exotherm und legten Beschwerde ein. Nein, sie hätten – Ende Mai – keinen frischen Rotkohl zuhause und Besseres zu tun (#bessereszutun), als sich auf die nächste Odyssee zu begeben, um dann stundenlang Rotkohl zu zerschneiden und auszukochen.
Die Kinder sollten diese Versuche übrigens – so die endotherme Reaktion des vor Corona sehr beliebten Lehrers – durchaus selbstständig durchführen. Wer hätte auch Bedenken, Kinder unbeaufsichtigt mit einem scharfen Messer Rotkohl schneiden, mit kochendem Wasser hantieren oder die Küche mit stark färbendem Rotkohlsaft verschönern zu lassen? – Solange es nicht die eigenen Kinder und Küchen sind!
Am Ende hatten dann alle Familien einen dreiviertel Rotkohl über und keinen Appetit mehr.
Seitdem finde ich Grundschul-Mathe plötzlich sehr leicht, zu unterrichten.

Mittwoch, 03. Juni 2020

Der Vierjährige steht zwischen blühenden Rosenbüschen mit einem seligen Lächeln im Gesicht und einem Küken auf dem Kopf. Die Siebenjährige hält dem winzigen Hühnchen eine Hand voll Körner hin, bis es den Schnabel voll hat und davon flattert.
Wir waren mit den Rädern auf dem Weg zum Badesee, als vor uns ein Küken über den Weg flitzte. Es gehört einer Familie, die wir flüchtig vom Kindergartenbus her kennen. Wir brachten es zurück in ihren Garten und waren sofort von flatternden Federbällchen umzingelt. Natürlich wollten die Kinder nicht mehr weg und spielten mit den Kindern der Familie Kükentraumatisieren. Der siebenjährige Kükenbesitzer nahm immer ein Küken in die Hand und warf es dem Vierjährigen entgegen oder setzte es sich auf den Kopf oder schleppte es mit aufs Trampolin. Die 25 Küken schienen alle das Stockholm-Syndrom zu haben. Sie liefen dem Jungen unermüdlich hinterher und fraßen ihm selbst kopfüber noch aus der Hand. Wer füttert, darf offensichtlich grob sein. Vielleicht ahnten die Küken auch, dass es ihnen immer noch besser erging, als den 45 Millionen Eintagsküken, die jährlich in der deutschen Geflügelzucht vergast oder geschreddert werden. Die Spielküken haben immerhin eine Wiese zum Grasen, Sandbäder unter den Büschen und ein ganzes Lebensjahr vor sich.
Anfangs standen unsere Kinder schockiert daneben. Zu oft haben sie von mir das Mantra “Tiere-sind-kein-Spielzeug” gehört. Unsere Hühner durften sie erst streicheln, als sie ihnen freiwillig auf den Schoß hüpften. Bei uns war schon vor Me-Too grapschen streng verboten. Irgendwann ließen sie sich jedoch mitreißen und setzten sich auch ein Küken auf den Kopf. Sie sahen so glücklich dabei aus, dass die Tierschützerin in mir mal für 10 Minuten interessiert die Schwalbennester unter dem Scheunendach studierte. Seit Corona habe ich eine Moral aus Kaugummi.
Am Ende saßen die Kinder einträchtig unter dem Rosenbusch und teilten sich mit den Küken ein Schokoladeneis. Wir tunkten sie dann doch noch in den Badesee, weil sie unkenntlich von Staub und Schokoladeneis waren und wir sonst wohlmöglich noch das falsche Kind mit nach Hause genommen hätten.
Ich werde heute Abend keine Nachrichten gucken. Ich werde für ein paar Stunden so tun, als wäre die ganze Welt Bullerbü und das Glück festhalten, bis es wieder davon flattert.

Dienstag, 02. Juni 2020

Die Siebenjährige darf bald zurück in die Schule. Ob sie will, weiß ich noch nicht. Ob ich will, auch nicht. Für die Erstklässler beginnt der Unterricht am 17. Juni. Sie geht ab dann ein bis zweimal pro Woche zur Schule, bis zu den Sommerferien kommt sie auf sieben Schulbesuche, jeweils von 8 Uhr bis 11.30 Uhr. Für uns ist das keine wirkliche Entlastung, zumal der Vierjährige noch nicht wieder in den Kindergarten darf.
Ich weiß nicht, was sie in den wenigen Schulstunden lernen wird. Vermutlich am ehesten Abstands- und Hygieneregeln. Es gibt zwei separate Schulein- und -ausgänge mit Abstandsmarkierungen auf dem Boden. Es gibt eine Kloampel. Die Kinder sollen bei Ankunft auf dem Schulgelände Masken tragen und Abstand halten, bis sie an ihrem Platz im Klassenzimmer sitzen. Dann sollen die Masken in einem speziellen Beutel verstaut werden. Sie dürfen aber erst in das Schulgebäude, wenn die Lehrerin sie reinholt. Der Reihe nach. Wenn es regnet sollen wir Regenschirme und Jacken mitgeben, weil auch dann die Kinder draußen warten müssen, bis das Kind vor ihnen Jacke und Schirm im engen Schulflur verstaut hat und an seinem Platz sitzt. Erst dann darf das nächste Kind in den Flur. Unsere kleine Dorfschule gibt sich wirklich Mühe, den strikten Hygieneanforderungen gerecht zu werden. Es ist eine große Kraftanstrengung und Belastung für alle Mitarbeiter. Mir kommt es vor, als würden wir unsere Tochter in irgendeiner zutiefst dystopischen Netflix-Science-Fiction-Serie zur Schule schicken. Bisher weiß sie gar nicht, was Corona bedeutet. Wie sehr es das Leben vieler Menschen einschränkt. Wir leben ja in dieser Luxus-Blase auf dem Dorf. Mit Schulbeginn wird sie es auf einen Schlag erfahren. Sie wird ihre Freunde zwar sehen, aber keinen wirklichen Kontakt zu ihnen haben dürfen. Kein Toben auf dem Pausenhof. Kein geheimes Tuscheln hinter den Hecken. Die Büsche auf dem Pausenhof sind ratzekurz geschnitten worden oder gefällt. Vielleicht, damit sich dahinter keine Kinder verstecken und den Abstandsregeln trotzen. Ihre Freundinnen und Freunde aus dem Dorf haben zeitversetzt zu ihr Unterricht, die wird sie noch nicht einmal sehen. Die Schule ist sieben Kilometer entfernt, normalerweise fährt sie mit dem Bus. Aber ich möchte nicht, das sie allein mit Mundschutz im Linienbus sitzt.
Alles, was an Schule schön ist, ist gestrichen. Die Klassenwanderung, der Schulausflug, die Bundesjugendspiele. Nur auf ihre Lehrerin freut sie sich sehr, sie ist der Grund, warum es sich trotz allem lohnen könnte.
Unsere Tochter ist Erstklässlerin und war noch gar nicht richtig in der Schule angekommen, als Corona alles auf den Kopf stellte. Ich möchte nicht, dass ihre prägendste Schulerfahrung in diesem so wichtigen ersten Schuljahr Masken und Abstandsregeln sein werden. Vielleicht wird sie auch daran wachsen. Ich weiß es nicht. Die Mutterglucke in mir möchte sie am liebsten zuhause behalten und hofft, dass nach den Sommerferien wieder alles beim Alten ist. Dann nähe ich ihr eine schöne Schultüte und wir fangen frisch von vorne an.

Montag, 01. Juni 2020

Ich bin von Zwillingen umzingelt. Mai und Juni hagelt es in unserer Familie Geburtstage. Und da ich aus irgendeinem Grund zuständig für das Ausdenken, Beschaffen und Verpacken von Geschenken und Planen von Geburtstagen bin, leidet mein mental load in diesen Wochen an Übergewicht und Kurzatmigkeit. Was mich ja im Prinzip zur Risikogruppe macht. Vielleicht sollte ich für ein paar Wochen in freiwillig Quarantäne gehen. Zumindest bis die Geburtstagswelle vorbei ist.
Als nächstes ist Friedolin dran. Friedolin ist ein harter Brocken, er hat es nicht so mit Geburtstagen. Er hat keine Wünsche und blendet Geburtstage anderer bis zum letzten Drücker aus. Karten schreiben ist nicht so seins und Geschenke ausdenken auch nicht. Meine Theorie ist, dass Friedolin in Bezug auf Geburtstage pappsatt ist. Seine Eltern haben ihm und seinem Bruder als Kinder nämlich außerordentlich tolle Geburtstage geschenkt. Wenn man einmal einen Ufo-Geburtstag feiern durfte, bei dem der eigene Vater aus Schrott ein riesiges abgestürztes Ufo im Garten gebaut, mit Trockeneis-Dampf vernebelt und einer wilden Alien-Backstory untermalt hat, also wenn man als Kind solche Geburtstage feiern durfte, kann da wirklich keine schnöde Grillparty im Erwachsenenalter mithalten.
Ich befinde mich dummerweise genau am anderen Ende des Geburtstags-Spektrums: Ich bin sehr bedürftig. Was vermutlich daran liegt, dass ich am selben Tag wie mein Großvater und meine Tante Geburtstag habe und als Kind oft auf den Feiern meiner Verwandten deprimiert in der Ecke hockte, deren Gäste noch nicht mal wussten, dass ich auch Geburtstag hatte. Ich fühle mich immer etwas einsam und ungesehen an meinem Geburtstag. Was in Kombination mit Friedolins Geburtstags-Detox meist dazu führt, dass wir uns streiten. Frauen mit enttäuschten Erwartungen sind ja in der Regel kaum auszuhalten. Am Ende hocke ich dann wieder deprimiert in der Ecke.
Nach Friedolin hat der Vierjährige Geburtstag. Er wünscht sich Tulpenzwiebeln. Das ist ebenso süß wie machbar. Für Friedolin habe ich immer noch keine Idee. Wir sind seit 13 Jahren ein Paar, alle kreativen, selbstgemachten, überraschenden und nützlichen Sachen habe ich ihm schon dreimal geschenkt. Und er ist nicht der Typ, der sich über ein Kissen mit dem Aufdruck: “Papas Schnarchecke” oder ein T-Shirt mit dem Schriftzug “The Walking Dad” freut.
Jetzt ist Pfingsten und sogar die Kirche hat Geburtstag. Da kann ich mich aber wirklich nicht auch noch drum kümmern. Meine einzige Hoffnung ist, dass der Heilige Geist auf mich nieder fährt und eine Idee mitbringt, was ich meinem Mann zum Geburtstag schenken kann.

Samstag, 30. Mai 2020

Die Sense ist ein unterschätztes Gartengerät, denke ich, während Friedolin wild gestikulierend vor mir steht. Er möchte mir irgendetwas ganz dringendes mitteilen, aber der Aufsitzrasenmäher unseres Nachbarn übertönt ihn. Seit Corona sind sämtliche Nachbarn zuhause und fürchterlich betriebsam. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht jemand die Terrasse kärchert, den Pool ausspritzt, Holzbohlen mit der Kettensäge trimmt oder Mulch schreddert. Ich will mich nicht beklagen, schließlich haben wir zwei Kinder, die das ganze Jahr durch den Garten toben und sehr viel Lebensfreude in die umliegenden Gärten hinausschreien. Zum Glück haben wir auf der einen Seite kinderfreundliche und auf der anderen Seite schwerhörige Nachbarn. Aber seit der Corona-Betriebsamkeit erscheint mir unsere alte Heimat in der Großstadt als Ort der Stille und des Friedens.
Wenn wir auf Tour sind, besuche ich immer die Krypta der ansässigen Kirchen. Die Stille dort unten ist absolut, wie auf dem Grund eines trockenen gefallenen Brunnens, dunkel und klar und alt.
Mein Leben war schon immer unstet, daher hatte ich mir geschworen, eines Tages an einem leisen Ort zur Ruhe zu kommen.
Dummerweise hatten wir unser Haus damals immer sonntags und im Sommer besichtigt. Wunderbare Ruhe, Vogelgesang, das Blätterrauschen der alten Ahorn-Bäume im Garten. Hier sind wir richtig, dachte ich. Als wir dann im Winter einzogen, waren wir geschockt, wie laut die Bundesstraße aufgrund der kahlen Felder und Bäume plötzlich zu hören war. Und Trecker müssen anscheinend sehr lange mit laufendem Motor auf dem Hof stehen, um einen reibungslosen Betriebsablauf zu gewährleisten. Wir bereuen unser Haus trotzdem nicht. Unsere Nachbarn sind die herzlichsten Menschen, unser Garten ein Paradies, es geht uns sehr gut hier. Aber ich rebelliere gegen die Geräusche. Im Herbst harke ich das Laub unser 18 Bäume mit dem Rechen. Das ist leise und sorgt für eine schmale Taille. Im Sommer lassen wir das Gras auf der Wiese hoch stehen als Kinderstube für die Insekten. Dann wird gesenst und Heu für die Hühner gemacht.
Der Aufsitzrasenmäher verstummt und Friedolins Tirade wird hörbar. Es geht um unseren Live-Stream, den er fertig geschnitten hat und schnell veröffentlichen will. Und den ich seit Tagen nicht angeschaut habe. Erstens, weil ich keine Zeit hatte und zweitens, weil wir uns mit Sicherheit streiten werden, weil er alles, was ich lustig fand, bestimmt rausgeschnitten hat. Wobei, wenn wir uns überhaupt nicht verständigen können, gehen wir einfach in den Garten. Dann können wir den Nachbarn die Schuld geben, dass wir uns nicht verstehen.

Freitag, 29. Mai 2020

Friedolin kommt in dieser Kolumne nicht immer gut weg. Könnte man meinen. Er erscheint als hilfloses Fluchtwesen. Sagt man. Friedolin hat sich diesbezüglich noch nicht geäußert. Das könnte daran liegen, dass er die Kolumne nicht liest. Was vielleicht daran liegt, dass er nicht besonders gut weg kommt. Er überfliegt sie höchstens, um ein passendes Foto auszuwählen. Es könnte aber auch daran liegen, dass er selbstbewusst und offen mit seinen Schwächen umgeht. Weil er weiß, dass er noch so viel mehr zu bieten hat. Der Friedolin aus Buchstaben ist natürlich nicht deckungsgleich mit dem Friedolin aus Fleisch und Blut. Der Friedolin in den Texten ist nur eine seiner Facetten, ist der Holzschnitt eines Vaters, der zwar von Friedolin geschnitzt und belebt wird, aber sich ebenso in den Vätern und Männern aus unserem Umfeld finden lässt. Ich erzähle wenig von den Dingen, die nur uns betreffen. Das wäre mir und uns zu privat. Ich versuche, authentisch zu sein, ohne uns zu verraten. Ebenso wie ich nur unscharfe Fotos unserer Kinder ins Internet stelle. Ich erzähle von den Dingen aus unserem Leben, bei denen ich glaube, dass sich viele Menschen auf die eine oder andere Art darin wieder erkennen. Es freut mich, dass ebenso viele Männer wie Frauen meine Texte lesen und liken. Wenn Friedolin wirklich schlecht weg käme, wären die Männer sicher schon ausgestiegen.
Anfangs hab ich Friedolin noch um Absegnung der Texte gebeten. Er kann jederzeit sein Veto einlegen, wenn es ihm zu bunt wird. Aber er ist Künstler. Er weiß, dass Kunst und Komik von Reibung lebt, von Konflikten und Missverständnissen. Nicht umsonst enden Geschichten, bevor sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage lebten.
Ich hoffe, dass es mit meiner Kolumne ähnlich wie mit unserem Bühnenprogramm ist, in dem wir uns zwei Stunden leidenschaftlich streiten. Eine Zuschauerin sagte einmal so treffend, dass man unseren Streitereien so gerne folgt, weil man spürt, dass darunter Harmonie und große Verbundenheit herrscht. Wo sie das mit der Harmonie rausgelesen hat, weiß ich zwar nicht. Das mit der großen Verbundenheit kann ich aber in jeder Hinsicht unterstreichen.

(c) Tolga Talas

Donnerstag, 28. Mai 2020

Friedolin sagt, ich soll mir einen Liebhaber zulegen. Er hat die Nase voll, ein anderer Mann muss her. Jeden Morgen wache ich auf und habe ein neues Projekt im Kopf. Friedolin ist am Rande seiner Belastbarkeit. Das bisschen Fremdgehen nimmt er billigend in Kauf. Hauptsache er hat mal seine Ruhe vor mir und meinen Ambitionen. Seit Corona bin ich im Overdrive. Ein Riesensandkasten für die Kinder aus Sturmholz mit angeschlossener Schwengelpumpe. Ein Teich im alten Sandkastenbecken. Eine Natursteintreppe für die neue Terrasse. Meine Ideen sind groß, mein Körper leider nicht. Also muss Friedolin maßgeblich zu ihrer Umsetzung beitragen. Nach zwei Schwangerschaften und drei kaputten Bandscheiben halte ich mit mir selbst nicht mehr mit. Mein Kopf ist 28, meine Knochen 80. Wenn ich mal wieder ein verstauchtes Kind oder riesige Feldsteine auf dem Rücken nach Hause getragen oder meinen lehmigen Acker umgegraben habe, fühle ich mich wie ein wackeliges Ersatzteillager voll Schrott. Das können auch Yoga und Osteopathie nicht mehr zurechtruckeln. Aber wir haben uns nun mal dieses Selbstversorgungs-Dings in den Kopf gesetzt, da heißt es Zähne zusammenbeißen und durch. Ich beiße so oft die Zähne zusammen, dass meine Zahnärztin mir eine Beißschiene verordnet hat. Den letzten Lachanfall hatte ich, als mich meine Osteopathin fragte, warum ich mich nicht mal einen Tag aufs Sofa legen könnte.
Friedolin ist solange genervt von meinen Ideen, bis er seine Chance erkennt: er kann sie annektieren und sich bei ihrer Umsetzung aus dem Staub machen. Wenn ich dann schimpfe, dass er sich ja auch mal um die Kinder kümmern könne, weil ich dringend arbeiten muss, sagt er unschuldig: Wieso, das mit der Terrasse war doch deine Idee? Erst meckert er, aber wenn hinterher Besucher seine Bauwerke bewundern, steht er da mit stolzgeschwellter Brust. Dann tut er so, als wäre alles von vornherein seine Idee gewesen. Nix mit Urheberrecht, ich tauche noch nicht mal in den Fußnoten auf. Meine geputzten Klos hat noch nie jemand bewundert. Ich glaube, die älteren Damen in unserer Straße sind alle etwas verliebt in Friedolin, weil er so patent ist. Aber langsam hat er die Schnauze voll. Er möchte lieber lustige youtube-Videos zu seiner Reihe “Friedolin Müller bespricht Handy-Fotos” basteln. Bevor er mir aber einen haarigen Handwerker mit Klempnerdekolletee aufs Auge drückt, sage ich vorsichtshalber: “Ich brauche keinen Liebhaber, ich hab doch Marita.” Marita ist unsere grandiose Nachbarin. Sie ist pensionierte Gärtnerin, über einen Kopf kleiner als ich und doppelt so stark wie jeder andere Mensch, den ich kenne. Sie ist Pippi Langstrumpf mit Falten. Sie hat mir schon geholfen, meine riesige Kräuterspirale zu mauern, jetzt haben wir uns zum geselligen Zement-Mischen und Wackersteine schleppen verabredet. Und wir werden GLEICHZEITIG die Kinder beschäftigen. So machen wir Frauen das nämlich. Ich weiß jetzt schon, dass Friedolin dann zappelig daneben stehen und alles besser wissen wird. Zum Glück ist Marita so redselig, dass er selten zu Wort kommt.

Mittwoch, 27. Mai 2020

Wir stehen auf unserem Vorplatz und winken dem Auto meiner Schwester hinterher, bis es um die erste Biegung verschwunden ist. Ich liebe dieses Abschiedsritual. Winken als eine Art Segen, als Schutzzauber, der die Abreisenden auf ihrer Reise behüten und für eine sichere Heimkehr sorgen soll. Magie des Alltags. In diesen Momenten habe ich jedes Mal eine sepiafarbene Doppelbelichtung. Dann sehe ich schemenhaft meine Großeltern auf dem Sandweg vor ihrem Holzhaus im Wald am Rand der Heide stehen, mein Großvater auf seinen Gehstock gestützt, eine Hand zum Abschiedsgruß erhoben, ebenso meine Großmutter, die Ringe an ihrer Hand blitzen ein letztes Mal im schwindenden Abendlicht auf. Meine Schwester und ich unangeschnallt auf der Rückbank unseres alten Volvos winken zurück, mein Vater hupt einmal kurz zum Abschied vor der ersten Kurve.
Die Elfjährige ist fort. Unsere verbleibenden Kinder kehren mit hängenden Schultern ins Haus zurück. Auch wenn wir nach drei Wochen Ausnahmezustand mit meiner Nichte froh über etwas eintönigen Alltag zu viert sind, vermissen wir sie natürlich sofort fürchterlich. 10 Minuten später klingelt das Telefon. Meine Nichte ist dran: “Kannst du mal in mein Zimmer gucken, ob mein Koffer und meine Schultasche noch da stehen?”, fragt sie nervös. Ja kann ich, ja tun sie. Faszinierend, das Auto meiner Schwester war bis unter das Dach vollgepackt, wir sind noch dreimal durchs Haus gegangen, ob meine Nichte etwas vergessen hat, aber den riesigen Koffer haben wir alle übersehen. Ein kollektiver blinder Fleck. Natürlich müssen sie jetzt umkehren. Nicht wegen der Klamotten im Koffer, aber der Laptop meiner Nichte, Harry Potter 7 und die Powerbank für ihr Handy sind schließlich auch hiergeblieben und systemrelevant. Die Kinder überlegen sich ein Rückkehr-Ritual und stehen so lange schielend einen Vogel zeigend auf dem Vorplatz, bis meine Schwester vorfährt. Meine Nichte sieht etwas verweint aus, schimpft aber zur Ablenkung wie ein Rohrspatz. Die Kleinen gehen in Deckung. Wir packen das übervolle Auto noch etwas voller und winken nach Küssen und Umarmungen und Liebesbeteuerungen erneut, bis sie um die erste Biegung verschwunden sind. Die Siebenjährige atmet auf. “Mama, kommt Pubertät eigentlich daher, dass Erwachsene die Kinder in dem Alter eher so ,Puh’ finden?” Ich finde, das ist eine ziemlich gute Definition und wische mir trotzdem eine Träne aus dem Augenwinkel.

Dienstag, 26. Mai 2020

Für wie viel Kilo ist so eine Babyklappe eigentlich ausgerichtet? Sind 40 Kilo noch okay? So oder so gebe ich die Kinder hiermit zur Adoption frei. Alle drei. Unter der Bedingung, dass die zukünftige Familie meinen Ehemann gleich mit adoptiert. Die Hühner behalte ich.
Heute war einer dieser Tage. Die Elfjährige reist ab und alle Kinder haben Abschiedsschmerz. Den sie aber aufgrund ihres jeweiligen altersbedingten Unvermögens nicht als solchen benennen können. Also verfallen sie in nervtötende Zermürbungshandlungen. Sie sagen in Dauerschleife folgende Sätze:
“Ich habe Hunger!” (der Vierjährige)
“Ich will aber eine Kröte!” (die Siebenjährige)
“Ich will auf der Rückfahrt noch zu Burger King!” (die Elfjährige)
Den Vierjährigen kann ich noch am besten verstehen. Ich neige auch zu Frustessen. Vor allem, seit ich verheiratet bin. Nachdem der Vierjährige sich durch einen Apfel, zwei Birnen, drei Pflaumen, vier Erdbeeren und fünf Orangen gefressen hat, aber immer noch nicht satt ist, ziehe ich die Reißleine, bevor er sich in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt. Daraufhin beginnt er, mich zusätzlich zu “Ich habe Hunger” auch noch zu boxen.
Die Siebenjährige ist neidisch, weil der Vierjährige am Morgen eine attraktive Weinbergschnecke namens Moni kennen gelernt hat, die jetzt in seiner Becherlupe wohnt. Also möchte die Siebenjährige auch ein Haustier. Die Hühner zählen nicht, die wohnen draußen. Und ihr Geburtstagsmolch hat das Weite gesucht, nachdem der Vierjährige seine riesigen Gummi-Dinosaurier in den Teich gepfeffert hat. Sie will eine Kröte.
“Das wird schwierig”, sage ich. “Die sind gerade auf Wanderschaft.”
“Ich will aber eine Kröte”, sagt sie zum ersten von gefühlt hundert Malen an diesem Tag. Wir kommen im Thema jedoch nicht weiter, weil sie zwar eine Kröte will, aber zu deprimiert ist, eine zu suchen.
Die Elfjährige ist wütend. Auf ihre Mutter, die sie abholen kommt, auf mich, weil ich sie fahren lasse und sowieso auf die ganze Welt. Sie ist heute so was von Elf. Deshalb geht sie in den Widerstand.
“Ich will auf der Rückfahrt noch zu Burger King”, sagt sie. Es klingt ein bisschen wie kotzen. Wir sind ja alle eher linksversiffte Gutmenschen, mehr Widerstand als Burger King geht nicht. Ich erinnere sie vorsichtig daran, dass Burger Kings Soja-Lieferanten maßgeblich für die Abholzung der Regenwälder verantwortlich sind und ein Besuch dort ihre Streetcredibility bei der nächsten Fridays-for-Future-Demo arg schwächen würde. Das ist ihr egal, es ist eh Corona und sie ist jetzt wütend. Außerdem will sie nur eine Pommes.
Meine Schwester schlägt vor, dass wir uns von den Nachbarn den Aufsitzrasenmäher inklusive zwei Paar Lärmschutzkopfhörer ausleihen und den weiteren Tag nutzen, sehr laut Rasen zu mähen. Das ist der erste vernünftige Satz an diesem Tag.

Montag, 25. Mai 2020

Ich habe diese Sache mit der Zahnpasta nie verstanden. Es soll ja Paare geben, die sich deswegen getrennt haben. Weil die Frau die Tube nie gemäß der Tubenentleerungsordnung entleerte. Oder der Mann immer vergaß, hinterher den Deckel auf die Zahnpasta zu schrauben, wodurch die oberen Zahnpastazentimeter verklebten und der Frau als vertrocknete Wurst auf ihrer Bürste landeten. Was die Frau als Analogie auf ihr verkümmertes Sexleben verstand und die Scheidung einreichte. Worte wie “nie” und “immer” sind ja grundsätzlich der Anfang vom Ende. Weil man sich von seinem Partner so wenig gesehen und respektiert fühlt, dass all die unerfüllten Bedürfnisse gebündelt auf eine arglose Zahnpasta losgelassen werden. Bisher konnte ich mich über so etwas nicht aufregen. Immerhin wird täglich illegal der Regenwald am Amazonas abgeholzt, im Pazifik schwimmt ein Müllteppich viermal so groß wie Deutschland und auf die Kakaoplantagen an der Elfenbeinküste werden immer noch Kindersklaven verschleppt. Außerdem haben Friedolin und ich immer genug existentielle Gründe, um uns die Köppe einzuschlagen. Wir arbeiten ja seit 11 Jahren zusammen. Mittlerweile wissen wir beide nicht mehr, warum wir das anfangs für eine gute Idee gehalten haben. Manche Paare sind schon nach einer Woche Urlaub froh, wenn der Partner wieder arbeiten geht. Die Beatles haben sich nach 10 Jahren getrennt, wir kommen aus der Nummer so schnell nicht raus. Dann kam Corona.
Plötzlich fehlen die langen Autofahrten, auf denen wir uns ausgiebig über künstlerische Differenzen anschreien können. Die endlosen Zugreisen, auf denen wir uns im Flüsterton über Gleichberechtigung und Kinderbetreuungszeiten zerfleischen.
Plötzlich rege ich mich wahnsinnig darüber auf, dass er die Klorolle IMMER verkehrt herum aufhängt. Das Leben ist anstrengend genug, da muss ich doch nicht auch noch jedes Mal nach dem Pinkeln das Klopapier von der Wand pulen. Und NIE zerkleinert er die Eierschalen, bevor er sie auf den Kompost wirft. Dann muss ich sie wieder rausklauben und zerkleinern, damit meine Regenwürmer keine Bauchschmerzen bekommen. Ganz ehrlich. Friedolin regt sich bestimmt auch über etwas auf. Aber ich habe keine Ahnung, über was. Er spricht ja nicht. Also muss ich allein das Mantra unserer Unwichtigkeit anstimmen, um die Dinge in ihrer Verhältnismäßigkeit zu sehen: Amazonas, Pazifik, Elfenbeinküste, Klorolle, verdammt, Amazonas, Pazifik, Elfenbeinküste…. Es wird Zeit, dass wir wieder auf der Bühne streiten dürfen.

Sonntag, 24. Mai 2020

Die Kinder haben eine Gewerkschaft gegründet. Sie verlangen für alle volljährigen Familienmitglieder geregelte Arbeitszeiten und die Fünf-Tage-Woche. Corona hat uns was das betrifft ins 18. Jahrhundert katapultiert: in die Pre-Weekend-Ära. Seit die Kinder zuhause sind, arbeiten wir sieben Tage die Woche. Wir nutzen jede freie Minute, in der sich die Kinder entweder selbst beschäftigen oder dem Partner aufs Auge drücken lassen. Anders schaffen wir unser Pensum nicht. Das sorgt natürlich für eine gewissen Daueranspannung. Die Kinder drohen mit Streik. Da muss ich kurz lachen. Sie sind ja dauerhaft im Bummelstreik.
“Welche Arbeitsleistung wollt ihr denn während des Streiks niederlegen?”, frage ich. “Zimmeraufräumen? Schmutzwäsche selbstständig in den Wäschekorb räumen? Schuhe draußen ausziehen? Jacken aufhängen? Tisch decken? Hühner sauber machen? Um euren Forderungen Nachdruck zu verleihen, müsstet ihr eine dieser Aufgaben erstmal regelmäßig erledigen.”
Sie ziehen sich für Beratungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zurück. Kurze Zeit später stehen sie ernst dreinblickend in der Küche.
“In der Bibel steht: am siebten Tag sollst du ruhn”, zitiert die Siebenjährige. Sie passt in der Kinderkirche immer gut auf.
“Genau und deshalb darf ich sonntags ausschlafen”, sage ich. “Klappt nur fast nie.”
Sie stecken die Köpfe zusammen. Die Rädelsführerin verkündet anschließend die Entscheidung des Gremiums.

“Wir lassen dich sonntags ausschlafen, wenn du dafür nicht an den Computer gehst”, sagt sie. Damit hat sie mich. Nichts ist mir so heilig, wie einmal pro Woche ausschlafen zu dürfen.
“Deal”, sage ich und wir schlagen ein.
Dies ist der letzte Eintrag, der an einem Sonntag erscheint.



Samstag, 23. Mai 2020

“Du dumme, dumme Kuh”, brüllt der Vierjährige aus der Küchentür und wirft sie mit Karacho ins Schloss. Wir wollen die Schimpfwörter loswerden und schicken sie in den Garten. Seit die Elfjährige im Haus ist, nehmen die Beschimpfungen überhand. Im Garten sind sie besser aufgehoben. Den Hühnern und dem Molch ist es schließlich egal, wenn ihnen “Stinkfurz” (der Vierjährige) oder “du kleiner Pisser” (die Elfjährige) um die Ohren fliegen. Nur die Siebenjährige hält sich vornehm zurück. Sie hat es nicht so mit Schimpfwörtern. Ihr Wortschatz ist immens, aber mit Kraftausdrücken ist sie seltsam hilflos. Einmal standen wir mit den Kindern am Seeufer und probierten das Echo aus. Ihr etwas älterer Freund schrie herausfordernd “PENIS” über den See. Ich wartete gespannt, was unsere Tochter antworten würde. Schließlich holte sie tief Luft und rief: “WASSERPFLANZE!” Sie guckte stolz in die Runde und kam sich ziemlich wild vor. Gut, Scheide eignet sich mangels Explosivlaut zugegebenermaßen eher schlecht als Schlachtruf. Ebenso wie “dicke Eier” für Selbstbewusstsein steht, du “Pussy” aber genau das Gegenteil bedeutet. Was eigentlich vollkommen unlogisch ist, weil, wie jeder weiß, ein Tritt in die Eier selbst den stärksten Kerl in die Knie zwingt, wohingegen die “Pussy” in der Lage ist, einen vollständigen Menschen hindurchzuzwängen. Nur mal so am Rande.
Ihr Freund hat schon so manchen Fluch mit angeschleppt. Aber er ist ein pfiffiger Junge. Also haben wir ein Spiel draus gemacht, wer sich die lustigsten Schimpfwörter ausdenkt. Friedolin hat natürlich gewonnen. “Du Pastinakenvogel” ist so eine wunderbar liebevolle Beschimpfung, sie sollte in den Duden aufgenommen werden. Ihr Freund sagt auch gern “Alter” und “geil”. Wenn ich in Gegenwart meiner Großmutter geil sagte, warf sie mir einen strengen Blick zu und ich gab mir mehr Mühe. Sie verwendete Wörter wie hinreissend, wonnig, famos, fabelhaft, wunderbar oder bezaubernd. Natürlich wandelt sich Sprache und gerade Kinder und Jugendlich brauchen ihre eigenen Ausdrücke zur Abgrenzung. Aber auch ich finde “Alter” und “geil” bedauernswerte Beschneidungen der vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten unserer facettenreichen Sprache. Abhilfe schuf auch hier der Wettbewerbsgeist der Kinder. Es begann statt “Alter” mit den schönen Ausruf “Ach du grüne Neune”, wandelte sich über “ach du kratzige Unterhose” hin zu “ach du schmieriger Scheibenwischer”. Wir haben alle viel Spaß bei diesen Neuschöpfungen. Die Beschimpfungen werden wir aber wohl nicht los.
“Du dumme, dumme Kuh” spuckt der Vierjährige seiner Schwester ins Gesicht.
“Ich dachte, du hast die Schimpfwörter in den Garten rausgeschickt”, sage ich.
“Hab ich auch”, antwortet er. “Aber sie sind durch die Wäschekammer wieder reingekommen.”

Freitag, 22. Mai 2020

Was wir uns immer für Gedanken machen. Wochenlang hatten wir überlegt, ob wir den Geburtstag der Sechsjährigen, die ab heute die Siebenjährige genannt werden möchte, überhaupt feiern können.
Dann wurden die Spielplätze wieder geöffnet und die ersten Kinder zurück in die Schule geschickt und wir dachten, wenn fünf Kinder mit Abstand auf dem Spielplatz toben dürfen, dann doch auch bei uns im Garten. Und wir luden vier Kinder ein. Dann hörten wir von einer Familie aus dem Nachbarort, die zu 11000 Euro Bußgeld verdonnert wurde, weil sie eine Grillparty mit 16 Personen gefeiert hatte. Wir waren uns nicht ganz sicher, was uns vier Kinder kosten würden, aber da wir gerade kein Geld übrig haben und auch alle anderen Kinder in unserem Umfeld ihren Geburtstag nicht feiern, entschieden wir uns vorläufig gegen eine richtige Feier. Und dann wieder dafür. Und wieder dagegen. Oder auch nicht. Ich möchte mich aus juristischen Gründen nicht festlegen. Am gestrigen Vatertag sahen wir dann überall besoffene Männergrüppchen durch die Feldmark taumeln. Oder mit nacktem Oberkörper sonnenverbrannt an der Bundesstraße entlang wanken. Und aus jedem Garten mischte sich Stimmengewirr, Gelächter und Grillgeruch. Und ich wusste, dass all diese Männer vermutlich schon 20 Mal in ihrem Leben Vatertag gefeiert hatten und trotz Kontaktbeschränkung nicht darauf verzichten wollten. Und ich dachte an all die Kinder, die in ihrem Leben erst vier, fünf oder sechs Mal Geburtstag gefeiert hatten und in diesem Jahr dennoch darauf verzichten mussten. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass vor allem die Kinder in dieser Krise am häufigsten verzichten müssen. Die Siebenjährige hat übrigens mal wieder goldrichtig gelegen mit ihrer Verweigerung, Wünsche zu äußern oder einen Geschenkkorb im Spielwarenladen oder bei Amazon anzulegen. Am Vormittag ihres Geburtstages klingelte es und ihr kleiner Schulfreund stand vor der Tür. Er hatte ihr zum Geburtstag einen Molch für unseren neuen Teich gefangen. Da kann ich nur sagen: In your face, Amazon. Du verkaufst zwar alles, aber einen selbstgefangenen Molch hast du nicht zu bieten.

Donnerstag, 21. Mai 2020

Heute ist Vatertag. Was für uns in diesem Jahr besonders gut passt, da genau heute vor sieben Jahren Friedolin zum ersten Mal Vater geworden ist. Weil diese beiden herausragenden Ereignisse noch nie zeitgleich stattgefunden haben und diese Kolumne in den letzten zwei Monaten einen doch recht einseitigen Blick auf unser Familiengeschehen geworfen hat, dachte ich, wäre es doch mal eine schöne Gelegenheit, ihn den heutigen Text verfassen zu lassen. Eine scharfzüngige Gegendarstellung vielleicht. Oder ein ironischer Kommentar. Doch Friedolin hat mich wie immer überrascht. Selten habe ich eine so emotionale, eine so schonungslos ehrliche Darstellung von Vaterschaft gelesen. In diesem Sinne: fröhlichen Vatertag allerseits.

Am Vatertag
von Friedolin Müller

Am Vatertag – an Himmelfahrt
ist Vater wer nen Pimmel hat
Ein echtes Kind ist kaum von Nöten
um sich richtig zuzulöten

Während die Muttis mit den Blagen
sich im Lagerkoller plagen
zieht Vati mit dem Bollerwagen
Durch Feld und Wald und Parkanlagen

Zum Vatersein – da reicht normal
nicht der Besitz von Genital
Es hängt auch nicht an dicken Eiern
sich fürs Mannsein selbst zu feiern.

Erinnert euch, warum wir Väter sind:
Genau, der Grund – ist unser Kind!

Mittwoch, 20. Mai 2020

“Guten Tag, Frau Holla”, sagt der Vierjährige und vergräbt seine kleine Nase andächtig in der duftenden Holunderblüte. Dann lauscht er einen Moment auf die unhörbare Antwort. Die Sechsjährige streichelt sanft über die Blüten und schnuppert an ihren zartgelben Fingern. In alten Zeiten war es üblich, sich zur Blütezeit vor dem Hausholunder zu verneigen oder den Hut zu ziehen. Er galt als heiliger Baum, als Hausapotheke der Bauern, spendete Schutz und Nahrung. Die Urgöttin Holla, Hullefrau, Hel – oder wie wir sie heute kennen – Frau Holle hatte ihren Wohnsitz im Hollerbusch. Seine Wurzeln reichten tief in ihr unterirdisches, lichtdurchflutetes Reich. Schwangere Frauen umarmten den Busch, weil sie glaubten, die Göttin schicke durch ihn die Kinderseelen aus dem Jenseits in das Reich der Menschen. Daher stammt wohl der alte Abzählreim:

Ringel, Ringel Reihe,
sind der Kinder dreie,
sitzen unterm Hollerbusch,
machen alle husch, husch, husch.
Die Friesen vergruben ihr Toten unterm Husholler. Für sie war er der Baum der verstorbenen Ahnen, denen sie an seinen Wurzeln Milch, Brot oder Bier opferten. Kranke streiften Fieber und Gicht an ihm ab. Einen Holunder zu fällen brachte Unglück. Dann kam die christliche Kirche und machte das, was sie fast immer mit den heidnischen Natur-Bräuchen tat: sie verkehrte das Gute zum Bösen und aus dem Holunder wurde der Teufelsbaum. Die Menschen entsagten der Naturverehrung und fällten die heiligen Bäume. Wer weiß, wie weit der Klimawandel heute fortgeschritten wäre, würden wir das Göttliche immer noch in Wäldern, an Quellen und Flüssen anbeten und nicht in von Menschen erbauten Häusern.
Heute gilt Holunder vielen als Unkraut, weil die Vögel seine Samen munter im Garten verteilen. Wir lieben unsere Holunder. Kurz nach unserem Einzug haben wir den ersten gepflanzt. An die Stelle eines Kirschlorbeers. Mittlerweile haben sich seine Kinder in rauschenden Hecken über den Garten verteilt. Im Frühling betört uns sein Duft, im Sommer genießen wir Blüten-Sirup und Gelee, im Herbst kochen wir aus den Beeren Marmelade und Likör. Die Kinder haben schon so manches Fieber an ihm abgestreift. Wir glauben an die alten Sagen. Die Macht der Phantasie ist stärker als manche Medizin.
Letztes Jahr hatten wir unseren Hausholunder zur Blütezeit täglich auf dem Weg zum Kindergartenbus begrüßt. Der Vierjährige war dabei besonders hingebungsvoll und nahm sich Zeit, um an jeder Dolde zu schnuppern, die er noch auf Zehenspitzen erreichen konnte. Als die Holunderblüte schon längst vorbei war und die ersten Beeren am Strauch reiften, wuchs plötzlich ein einzelner Zweig in den Weg hinein. Genau auf Kopfhöhe des Vierjährigen bildete sich eine letzte wunderschöne Blüte. Unser Holunder wollte wohl noch ein wenig länger beschnuppert werden.

Unsere Kinder lieben Hollerküchle

Rezept für 12 Holunderblüten

200 g Mehl, Prise Salz, 2 Eigelb von glücklichen Hühnern, Hafermilch und Honig zu einem glatten Teig rühren. 2 Eiweiße steif schlagen und vorsichtig unterheben. Reichlich Öl in einem Topf erhitzen. Holunderblüten am Stiel anfassen und in den Teig tauchen. Sofort mit dem Stiel nach oben ins heiße Fett legen und etwa 2 Minuten schwimmend ausbacken. Herausnehmen, auf Küchenkrepp abtropfen lassen und heiß verspeisen. Zwischendrin immer mal die Reste aus dem Öl fischen. Wenn man wie ich zuviel davon isst, kann einem schnell schlecht werden. Es lebe der Frühling.

Dienstag, 19. Mai 2020

“Was wünscht du dir denn zum Geburtstag?” Die Sechsjährige zuckt mit den Schultern. Die Frage wird ihr gerade andauernd gestellt, aber sie möchte sie nicht beantworten. “Ich lass mich überraschen”, sagt sie. Die Reaktion auf diese Antwort liegt irgendwo zwischen Irritation und Hilflosigkeit. Denn Kinder lassen sich nicht mehr gern überraschen. Heutzutage hat man entweder einen Geschenkkorb im nächstgelegenen Spielwarenladen/Drogerie oder wünscht sich einen Gutschein von Amazon. Ist natürlich für beide Seiten praktisch. Die Eltern der eingeladenen Kinder müssen sich keine Gedanken mehr machen und das Geschenk noch nicht mal selbst verpacken, was Zeit und Nerven spart, die niemand mehr hat. Und die Geburtstagskinder kriegen zu 100 Prozent, was sie sich gewünscht haben und gebrauchen können. In unserem Umfeld haben die meisten Kinder zu viel von allem, unsere eingeschlossen, natürlich wird es da immer schwieriger, Wünsche zu äußern oder etwas zu schenken, was das Kind noch nicht in fünffacher Ausführung bestitzt. Vor allem, wenn man das Geburtstagskind kaum kennt. Auch Hörkassetten fallen in Zeiten von Spotify und Audible als Geburtstagsgeschenk flach. First World Problems. Ich finde diesen Trend trotzdem trist und unpersönlich. Wo bleibt denn die kribbelige Überraschungsfreude, wenn das Kind beim Auspacken ohnehin schon weiß, was drin ist? Aus meiner Kindheit erinnere ich noch zu gut, dass auch die öden Geschenke irgendwie wichtig waren, weil man sich dann umso mehr über die tollen Sachen gefreut hat. Die Kinder haben heute wenig Gelegenheit, ihre Frustrationstoleranz zu trainieren. Im Leben kriegt man später schließlich auch nicht immer, was man sich wünscht.
Die Sechsjährige will da nicht mitmachen. Sie weigert sich, Gutscheine zu verschenken.
“Dann wissen die doch hinterher gar nicht, dass das Geschenk von mir war.” Da ist sie ebenso romantisch wie egoistisch. Und sie liebt Überraschungen. Ihre allerliebsten Geschenke waren jene, von denen sie gar nicht wusste, dass sie sie sich sehnlichst gewünscht hatte. Ein Notizbuch mit einem Umschlag aus Wende-Pailletten, die in allen Regenbogenfarben schimmern. Ein selbstgenähtes Kissen mit Elfenstickerei. Ein bemalter Teller mit ihrem Namen. Ein Pappeinhorn zum Bekleben. Für solche Highlights nimmt sie liebend gern ein paar Enttäuschungen im Kauf. Mit Geschenken ist es schließlich wie mit der Liebe: wer nichts riskiert, wird zwar nicht enttäuscht, erlebt aber auch keine Wunder.

Montag, 18. Mai 2020

“Du bist voll wie Dieter Bohlen”, sagt meine Nichte zu Friedolin und streckt angriffslustig das Kinn vor. Er trägt es mit Fassung. Schließlich stimmt es irgendwie. Er provoziert die Kinder gern mit ironischen Sprüchen. Jetzt hat er eins im Haus, das zurück feuert, weil es im ironiefähigen Alter ist. Außerdem sind er und die Elfjährige dicke. Mit ihr kann er Fußball spielen, ohne dass sie heult, wenn er ihr voll Karacho den Ball ins Gesicht schießt. Er guckt mit ihr youtube Videos über schriftliches Dividieren (kann er nämlich auch nicht) und erklärt ihr geduldig, warum Sachtext-Strukturierung nicht “unnötig” und “dumm” ist. Gestern Abend haben sie einträchtig einen Film gechipsflixt, während ich die unter 1,30m-Jährigen ins Bett gebracht habe. Mit ihr kann er geduldig sein, weil sie näher an seinem Überschalltempo ist als die Kleinen. Das alles lässt mich auf die Zeit hoffen, wenn unsere Kinder älter sind. Ich glaube, manche Väter können erst brillieren, wenn die Kinder in ein Alter kommen, wo die Papas mehr mit ihnen anfangen können. Vorher sind sie einfach Nicht-Mama.
Die Elfjährige bringt frischen Wind in unser Familiensystem, das nach zwei Monaten Quarantäne dringend mal gelüftet werden musste. An ihr kann ich aus entspannter Distanz üben, wie Vorpubertät geht: es fühlt sich an wie tränenreicher Nahkampf in der Achterbahn. Ich atme gerade sehr oft tief durch und zähle bis Zehn. Hilft mir immerhin für den Matheunterricht mit der 6-Jährigen. Die Elfjährige ist schon immer meine Trainerin. Dank ihr war ich keine Anfänger-Mama, als unsere Tochter geboren wurde. Sie hat mich gut vorbereitet. Auf die Fallstricke, Durstrecken, Machtkämpfe und vor allem die glückseligen Inseln des Alltags. Ich war da, als sie auf die Welt kam und die Welle der allumfassenden Liebe zu ihr mich fast von den Füßen gerissen hat. Ich habe sie nachts durch die Straßen getragen, damit meine erschöpfte Schwester mal schlafen durfte. Ich bin mit ihr auf dem Rücken durch die Nordsee getobt, habe ihre Trotzanfälle erlebt, ihr Lachen, ihren Mut und ihre wunderbare Willenskraft. Ich habe die Namen der neuneinhalb Jungen gelernt, in die sie in der 3. Klasse verliebt war. Ich habe beobachten dürfen, wie mutig und stark Mädchen werden, wenn ihre Mütter es ihnen zutrauen. Das alles mit dem Luxus, irgendwann wieder abreisen und ausschlafen zu dürfen. Seitdem ich selber Mutter bin, habe ich nicht mehr so viel Zeit für sie. Sie fehlt mir. Dafür sind sie und unsere Kinder wie Geschwister. Mit ihr durfte unsere Große auch mal die Kleine sein und im Zeitraffer lernen, wie man Salto macht, den Eltern widerspricht und nervige Jungs auf dem Pausenhof umschubst. Dafür genießt die Elfjährige es, bei uns mal nicht Einzelkind zu sein und unter dem Radar zu laufen. “Hier werde ich irgendwie nie angemotzt”, sagt sie verwundert. “Weil du im Vergleich zu den Kleinen ziemlich viel richtig machst”, sage ich. “Und ich gar keine Zeit habe, euch alle andauernd anzumotzen.” Wenn sie jetzt auch noch meinen Mann erzieht, darf sie trotz vorpubertärer Ausnahmezustände gern bleiben, bis ihre Eltern sie zurück fordern.

Sonntag, 17. Mai 2020

Im Dorf ist gerade jeden Tag Ostern. Nur dass die Kinder keine Eier suchen sondern Steine. Ständig hört man irgendwo ein Kind: “Ich hab einen!” brüllen. Erst haben nur die größeren Kinder Flusskiesel in leuchtenden Farben bemalt und für die kleineren versteckt. Die Steine sollten kurz glücklich machen und dann wieder versteckt werden. Ein steinerner Kettenbrief von einem isolierten Kind zum anderen. Das haben die Kleinen aber anders gesehen. Sie wollten ihre Schätze nicht wieder rausrücken. Da half auch nicht, dass die Schulkinder irgendwann: Bitte wieder verstecken!!! hinten auf die Steine schrieben. Die Kleinen können ja nicht lesen. Mittlerweile sind Steine eine harte Währung im Dorf. Es gibt nämlich kaum noch welche, da alle Kinder manisch Steine bemalen, verstecken, suchen, klauen, horten. Es bilden sich regelrechte Stein-Banden, die mit ihren Rollern durch die Straßen rasen, um sich gegenseitig die schönsten Exemplare abzujagen. Ich muss wohl einen Elektrozaun um meine Kräuterspirale ziehen, sonst klauen die Gören noch alle Bruchsteine, bis das ganze Ding einstürzt. Gestern brachte ich den Vierjährigen ins Bett und es kollerte unter seinem Kopfkissen. Er hatte eine handvoll bemalter Steine darunter versteckt. Prinzessinnen kommen schon mit einer Erbse nicht klar, er schläft auf einem Steinbruch. Laut Studien hält sich SARS-CoV-2 auf Edelstahl und Kunststoff drei Tage, auf Pappe oder Papier einen Tag. Steine wurden in der Studie nicht explizit getestet. Weil mal wieder keiner die Kinder im Blick hatte, also ehrlich. Wenn ich ein Virus wäre, würde ich mir während der Kontaktsperre einfach so ein Stein-Taxi schnappen. Jemand sollte mal untersuchen, ob Acrylfarbe und Klarlack desinfizierend wirken.

Samstag, 16. Mai 2020

Wir haben gestern das Dorf verlassen. Es war keine gute Idee. Leider war sie von mir. Behauptet zumindest Friedolin. Ich kann mich nicht erinnern.
Bei uns ist zwar immer irgendwie Corona, weil die kollektive Ödnis der Quarantäne dem entschleunigten Landleben in einem Dorf ohne Läden und Lokale erstaunlich ähnelt. Das meine ich durchaus positiv. Wir genießen das. Unser Bühnenleben bringt mehr Abwechslung und Aufregung mit sich, als uns gut tut. Wir waren auch vor Corona eher häuslich und zurückgezogen.
In unserem Dorf ist aber irgendwie auch nie Corona, weil hier niemand Masken trägt. Wo auch? Und Abstandsregeln sind nebenan im Neubaugebiet mit betriebsamen Baustellen ohne Zäune nur ein theoretisches Konstrukt, das unvereinbar mit der tatsächlichen Lebenswirklichkeit ist. Amüsiert habe ich in diesem Zusammenhang gelesen, dass die Polizei Privat-“Partys” von drei Personen in Großstadtwohnungen aufgelöst hat. Bei uns gibt es keine Polizisten, die Männergrüppchen mit Feierabendbier im Vorgarten voneinander trennt. Und wenn, dann trinken sie mit. Wir sind mehr so der wilde Süd-Westen von Hannover. Hier brüllen höchstens Mal die Ehefrauen aus dem frisch eingesetzten Küchenfenster: “Jungs, das sind aber nicht zwei Meter.” Und die Männer brüllen zurück: “Lern erstmal einparken, dann reden wir über Abstände.” Corona ist anderswo.
Daher haben unsere Kinder bisher wenig vom Corona-Alltag mitbekommen. Für sie sind es einfach sehr lange Ferien, bei denen wir die Großeltern zurück lassen mussten. Da der Vierjährige aber neulich einen Nervenzusammenbruch erlitt, als die Klingel des Eiswagens zum ersten Mal in diesem Jahr an unserem See ertönte, wir aber kein Geld mithatten, sind wir in die Kleinstadt zum Eis essen gefahren. Vor der Eisdiele war jedoch eine ohrenbetäubende Großbaustelle, weshalb ich durch Mundschutze und Presslufthämmer und S-Fehler nicht verstehen konnte, welches Kind welche Eissorte wollte und jeder das falsche Eis bekam. Der Vierjährige erlitt einen Nervenzusammenbruch. Auf den Bänken neben der Eisdiele herrscht am Markttag außerdem Maskenpflicht, was das Eisessen natürlich erschwerte. Am Ende hockten wir wildromantisch auf einer Mauer hinter den öffentlichen Toiletten. Dann wollten wir noch in den Baumarkt, um Wasserpflanzen für den neuen Teich zu kaufen. Wir durften mit drei Kindern aber nicht rein. Was natürlich Sinn macht, wir aber in unserer ländlichen Blase nicht mitbekommen hatten. Der Vierjährige erlitt einen Nervenzusammenbruch. Wieder Zuhause hatten wir alle irgendwie das Gefühl, nochmal davon gekommen zu sein. Morgen fahren wir wieder in den Wald.

Freitag, 15. Mai 2020

Ich muss zum Schönheitschirurgen. Der soll mir vier zusätzliche Ohren und noch zwei Paar Hände annähen. Drei Paar Hände wären sicherlich auch praktisch, dann könnte ich gleichzeitig schreiben, Wäsche aufhängen und mir die Ohren zuhalten. Wobei ich dann ja noch zwei Paar Ohren offen hätte, aber keine weiteren Hände zum Zuhalten. Noch mehr Hände wären jedoch ungünstig, weil ich so nicht mehr auf der Seite schlafen könnte. Und die Kinder hätten Angst vor mir, wenn ich wie Frankensteins Monster aussähe. Sie würden sich nicht mehr in meine Nähe trauen, was die ganzen Hände und Ohren überflüssig machte. Egal wie ich es drehe und wende: es ist ein Teufelskreis.
Ich weiß nicht, wie oft ich seit Corona den Satz sage: “Der Reihe nach, ich kann nicht allen gleichzeitig zuhören.” Meistens zieht Friedolin den Kürzeren. “Du bist groß, du kannst warten”, sage ich dann immer. Er sieht das natürlich anders. Seine Impulskontrolle bezüglich des Zurückhaltens seiner Meinung nach dringender Mitteilungen ist ähnlich funktional wie die des Vierjährigen. Der ja wiederum die Impulskontrolle von Donald Trump besitzt. Bei uns ist ständig Pressekonferenz im Weißen Haus. Die meistens damit endet, das ich den Interviewpartnern das Wort entziehe und einen hektischen Abgang hinlege. Gerade sind wir alle ein bisschen Trump. In diesen Momenten kommt mir oft ein Satz meiner Hebamme in den Sinn. Unser Sohn war damals gerade einen Tag alt und ich versuchte gleichzeitig, der verunsicherten Zweijährigen ein Bilderbuch vorzulesen, das Neugeborene zu stillen und eine Position zu finden, die mir selbst kurz nach der Geburt nicht allzu große Schmerzen bereitete. Sie sagte: “Deine Kinder müssen satt, geliebt und sicher sein. Alles andere ist Bonus.” Daran muss ich seit Corona oft denken. Wenn ich wieder an mir zweifele, ob die Kinder genug lernen, lachen, singen, Sport treiben, Aufmerksamkeit bekommen oder gesund essen. Ob ich gerade in all meiner Multitasking-Überforderung die Mutter sein kann, die sie verdient haben. Doch dann liege ich spätabends erschöpft im Bett, zwei satte, zufriedene, warme, gleichmäßig atmende, duftende Kinder im Arm haltend, die vertrauensvoll an meiner Seite schlummern und denke: Das ist es, was zählt. Alles andere ist Bonus.

Donnerstag, 14. Mai 2020

Wir liegen auf der großen Matratze im Tobezimmer und verreisen. Der imaginär gepackte Koffer ist ziemlich voll. Die Elfjährige möchte alle Bände Harry Potter mitnehmen, für den Fall, dass wir wegen Corona nicht zurück reisen können. Wir werden wohl einen Aufschlag für Übergepäck zahlen müssen. Die drei Kinder liegen wie junge Hunde aneinander geschmiegt und erträumen sich einträchtig unsere einsame Insel. Das ganze Unglück der Menschen rührt ja bekanntlich daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer verbleiben können. Zitat Ende. Wobei Blaise Pascal sich im 17. Jahrhundert auch nicht in einem Raum mit einer smartphoneaffinen Elfjährigen befand. Heutzutage können Kinder ja sehr wohl ruhig in ihrem Zimmer bleiben und gleichzeitig hyperaktiv in die weite Welt surfen. Nix mit innerer Ruhe und stiller Harmonie mit sich selbst.
Die Sechsjährige müssen wir regelmäßig zu stiller Einkehr zwingen. Sie verliert sich schnell im Außen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was die grenzenlosen Weiten des Internets mit ihr anstellen werden. Nach der fremdbestimmten Vollbremsung ist sie anfangs rastlos und wütend. Bis sich ganz plötzlich ihr innerer Schalter umlegt und sie zufrieden vor sich hin summt, malt, schreibt oder Fantasielandschaften baut. Im Anschluss schwingt sie wieder im Einklang mit sich und der Außenwelt. Der Vierjährige kann besser auf sich aufpassen. Er nimmt sich rechtzeitig Auszeiten und zieht sich zurück, um zu bauen und allein zu spielen. Da kommt er nach Friedolin. Männer sind ja in der Regel besser darin, auf sich aufzupassen. Fragt sich nur immer, auf wessen Kosten.
Also, wir packen unseren Koffer und der Vierjährige nimmt mit: Kekse, Radieschen und seine Playmobil-Meerschweinchen. “Du magst doch gar keine Radieschen”, sage ich. “Aber das Wort finde ich schön”, sagt er. Die Sechsjährige nimmt mit: ein Zelt, fünf Wasserflaschen und eine Taschenlampe. “Falls wir in echt campen gehen.” Die Elfjährige nimmt mit: Handy, Laptop und nach meinem Einwurf, dass wir vermutlich keinen Strom auf unserer einsamen Insel haben werden, den Zauberstab von Harry Potter. Was das Spiel überflüssig macht, weil man mit einem Zauberstab ja sonst nichts einpacken muss. Ich stelle in den Raum, ob Harry Potter beim Homeschooling wohl auch die ganze Zeit heimlich TikTok-Videos geguckt hätte. Dann hätte er im Kampf gegen die Dementoren nämlich ganz schön alt ausgesehen, so ganz ohne Patronus-Zauber. Und die Reihe wäre nach dem dritten Band zu Ende gewesen. Sie rollt mit den Augen. “Bei Harry Potter hätte es während Corona gar kein Homeschooling geben dürfen, wegen des seit 1875 gültigen Erlasses zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger.” “Cool”, sage ich sehnsüchtig und ändere unsere Destination: “Ab in die Winkelgasse.”

Mittwoch, 13. Mai 2020

“Ich hab dich im Fernsehen erst gar nicht erkannt”, sagt meine Nachbarin. Sie hat mich in der Anstalt gesehen. “Ich mich auch nicht”, sage ich und verschränke meine Arme vor der Brust. Ich habe wieder mal keinen BH an und fühle mich nicht nach Konversation. Ich bin müde, sehe auch so aus und wollte eigentlich nur kurz die Mülltonnen reinholen. Eigentlich wäre aus mir ein guter Promi geworden. Ich sehe geschminkt komplett anders aus als privat. Meine Wimpern und Augenbrauen sind nahezu farblos. Die haben den Verdunklungsprozess meiner restlichen Haare leider nicht mitgemacht. Wobei privat ja nicht bei allen Frauen ungeschminkt bedeutet. Mich faszinieren Frauen, die samstags auf dem Weg zum Brötchenholen aussehen, als hätten sie im Anschluss ein wichtiges Meeting oder ein erstes Date oder wofür auch immer man glaubt, sich aufbrezeln zu müssen. Und sei es das Selbstwertgefühl. Ich sehe samstags um 9:30 Uhr aus, als hätte ich gerade Zwiebeln geschnitten, einen allergischen Schock erlitten und einen Knödel auf dem Kopf. Und laufe in löchrigen Leggins und Schlabberpullis rum. Schließlich habe ich Kinder, die gerne toben und mich vollkleckern, immer irgendwas im Garten zu erledigen und renitente Hühner, die mir auf den Schoß springen. Ich habe diese unsinnige Angewohnheit, meine schönen Anziehsachen für besondere Anlässe aufzuheben. Die sind hier auf dem Dorf aber Mangelware und wenn, dann bin ich overdressed in meinen knallbunten Blutsgeschwister-Kleidern. Also verkümmern sie im Kleiderschrank und riechen langsam nach Jungsfüßen, weil Friedolin immer seine getragenen Socken im Schrankzimmer liegen lässt.
Friedolin ist es relativ gleich, wie ich aussehe. Er hat ein inneres Bild von mir im Kopf, das er nicht täglich mit meinem tatsächlichen Aussehen abgleichen muss. Eigentlich nie. In unserem Alter sind Freundinnen für Komplimente zuständig. Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, mir die Haare kurz zu schneiden, nur um zu testen, ob er es bemerkt.
Meine Großmutter sah noch mit 103 Jahren jeden Tag tadellos aus. Sie lackierte sich die Nägel, zog sich die Augenbrauen nach und hängte sich ihre bombastische Bernsteinkette um. Sie war eine Dame, eine Diva mit bewundernswerter Selbstdisziplin. Wenn ich sie besuchte, dachte ich jedes Mal, ich könnte mir im Alltag vielleicht doch ein wenig mehr Mühe geben. Sie ließ sich niemals gehen, ich glaube deshalb ist sie so alt geworden. Wenn sie klagte, dann nur für einen Tag. Am nächsten riss sie sich zusammen und konzentrierte sich auf die schönen Dinge des Lebens. Wenn ich mich inmitten des Corona-Chaos mal wieder selbst bemitleide, höre ich sie leise summen: Davon geht die Welt nicht unter, sieht man sie manchmal auch grau. Einmal wird sie wieder bunter, einmal wird sie wieder himmelblau. Dann stehe ich auf, ziehe mir mein schönstes Kleid an und tanze mit den Kindern zu Elvis. Das ist ja wohl allemal ein besonderer Anlass.

Dienstag, 12. Mai 2020

Ich habe ein Kind gekriegt. Zum Glück war es keine spontane Geburt, denn sie ist über 1,50 Meter und wiegt an die 40 Kilo. Sie wurde mit dem Auto geholt. Was im Gegensatz zur Saugglocke besser für einen formschönen Hinterkopf ist. Meine elfjährige Nichte ist auf Landurlaub bei uns. Nach sieben Wochen mit ihren Eltern in einer Stadtwohnung interniert, hatten beide Seiten ein bisschen Abstand verdient. Ihre Eltern sind nämlich leider in diesem schwierigen Alter. Sie verstehen nicht, dass es durchaus sinnvoll ist, ohne Zeitsperre auf dem Handy TikTok-Videos zu gucken, Youtuber ein ehrenwertes Berufsziel ist und Kinder mit 11 quasi volljährig sind und selbst entscheiden können, wann sie ins Bett gehen oder wie streng man den Begriff Homeschooling auslegen sollte “Montag ist ja eigentlich noch Wochenende.”
Über Nacht wandeln sich die Themen in unserem Haushalt von “Mama, warum soll man eigentlich keine Popel essen?” hin zu “Hast du schonmal einen Promi getroffen?” Da ich sie mit Roger Willemsen und Howard Carpendale vermutlich nicht beeindrucken kann, versuche ich es mit Robert Pattinson. “Der aus Twilight.” Kennt sie nicht, dafür ist sie noch zu jung. Verdammt, denke ich, cooler wird es nicht. “Ist das der, der in Harry Potter 4 den Cedric gespielt hat?”, fragt sie hoffnungsvoll. “Genau der.” Plötzlich bin ich die coole Tante und wir fachsimpeln Harry Potter. Die eigenen Kinder kann man ja nur schwer beeindrucken. Unsere Kinder finden zum Beispiel, dass unser Beruf “Quatsch-auf-der-Bühne-erzählen” ist. Zumindest hat unsere Tochter das ihrer Schuldirektorin beim Eingangsgespräch erklärt. Meine Nichte hingegen erpresst ihre Schulfreunde, damit sie unsere youtube-Videos liken, weil sie sonst ihre TikTok-Videos nicht liked. Sie ist eine erfolgreiche Influencerin. Leider hat sie erst neun Follower auf Instagram, sonst wären wir karrieremäßig schon durch die Decke gegangen. Wenn ich 11 wäre, würde ich ihr definitiv folgen. Sie kann Flickflack auf dem Trampolin, reitet wie ein Cowboy, flucht wie ein Pirat und sieht aus wie ein Engel. Und auch sonst ist sie in jeder Hinsicht clever und wunderbar. Die Sechsjährige ist wie immer schockverliebt und leugnet meine Existenz seit dem Moment, in dem die Elfjährige das Haus betreten hat. Sie folgt ihr wie ein hypernervöses Hündchen. Nur der Vierjährige ist überfordert von so viel Weiblichkeit und beginnt, die Mädchen anzuspucken und zu boxen. Zum ersten Mal verstehe ich wirklich, warum Männer Frauen gegenüber oft solche Arschkrampen sind. Sie verzweifeln einfach daran, dass sie selbst nicht so wunderbar sind.

Montag, 11. Mai 2020

Der Vierjährige konstruiert eine Tisch-Abräum-Maschine. Allerdings ist die Entwicklung des Prototyps so zeitintensiv, dass er keine Zeit zum Tischabräumen mehr hat. Die Maschine nimmt das halbe Wohnzimmer ein. Und sie ist nicht tragbar. Daher wird es der Prototyp wohl niemals in Produktion schaffen. Er lässt sich nicht in die Nähe des abzuräumenden Tisches transportieren. Als nächstes wird der Vierjährige einen Teleporter für die Tisch-Abräum-Maschine bauen. Was ebenfalls Zeit kostet. Also werde ich wohl auch in Zukunft den Tisch alleine abräumen. Ich setze darauf, dass er später ein Patent entwickelt und damit unsere Rente aufbessert. Immerhin sind keine Stromkabel involviert. Sein Freund wollte aus einem Kinderstaubsauger eine elektrische Mausfalle bauen. Er schraubte ihn auseinander und setzte die Einzelteile neu zusammen. Die blanken Drähte steckte er in die Steckdose. Die Sicherung brannte durch und die Mutter fand ihn bewusstlos im Kinderzimmer. Eine schwarze Linie zog sich durch die Hand. Seine Neugierde hatte sich in seinen Körper gebrannt. Als er später im Krankenhaus erwachte, ein kleiner elender Junge, aus dem lauter Schläuche und Drähte guckten, lächelte er übers ganze Gesicht und sagte: „Endlich hat mal was funktioniert!“

Sonntag, 10. Mai 2020

Ich lasse mich heute anbeten. Schließlich ist Muttertag und an allen anderen Tagen ist die Anerkennung meiner Leistung in dieser Familie verbesserungswürdig. Einzig der Vierjährige findet mich das ganze Jahr über wunderbar. Friedolin ist aus dem Alter leider raus. Als ich mit ihm schwanger war, also mit dem Vierjährigen, sagte eine vielfache Mutter zu mir: “Schön, dass du einen Jungen bekommst. Ein Junge wird dir gut tun.” Heute weiß ich, was sie meint. Vor ein paar Wochen schaute er mich mit verklärten Augen an und lispelte: “Mama, du bist so schön. Du musst mal in den Spiegel schauen, damit du weißt, wie schön du bist.” Gut, er hatte auch 39,5 Fieber und gerade eine Dosis Ibuflam intus, dennoch war ich zu Tränen gerührt. Vielleicht sollte ich Friedolin mal mit Ibuflam überdosieren.
Heute ist also Muttertag und in meinen Statuten steht, dass ich ausschlafen möchte und Kaffee ans Bett. Keine Blumen. Ich mag keine Blumensträuße aus dem Laden. Ich kann mich nicht über etwas frisch Getötetes freuen, dem man beim langsamen Verwesen zuschaut und das unter ökologisch und arbeitsrechtlich fragwürdigen Umständen gewachsen ist. Eine Freundin von mir macht immer Blumensträuße aus Teekräutern, das finde ich eine schöne Idee, so sind sie nicht umsonst gestorben. Sorry, Blumenhändler, ich weiß, ihr habt es gerade auch nicht leicht.
Um sieben Uhr werde ich wach, weil sich eiskalte Füße an meine Waden drücken. Und jemand neben mir liegt, der ständig Plopp-, Schnalz-, Pfeiff- und Pupsgeräusche von sich gibt. “Muttertag”, nuschele ich. “Weck Papa.” Klappt natürlich nicht. Da könnte ich auch einem Stein sagen, dass er einen Stein wecken soll. Irgendwann bin ich von der Wachheit neben mir so wach, dass ich auch gleich aufstehen kann. Die Sechsjährige liegt vorbildlich in ihrem Bett und hört ein Hörbuch. Ich verziehe mich mit meinem Laptop in mein Zimmer und arbeite. Kurze Zeit später kommt Friedolin genervt rein, warum ich ihn denn nicht geweckt hätte. Er weiß, dass meine Laune im Keller ist, weil ich nicht ausschlafen durfte. Deshalb ist er mir mit der schlechten Laune lieber schonmal voraus. Läuft super mit der Anbetung.
Zu meinem persönlichen Leidwesen muss ich heute auch noch meine Jogginghose ausziehen. Wir stehen zum ersten Mal seit acht Wochen wieder auf einer Bühne, im wunderbaren TAK in Hannover. Und machen Live-Stream-Gedöns. Was einerseits sehr schön ist. Endlich kann ich mal mit Menschen über 1,30 Meter plaudern. Aber meine Jogginghose und ich haben uns in den vergangenen Wochen so aneinander gewöhnt. Außerdem bin ich Kabarettistin geworden, um eine Verbindung zu Menschen herzustellen. Sie zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Es wird sich komisch anfühlen, nur für eine Kamera zu spielen. Vielleicht mögt Ihr mal reinschauen und schreibt dann eure Gefühlsregungen in den Chat, dann weiß ich, dass ihr da seid. Aber bitte keine Kotz-Smileys. Die schickt mir meine Nichte immer. Vielleicht lasse ich auch nur meinen Oberkörper filmen und behalte die Jogginghose einfach an. Fröhlichen Muttertag.

Heute 18:30 Die Fensterbank-Marie live

https://www.tak-hannover.de/livestream/

Samstag, 9. Mai 2020

Unsere Kinder gehen fremd. Bei ihrer Großmutter in Hannover sind die Spielplätze und der Tiergarten wieder geöffnet. In unserem Dorf hingegen ist ja immer irgendwie Corona. Außerdem fanden die Kinder unseren Service zuletzt eher suboptimal. Das ergab eine repräsentative Umfrage bei allen unter Zehnjährigen in diesem Haushalt.
“Ständig sitzt du vorm Computer”, sagt die Sechsjährige vorwurfsvoll.
“Ja, ständig. Wenn ich euch nicht gerade anziehe, füttere, mit euch Schule mache, bastele, tobe, schmuse, spiele oder vorlese, Wäsche wasche, hinter euch her räume, Fußnägel schneide, das Klo putze oder Unkraut jäte, sitze ich andauernd vorm Computer”, will ich sagen. Aus meinem Mund kommt jedoch: “Ich bin gleich fertig.” Schließlich kann mein Kind nichts dafür, dass ich überfordert bin. Jetzt sind sie zum ersten Mal seit sieben Wochen aus dem Haus. Meine Mutter ist einsam und die Kinder nach der langen Quarantäne garantiert nicht ansteckend. Angesichts der Fülle der sich nun bietenden Möglichkeiten schwankt mein Körper zwischen Aktionismus und Käfertotstarremodus. Es ist so viel liegen geblieben an Arbeit und im Haushalt, gleichzeitig bin ich müde und leer. Wenn Hühner zwischen Flucht und Angriff hin und her gerissen sind, fangen sie als Übersprungshandlung an zu picken. Ich klicke mich durch alte Kinderfotos. Kaum sind sie aus der Tür, vermisse ich sie. Das Telefon klingelt. Der Vierjährige ist dran. Süß, denke ich, er vermisst mich auch.
“Mama, hast du die Meerschweinchen zugemacht?” Seine Playmobil-Meerschweinchen müssen abends in den Stall gebracht werden, falls der Playmobil-Marder kommt. Die Kinder sind von unserem letzten Marderschaden, dem neun Hühner zum Opfer gefallen sind, noch traumatisiert. Wenn das Zubettbringen sich wieder ewig zieht und sie mich auch nach dem fünften Schlaflied nicht aus dem Zimmer lassen, brauche ich nur zu sagen: “Ich muss jetzt aber ganz dringend die Hühner zumachen. Bevor der Marder kommt.” Dann darf ich raus. Hilft natürlich nicht gegen das Trauma.
“Ja, die Meerschweinchen sind zu”, lüge ich und fühle mich etwas schuldig. “Kannst du mal ins Kinderzimmer gehen und den Stall schütteln? Dann höre ich ja, dass sie drin sind”, sagt er. Er hat mich durchschaut. Also gehe ich ins Kinderzimmer, lege geräuschlos die Meerschweinchen in den Stall und schüttele sie laut. “Dann ist ja gut”, sagt er und legt auf. “Ich hab dich auch lieb”, sage ich und rolle mich auf dem staubigen Spielteppich zusammen. Vielleicht schaffe ich es wenigstens zu saugen, bevor sie wiederkommen.

Freitag, 8. Mai 2020

In unserem Dorf steht die Zeit still. Bei uns ist es ständig 18:10 Uhr. Es könnte natürlich auch sein, dass es ständig 06:10 Uhr ist, aber das ist eine so unanständig frühe Uhrzeit, dass ich diese Möglichkeit ignoriere. Die Kirchturmuhr ist kaputt, der Blitz hat eingeschlagen. Keine Ahnung, was uns Gott damit sagen wollte. Vielleicht: Macht mal langsam, Zeit wird überbewertet. Normalerweise gilt für die Kinder des Dorfesx: “Du kommst heim, wenn die Glocken läuten.” Also müssen sie gerade nie nach Hause.

Gestern war unser vierjähriges Nachbarmädchen bei uns im Garten. Auf meine Frage: “Wann musst du denn nach Hause?”, antwortete sie natürlich: “Wenn die Glocken läuten.”
“Dann musst du jetzt nach Hause, es ist nämlich schon kurz nach 18 Uhr”, sagte ich.
“Ja, aber die Glocken haben noch gar nicht geläutet.”
“Die Kirchturmuhr ist ja auch kaputt.”
“Ich gehe erst nach Hause, wenn die Glocken läuten”, sagte sie und stampfte mit dem Fuß auf.
Also wohnt sie vermutlich bis Weihnachten bei uns. Die Kirche ist knapp bei Kasse, die Uhr steht schon seit Wochen still. Aber anscheinend hat sich das noch nicht rumgesprochen.

Ich schaue immer auf die Kirchturmuhr, wenn ich mit den Kindern aus der Feldmark oder vom See nach Hause komme. Und jedes Mal denke ich: “Verflixt, schon 18:10 Uhr, sind wir aber spät dran heute.” Erst dann fällt mir wieder ein, dass die Uhr ja kaputt ist. Auch im Garten habe ich normalerweise nie eine Uhr dabei. Wenn ich wissen will, wie spät es ist, balanciere ich auf Zehenspitzen auf meiner Kräuterspirale und schaue an dem Walnussbaum vorbei auf die Kirchturmuhr. Vielleicht sollte ich mehr auf meine innere Uhr hören, bis Gott seine gestellt hat. Aber meine innere Uhr meldet ständig: Schlafenszeit. Vor allem für die Kinder.

Donnerstag, 7. Mai 2020

Kinder sind fiese Virenschleudern. Ich weiß nicht, wie oft Friedolin und ich krank zu einer Tour aufgebrochen sind, weil unser reizender Nachwuchs mal wieder grippale Infekte oder Kotzerei aus dem Kindergarten angeschleppt hatte. Nostalgisch denke ich in diesem Zusammenhang an die Süddeutschland-Tour mit Magen-Darm zurück, wo ich nachts im Hotel mit Fieber und Eimer neben dem Bett zwischen Kotzen und Stillen changierte, um am nächsten Abend leicht grün im Gesicht auf der Bühne zu stehen. Diesmal mit Eimer hinter dem Vorhang. Da nimmt man in jeder Hinsicht ab. Zum Glück hat die erste Reihe in Theatern seit jeher Sicherheitsabstand. Zu dieser Zeit zählten Eltern, die ihre kranken Kinder in den Kindergarten geschickt hatten, zu meinem persönlichen Feindbild. Da gab es das Wort Solidarität in diesem Zusammenhang ja noch nicht. Jeder war sich selbst in seiner persönlichen Überforderung der Nächste. Nach mehrerer solcher Touren waren wir ernsthaft versucht, den Job zu wechseln. Ich weiß nicht wie oft meine Hausärztin mitleidig zu mir gesagt hat: “Wenn sie einen richtigen Job hätten, würde ich sie jetzt krank schreiben.” Dann haben wir beide herzlich gelacht und ich hab mich für die nächste Tour spielfähig gedopt.
Jetzt hätten wir endlich mal Zeit zum Krankwerden. Und können uns nirgendwo anstecken. Wenn Corona, dann doch jetzt bitteschön. Sollten wir es erst im Herbst kriegen, wenn wir hoffentlich wieder arbeiten dürfen, wäre das doch eher ungünstig. Unsere Kinder werden sich vermutlich nicht infizieren. In der italienischen Kleinstadt Vo wurden alle 3000 Bewohner nach einem Corona-Ausbruch getestet, kein Kind unter Zehn war infiziert. Aus Island wurde ebensolch eine Studie gemeldet, keines der 848 Probanden-Kinder wurde positiv getestet. Überall auf der Welt stecken erwachsene Corona-Infizierte durchschnittlich fünf bis zehn Prozent ihrer Kontakte an. Bei Kindern bleibt das große Fragezeichen, es fehlen einfach aussagekräftige Studien zu diesem Thema.
Gestern rollerte ein Nachbarsmädchen zum ersten Mal mit unseren Kindern um den Block. Ihr Lachen hallte wie ein Befreiungsschlag durch die Straßen. Die Eltern des Mädchens hatten sich seit Anfang März strikt an die Kontaktsperre gehalten. Der Vater sah weinend vom Bürgersteig zu, wie die Kinder mit den Rollern hin und her sausten. Er war herzzerreißend glücklich, dass seine Tochter zum ersten Mal seit acht Wochen wieder Kontakt zu anderen Kindern hatte. Bei all den Diskussionen um Autoindustrie und Fluggesellschaften sollten wir uns mal langsam fragen, wie lange wir unseren Kindern das noch antun wollen. Und mit welcher wissenschaftlichen Begründung.

Mittwoch, 6. Mai 2020

“Jungs küssen nicht”, pöbelt der Vater seinen dreijährigen Sohn an, der gerade seinem Freund einen Schmatzer auf die Wange drückt. Der Vater schaut hilflos in die Runde: “Das hat er gestern auch schon gemacht. Hör endlich auf damit”, schreit er und reißt den Jungen von seinem Freund weg. Der Junge guckt beschämt zu Boden. Die Umstehenden ignorieren den Vorfall gleichgültig oder peinlich berührt. Man könnte meinen, der Vater wolle seinen Sohn vor Corona schützen. Doch die Szene spielte sich beim letzten Nikolaus-Fest im Feuerwehrhaus ab. Zum Glück war unser Vierjähriger so damit beschäftigt, seinem Schoko-Nikolaus den Kopf abzubeißen, dass er nichts davon mitbekam. Er ist ein leidenschaftlicher Küsser. Ohne die vielen feuchten Küsschen unseres Sohnes wäre mein Leben deutlich ärmer. Wobei er Friedolin nie küsst, weil der so stachelt. Und seine Schwester darf er nicht küssen, weil die ihn latent unappetitlich findet. Er hat ständig klebrige, müffelnde Hände und eine verschmierte Schnute. Dank Corona hat er prompt ein Waschekzem bekommen. Seine Hände sind es einfach nicht gewohnt, so sauber zu sein. Bleiben umso mehr Küsse für mich.
Unser Sohn hat seine weibliche und männliche Seite perfekt ausbalanciert. Er liebt Glitzer und klärt Argumente gern mit Fäusten. Er trägt die abgelegten Kleider seiner großen Schwester und spielt dabei mit seinen Baggern im Sandkasten. Beim Kinderschminken wünscht er sich standhaft Schmetterlinge und Blumen, auch wenn die Frau mit der Schminke mehrfach nachfragt, ob er nicht doch lieber einen Teufel oder Spidermann auf der Wange hätte.
Wenn wir kleinen Jungs beibringen, dass sie alles sogenannt Weibliche in sich unterdrücken müssen, wie sollen sie da später ihren Frauen Respekt entgegen bringen?
Bei einem Gespräch äußerten ein paar Dorfmütter die Sorge, dass die heutige genderneutrale Erziehung die Kinder massiv verunsichern würde. Dabei war noch in den 80er-Jahren Unisex-Kleidung und Unisex-Spielzeug viel üblicher als heute. Und unser Umfeld behandelt die Kinder alles andere als genderneutral.
Wenn Besuch kommt, begrüßen sie unsere Tochter häufig mit den Worten: “Du hast aber ein hübsches Kleid an”. Und die erste Frage an unseren Sohn lautet oft: “Was hast du denn da Tolles gebaut?” Obwohl er sich extra für den Besuch schick gemacht hat und sie auch was Tolles gebaut hat. Das ärgert unsere Kinder. Wobei jungenhaftes Mädchenverhalten gesellschaftlich eher akzeptiert ist als andersherum. Wenn unsere Tochter Fußball spielt: kein Problem. Wenn unser Sohn mit seinem Puppenwagen durchs Dorf schiebt: befremdete Blicke.
Neulich sah ich in der Drogerie Kinderduschgel im Regal. Das Blaue hatte coole Jungs mit Fußball oder Gitarren in der Hand abgebildet. Die rosa Variante zeigte Mädchen mit Handtäschchen vorm Eiffelturm posierend. Die Jungs konnten was, die Mädchen sahen hübsch aus. Gendermarketing ist kapitalfördernd, weil die Firmen Spielwaren, Schulzeug und Kleidung gleich zweimal verkaufen können: einmal für Mädchen, einmal für Jungs. Diese Zuschreibung zieht sich bis zu Kinderbüchern durch. Die Jungs erleben Abenteuer in der weiten Welt, die Mädchen putzen mit ihren Freundinnen zuhause die Pferde. Das finde ich zum Würgen. Unsere Tochter macht sich nichts aus Äußerlichkeiten. Sie möchte lieber dafür bewundert werden, was sie kann. Unser Sohn blüht hingegen auf, wenn man die Glitzerwolke auf seinem T-Shirt bemerkt.
Wenn er in der Pubertät immer noch die Kleider seiner großen Schwester tragen möchte, kann er zur Not ja nach Köln ziehen. Hauptsache ich bekomme weiterhin meine feuchten Küsschen.

Dienstag, 5. Mai 2020

Wir überlegen, wen wir umbringen sollen, damit unsere Tochter in zwei Wochen ihren 7. Geburtstag feiern kann. Beerdigungen bis zu 10 Personen sind ja wieder erlaubt. Unser Huhn Miss Granger ist vor ein paar Tagen gestorben, vielleicht können wir das im kleinen Kreis mit den Nachbarskindern an ihrem Geburtstag beerdigen. Dafür müssten wir es allerdings erstmal exhumieren. Hinterher natürlich gut Händewaschen und zweimal Happy Birthday singen. Am Geburtstag macht das ja endlich mal Sinn. Oder wir spendieren allen eingeladenen Kindern einen neuen Haarschnitt, die Frisöre sind ja wieder geöffnet. Oder Friedolin und ich vollziehen eine Blitzscheidung und heiraten wieder an ihrem Geburtstag. Vorzugsweise jemand anderen. Nach sieben Wochen Quarantäne können wir ein bisschen Abwechslung gebrauchen.
“Ich hab noch nie an Scheidung gedacht”, sagt Friedolin zu meinem Vorschlag. “An Mord ja, aber Scheidung?”
“Hoffentlich wird mein nächster Mann auch so witzig wie du”, sage ich. Das ist mein neuer Lieblingskonter. “Dein Kind hat Geburtstag, da kannst du auch mal Opfer bringen.”
Ich bin entspannt, was ihren Corona-Geburtstag betrifft. Endlich stehen wir mal nicht in Konkurrenz mit all diesen Erlebnis-Geburtstagen im Freundeskreis unserer Tochter. Bauernhofgeburtstag, Tierparkgeburtstag, Gokart-Bahn-Geburtstag, Kletterhallengeburtstag, was ist nur aus dem guten alten Topfschlagen geworden? Die Kinder sind Sechs, wohin soll sich das in den nächsten Jahren noch steigern? Werden dann mit Zehn alle Kinder zu einem Kurztrip nach Mallorca eingeladen?
Wir feiern immer im Garten, sie ist schließlich ein Maikind und unser Garten muss sich amortisieren. Wenn Stadtkinder im Winter Geburtstag haben und in einer 3-Zimmer-Wohnung wohnen, verstehe ich ja dieses Event-Gedöns. Ich möchte auch nicht, dass mir ein Haufen zuckerinfundierter Siebenjähriger die Hütte auseinandernimmt. Aber hier auf dem Dorf haben doch alle einen großen Garten und die Kinder sind meiner Erfahrung nach froh, wenn sie mal in einer größeren Gruppe in Ruhe toben dürfen. Das haben sie bei all dem Freizeitstress heutzutage ja wirklich selten.
Wir werden bei unserer Beerdigung den Popcorn-spuckenden-Dino vom Dachboden holen, bei dem die puderzuckerverschmierten Kinder immer ekstatisch skandieren: Kotz! Noch! Mal! Kotz! Noch! Mal! Dann werden Friedolin und ich ein dadaistisches Puppentheater aufführen, woraufhin die Kinder ein noch viel anarchistischeres Puppentheater aufführen. Dann Schnitzeljagd und schließlich Lagerfeuer und Stockbrot. Zum Glück ist Corona, da werden auch die erlebnisverwöhnten Gören mit so einer Event-Beerdigung zufrieden sein.

Montag, 4. Mai 2020

Der Dorfbewohner geht eher 9 km besoffen zu Fuß, als dass er Fahrrad fährt. Sagen zumindest die Dorfbewohner. Nüchtern fährt er natürlich mit dem Auto. Wobei nüchtern ein denkbar dehnbarer Begriff ist. Zufußgehen und Fahrradfahren sind hier keine Fortbewegungsmittel sondern Hobbys, die niemand ins Freundebuch schreibt. Was das angeht, sind Friedolin und ich noch immer Großstädter. In der Stadt hatten wir jahrelang gar kein Auto, schließlich kann Friedolin sogar Möbel einhändig auf dem Fahrrad transportieren. Als wir aufs Dorf zogen, haben wir uns geschworen, weiterhin alles mit dem Fahrrad zu machen. Bis ich das erste Mal mit unserer Tochter im Hänger zu unserem 4 km entfernten Kindergarten im Nachbardorf gefahren bin. Der Fahrradweg führt parallel an der Bundesstraße entlang, 90 cm Abstand zur Fahrbahn, keine Leitplanke. Wenn einem ein 40-Tonner mit Höchstgeschwindigkeit entgegen kommt, haut der Fahrtwind selbst mich fast vom Rad. Die Kindergartenkinder hinterm Zaun starrten meinen Fahrradanhänger an wie eine exotisches Tier. Die meisten Kinder fahren mit dem Kindergarten-Bus, die anderen werden mit dem Auto gebracht. Eine Familie geht zu Fuß.
Wenn wir mit dem Fahrrad Freunde im Nachbardorf besuchen und es fängt an zu nieseln, müssen wir uns mit Händen und Füßen dagegen wehren, mit dem Auto nach Hause gebracht zu werden.
Als ich mit dem Fahrrad zu einer Geburtstagsparty wollte, wurde vorher eine Telefonkette gestartet, ob diese verrückte Großstädterin nicht jemand mit dem Auto mitnehmen könne. Ich fuhr trotzdem mit dem Rad und wurde am Abend jedem Gast mit den Worten vorgestellt: Das ist Wiebke, die ist mit dem Fahrrad gekommen. Wenn ich hier Fahrrad fahre, komme ich mir immer vor, als würde ich etwas verbotenes tun. Aber seit eine Frau mit ihrem Auto von der Bundesstraße abgekommen und vor mir über den Fahrradweg ins Feld gebrettert ist, weiß ich, warum hier keiner Fahrrad fährt. Nicht umsonst wird unser Abschnitt der Bundesstraße auch Todesstrecke genannt, weil hier oft übermüdete Pendler von der Fahrbahn abkommen. Ich hatte das Verkehrsministerium höflich ersucht, ob man nicht eine Leitplanke zwischen Fahrradweg und Bundesstraße ziehen könne. Die Zuständigen kamen, zählten sieben Radfahrer pro Stunde und zuckten mit den Achseln: “Lohnt sich nicht”. Ich war erstaunt, dass überhaupt sieben Radfahrer unterwegs waren. Mein Einwand, dass hier kein Mensch Fahrrad fährt, weil die Fahrradwege lebensgefährlich sind, wurde höflich ignoriert. Die Klimawende findet anderswo statt.
Leider haben sie nicht während Corona gezählt. Zur Zeit sind Heerscharen von Rentner auf ihren E-Bikes unterwegs. Sie brettern mit Höchstgeschwindigkeit durch die Feldmark, ihr Fahrtwind ist ähnlich fatal wie der eines 40-Tonners. Ich bin versucht ihnen “Sicherheitsabstand” hinterher zu brüllen, wenn sie den Vierjährigen fast über den Haufen fahren. Ob wegen Corona oder Verkehrssicherheit ist mir dann auch egal.

Sonntag, 3. Mai 2020

Wir stehen unter Zugzwang. Die Nachbarskinder haben eine Nintendo Switch bekommen. Da kann das Museum der toten Tiere unserer Kinder irgendwie nicht mithalten. Jetzt haben sie erstmal keine Zeit mehr zum Versteckspielen.
“Du willst lieber mit einem Computer spielen als mit mir?”, fragt die Sechsjährige fassungslos.
Ihr Freund nickt.
“Die Switch ist ja auch neu.”
“Verstehe ich trotzdem nicht.”
“Du bist ja nur neidisch, weil deine Mama dir sowas nicht erlaubt”, sagt er. Sie kaut unglücklich auf ihrer Unterlippe rum.
“Wir sind halt eine Naturfamilie”, sage ich beschwichtigend. Eigentlich finde ich es gut, wenn die Kinder so etwas unter sich klären. Aber unsere Tochter ist kurz vorm Weinen.
“Ist doch toll, dass ihr unterschiedlich seid. Da könnt ihr euch ergänzen. Bei dir könnt ihr mit der Switch spielen…”
“Nicht solange Corona ist.”
“Dafür kannst du mit uns zum See fahren und schwimmen, auch wenn wegen Corona noch alle Freibäder zu haben. So wird es nie langweilig, weil ihr beide was Tolles habt.”
“Die Switch ist aber cooler”, sagt er. Ich atme tief durch. Manchmal würde ich den Kindern gerne ganz altmodisch die Ohren lang ziehen.
“Dafür kannst du bei uns mit den Hühnern spielen…”
“Meine Eltern hassen Tiere.”
“Na, siehste.”
Unsere Tochter hat zu Weihnachten einen mp3-Player bekommen, weil mein altersschwacher Discman den Geist aufgegeben hatte. Mehr Technik haben unsere Kinder nicht. Ich hatte ihren schlichten mp3-Player nach kinderfreundlicher Bedienbarkeit und fairen Produktionsbedingungen in Deutschland ausgewählt. Die Sechsjährige fand ihn großartig. Bis ihre Freundin sagte: “Also, ich hab ja schon ein Iphone. Damit kann man auch Fotos machen und Spiele spielen und wenn ich Neun bin, kriege ich Whatsapp.” Danach fand unsere Tochter ihren mp3-Player nur noch so semitoll.
In solchen Momenten ziehe ich ein zurückgezogenes Leben in einer Blockhütte in Kanada durchaus in Erwägung. Wir möchten unseren Kindern eine möglichst medienfreie Kindheit schenken. Obwohl das für Friedolin und mich deutlich weniger kinderfreie Zeit bedeutet, als wenn wir sie ständig vor diversen Bildschirm parken würden. Sie sollen erstmal die begrenzte Welt von Haus, Garten und Wald kennenlernen, bevor sie sich in den unendlichen Weiten von Spotify, Youtube und Minecraft verlieren. Frustration und Langeweile ohne digitalen Schnuller aushalten lernen. Sobald die Technik Einzug hält, gibt es kein Zurück. Das habe ich zu oft im Freundeskreis beobachtet. Dort arten Diskussionen um Bildschirmzeit und Fernsehinhalte regelmäßig in handfeste Familienstreitereien aus. Ich habe keine Angst, dass unsere Kinder den Anschluss ans digitale Zeitalter verpassen. Kinder saugen alles so schnell auf. Unsere Tochter hat nur durch Beobachtung aus dem Augenwinkel in kürzester Zeit rausgehabt, wie Whatsapp funktioniert. Der Sog der Technik ist immens. Kinderärzte warnen nicht umsonst davor, dass es schon bei Kleinkindern einen deutlichen Anstieg von Kopfschmerzen, ADHS und psychischen Erkrankungen gibt. Wegen Smartphones und der neuen Medien. Wo soll man hin, wenn man am Ziel anfängt?
Die Nachbarn hatten die Switch übrigens angeschafft, weil sie auch unter Zugzwang sind. Die älteren Freunde der Kinder wollten nicht mehr zum Spielen kommen, weil es bei ihnen keine Spielkonsole gab. Das erinnert mich ein bisschen an den Kater von Friedolins Großmutter, der eines Tages nicht mehr nach Hause kam. Die Nachbarn hatten sich eine Fußbodenheizung eingebaut, von dem Tag an wohnte der Kater nebenan. Ich bin mir sicher, dass der Vierjährige auch irgendwann zu den Nachbarn ziehen wird. Wer braucht schon eine Mama, wenn er auch eine Switch haben kann.

Samstag, 2. Mai 2020

Was uns heute glücklich gemacht hat: Die Mauersegler sind zurück. Friedolin kocht Kaffee zu Toast mit Holunderbeermarmelade und Zwerghuhneiern. Die 1000 duftenden Blüten des Apfelbaums. Die ersten Radieschen sind reif. Unsere Wiese voller Gänseblümchen, Löwenzahn und Ehrenpreis-Gamander. Niemand hat sich verletzt. Die neuen Hühner sind so zahm, dass sie den Kindern auf den Schoß flattern. Wir werden bald meine Schwester wiedersehen. Wir werden bald meine Nichte wieder sehen. Das Rauschen des Regens im Ahornbaum. Die Sechsjährige schaut in den Himmel und sagt: Den Regen hat Ura uns geschickt, sie denkt an uns. Friedolin kocht Kaffee. Die Kinder bauen zwei Stunden allein in ihrem Zimmer eine Landschaft. Der grüne Geruch des Gartens nach dem Landregen. Unser Maibaum im Garten, der von den Kindern geschmückt ein wenig aussieht, als hätte der Wind ein Haufen Altkleider hineingeweht. Der Vierjährige denkt sich ein Mailied voller Blumen, Küken und Sonnenschein aus. Der Regen macht Pause, damit wir ein Maifeuer entzünden können. Der vergangene Sommer entfaltet brennend seine Kraft: Johanniskrautblüten, Salbei, Zitronenmelisse, Beifuß und Estragon. Wir springen dreimal durch den Rauch und wünschen uns was. Das sehr lustige Foto, das Friedolins Mutter von seinem Vater unter Auflagen gemacht hat. Der Abendgesang von Herrn Schmutzschnabel, unserer Privatamsel. Frisch bezogene Betten. Es fiel nicht einmal das Wort Corona. Doch jetzt. Verdammt.

Freitag, 1. Mai 2020

Gestern hat das ganze Dorf in den Mai getanzt. Die Kinder üben schon seit Wochen beim Kinderturnen einen Tanz dafür ein. Nachmittags hatten wir Blumenkränze aus den ersten Frühlingsblumen geflochten. Neun verschiedene Blumen müssen es sein, sonst bringt der Sommer keine gute Ernte. Sogar die Ringelblumen blühen schon, der Frühling war so warm. Die Kränze trugen sie abends stolz auf ihrem Weg ins Altenheim. Die Senioren freuen sich immer sehr auf den alljährlichen Maitanz der Kinder. Auch wenn die Musik aus dem tragbaren Ghettoblaster scheppert und die Kinder sich genauso oft schubsen, wie sie die richtigen Schritte tanzen, es ist natürlich trotzdem reizend. Als Dankeschön gab es tonnenweise Süßigkeiten vom Altenheim. Im Anschluss zogen alle zur Wiese am Feldrand hinter dem Feuerwehrhaus und sahen zu, wie der Maibaum aufgestellt wurde. Die Kinder flochten tanzend Bänder um den Baum. Dafür gab es dann später tonnenweise Süßigkeiten. Der Vierjährige brach den Tanz ständig ab, um mich zu fragen, ob er jetzt seine Bratwurst bekommt. Unsere Tochter ist Vegetarierin aus Überzeugung. Unser Sohn ist Zwangsvegetarier, weil ausgerechnet er in diese Möchtegern-Moralisten-Familie hineingeboren werden musste. Damit er nicht als 15-Jähriger aus Protest zu McDonalds überläuft, darf er als Kompromiss bei den Dorffesten Bratwurst von der freiwilligen Feuerwehr essen. Bei den ersten Dorffesten hatten wir noch Trinkflaschen mit Leitungswasser und Tupperdosen mit belegten Broten dabei. Die Kinder mochten keine Fanta und wir essen ja keine Bratwurst. Heute rennen unsere Kinder ebenso wie die anderen Dorfkinder unbeaufsichtigt mit ihrer Fanta, ihrer bunten Tüte und ihren Knicklichtern durch die Gegend. Wir sind assimiliert. Den Zuckerschock toben sie bis zur Dunkelheit beim Versteckspielen auf dem Sportplatz ab. Oder sie schmeißen Stöcke in die Feuerschale. Oder fallen in den Bach. Auf dem Dorf wird nicht gehelikoptert. Wir beobachten amüsiert ein Paar, das seiner schick angezogenen Tochter Wasser aus einer Emilflasche gibt. Dem einzigen Kind ohne bunte Tüte. Sie haben ein Hamburger Kennzeichen.
Als es dunkel wurde, bin ich noch heimlich nackt auf meinem Besen eine Runde im Regen um meinen kleinen Acker geflogen und habe den alten Göttern ein Trankopfer gebracht.
Ganz eventuell haben wir aber auch allein Abendbrot gegessen und sind früh schlafen gegangen.

Donnerstag, 30. April 2020

Mittwoch, 29. April 2020

Friedolin ist deutlich besser für Isolation gemacht als ich. Ihm reichen: “Steckst du noch ein Toast rein?”, “Besetzt!” und “Willst du heute Abend noch was gucken?” als zwischenmenschlicher Austausch am Tag. Wobei wir letzteres nur noch auf Englisch sagen. Sonst quengeln die Kinder, dass sie mit gucken wollen. Aber da sie ja schon von Sesamstraße Schnappatmung kriegen, sind deprimierende Netflix-Serien mit selbstzerstörerischen Hauptfiguren, die in kaputten Beziehungen in gewalttätigen Städten leben, vermutlich eher nicht die geeignete Abendunterhaltung für sie. Für mich allerdings auch nicht. Seit Corona kann ich so was nicht mehr gucken. Ich sehe keinen Sinn darin, die Realität ist gerade dystopisch genug. Friedolin führt dann gerne an, dass ich sogar beim Stillen The Walking Dead geguckt habe. Aber mit den Zombies konnte ich mich als junge Mutter durchaus identifizieren. Vor allem, wenn ich nach einer Nacht Dauerstillen morgens in den Spiegel geguckt habe. Wir sind ein Zombie-Haushalt. Friedolin bringt an manchen Tagen nicht mehr Laute zustande als grunzende Untote. Schon vor Corona musste ich ihn regelmäßig daran erinnern, dass man Menschen, die man liebt, auch mal anrufen kann. Oder noch verrückter, sich sogar mit ihnen verabreden darf. Seit Corona hat er endlich seine Ruhe vor meinen wohlmeinenden Sozial-Interventionen. Aber mir fehlt der Austausch. Das Dampfablassen, kollektive Jammern und befreiende Lachen mit meinen Freunden. Zum Telefonieren habe ich tagsüber keine Luft und abends bin ich zu müde. Seit der Zeitumstellung ist es noch schlimmer. Die Kinder machen die Sommerzeit immer nur zur Hälfte mit: sie schlafen abends später, dafür stehen sie morgens früher auf. Wenn sie endlich schlafen, rede ich vor Müdigkeit so verwaschen, als wäre ich besoffen. Ich werde immer dünnhäutiger unter diesem Multitasking-Druck. Friedolin kann einfach besser ausblenden, wenn die Kinder heulen, verdursten oder aus giftigen Pflanzen Suppe im Garten kochen. Er arbeitet in Seelenruhe weiter. Also schleiche ich mich einmal am Tag davon und laufe die Straßen entlang, bis ich eine Nachbarin im Garten entdecke. Oft folgen mir die Kinder wie zu heiß gewaschene Schatten, aber ich ignoriere sie. Dann plaudere ich solange coronakonform über den Gartenzaun, bis ich genug Östrogene einatmet habe, um zu meinem liebenswerten Zombie zurückzukehren.

Dienstag, 28. April 2020

Wir sind voll das Corona-Klischee. Überforderte Homeoffice-Eltern kombiniert mit miesem Internet. Ich möchte auf den Arm. Aber bei Friedolin geht das gerade nicht. Der möchte auch auf den Arm. Abgesehen davon hat er mich noch nie auf den Arm genommen. Für meine brünhildemäßigen 1,78 Meter reichen selbst Friedolins Bärenkräfte nicht. Wobei ich der Überzeugung bin, dass es mit mangelnder Hingabe zu tun hat. Er ist nämlich durchaus in der Lage den massiven Hühnerstall allein durch den Garten zu tragen. Oder tote Eichen im Wald umzuschubsen. Aber wenn es darum geht, unsere Kleinkinder bei langen Wanderungen auf dem Rücken zu tragen, schwächelt er nach kürzester Zeit. Dann schleppe ich sie kilometerweit, trotz durchhängendem Beckenboden. Also, falls sich irgendwer angesprochen fühlt: ICH. MÖCHTE. AUF. DEN. ARM. Dienstag in einer Woche sind wir im ZDF in der ANSTALT. Natürlich nicht in echt, weil es ist ja Corona und wir dürfen nicht nach München ins Studio. Wir filmen unsere Nummer von zuhause selbst und schicken sie zum ZDF. Das machen wir mal so nebenbei zwischen Homeschooling, Hausputz und Raubtierfütterung. Vorher müssen wir die Texte natürlich noch tagesaktuell zum tagesaktuellen Thema der Sendung schreiben. Was bei Friedolin und mir schon unter idealen Arbeitsbedingungen zu einem ausgewachsenen Rosenkrieg führt. Wir streiten bis aufs Blut um jede Formulierung, um jede Pointe. Geht natürlich gerade nicht, die Kinder haben es ja schon schwer genug mit uns. Also falls ihr Die Anstalt seht und unsere Nummer irgendwie blutleer findet, wisst ihr jetzt, woran es liegt. Heute war die technische Probe für die Sendung: ob die Internetleitungen und Computer der Künstler qualitativ gut genug für eine Live-Schaltung zum ZDF sind. Unser Internet ist jedoch ähnlich stabil wie der Nahe Osten. Daher musste Friedolin mit seinem Laptop zu unseren Nachbarn, unsere Leitung reicht nicht für zwei. Als die Leitung zum ZDF endlich stand und ich mitten in der Konferenz mit den Fernsehtechnikern und Kollegen war, hörte ich die Sechsjährige im Garten brüllen: “Mama, er hat meine Sandalen in den Teich geworfen!”. Ich lächelte leicht schmallippig mein Ebenbild auf dem Computerbildschirm an und dachte: Haarewaschen wäre auch eine Möglichkeit gewesen. Kurze Zeit später brüllte unsere Tochter: “Mama, jetzt hat er mich in den Teich geschubst.” Ich atmete tief durch: warum hatte ICH mich eigentlich nicht zu den Nachbarn abgesetzt? Dann stand sie tropfnass vor mir im Flur, während der Techniker mich irgendwas zu Upload-Raten und Lichtverhältnissen fragte. Ich beugte mich außer Sichtweite der Webcam, machte Hals-Abschneid-Gesten und gebärdete: Handtuch holen und was Trockenes anziehen, verdammte Axt. Kurze Zeit später rannte das Kind nackt durchs Bild. Zum Glück hatte sich in diesem Moment das Internet zum dritten Mal aufgehängt. Sobald die Grenzen auf sind, setzte ich mich nach Dänemark ab.

Montag, 27. April 2020

“Skypen ist super”, sagt der Vierjährige und plantscht barfuß durch den eiskalten Bach.
“Kneippen heißt das”, sage ich nicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag und gebe gleichzeitig auf. Ich bin zu beschäftigt damit, die Menschenmassen im Wald um uns herum auszublenden. Was haben all diese Leute bloß vor Corona am Wochenende gemacht? Fußball geguckt? Mit den Mädels gebruncht? Ihren Weber-Grill angefeuert? Im Wald waren sie zumindest nicht. Die Corona-Wanderer erkennt man daran, dass sie ziemlich viele Spuren hinterlassen: Kronkorken, Kippen, Flaschen, Feuchttücher. Der Wald sieht seit Wochen aus wie sonst nur an Vatertag. Wann hat der Mensch eigentlich aufgehört, sich nahtlos in die Natur einzufügen?
Wir wandern gern an Orten ohne Einkehrmöglichkeit, ohne touristische Hotspots. Dort menschelt es weniger. Wir suchen die Stille. Sofern mit zwei Kindern im Schlepptau jemals Stille herrschen kann. Die Routen wählen wir nach Gruselfaktor aus. Je spannender die Geschichten zu den Wegmarken, desto mehr Kilometer wandern die Kinder, ohne es zu merken. Die Angstlust treibt sie voran. Heute haben sie 8 Kilometer und 250 Höhenmetern im Süntel durchgestanden dank der tragischen Geschichte des Knechts Hans Ridde. Er hatte dazumal den Grafen Schaumburg auf der Jagd vor einem wilden Keiler gerettet, im Todeskampf rammte der Keiler dem tapferen Knecht dann seine Hauer in den Leib und Schwein und Mann sanken tot zu Boden. Seine untröstliche Verlobte ertränkte sich daraufhin in der Weser. Knallergeschichte. Auch der Blutbach, das Totental und die Teufelskanzel zögern das alterstypische: “Ich kann nicht mehr laufen” ähnlich wirksam heraus wie zuckerhaltiges Kilometergeld. Ich verstehe nicht, warum immer mehr Kinderbücher ins süßliche, puschelige, absolut Korrekte abdriften. Unsere kleinen Vampire weiden sich an Schauergeschichten. Solange wir dabei nur fest ihre Hand halten. Wir möchten sie von Fantasie getragen darauf vorbereiten, dass auch die Dunkelheit zum Leben gehört. Weil das Licht danach umso heller strahlt. Wie bei Corona. Noch schaffen wir es, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass sich die dunklen Wolken auch irgendwann wieder verziehen.

Sonntag, 26. April 2020

Unsere Kinder haben seltsame Essensvorlieben. Eines der ersten Wörter unserer Tochter war: “Cornichon”. Das konnte sie noch vor “Papa” sagen. Man muss ja Prioritäten setzen. Wohingegen es Orange, Kiwi und Mandarine bis heute nicht in ihr Vokabular geschafft haben. Zitrusfrüchte heißen bei ihr einfach: Mag ich nicht. Sie mag keinen Kakao, dafür aber Oliven und strengen Käse. Immerhin konnten wir ihr beibringen, dass auf die Frage:
“Möchtest du einen Kakao, meine Kleine?”
“Nein, aber zu einem Stück Roquefort würde ich nicht nein sagen”, nicht die adäquate Antwort einer Sechsjährigen ist. Unser Sohn bastelt sich sein Essen gern selbst. Er zermatscht gekochte Kartoffeln und Erbsen in seinen Fäusten zu Bällchen, wendet sie im Sesam der Salatsoße, legt sie auf eine Scheibe Räuchertofu und schiebt sie sich genüsslich in den Mund. Viel mehr bringt manch Fernsehkoch auch nicht zustande. Beide Kinder sind sich einig, dass man Gemüse nicht im gekochten Zustand essen sollte. Und dass nur Verschwörungstheoretiker der Meinung sind, jeden Tag Nudeln essen sei ungesund. Eigentlich sind sie Kaninchen. Im Sommer hoppeln sie durch den Garten und knabbern alles an: Fenchelkraut, Spinat, Zuckererbsen, Kohlrabi, Möhren. Aber sobald das Gemüse auf ihrem Teller landet, schieben sie es missmutig mit ihren Pfoten hin und her. Also spielen wir Räuberessen. Wir schicken die Kinder zum Toben in den Garten und sobald sie außer Sichtweite sind, rufen wir theatralisch: “Hoffentlich klaut keiner die Paprika von meinem Teller…” Dann schauen wir demonstrativ in die andere Richtung, bis die Kinder das Gemüse räubern und kichernd hinter der Kräuterspirale verspeisen. Auf diese Weise kriegen wir Wagenladungen von Vitaminen in sie hinein. Seitdem können wir allerdings nicht mehr mit ihnen ins Restaurant. Heute koche ich mit den Kindern “Tomatensoße”. Ich habe ihnen all die Jahre erfolgreich verschwiegen, dass meine sogenannte “Tomatensoße” in Wirklichkeit eine wilde Mischung aus Gemüse ist, das die Kinder niemals freiwillig essen würden. Wozu besitze ich denn einen leistungsstarken Stabmixer? Aber es ist Corona und ich kann nicht mehr heimlich kochen. Zum Glück sind die Kinder so beschäftigt damit, Zwiebeln und Zucchini zu schneiden, Knoblauch zu pressen, Möhren zu reiben, Kräuter zu mörsern und Linsen zu waschen, dass sie gar nicht in Frage stellen, was das ganze noch mit Tomatensoße zu tun hat. Als der Vierjährige am Ende mit dem Stabmixer die Küchenwand dekoriert, schmeckt das Essen gleich nochmal so gut.

Samstag, 25. April 2020

“Sprich mir einfach nach: Nach Corona?”
“Ich will das nicht sagen.” Der Vierjährige guckt mich böse an.
Er steht vor dem Mikrofon in unserem Kabuff und hat keine Lust. Die Aufnahme fürs Radio muss fertig werden, aber er möchte natürlich lieber spielen.
“Komm, das geht ganz schnell. Einfach nur nachsprechen: Nach Corona?”
“Nach CORO”, sagt er und kichert.
Ich atme tief durch, visualisiere mich als liebevolle Fee bin und säusele:
“Ja, das war schon total prima. Also: Nach Corona?”
“Nach CO”, sagt er und lacht sich kaputt.
Eigentlich wäre es ziemlich lustig, wenn es nicht um unser finanzielles Überleben ginge.
“Kann ich jetzt spielen gehen?”
“Ja, wenn Du den Satz gesagt hast.”
“Ich will das blöde Wort nicht sagen. Corona ist blöde.”
“Dann sag halt: Nach SARS-CoV-2”
“Was?
“Schon gut.”
“Kriege ich ein Gummibärchen?”
“Ja, wenn du den Satz gesagt hast.”
“Ich will aber jetzt ein Gummibärchen.”
Seit ich “Tage in Corona” zweimal pro Woche für SWR3 produziere, liegen meine Nerven blank. Am Anfang fanden die Kinder es noch total witzig, zwischen Winterjacken und Wäschestapeln ihre Texte ins Mikrofon zu sagen. Aber seitdem sie es machen müssen, wird aus Spaß plötzlich Arbeit. Willkommen in der Welt der Künstler. Erst hatte ich im Arbeitszimmer mein Tonstudio aufgebaut. Aber der Vierjährige wollte immer ausgerechnet dann trommeln, wenn ich aufnahm. Oder laut singend die Treppe runter trampeln. Oder seine Schwester verprügeln. Die mitten in die Aufnahme platzte, um mich zu fragen, wo Papa schon wieder ihr Schnitzmesser versteckt habe. Das ganze endete dann mit Streit zwischen mir und Friedolin über Zuständigkeiten und Prioritäten und die Stimmung war schließlich so im Eimer, dass ich auch nicht mehr aufnehmen wollte. Danach habe ich mich mit meinem Mikrofon im schallgedämpften Kleiderschrank verschanzt. Ab da wollte die Sechsjährige die eine Hälfte ihrer Radio-Sätze mit mir ausdiskutieren und die andere Hälfte gar nicht mehr sprechen. Wir hatten ein Gespräch unter vier Augen. Es fielen die Worte Mülldienst, Corona-Kaninchen und Kinderarbeit im Mittelalter. “Früher mussten die Kinder schon mit 6 Jahren die Hütte putzen, auf die kleinen Geschwister aufpassen und wurden mit spätestens 10 in die Gruben geschickt”, sagte ich. “Du musst nur einen Satz ins Mikrofon sagen.” Jetzt spricht sie wie ein Profi. Der Vierjährige ist weniger einsichtig. Vermutlich würde er lieber unter Tage Steine schleppen, als “Nach Corona” ins Mikrofon zu sagen.
“Ok, wenn du es sagst, dürft ihr heute ausnahmsweise mal Paw Patrol gucken”, verspreche ich.
Paw Patrol, aka Merchandise-Manipulations-Maschine-mit-Hunden, dürfen sie sonst nie gucken. Ich bin wirklich verzweifelt.
“Nach Corona”, kräht er freudestrahlend ins Mikro. Hat sich doch gelohnt, dass wir die Kinder mit Fernsehen so kurz halten, denke ich. Bis ich sehe, wie er triumphierend zu seiner Schwester rennt und die beiden sich abklatschen. Es war ein abgekartetes Spiel von Anfang an. Die Kinder werden langsam zu clever für mich.

Freitag, 24. April 2020

Der Vierjährige steht mit einem Fuß auf dem Bürgersteig, stößt sich mit dem anderen vom Rinnstein ab und postuliert: “Die Welt ist mein Roller!”
Ich finde, der Spruch hätte durchaus Potential für ein Trump-Tweet. Der zweite Satz des Tages stammt von der Sechsjährigen:
“Warum bin ich eigentlich hier?”
“Weil ich ESSEN gebrüllt habe”, sage ich.
“Nein, hier auf der Welt”, sagt sie. “Und gibt es irgendwo einen Planeten, auf dem es noch ein Mädchen wie mich gibt?”
Wenn unser Sohn die Impulskontrolle von Donald Trump hat, besitzt unsere Tochter den Verstand von Habermas.
“Wie kommst du denn auf solche Gedanken”, frage ich sie.
“Wenn ich niemanden zum Spielen habe, denke ich manchmal so komische Sachen.”
Das bestätigt meine Theorie, dass große Schriftsteller meist in der langweiligen Provinz aufgewachsen sind und nicht in flirrenden Städten. Vor lauter Zerstreuung kommt man ja oft auf keinen gescheiten Gedanken. Vielleicht sollten wir unsere Tochter öfter isolieren. Dann bringt sie bald einen Aphorismus-Bestseller mit dem Titel raus: Gedanken hinter Schranken. Oder so ähnlich. Je länger Corona dauert, um so mehr denke ich über alternative Einnahmequellen nach.
“Warum bist du denn hier, Mama?”
“Ich glaube, ich bin hier, um anderen Menschen Freude zu bringen. Den Menschen, für ich auftrete, vor allem aber euch Kindern.”
“Jetzt kannst du ja gerade nicht auftreten.”
“Darum schreibe ich.”
Ich frage mich, wie die die Wochen der Isolation (hoffen wir Mal, dass es nur ein paar Wochen sind) diese Generation von Corona-Kindern prägen wird? Vor allem die jüngeren Einzelkinder, die jetzt nur noch ihre Eltern haben. Die Stadtkinder, die wirklich überhaupt niemanden mehr zum Spielen haben. Hier auf dem Dorf gibt es immerhin die Gärten, wo die Kinder mal mit Abstand einen Ball werfen oder Verstecken spielen können. Werden die Corona-Kinder nachdenklicher? Verhätschelter? Internet-süchtig? Oder führt dieser Zwang zum virtuellen Austausch dazu, dass die Kinder hinterher digital-übersättigt sind? Weil sie so eine Sehnsucht nach der echten Welt haben? Eigentlich heißt es ja, dass es den Kindern gut geht, wenn es ihren Eltern gut geht und sie den Kindern dadurch ein Gefühl von Sicherheit und Zufriedenheit vermitteln. Gerade habe ich aber den Eindruck, dass die Stimmung bei den Eltern kippt. Dass diejenigen, die am Anfang noch froh über die Ruhe und Entschleunigung waren, jetzt verstärkt unter der Unsicherheit leiden. Unter dem Druck, den zunehmend rastlosen oder deprimierten Kindern zuhause gerecht zu werden. Mit Homeschooling, Spiel- und Sportangeboten, und gleichzeitig Job, Haushalt und den Rest der Welt unter einen Hut bringen zu müssen. Mich überfordert es zusehends. Es wird Zeit für eine Perspektive.

Donnerstag, 23. April 2020

“Reicht das für ein Kaninchen?”
Der 4-Jährige hält mir zwei klebrige Fäuste voller Kleingeld entgegen. “Äh, nicht ganz”, sage ich.
“Für ein Eis?” “Ja, das schon”.
“Dann kaufe ich mir ein Eis.”
“Aber wenn du sparst, kannst du dir vielleicht irgendwann ein Kaninchen kaufen.”
“Nee, ich hole mir lieber ein Eis”. Er ist Hedonist, warum auf ein Kaninchen sparen, wo die Sonne scheint und Ausflüge zur Tankstelle zu den Höhepunkten des Dorflebens zählen. Die Große zögert. “Ich spare lieber auf ein Kaninchen.” Ihr hätten wir schon im Alter von einem Jahr Taschengeld auszahlen können. Sie hätte sich ein Festgeldkonto angelegt und wir könnten die Corona-Krise bequem auf ihren Zinsen aussitzen. “Wobei man Tiere gar nicht kaufen kann. Die gehören ja sich selber.” Das Klugscheißertum unserer Tochter nimmt beängstigende Ausmaße an. Vielleicht sollten Friedolin und ich beim Essen häufiger Englisch reden.
Taschengeld ist unser neues Corona-Projekt. Die Sechsjährige nimmt Geld in Mathe durch, da erschien der Zeitpunkt richtig. Das heißt für mich in meinem neuen Job als Lehrerin: Durchatmen. In Mathe bin ich schlecht, Geld kann ich gut. Ich war früher der Goblin meiner Familie. Alle kamen zu mir, wenn sie Bargeld brauchten. Bisher bekamen unsere Kinder kein Taschengeld, sie haben ohnehin zu viel von allem. Das Credo “Nur ein Geschenk pro Kind” konnte sich in unserer Groß-Familie nicht durchsetzen. Es sind leidenschaftliche Flohmarkt-Jäger, auf unserem Dachboden befindet sich mittlerweile eine Spielwarenhandlung aus gebrauchten Schätzen sorgfältig in Bananen-Kartons verpackt. Und unsere Speisekammer quillt immer noch über von den Süßigkeiten vom letzten Martins-Singen. Die Nachbarn hatten den Kindern so viel Süßkram in die Rucksäcke gesteckt, dass der Vierjährige abends hinten über gekippt ist. Die Nachbarn mussten ihre zuviel gekauften Süßigkeiten los werden, es gehen immer weniger Kinder am Martinstag singen. Halloween ist ja ähnlich ansteckend wie Corona. Wobei die Dörfler noch standhaft sind. Wenn Kinder an Halloween klingeln, sagen die Alten: “Kommt am Martinstag wieder” und schließen die Tür. In Gegenden, wo es kein Martins-Singen gibt, mag Halloween ja Sinn machen. Aber unser niedersächsisches Martins-Singen fand ich als Kind fast so wunderbar wie Weihnachten: Laterne-Laufen, der Heilige Martin auf dem Pferd, Feuerwehr und Blaskapelle, das Kribbeln im Bauch, weil man bei fremden Menschen klingeln durfte (wir machten das natürlich ständig, aber für Klingelstreiche gab es ja keine Süßigkeiten, sondern im schlimmsten Fall den Hintern versohlt), der Einblick in all die fremden Häuser, und die Enttäuschung, wenn es nur eine Mandarine gab (die trotzdem natürlich genauso wichtig für das Ritual war, wie die leckeren Naschereien). Und natürlich die netten Alten, die wieder den Martins-Tag vergessen hatten und uns eine Mark zusteckten. Also, unsere Kinder brauchen nichts. Die Kinder sehen das natürlich anders. Aber gerade weil sie so viel von allem haben, sollen sie dank Taschengeld den Wert der Dinge kennen lernen. Vor allem, um das ganze gebrauchte Spielzeug vom Dachboden gewinnbringend bei Ebay verticken zu können.

Mittwoch, 22. April 2020

Wir brauchen dringend Regen. Wieder so ein Satz, den ich früher in der Stadt nie gesagt hätte. Da bedeutete Regen, dass ich nicht Fahrrad fahren konnte und mit der U-Bahn dauerte alles doppelt so lang. In der Stadt hab ich Sätze gesagt wie: “Hast du das neue Stück von René Pollesch gesehen?” Aber seit ich auf dem Dorf wohne, bin ich so weit, dass ich René Pollesch für eine alte Apfelsorte halte. Also, es fehlt Niederschlag. Wir sitzen hier schon wieder seit Wochen auf dem Trockenen und meine Beete bekommen Risse wie meine Schienbeine im Winter. Die Kinder finden das natürlich spitze. Bei anhaltenden Hochdruckgebieten dürfen sie die Gärten und Höfe der Nachbarschaft unsicher machen und zusehends verwildern. Meine Eltern haben mir als Kind so sehr das Credo eingeimpft: ‘Bei gutem Wetter wird nicht drinnen gehockt”, da komme ich selbst in Zeiten des Klimawandels nicht von runter. Das sitzt ähnlich tief wie, dass vom Popeln die Nasenlöcher ausleiern. Ich drücke immer nach dem Popeln meine Nasenflügel zusammen, meine Nase ist so schon groß genug. Ich schweife heute ab, ich hab mir meine Multitasking-Muskeln gezerrt. Eigentlich wollte ich ja über Trockenheit schreiben. In den Nachbargärten sind schon viele große Bäume abgestorben, das Oberflächenwasser wird nach den heißen Sommern immer weniger. Ohnehin werden gerade ständig Bäume gefällt. Die Leute haben Angst vor Sturmschäden und entledigen sich der großen Bäume. Was natürlich eine Milchmädchenrechnung ist. Weniger Bäume = mehr Klimawandel = noch mehr Stürme. Zur ökologischen Kompensation wird dann ein Pool in den Garten gepflanzt. Als wir damals auf Häusersuche waren, lauteten erstaunlich viele Anzeigen: “Alle großen Bäume gefällt – nie wieder Laub harken” oder “Alles gepflastert – nie wieder Rasenmähen.” Ich frage mich, warum sich Menschen Gärten anschaffen, nur um sie dann sofort zu sterilisieren. In unserem Garten stehen zwei wunderschöne alte Ahornbäume, das war für uns einer der Hauptgründe, dieses Haus zu kaufen. Die Nachbarn versuchten uns am Anfang sanft zu überreden, die Bäume zu fällen. Sie machen viel Arbeit, all das Laub im Herbst und im Frühjahr dürfen wir und die Nachbarn eine Armee aus Baby-Ahörnern jäten. Dafür müssen wir uns bei 36 Grad nicht im Haus verkriechen. Die Luft unter den großen Baumkronen ist bis zu 8 Grad kälter. In heißen Sommern sind die Bäume die grüne Lunge der Siedlung. Außerdem wohnt eine Dryade in dem mächtigen Spitzahorn, aber das erzähle ich natürlich niemanden.
Der Himmel bleibt erbarmungslos blau. Die Bauern müssen schon wieder ihre Felder sprengen und meine Regenwasserzisternen sind leer. Also können die Kinder ihren Sandkasten nicht mehr mit der Schwengelpumpe fluten. Ich hätte nie gedacht, dass in Niedersachsen jemals Wasserknappheit herrscht. Wir sind ja bekannt für unser Schietwetter. Dafür dürfen die Kinder jetzt die Setzlinge in den Beeten mit Wasserpistolen gießen. Und natürlich sich selbst. Es sieht dann immer sehr reizend aus, wenn abends neben der Wäsche auch die tropfnassen Kinder an der Leine zum Trocken hängen.

Dienstag, 21. April 2020

Ich hocke in einem Meer aus gebrauchter Kinderkleidung und verzweifele. Die Kinder sind auch nicht gerade hilfreich. “Das ist mein Lieblings-Shirt”, ruft die 6-Jährige und durchwühlt den Stapel “Aussortiert”.
“Ja, aber es ist zu klein”, sage ich nicht zum ersten Mal an diesem Vormittag. Sie überhört mich demonstrativ und trägt das Shirt zurück zu ihrem Kleiderschrank. Währenddessen hortet der 4-Jährige alles von seiner großen Schwester mit Glitzer oder Blumen. Zum Glück ist er so eine coole Socke, das er für seine modischen Vorlieben im Kindergarten nicht gehänselt wird. Die Jungs im Dorf tragen eher Bürstenschnitt und dunkelblaue Sportklamotten. Der Übergang von Winter- zu Sommerkleiderschrank führt mich jedes Jahr an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Seit ich gelesen habe, dass in Deutschland alle zwei Minuten fünf Tonnen Kleidung weggeworfen werden, traue ich mich nichts mehr in den Altkleidercontainer zu werfen. Die Altkleider werden nach Afrika oder Osteuropa exportiert und zerstören dort die lokale Textilindustrie. Oder sie werden zu Dämmmaterial verarbeitet oder verbrannt. Durch zu billig gewordene Fast-Fashion ist Textilmüll ein ernsthaftes Umweltproblem geworden. Um mich herum stapeln sich verschiedene Haufen, beziehungsweise, das, was die Kinder davon übrig gelassen haben: Klamotten, die nächsten Herbst noch passen könnten, geliehene Klamotten, die an die jeweiligen Spender zurückgehen, noch tragbare Sachen für Kinder aus Familie und Freundeskreis, kaputte Kleidung für die Stoffkiste. Ich schiebe diverse Projekte vor mir hier, die ich in ferner Zukunft aus Stoffresten verwirklichen möchte, wenn ich mal wieder – Achtung, Pointe – Zeit übrig haben sollte. Waschbare Kosmetikpads nähen, Flickenteppiche flechten, aus Friedolins alten Hemden Kinderkleider nähen. Bis dahin ist meine Nähecke der Altkleidercontainer. Wir haben viele kaputte Sachen, da unsere Kinder ausschließlich gebrauchte Kleidung auftragen. Das Geld, das wir dadurch sparen, reinvestieren wir in Kleidung aus Fairem Handel, falls wir doch mal was Neues brauchen. Auch meine Kleidung hat ständig Löcher, ich krieche einfach zu oft durchs Gebüsch auf der Suche nach versteckten Eiernestern. Aber ich trage sie weiterhin, schließlich bin ich Künstlerin, da gehört fadenscheinige Kleidung zum Look. Vor allem seit Corona trage ich demonstrativ meine kaputten Klamotten als Protest gegen die nicht eingehaltenen Versprechen der Landesregierungen, Künstler mit Soforthilfen zu unterstützen.

Montag, 20. April 2020

“Ich wurde von einem Fischotter gebissen”, sagt der 4-Jährige triumphierend. Der alte Mann schaut ihn fragend an. Wir stehen mitten auf einem Waldweg, hier gibt es weit und breit keine Fischotter. “Ist schon eine Weile her”, sage ich schnell und ziehe die Kinder weiter. Die Fischotter-Geschichte erzählt der 4-Jährige immer, wenn er Konversation betreiben will. Es ist die spannendste Geschichte, die er zu bieten hat. Vermutlich wird seine Frau irgendwann augenrollend neben ihm sitzen, wenn er ein Abendessen unter Kollegen mit den Worten eröffnet: “Als Kind wurde ich ja mal von einem Fischotter gebissen”. Der alte Mann auf dem Waldweg hatte den Kindern von den Wildschweinen im Wald erzählt und dass sie ihre Frischlinge neben ihm spielen lassen. Das hat die Kinder schwer beeindruckt, da wollte der Vierjährige natürlich mithalten. Aber da seine Aussprache aufgrund seines S-Fehlers recht feucht ist, zog der alte Mann schnell weiter. Seine Spucke fliegt definitiv über zwei Meter. Seit Corona erleben wir wenig Neues, da bekommt die Fischotter-Geschichte umso mehr Gewicht. Fischotter sind ja von Natur aus scheu. In dem Wildtierpark hier in der Region sieht man den Otter eigentlich nie. Hinter dem Zaun ist immer nur der spiegelglatte Teich zu bewundern. Doch einmal stand unser damals noch sehr kleiner Sohn am scheinbar leeren Gehege und hielt sich mit seinen dicken Fäustchen am Maschendrahtzaun fest, er konnte noch nicht so sicher stehen. Da schoss der Fischotter aus dem Wasser, stürzte auf uns zu und noch bevor ich unseren Sohn wegziehen konnte, hatte er ihn in den Finger gebissen. Die Wunde war nicht tief, blutete aber ordentlich. Ich hatte nichts zum Reinigen, also hab ich den Finger mit Muttermilch desinfiziert. Es war ein neues Fischotter-Weibchen aus dem Zoo Hannover im Wildtierpark eingezogen. Die wusste nichts davon, dass Fischotter scheu sind. Der Finger sah am nächsten Tag zum Glück schon wieder gut aus. Muttermilch ist ähnlich desinfizierend wie 80 prozentiger Alkohol und kann laut einer Studie sogar Hepatitis-Viren eliminieren. Sollte man vielleicht auch mal an SARS-CoV-2 testen. Fun Fact am Rande: Wenige Tage nach dem Biss saßen Friedolin und ich auf Tour im Hotelzimmer und guckten Elefant, Tiger & Co und der Tierpfleger im Fernseher wird von einem Fischotter gebissen. “Oh, Mann”, sagt er. “Jetzt muss ich wieder zum Arzt und ein Antibiotikum nehmen. Fischotterbisse sind total gefährlich, die entzünden sich immer.” Naja, der arme Mann wurde auch nicht mehr gestillt.

Sonntag, 19. April 2020

Unser Dorf ist derzeit Schauplatz eines seltenen Naturschauspiels. An sonst menschenleeren Orten lungern scheu dreinblickende Teenager, die hier in freier Wildbahn noch nie beobachtet werden konnten. Sie kauern in Kleingruppen an den Ufer des Dorfes, im Schatten des Feuerwehrhauses, auf dem Parkplatz des Sportheims, hinter Bauzäunen und Altpapier-Containern.
“Mama, was machen die da?”, fragt die 6-Jährige verstört. In ihrem Alter sind Kinder ja noch regelkonform und sie weiß, dass man sich nicht mehr in Gruppen treffen darf.
“Die machen das, was Teenager machen”, sage ich. “Sie sind im Widerstand.”
“Was bedeutet das?”
“Sie machen genau das Gegenteil von dem, was die Erwachsenen sagen.”
Sie sieht schockiert aus. “Also ich werde das später bestimmt nicht so machen”, sagt sie.
“Darf ich das aufnehmen?”, frage ich. Ich lege einen Beweismittelordner an, in dem unter anderem folgende Tonaufnahmen lagern:
“Mama, ich ziehe nie aus, ich möchte später mit Papa auf dem Dachboden wohnen.” und “Warum sollte ich dich denn peinlich finden, wenn ich älter bin? Du bist doch toll!”
Wir gehen langsam weiter, aber sie dreht sich immer wieder nach den Teenagern um.
Die Jugendlichen sind auf den ersten Blick nur schwer der Gattung Teenager zuzuordnen, da sie nicht ihren typischen Habitus zur Schau tragen. Der gemeine Teenager hält ja fremde Spezies gern mit einem vernichtenden: “Guck-nicht-oder-ich-töte-dich”-Blick auf Distanz. Besonders weibliche Teenager nutzen diese Taktik zur Abwehr. Ebenfalls kennzeichnend ist der “Du-bist-so-unwichtig-ich-guck-dich-nur-zufällig-an-weil-ich-zu-träge-zum-Weggucken-bin”-Blick. Die von uns observierten Teenager hingegen schauen verschreckt, schuldbewusst, abschätzend, ob sie zur Flucht ansetzen sollen. Möglicherweise ist ihre Rudelbildung im erlaubten Rahmen der aktuellen Richtlinien zum Verhalten der Spezies. Denn sie scheinen alle derselben Familie anzugehören. Sie sehen zumindest alle gleich aus. Die Weibchen tragen langes, geglättetes Haar, enge Hosen und Schlabberpullis. Die Männchen Undercut und Sportklamotten. Ich frage mich, ob sie zur heimischen Teenager-Gattung zählen. Wir haben sie nie zuvor im Dorf gesehen. Vielleicht wagten sie sich vor der Pandemie auch erst nach Einbruch der Dämmerung aus ihren Höhlen. Irgendjemand muss ja den hiesigen Spielplatz mit Zigarettenkippen markiert haben.

Samstag, 18. April 2020

Unser Sohn hat neun Freundinnen. Er krümelt beim Essen, darauf stehen die Ladies. Die Damen sind zweifelhafter Umgang, denn sie kacken manchmal unter den Esstisch. Wobei das unser Sohn auch schon gemacht hat. Heute dinieren sie gemeinsam in der Küche. Denn es gab Reis, Baby. Der Vierjährige verliert Wagenladungen von Reis auf dem Weg zwischen Teller und Mund. Bei Nudeln passiert ihm das seltsamerweise nicht. Aber wenn ich ausschließlich kochen würde, was die Kinder mögen, gäbe es jeden Tag Nudeln mit Pfannkuchen. Basmatireis klebt und lässt sich nur mühsam wegfegen. Und da meine Zeit begrenzt ist, lasse ich die Hühner für mich den Boden sauber picken. Ich hab ja sonst keine Haushaltshilfe. Außerdem komme ich mir so ein bisschen vor wie Cinderella. Dann tanze ich singend durch die Küche und lasse auch die Mäuse und Ameisen hinein. Wobei die Mäuse Hausverbot gekriegt haben, nachdem sie 13 Kinder hinter unserer Spülmaschine gezeugt hatten. Jedes Mal, wenn die Spülmaschine lief, roch es nach Mäusepipi. Besonders im Winter freuen sich die Hühner auf Reistage, denn wir haben Fußbodenheizung. Ich muss allerdings den richtigen Zeitpunkt abpassen, sonst lassen die Hühner hinten fallen, was sie vorne gegessen haben und die Zeitersparnis ist für die Katz. Für Hipster-Großstädter, die gerne Hühner in der Wohnung halten möchten, gibt es mittlerweile Hühner-Windeln. Vielleicht wäre das was.
Im Sommer essen wir draußen, da lungern die Hühner ständig unterm Tisch und warten, bis etwas für sie abfällt. Je älter die Kinder werden, desto frustrierter sind die Hühner. Mittlerweile picken sie uns auffordernd in die Füße oder springen uns auf den Schoß, wenn die Kinder nicht kleckern. Ich füttere sie dann heimlich. Friedolin findet es unhygienisch, wenn ich die Hühner in die Küche lasse. Meine Mutter ebenso. Da sind die beiden sich ausnahmsweise mal einig. Ich mache das allerdings auch, um das Allergierisiko unserer Kinder zu mildern. Kinder von Allergikern soll man regelmäßig Schmutz aussetzen, um ihr Immunsystem zu trainieren. Und ich bin nicht diejenige, die im Frühling das ganze Haus wach niest.

Freitag, 17. April 2020

Wir sind die Müllkippe des Dorfes. Mittlerweile hat sich rumgesprochen, dass man alles bei uns abladen kann. Alte Fenster, Balken, Fässer, kaputte Türen, Kameras, Kinderbetten… wozu haben wir denn den alten Stall? Was uns nicht gebracht wird, klaubt Friedolin vom Sperrmüll oder vom Flohmarkt. Manchmal mache ich mir Sorgen, dass er Messie-Tendenzen entwickelt. Man kann unser Nebengebäude kaum noch betreten. Wobei ich den Stall ohnehin nicht betrete. Dort hausen Spinnen, groß wie Suppenteller. Immerhin halten sie uns die Ratten vom Leib. Vielleicht behauptet Friedolin das aber auch nur, damit er im Stall seine Ruhe vor mir hat. Doch jedes Mal, wenn ich mit ihm schimpfe, weil er wieder eine Wagenladung voll Schrott ankarrt, zieht Friedolin ein Ass aus dem Ärmel. Oder eine Spax-Schraube. Dann baue ich mir ein neues Frühbeet und Friedolin verschwindet im Stall, nur um Jean-Pütz-mäßig “Ich hab da mal was vorbereitet” mit einem Fenster wieder aufzutauchen, das millimetergenau auf meinen Beet-Rahmen passt. Oder er baut eine Wandverkleidung aus alten Türen, wodurch unsere usselige Tenne plötzlich wie ein Berlin-Mitte-Hipster-Lokal aussieht. Aus dem Fenster des Abriss-Hauses wird eine Vitrine, aus den antiken Tiertransport-Kisten Küchenoberschränke und aus dem Ski-Stock ein Klorollenhalter.
Manchmal wandele ich fasziniert durch die stilvoll eingerichteten Neubauten unserer Freunde, durch ihre perfekten Einbauküchen und Natursteinbäder. Dort passt alles zusammen, alles ist heil und aufgeräumt und sieht aus wie diese schönen Pinterest-Einrichtungsfotos, auf denen immer die Sonne scheint. Dann bin ich kurz wehmütig und denke, ach, ein Esstisch ohne Risse im Holz, die von unseren Kinder als Kartoffelbreidepot genutzt werden, wäre auch mal schön. Aber dann erinnere ich mich daran, wie meine Eltern sich von unseren alten Sofas trennten. Auf den glänzenden neuen Ledersofas durften wir Kinder nicht mehr hopsen, nicht mehr krümeln oder kabbeln. Danach war das Wohnzimmer nur noch halb so heimelig. Und ich denke an die Kredite, die für all die neue Schönheit aufgenommen werden mussten und die Unfreiheit, die damit einhergeht. Wir haben noch nie auf großem Fuß gelebt. Daher trifft uns die Corona-Krise nur bedingt. Wir verdienen zwar nichts mehr, aber wir brauchen auch nicht viel zum Glücklichsein. Manchmal ist es von Vorteil, einen Messie als Mann zu haben. Wobei, wenn ich Messi zum Mann hätte, würde ich zu einer neuen Küche nicht nein sagen.

Donnerstag, 16. April 2020

Katzen können Corona kriegen. Das haben Chinesische Wissenschaftler heraus gefunden. Und sie können ihre Artgenossen mit dem Virus anstecken. Menschen wiederum können sich vermutlich nur bei Katzen anstecken, wenn sie sie essen. Deutsche Katzen werden zum Glück eher gestreichelt. Wenn wir mehr Tiere streicheln und weniger essen würden, wäre das dem Überleben der Menschheit durchaus zuträglich. Dann hätten wir nicht so einen Ärger mit zoonotischen Viren und multiresistenten Bakterien aus der Massentierhaltung. Weltweit sterben jedes Jahr rund 700.000 Menschen durch Antibiotikaresistenzen. Die WHO warnt schon seit Jahren vor der Ära der unbesiegbaren Keime. Und das Problem nimmt zu. Ich frage mich, wo da die Panik bleibt, wo die strengen Restriktionen? Strengere Regeln für Antibiotika-Vergabe bei Nutztieren sind in der EU erst für 2021 geplant, obwohl es den Aktionsplan dazu seit 2011 gibt. Was bei Corona innerhalb von Wochen ging, dauert hier 10 Jahre. Vermutlich ist die Lobby aus Pharmazie, Bauernverbänden und Grill-Liebhabern zu stark. Die Risikogruppe ist fast dieselbe wie bei Corona. Wo bleibt da die Solidarität mit den Geschwächten, Vorerkrankten, Neugeborenen, Alten? Hauptsache es gibt weiterhin billige Grillwürstchen beim Aldi. Die Produktion von Billigfleisch bedeutet immer, dass eine zu hohe Zahl von Nutztieren auf zu wenig Raum gehalten wird – und das ist nur unter Einsatz großer Mengen von Antibiotika möglich. Langsam habe ich die Schnauze voll von Corona, daher wollte ich mal über andere Bedrohungen schreiben. Ich male heute schwarz. Die wochenlang erhofften Lockerungen betreffen uns nicht. Unsere Kinder bleiben voraussichtlich bis zu den Sommerferien Zuhause, wir können auf unabsehbare Zeit nicht arbeiten und mein Huhn Miss Granger ist gestorben. Das letzte Huhn habe ich an den Kater unserer Nachbarn verloren. Der dicke Hancock hatte mein Zwerghuhn Esmeralda mit einem Nackenbiss getötet. Seitdem halte ich eine Wasserpistole für ihn bereit. Ich verlange, auch für Katzen während Corona eine Mundschutz-Pflicht einzuführen. Bis die Restriktionen gelockert werden, dürften die Singvögel mit ihrer Jungenaufzucht durch sein und wenigstens meine Hühner sind für eine Weile in Sicherheit.

Mittwoch, 15. April 2020

Ich bin mit einem Eichhörnchen verheiratet. Seine buschigen Haare hätten mich vorwarnen müssen. Seit Corona räumt Friedolin manisch auf. Das ist ja so ein Corona-Trend: dem Chaos der Welt mit Ordnung in den eigenen vier Wänden ein Schnippchen schlagen. Vielleicht ist den Menschen auch einfach nur langweilig. Leider kann sich Friedolin nach dem Aufräumen nie erinnern, wo er unsere Sachen verbuddelt hat. Dann finde ich meine Haarschneideschere nach stundenlangem Suchen in seiner Werkstatt und das Schnitzmesser unserer Tochter unter den Sonnenbrillen vergraben. Nächstes Jahr wächst bestimmt irgendwo im Haus ein Gartenhandschuh-Baum. Die finde ich nämlich auch nicht mehr. Friedolin bestreitet natürlich, dass er es war. Früher hat er die Schuld immer meiner Mutter in die Schuhe geschoben, aber die kommt ja seit Corona nicht mehr ins Haus. Also ist sein Alibi fadenscheinig. Denn die Kinder und ich würden niemals aufräumen. Ich mache seit Corona so viele Jobs auf einmal: Lehrerin, Frisöse, Tierärztin, Kindergärtnerin, Yoga-Guru, ich halte Haus, Kinder und Wäsche sauber, für Ordnung habe ich keine Zeit. Außerdem sehe ich keinen Sinn darin. Die Kinder verwüsten nach fünf Minuten ohnehin wieder alles. Sisyphos soll man sich ja bekanntlich als einen glücklichen Menschen vorstellen. Aber der musste auch nur einen Felsen rollen und nicht bei uns aufräumen. Ich habe mich unserem Chaos ergeben. Solange ich im Halbschlaf vom Bett zum Klo komme, ohne mir einen Legostein einzutreten, nenne ich es aufgeräumt. Und schließlich haben wir so viele Zimmer, seit wir auf dem Dorf wohnen, wenn eines chaotisch ist, mache ich einfach die Tür zu und gehe da nicht mehr rein. Friedolin hadert mit seinem Schicksal. Er kann ja gerade nicht weg. “Unordnung ist kindlich regressives Verhalten”, doziert er. Ich sage, er solle froh sein, dass ich wenigstens EIN kindlich regressives Verhalten habe, sonst hätte er an der Seite seiner modernen emanzipierten Frau überhaupt keine Chance mehr, seinen klassischen Führungsanspruch als Mann durchzusetzen. “Räum erstmal in dir selber auf”, sage ich. In Friedolins Kopf herrscht so ein Durcheinander von Hoch- und Popkultur, von krudem Nischenwissen und abstrusen Zitaten. Kein Wunder, dass dazwischen die Info verschüttet ist, wohin er meine Gartenhandschuhe verräumt hat. Zur Strafe hat er prompt mein Notizbuch mit den Tage-in-Corona-Entwürfen versteckt. Zur Strafe habe ich einfach eine neue Kolumne geschrieben. Nämlich diese.

Dienstag, 14. April 2020

Wir haben angebadet. Einmal kopfüber in den eiskalten See. Also mit wir meine ich alle außer Friedolin. Der ist zu dünn für kaltes Wasser. Irgendeinen Vorteil muss es ja haben, wenn man Unterhautfettgewebe wie ein Seehund besitzt. Andere begrüßen den Frühling mit Angrillen, wir mit Anbaden. Als Vegetarier-Familie muss man Alternativen finden. Geplant war das natürlich nicht. So verrückt sind nichtmal wir, dass wir mit Vorsatz im 9 Grad kalten See baden. Aber das Wetter an Ostern war wunderbar und die Kinder haben massiven Wasserentzug. Schwimmen vermissen sie seid Corona fast so sehr wie ihre Großeltern. Mit denen können sie immerhin telefonieren. Wir hatten eine Fahrradtour durch die Felder zur nahegelegenen Seenplatte gemacht. Dort haben wir eine verwilderte Parzelle an einem renaturierten Kiesteich gepachtet. Den Kindern wachsen von Frühling bis Spätsommer Schwimmhäute zwischen den Fingern, so viel Zeit verbringen sie dort im Wasser. Nur im Winter weichen wir aufs Schwimmbad aus. Wenn Wasser in den Augen brennt, sollte es schon salzig sein. Erst waren wir nur mit den Füßen drin. Dann zogen wir unsere Hosen aus und gingen bis zum Po rein und plötzlich konnten wir nicht anders und mussten reinspringen. Der See plätscherte sein Willkommen, kalt und großartig. Alle Corona-Sorgen waren für diesen Moment weggespült. Handtücher hatten wir natürlich keine. Also haben wir uns hinterher in der Sonne trocken gehüpft. Ich habe zur Freude der Kinder meinen Nackidei-Wickel-Wackel-Tanz aufgeführt. Seit der zweiten Schwangerschaft ist der besonders lustig. Bis Friedolin trocken kommentierte: “Du solltest einen Hut aufstellen”. Ich hatte den Angler auf dem Steg hinter mir übersehen. Er starrte entgeistert in meine Richtung. Mit solchen Ostereiern hatte er wohl nicht gerechnet. Danach haben wir mit meiner Mutter in einem Meer aus Schlüsselblumen gepicknickt, mit frischem Hefezopf und Pfannkuchen. Auf dem Heimweg liefen schließlich noch drei große Feldhasen direkt vor uns über den Weg. Sie ließen zwar keine bemalten Eier zurück, aber ein fröhliches Kribbeln im Bauch. Wir hatten keine großen Erwartungen an dieses Corona-Ostern. Aber es war eines der schönsten Osterfeste, die wir je hatten. Vielleicht gerade deswegen.

Sonntag, 12. April 2020

Die Kinder wünschen sich zu Ostern neben tonnenweise Schokoladeneiern und Playmobil-Osterhasen… mich. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Kein Garten umgraben, Hochbeet bepflanzen, Endlich-mal-alle-Spinnweben-im-Haus-entfernen, kein: “Warte, ich muss nur noch ganz schnell…” und vor allem kein Computer. Das schenke ich ihnen von Herzen gerne. Es wird ja nicht mehr lange dauern, bis sie mich peinlich finden, nur noch mit “Äh, nee?” antworten und höchstens zum Wäsche waschen nach Hause kommen. Daher pausieren die Tage in Corona bis Dienstag früh. 27 Texte habe ich bisher für Euch und mich geschrieben. Es wird Zeit, dass wir mal durchatmen. Dafür dürft ihr Euch ein Thema wünschen für die nächste Geschichte. Diese Zeilen habe ich gestern Nacht getippt, nachdem ich alles für Ostersonntag wie immer auf den letzten Drücker erledigt habe. Und wieder bekommt der Osterhase die ganzen Lorbeeren ab. Ich wünsche Euch allen schöne Ostertage. Ich hoffe, Ihr könnt es mit denen feiern, die ihr liebt. Und falls nicht, denkt immer daran: Liebe überwindet alles, auch Corona. Frohe Ostern.

Samstag, 11. April 2020

Der Stein sieht exakt aus wie ein beschnittener Penis. Mit Hodensack und allem drum und dran. Als hätte ihn ein Homo erectus erschaffen. Der Vierjährige hält ihn mir strahlend entgegen: “Ist der gut?”, fragt er. Die Sechsjährige steht betrübt mit einem Schneckenhaus daneben. “Sein Penis ist viel cooler”, mosert sie. Diesen Satz sagen Mädchen mit Brüdern ja öfter. Der Vierjährige streckt ihr die Zunge raus: “Das ist mein Penis, ich hab ihn gefunden.” Sie kontert mit: “Du Römer!”, ihr neues Lieblingsschimpfwort seit der Kreuzigungsgeschichte. Und wieder finde ich mich in einer dieser Szenen, bei denen ich mich frage, ob alle Kinder diesen Hang zum Surrealismus haben.
Die beiden waren losgezogen, um Schmuck für unseren Frühlings-Altar zu sammeln. Dabei hatte ich allerdings eher an Fruchtbarkeitssymbole wie Eier und Blüten gedacht und nicht an einen Steinzeitphallus. Die Kinder drapieren ihre Schätze liebevoll auf dem alten Mühlstein, den wir im Laufe des Jahreskreises immer neu gestalten. Darunter hockt manchmal eine dicke Kröte. Unser Garten ist bevölkert von Naturgeistern und alten Göttern. Jesus war gestern dran, heute feiern wir den Frühling. Weil das Osterfeuer zum großen Kummer der Kinder ausfällt, entzünden wir heute unser heimisches Frühlingsfeuer und nicht wie sonst am 21. März zur Tag-und-Nacht-Gleiche. Wir corona-kompensieren, wie so oft in letzter Zeit. Ich habe die Jahreskreisfeste eingeführt, weil ich mal etwas ohne Geschenkewahnsinn und hyperventilierende Kinder feiern wollte. Zu den alten heidnischen Festen gibt es, was die Natur uns schenkt. Das Fest selbst ist unser Geschenk. Wir sitzen um das Feuer, räuchern Kräuter, rösten Brotfladen, reden über das, was war und das, was kommt, denken an die, die nicht mehr da sind, singen und erzählen Geschichten. Die Kinder hüllen Kartoffeln in Lehm und legen sie in die Glut. Aus dem übrigen Lehm formen sie kleine Fruchtbarkeitsgöttinnen. Die Sechsjährige wundert sich, warum es in der Kirche “Gott, der Herr” und “Gott, der Vater” heißt. Sie stellt sich Gott im alttestamentarischen Sinn vor, als es noch hieß: “Ich bin Gott, kein Mann.” Am schönsten findet sie, was sie in der Kinderkirche gelernt hat: Gottes Name bedeutet ICH BIN DA. Bei jemanden sein, mit jemandem sein, darauf kommt es an. In diesen Tagen wird uns das besonders bewusst.

Freitag, 10. April 2020

Jesus ist tot. Das ist jetzt eigentlich keine Neuigkeit. Doch unsere Kinder schockiert es Karfreitag jedes Jahr aufs Neue. Der Osterhase ist so ein Popstar, da gerät die Geschichte mit Jesus schnell ins Hintertreffen. Dieses Jahr erwischt es sie besonders kalt, weil die christliche Erziehung seit Corona brach liegt. Ich bin ja eine heidnische Naturanbeterin, normalerweise bereiten die Kinderkirche und der Religionsunterricht der Schule sie auf Ostern vor. Aber da sie Eier suchen möchten, sollen sie auch wissen warum. Eigentlich kenn ich mich besser mit Geschichten von Zeus und Odin aus und die muss man blutig erzählen, sonst macht das keinen Spaß. Für Jesus gilt das offenbar nicht. Der Vierjährige kriegt bei meiner dramatischen Schilderung der Kreuzigungsgeschichte eine Zitterlippe und versteckt sich unter dem Tisch. Wenn Prometheus an den Felsen gekettet wird, macht er nicht so ein Theater. Ich sage, dann soll er halt seine Omimi anrufen, die kann das mit Jesus besser als ich. Friedolin und ich gehören zur Gemeinde der Taucher, wie unser Pastor so schön sagt. Zu Weihnachten tauchen wir unvermittelt in der Kirche auf. Die Weihnachtsgeschichte können unsere Kinder natürlich auswendig. Geburt liegt ihrem Alter zum Glück näher als Tod und Auferstehung. Sie machen auch jedes Jahr im Krippenspiel mit: die Sechsjährige ist der dritte Engel von links, der Vierjährige immer ein Schaf. Er ist ziemlich gut im method-acting. Letztes Mal hat er das Deko-Essgras vor der Krippe komplett weggefressen. Kreuzigungsspiele hingegen haben sich in Kinderkirchen offenbar nicht durchsetzen können. Aber da habe ich meine Mutter unterschätzt. Gerade spielt sie mit den Kindern die Ostergeschichte im Sandkasten mit Playmobilmännchen nach. Der Vierjährige besteht darauf, dass auch Seerobben bei der Kreuzigung anwesend waren. Die Sechsjährige formuliert ihre Kritik an dieser Auslegung der Bibel mit einem gezielten Tritt gegen sein Schienbein. Woraufhin er wutentbrannt den Hügel von Golgatha zertrampelt. Beide heulen. “Lasset die Kinder zu mir kommen.” Ich bin mir nicht sicher, ob Jesus das gesagt hätte, wenn er unsere Kinder gekannt hätte. Immerhin haben sie sich an Gründonnerstag die Füße gewaschen. Wenngleich ich mir nicht sicher bin, ob das ein offizieller Osterbrauch ist.

Donnerstag, 09. April 2020

Alle Bordelle sind wegen Corona geschlossen. Dafür geht es in unserem Garten voll zur Sache. Wir betreiben einen Feuerwanzen-Puff. Oder wie die Nachbarskinder liebevoll sagen: Fick-Käfer. “Was ist Ficken?”, fragt der Vierjährige. “Was die Feuerwanzen machen”, sage ich. Jetzt denkt er, man muss dafür mit dem Hinterteil zusammenkleben. Ich hoffe, seine erste Freundin wird mir das verzeihen. Wir können nicht mehr auf die Terrasse treten, ohne kopulierende Pärchen zu zerquetschen. Die plattgetretenen Feuerwanzen landen im Museum-der-toten-Tiere, dem aktuellen Corona-Projekt unserer Kinder. Es gibt ja seitenweise Tipps, wie Eltern ihre Kinder in Quarantäne beschäftigen können. Knochen horten war irgendwie nicht dabei. Die Kinder sammeln das Gewölle der Schleiereule, die auf unserem Dachboden wohnt. Sie zerlegen die ausgewürgten Fellknäule in ihre Einzelteile, säubern die Knöchelchen und breiten sie auf der Terrasse aus. Da sie gerade ohnehin ständig Händewaschen und dabei zweimal Happy Birthday singen müssen, dürfen sie meinetwegen auch mit Kleintierskeletten spielen. Hauptsache ich kann mal in Ruhe Kaffee trinken. Knochen, die sie doppelt haben, tauschen sie untereinander wie andere Kinder Star-Wars-Karten. Wobei die Skelette des Vierjährigen etwas wolpertingerhaftes haben. Er lässt sich ständig über den Tisch ziehen. Eine halbe Ewigkeit haben sie mit ihren Exponaten hinterm Gartentor gewartet. Aber es kamen keine Besucher. Die denken ja, dass alle Museen wegen Corona geschlossen sind. Dann haben sie ihr Musée des animaux morts auf einen Bollerwagen geladen, sind durch unsere Straße gezogen und haben “Das einzige geöffnete Corona-Museum” gebrüllt. Unsere Nachbarn warfen ihnen einen Euro Eintritt aus sicherer Entfernung zu. Ist doch schön, dass wenigstens unsere Kinder Einkommen generieren. Gerade denke ich, wir haben sie ziemlich gut auf Corona vorbereitet. Auch wenn die medienfreien Jahre ohne Smartphone, Tablet und Fernsehen für Friedolin und mich oft anstrengend waren. Heute sind unsere Kinder wahre Meister der Langeweile.

Mittwoch, 08. April 2020

Die Finanzkrise ist da. Also unsere ganz persönliche. Das weiß ich auch ohne Kontoauszug. Du weißt, dass die Finanzkrise da ist, wenn dein Ehemann Schnappatmung kriegt, weil du beim Rossmann-Einkauf den 10% Gutschein vergessen hast. Jetzt haben wir 6 Euro zum Fenster rausgeschmissen. Und das in Zeiten wie diesen. Nein, falsch! Ich, ICH habe 6 Euro zum Fenster raus geschmissen. Friedolin würde so was nie passieren. Er würde die Kinder im Rossmann vergessen, aber nicht den 10% Gutschein. In der Großstadt haben wir solche Gutscheine nie bekommen. Hier auf dem Land stecken die manchmal im Briefkasten. Weil gerade der männliche Dorfbewohner den Sinn von Drogerien nicht versteht und mit Gutscheinen aus seinem vertrauten Habitat gelockt werden muss. Denn Klopapier und Zahnpasta gibt’s ja auch im riesigen REWE. Gut, Klopapier gerade nicht. Daher schleichen die Dorfmännchen seit Corona in der Dämmerung vorm Rossmann herum, zögernd, ob sie ihr angestammtes Revier verlassen sollen.
In der Stadt waren Rossmann und Dm beliebte Treffpunkte junger Väter. Sie fachsimpelten dort mit Baby in der Bauchtrage über Windelpreise und die Schaumfähigkeit von Hafermilch. Hier auf dem Dorf ist Friedolin normalerweise der einzige Mann im Rossmann. Daher kennen ihn alle Weibchen des Territoriums. Wenn Friedolin keine Gutscheine mehr hat, lächelt er die alten Damen auf dem Parkplatz herzerweichend an. Wenn das nichts nützt, tanzt er für sie. Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf, lässt das Becken kreisen und spätestens dann stecken sie ihm ihre Gutscheine in den Hosenbund. Friedolin streitet das natürlich ab.

Dienstag, 07. April 2020

Meine Mutter ist auf kaltem Entzug. Drei Wochen allein in freiwilliger Quarantäne in der Stadt, drei Wochen ohne Enkelkinder. Die Substitutionstherapie aus Schokotrüffeln und Eierlikör schlägt nicht mehr an. Sie entwickelt bedenkliche Entzugserscheinungen. Täglich schickt sie uns Selfies von ihren selbstgebastelten Atemschutzmasken, mit denen sie andere Kunden im Supermarkt verschreckt. Die Strategie geht auf. Im Gegensatz zu uns hat sie immer Mehl und Klopapier. Vielleicht liegt es auch an ihrem ausgeprägtem Heuschnupfen. Sobald sie niesend und maskiert den Supermarkt betritt, leert sich das Geschäft schlagartig. Sollten die Supermärkte in Hannover pleite machen, meine Mutter ist Schuld. Als sie anfängt, die Enkelkinder ihrer Nachbarn zu stalken, ziehen wir die Reißleine. Denn nach drei Wochen Einzelhaft stellt sich die Frage: Was schützt mehr vor Krankheit: Isolation oder Glück? Sie braucht ihren Schuss Endorphine.
Die Luft ist mild und im Garten werden unsere hypothetisch infektiösen Kinder den Sicherheitsabstand zu ihrer geliebten Omimi schon einhalten. 30 Minuten später steht meine Zorro-Mutter vor der Tür und bringt Corona-Gastgeschenke: Klopapier und Mundschutze für die Kinder. Die Kinder haben Umarmungen für sie gebastelt. Zwei Papphände an einer Schnur. Die werfen sie ihr aus zwei Metern Entfernung um den Hals. Ich kneife mir mehrfach in den Arm, aber ich wache nicht auf. Die Kinder vermummen sich begeistert und richten im Garten eine Corona-Station für ihre Kuscheltiere ein. Sie führen in 30 Minuten deutlich mehr Tests durch als unser lokales Krankenhaus. Hier ist der Virus noch nicht angekommen. Vielleicht weil unser Internet so langsam ist. Von Minute zu Minute blüht meine Mutter im Spiel mit den Kindern auf. Schließlich springt sie lachend durch den Garten und schmeißt ihren Mundschutz in die Rabatten. Jetzt kann der Virus zusehen, wie er gegen diese Überdosis Glückshormone ankommen will.

Montag, 06. April 2020

“Mama, welche Farbe hat Fantasie?” Ich versuche die Augen zu öffnen, aber die schlafen noch, die glücklichen. Ich kriege keine Luft. Jetzt habe ich aber wirklich Corona, denke ich. Doch es sitzt nur ein Kind auf meiner Brust. “Weiß ich nicht”, versuche ich zu sagen. Es klingt aber mehr wie “Wschnscht.”
“Wschnscht ist doch keine Farbe”, sagt meine Tochter. “Fantasie hat nicht nur eine Farbe, Fantasie ist alle Farben.” Zufrieden klettert sie von mir runter. Natürlich nicht, ohne mir dabei in die Magengrube zu treten. “Schön, dass wir das geklärt haben”, ächze ich und dreh mich nochmal um. Vor Sonnenaufgang habe ich keine Sprechstunde. Das Zwielicht zwischen Wachen und Schlafen gehört mir ganz allein. Dort kann ich meine Träume steuern, Kurs Nord-Nordost, steifer Wind, Wellenrauschen, Möwenschreie… “Was fliegt, spuckt Feuer und wenn es im Himmel ist, fällt der Popo ab?” lispelt eine kleine Stimme mit feuchter Aussprache in mein Ohr. Seltsamer Traum, denke ich, “Wschnscht”, sage ich. Wenn ich mal eine Reinigungsfirma gründe, wird das mein Slogan. “Falsch, eine Rakete”, sagt der Vierjährige und tippt mit klebrigen Fingern in meinem Gesicht herum.
“Ist heute Kindergarten?”
“Nein, immer noch nicht.”
Sonst will er nie in den Kindergarten. Jetzt darf er nicht, darum will er natürlich.
“Wann ist denn wieder Kindergarten?”
“Wschnscht.”
“Nach Corona?”
“Ja, nach Corona”, sage ich und fühle mich wie eine Hochstaplerin. Gerade kommt es mir vor, als ob es kein “nach Corona” gäbe. Als ob wir weiter und weiter in dieser unwirklichen Seifenblase treiben, bis sie platzt. Hoffentlich fallen wir dann weich. In die Arme unser Freunde, in die Arme unserer Familie. Ich schließe noch einmal die Augen und träume davon. In allen Farben.

Sonntag, 05. April 2020

Es sind Ferien und wir brunchen in unserem Hotel. Friedolin mimt den Küchenchef, bei dem man sich wünscht, dass er ein Haarnetz tragen würde. Ich spiele den schlechtgelaunten Gast, der von der Putzkolonne geweckt wurde, weil er vergessen hat das “Bitte nicht stören”-Schild an die Tür zu hängen. Unsere Tochter sitzt am Eingang zum Speisesaal und fragt nach der Zimmernummer. “Mein Zimmer hat gar keine Nummer”, sagt der Vierjährige verwirrt. “Dann darfst du hier auch nicht rein”, sagt die Große streng. Sie hat oft erlebt, wie ich auf Tour übernächtigt die Zimmernummer nicht wusste, weil wir ja jede Nacht das Hotel wechseln. Der Vierjährige ist kurz vorm Weinen. Dabei hat das Spiel gerade erst angefangen.
“Dann denk dir halt eine Zimmernummer aus”, sagt die Maître d‘hôtel gnädig.
“1000”, ruft er stolz.
“So viele Zimmer hat unser Hotel gar nicht.”
Daraufhin boxt er der Maître d‘hôtel in den Bauch. Sie kneift ihm in den Arm. Beide heulen. Theoretisch habe ich immer so gute Ideen. Praktisch stehe ich dann fassungslos davor, was meine Familie daraus macht. Schließlich einigen wir uns auf Zimmer Nr. 3 und dürfen rein. Das Buffett ist fantastisch. Die Kinder durften sich drei Dinge aussuchen, die es sonst nur im Hotel gibt. Sie waren sich sofort einig: Babybel, Lachs und essbare Marmeladenschälchen. Die klauen sie immer vom Buffet und knabbern sie wie Kekse. Die Ökodiktatorin in mir zuckt zusammen: der ganze Verpackungsmüll für einen winzigen Käse, noch nichtmal Bio und die Überfischung der Meere! Aber es ist Corona und der Nachwuchs soll glücklich sein. Nach dem Frühstück gehen wir an den Strand. Die Kinder haben ein altes Ofenrohr gefunden und mit der Schwengelpumpe hinten im Garten verbunden. So können sie den Sandkasten fluten und Gezeiten erzeugen. Sie bauen einen Steg aus Holzresten und verteilen Muscheln und Treibholz vom letzten Dänemark-Urlaub im Wattenmeer, während Friedolin und ich in der Sonne Kaffeetrinken. Als der Vierjährige dann noch kopfüber ins geflutete Hafenbecken plumpst, ist die Urlaubsstimmung vollkommen. Wie schön für uns und den Planeten, dass wir dank Corona nicht wegfahren durften.

Samstag, 04. April 2020

Was wir heute dank Corona Neues gelernt haben:
Der Vierjährige hat sich zum ersten Mal ans Klavier gesetzt und drauflos gespielt. Es klang wunderbar. “Ich wusste gar nicht, dass du so gut Klavier spielen kannst”, habe ich gesagt.
“Das habe ich mir gespart”, hat er geantwortet. “Ich hatte keine Zeit.” Schließlich geht der Dorfkindergarten jeden Tag bis 12 Uhr.
Unsere 6-jährige Tochter hat mit Gebärdensprache begonnen. Ein Junge aus dem Neubaugebiet ist schwerhörig. Ihre ersten Gebärden sind Danke und Regenwurm. Damit lässt sich doch schon gut Konversation betreiben. Mehr Inhalt tauschen Erwachsene beim Smalltalk auch nicht aus. Ihr Mund und ihr Kopf sind ein Bienenstock aus Worten, die lautlose Sprache des Jungen fasziniert sie. Am liebsten spielt sie mit ihm Verstecken. Weil er beim Zählen nicht hören kann, ob sie über Kies oder Rasen davon rennt und das Spiel dadurch spannender wird. Das ist insofern praktisch, weil sie ohnehin nur noch Verstecken spielen dürfen. Dabei lässt sich der Sicherheitsabstand gut einhalten und die Polizei sieht immer nur höchstens zwei Kinder gleichzeitig. Ich frage sie, ob er ihr nicht mal die Gebärde für “Räum jetzt endlich dein Zimmer auf, verflixt nochmal” beibringen kann. In dem Punkt hören unsere Kinder schlecht, vielleicht hilft gebärden. Doch sie zeigt nur augenrollend auf sich selbst und sagt: Ironiefreie Zone. Meine Tochter verwendet meine eigene Sprache gegen mich. Wenn sie in die Pubertät kommt, ist mein Tinnitus hoffentlich schon so laut, dass ich nicht mehr hören muss, was sie mir an den Kopf wirft. Aber bis dahin wird sie es gebärden können.
Friedolin hat gelernt, dass es ungünstig ist, einen neuen Supersandkasten fertig zu bauen, wenn das Kieswerk wegen Corona geschlossen hat und er gar keinen Sand holen kann.
Ich habe gelernt, dass meine verstreute Familie an Ostern wegen Corona gar nicht zusammen kommen kann. In den letzten Jahren hatte ich mir so oft Ruhe vor Familientrubel gewünscht. Jetzt habe ich meine Ruhe und es bricht mir das Herz.

Freitag, 03. April 2020

Heute backt Friedolin unseren Geburtskuchen. Zur Feier des Tages, weil es Mehl im Supermarkt gab. Und weil die Kinder das geheime Eiernest gefunden haben. Sieben Eier lagen versteckt im Igelhaus. Das hatte ich dem Igel im letzten Herbst gebaut, aber er zog es vor, unter der alten Zinkwanne zu überwintern. Die Tiere in unserem Garten machen einfach nicht, was sie sollen. Die Amseln ignorieren die Vogeltränke und baden lieber im rostigen Tonnendeckel. Die Hummeln meiden das Insektenhotel und sind hinter der Starkstromsteckdose eingezogen. Und die Frösche haben immer noch nicht verstanden, dass ihr Teich vorübergehend ein Sandkasten ist. Da können die Kinder nicht so schnell drin ertrinken. Die Frösche sehen daher während der Paarung leicht paniert aus.
Die Geschichte mit dem Geburtskuchen hatte uns unsere Hebamme eingebrockt. Beim ersten Kind dauert die Geburt in der Regel ja etwas länger. Daher riet unsere Hebamme, beim Einsetzen der Wehen erstmal einen Kuchen zu backen. Damit wir nicht so oft auf die Uhr schauen und nicht durch drehen. Ich bin trotzdem durchgedreht, als es losging. Weil wir keine Zitronen mehr hatten. Für jedes Geburts-Szenario hatte ich einen Plan-B, nur für den Joghurt-Zitronen-Kuchen nicht. Mit Frauen in den Wehen kann man schlecht diskutieren. Also musste Friedolin einkaufen und ich atmete Wehen weg. Nach einer Stunde kam er mit einem Großeinkauf zurück. Zitronen hatte er vergessen. Also musste er wieder los und ich atmete weiter Wehen weg. Den gemeinsamen Geburtskurs hätten wir uns sparen können. Als er mit den Zitronen zurück war, brachte ich nur noch raus: “Geh backen, sprich mich nicht mehr an.” Dann kamen die Wehen schon alle fünf Minuten, aber wir konnten nicht ins Geburtshaus. Der Kuchen war ja noch im Ofen. Beinahe wäre unsere Tochter im Auto zur Welt gekommen. Aber der Kuchen war dufte.
Seitdem backt Friedolin immer Geburtskuchen, wenn unser Leben aus den Fugen gerät. Der Kuchen erinnert uns daran, nicht alles im Leben planen zu müssen. Es kommt ohnehin anders. Und er macht uns Hoffnung auf ein gutes Ende. Seit Corona planen wir gar nichts mehr. Wir machen es wie die Tiere in unserem Garten und improvisieren. Und wir versuchen, nicht an morgen zu denken. Dazu passt Geburts-Kuchen ganz ausgezeichnet.

Das Geburtskuchen-Rezept ist einfach (sofern man Zitronen im Haus hat):

200 g weiche Margarine mit 200 g Zucker und 1 Pkt Vanillezucker schaumig schlagen. 3 Eier von glücklichen Hühnern einrühren. Saft und Schale von 1 Zitrone und 150 Bio- oder Soja-Joghurt unterrühren. 300 g Mehl und 1 TL Backpulver sieben und unterrühren. In einer Kastenform bei 175 Grad ca. 55 Minuten backen. Wer mag, mit Zitronen-Puderzucker glasieren.
Haltet durch.

Donnerstag, 02. April 2020

Die Nachbarskinder halten mich für eine Hexe. Weil ich diesen magischen Heilkräutergarten habe. Sonst pflanzt man im Dorf gerne Kies. Außerdem wohnt eine Schleiereule auf unserem Dachboden. Und sie haben mich an Mittsommer erwischt, wie ich frühmorgens im weißen Nachthemd barfuß durch den Tau getanzt bin. Ganz eventuell habe ich auch damit gedroht, sie in Kröten zu verwandeln, wenn sie noch einmal durch meine Rabatten trampeln. Im Mittelalter wäre ich definitiv verbrannt worden. Dank meiner Heilkräuter muss ich mit meiner Blasenentzündung nicht in ein kontaminiertes Wartezimmer. In meiner Hexenküche warten Schraubgläser voller Goldrute, Birke und Brennnessel. Tinkturen von Kapuzinerkresse und Meerrettich, Weidenrinde und Mädesüß.
Je länger Corona dauert, desto dankbarer bin ich, dass wir schon immer so viel selbst machen. Wir sind nicht schuld an Amazons Rekordumsatz. Friedolin baut, repariert, erfindet. Ich pflanze, koche ein, nähe, mixe Putzmittel und Cremes und lasse unsere kleine Hausapotheke wachsen. Es könnte so idyllisch sein. Wenn wir nicht ständig streiten würden, wer wie viel Zeit für seine Aufgaben bekommt. Meistens verliere ich. Weil Warmwasserkollektoren auf dem Dach reparieren deutlich cooler ist, als das Klo zu putzen. Ich war mal sehr gut im Heimwerken. Bis Friedolin jedes Mal nervös neben mir stand, sobald ich einen Akkuschrauber zur Hand nahm. Er will auch mal zeigen, wo der Hammer hängt.
Ob ich kein Kraut gegen Corona habe, fragen die Kinder. “Ich weiß es nicht”, sage ich. Viele Pflanzen haben antivirale Wirkstoffe und werden pharmazeutisch genutzt. In meinem Garten wächst Kleine Braunelle, die unfassbar gut gegen Herpes hilft. Und meine Zistrose kann Zellen gegen Influenza-Viren stärken.
“Du bist doch eine Hexe, zauber Corona einfach weg”, sagen die Kinder. “Äh, ja, aber Corona kommt aus China und ich kann nur einheimischen Husten wegzaubern”, nuschele ich schnell. “Wer will Eis?” Ich habe einen Ruf zu verlieren.

Mittwoch, 1. April 2020

Ich habe Fieber. Erst dachte ich, mein Körper erlaubt sich einen Aprilscherz. Aber das erledigen heute die Kinder. Während ich delirierend im Bett vor mich hinvegetiere, platzen die Kinder alle fünf Minuten ins Schlafzimmer und brüllen:
“Mama, der Schlauch von der Waschmaschine ist geplatzt!”
Oder: “Mama, da ist schon wieder eine Kröte im Wohnzimmer!”
Oder: “Mama, Papa hat uns gerade eine Stunde lang ein Buch vorgelesen.”
“April, April, der macht, was er will”, sage ich kraftlos. Die Kinder schauen mich verständnislos an. Das mit dem Buch war gar kein kein Aprilscherz. Ich sollte öfter krank sein. Dann klappen plötzlich Dinge, die sonst aus dem einfachen Grund nicht klappen, weil ich sie ja machen kann. Theoretisch ist Friedolin ein großartiger Vater. Praktisch halte ich ihn immer davon ab. Ich hab mir mal absichtlich einen Nabelbruch zugezogen, damit Friedolin kochen lernt. Zwischen Friedolin-kocht-Nudeln-mit-Wasser und Friedolin-kocht-Ziegenkäse-Gratin-mit-Rote-Beete-Schaum lag genau eine Woche. Da musste ich nach der OP das Bett hüten. Ich hab übrigens nicht Corona. Sollte ich vielleicht dazu sagen. Es ist eine banale Blasenentzündung. Wobei so banal fühlt die sich gar nicht an. Ich habe mich vermutlich bei meinem Huhn angesteckt. Miss Granger ist krank, sie kriegt ihr Ei nicht raus. Kann ich gut verstehen, ich würde in diesen Tagen auch kein Kind in die Welt setzen wollen. Auf die genaue Form der Ansteckung möchte ich gar nicht eingehen. Das hatte etwas mit einer Hühnerbadewanne und aufsteigenden Bakterien zu tun. Und weil ich tollpatschig bin, wenn ich zuviel gleichzeitig mache und mich beim Aufstehen mit dem verkeimten Badewasser… aber lassen wir das. Alle kriegen Corona, nur ich kriege eine Hühnerblasenentzündung Manchmal geht mein Drang zum Individualismus wirklich zu weit.

Dienstag, 31. März 2020

Heute schwebte eine unwirkliche Melodie durch unser Dorf. “Kinder, ein Drehorgelspieler”, rief ich aufgeregt. Friedolin lachte nur. “Das ist der Schrotthändler, du Stadtkind”. Manchmal fährt der Schrotthändler durchs Dorf und aus dem Megaphon auf seinem Autodach ertönt eine melancholische Melodie. Zu diesen lieblichen Klängen tragen die Dorfbewohner dann träumerisch ihr Altmetall an den Straßenrand. Oder ihre gepiercten Teenager. Natürlich gibt es bei uns keine Straßenmusikanten. Wir haben ja noch nicht mal vernünftige Bürgersteige, geschweige denn einen Dorfplatz. Und außerdem sind bald alle Musiker verhungert, wenn der Staat seine Soforthilfen nicht justiert. Aber es war auch nicht der Schrotthändler. Vor dem Seniorenheim spielte ein Blockflöten-Duo. Die Alten rollten mit diversen Gefährten auf ihre Balkone oder wurden gerollt und lauschten andächtig. Unten auf den Bänken vor dem Heimeingang lagen bunte Briefe und Ostereier. Die Dorfkinder waren einem Aufruf gefolgt und hatten für die Senioren gebastelt. Die Heimbewohner sind einsam, sie dürfen ja gerade keinen Besuch bekommen. Manchmal stehen Angehörige vor der Residenz und rufen zu den Balkonen hinauf. Das erinnert an Gefängnisszenen aus amerikanischen Filmen. Oder an Romeo und Julia mit Falten. Wir haben unsere Regenbogen dort abgegeben. Es gab ja diesen Aufruf #regenbogengegencorona. Alle Kinder sollten Regenbogen basteln und in ihr Fenster hängen, damit andere Kinder im Vorbeigehen sehen, dass dort auch ein Kind in Isolationshaft sitzt. Der Regenbogen soll Hoffnung spenden. Mein Regenbogen spendet nur Gelächter. Meine Bastelarbeiten sehen grundsätzlich aus, als wäre ein Linienbus drüber gefahren. Ich sag dann immer, der Vierjährige war’s. Weil wir am Ende einer Sackgasse wohnen und bei uns nie jemand vorbei läuft, war das mit dem Regenbogen im Fenster jedoch etwas witzlos. Und da ich mit diesen ganzen Corona-Aufrufen ohnehin durcheinander komme, brachten wir unsere Regenbogen ins Seniorenheim. Die können Gelächter gerade gut gebrauchen.

Montag, 30. März 2020

Heute gehen wir zum Frisör. Gemeinsam mit Astrid Lindgren. Das funktioniert so, dass die Kinder sich ihre Zauberumhänge anziehen und erwartungsfroh in unserem Frisiersalon am Küchentisch Platz nehmen. Sie freuen sich, weil sie beim Haareschneiden auf dem Laptop Bullerbü gucken können. Sonst dürfen sie nur fernsehen, wenn schlechtes Wetter ist. Und da es seit dem Klimawandel in unserem Dorf kaum noch regnet, kommt das selten vor. Eigentlich soll das Fernsehen beim Stillsitzen helfen, aber für den Vierjährigen ist selbst Bullerbü so aufregend, dass er vor Freude und Spannung zittert. Wenn er auf Tour im Hotel mal normales Kinderfernsehen gucken darf, muss er zwischendurch in eine Tüte atmen. Und ich auch. Kinderfernsehen ist so sensationslüstern geworden. Es geht nur noch um superaufregende Ereignisse, superbesondere Talente und superstarke Zauberkräfte. Oder irgendwas mit Pferden. Es gibt kaum noch normale Geschichten von normalen Kindern. Also schneide ich Haare mit Astrid Lindgren. Bei Friedolin nützt jedoch selbst Bullerbü nichts. Wenn ich seine Haare schneide, mault er, weil es ihm zu lange dauert. Seine Geduldsspanne liegt noch unter der des Vierjährigen. Also schneidet er selbst im Badezimmer vor dem Spiegel. Und zwar immer genau dann, wenn ich gerade das Bad geputzt habe. Waschbecken und Fußboden sehen hinterher aus, als ob jemand ein Schaf mit braunen Haaren geschoren hätte. Wohlbemerkt, nachdem Friedolin glaubt, alles wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt zu haben. Ehemänner mit Glatze haben durchaus Vorteile.
Ich schneide mir die Haare immer selbst, weil ich mich nie mit Frisörinnen drauf einigen kann, was “Bitte nur die Spitzen schneiden” bedeutet. Ich meine damit: Bitte nur die Spitzen schneiden. Auf frisösisch übersetzt heißt das aber: Ich hätte gern einen flotten Kurzhaarschnitt. Die meisten Frisösen waren im vorherigen Leben Holzfäller. Bei einer Nordmanntanne sind 20 cm nur die Spitze.

Sonntag, 29. März 2020

Ich mache die Zeitumstellung nicht mit. Für irgendwas muss Corona ja gut sein. Die Kinder gehen nicht zur Schule, wir sind arbeitslos, mit niemandem verabredet, wozu die Quälerei? Uns wird gerade so viel genommen, da lasse ich mir nicht auch noch eine Stunde klauen. Jetzt muss ich nur noch Schlafmasken für die Amseln vor meinem Fenster nähen, damit die den Sonnenaufgang nicht mitbekommen. Im Winter füttere ich sie, im Frühling möchte ich sie erwürgen. Wenn Friedolin morgens um 5 Uhr so lautstark gezwitschert hätte, um mit mir Babys zu machen, gäbe es unsere Kinder nicht. Knapp vier Millionen Europäer haben für die Abschaffung der Zeitumstellung gestimmt und müssen trotzdem bis 2021 warten, weil sich unser Parlament nicht auf Sommer- oder Winterzeit einigen kann. Weil sie einen Zeitflickenteppich befürchten. Du liebe Güte, in Europa werden gerade ganze Länder in Dornröschenschlaf versetzt, da kann es ja wohl nicht so schwer sein, mal die Finger von der Uhr zu lassen. Auch wenn sie mal wieder abgestaubt werden muss. Wenn ihr diese Zeilen am Morgen lest, werde ich noch schlafen. Sonntags macht Friedolin Frühstück. Ihr dürft Euch gerne aussuchen, ob dieser Text in Zukunft zur Winter- oder Sommerzeit erscheinen soll. Unten in den Kommentaren. Wenn knapp vier Millionen abstimmen, halte ich mich auch dran. Da kann die EU noch was von mir lernen.

Samstag, 28. März 2020

Seit Tagen überfliege ich die Schlagzeilen, wann Soziale Distanzierung endlich auch für Ehepartner vorgeschrieben wird. Wäre doch dem häuslichen Frieden zuträglich, wenn man nicht mit dem eigenen Mann in Quarantäne hätte gehen müssen. Nun hocken wir hier aufeinander und denken uns Hobbys aus.
Friedolin übt Zaubertricks. Er lässt sich andauernd selbst verschwinden. Vielleicht hat er die Schlagzeile gefunden und mir nichts davon gesagt. Schön wäre nur, wenn er die Kinder mit in seinen Hut nehmen würde. Vielleicht wird es besser, wenn wir Kaninchen haben.
Die 6-Jährige hat Fotografie für sich entdeckt. Gestern hat sie 130 Fotos von den neuen Hühnern gemacht. Das erinnert mich daran, wie ich mir zum ersten Mal die Kleinbildkamera meiner Eltern bei einem Schulausflug ausleihen durfte. Mit zwei Farbfilmen. Mein Vater war nicht erfreut, als er 20 Mark für das Entwickeln von 72 Pinguin-Fotos bezahlen musste. Ich war schon immer meiner Zeit voraus. Heute macht jeder 72 Fotos von ein und demselben unnötigen Motiv. Sich selbst zum Beispiel.
Der 4-Jährige schließt sich seit Corona gern auf dem Klo ein. Das hat er von seinem Vater. Friedolin liest dort Zeitung. Weil er das Sofa nicht abschließen kann. Unser Sohn telefoniert mit seiner Großmutter. Stundenlang. Das Klo ist der einzige Ort, wo er in dieser Familie voller Klugscheißer mal ausreden darf. Eigentlich will ich diese Telefonate nutzen, um was im Haushalt zu erledigen. Aber meistens lausche ich, weil ich dabei viel lerne. Am 21. März hat er ihr das Prinzip von Tag-und-Nacht-Gleiche erklärt. Das kennt er, weil wir an dem Tag immer Stockbrot machen. Gestern war Thema, dass Schafe keine Schneidezähne im Oberkiefer haben. Bei Tischgesprächen erfreut er Besucher auch gern mit Einwürfen wie: “Früher gab es nur einen Kontinent. Der hieß Pangäa.” Die Tatsache, dass er dabei ein Lätzchen trägt und einen ausgeprägten S-Fehler hat, macht solche Sätze umso eindrucksvoller.
Mein neues Hobby ist das Spiel: Was liegt auf meinem Po? Dabei lege ich mich aufs Sofa, schließe die Augen und die Kinder legen Gegenstände auf meinen Hintern, die ich erraten muss. Die Kinder lachen sich dabei so scheckig, dass es nicht auffällt, wenn meine Antworten ausbleiben.

Freitag, 27. März 2020

Mein erstklassiges Kind und ich traumatisieren uns gerade gegenseitig. 1. Klasse-Mathe überfordert uns. Sie versteht es nicht und ich verstehe nicht, warum ich sie damit quälen muss. Schließlich ist Frühling und Corona und die Welt wird in Zukunft ohnehin von Robotern beherrscht. Wir können durchaus 15 – 3 – 7 rechnen, aber Rechenquadrate und Logikaufgaben überfordern uns. Sie schreibt großartige Kurzgeschichten, von wasserscheuen Wölfen und eingebildeten Mäusen, mit Pointe und Moral von der Geschicht. Darin ist sie mit ihren sechs Jahren allen Roboter voraus. Sie liest ihrem kleinen Bruder auch jeden Morgen ein Buch vor, seit ich ihnen verboten habe, vor 6:30 Uhr das Kinderzimmer zu verlassen. Dennoch denkt sie, sie sei dumm. Weil sie die abstrakten Mathe-Aufgaben nicht versteht. Praktischen Matheunterricht gab es in der Schule nicht. Ihr Mathe lebensnah beizubringen, ist jetzt mein Job. Ich muss sowas googeln. Ich war so schlecht in Mathe, dass mein Mathelehrer Herr Rohrbach sich in der 12. Klasse auf einen Deal mit mir geeinigt hatte: Wenn er mich dran nahm, sagte ich ein Heinz Erhardt-Gedicht auf. Jedes Mal ein anderes. Ansonsten ließen wir uns in Ruhe. Wenn die PQ-Formel sich gereimt hätte, hätte ich in Mathe 15 Punkte gehabt. Also zerknülle ich den Aufgaben-Zettel meiner Tochter und sage: Hinter eines Baumes Rinde wohnt die Made mit dem Kinde. Dann gehen wir Trampolin springen. Schwerkraft ist ja auch Mathe. Oder Physik? Egal, spring in den Himmel.
Ich verlange, die Verbeamtung aller Eltern, die ihre Kinder gerade zuhause unterrichten. Inklusive Sonderzahlung und Pension. Wenn wir es schaffen, zwischen Home-Office, Geldsorgen und Corona unseren Kindern die Freude am Lernen zurückzugeben, haben wir das allemal verdient.

Donnerstag, 26. März 2020

Gestern hat es im Dorf gebrannt. Ganz zur Freude unserer Kinder. Der alte Herr W. hatte mit dem Unkrautflämmer seine Lebensbaumhecke in Brand gesetzt. Da wir in diesem Jahr wegen Corona auf das Osterfeuer verzichten müssen, waren wir Herrn W. sehr dankbar, dass er die Dinge selbst in die Hand genommen hat. Wir wissen auch noch gar nicht, wo wir unseren Grünschnitt loswerden. Kein Osterfeuer, das Kompostwerk hat zu und die Nachbarn mit dem Schredder sind in freiwilliger Quarantäne. Vielleicht sollten wir uns Herrn W.s Unkrautflämmer ausleihen. Als die ganze Straße unter Qualm stand, kamen die Nachbarn mit Wassereimern angerannt und löschten den Brand. Es dauerte ein bisschen länger, weil sie bemüht waren, den Sicherheitsabstand von 2 Metern einzuhalten. Die Kinder hüpften wie Flummis auf und ab und feuerten sie an. Als dann noch die Sirene im Dorf losging und die Dorffeuerwehr mit Tatütata und dem maroden Löschfahrzeug mit der undichten Wasserpumpe kam und die ganze Straße flutete, waren die Kinder restlos glücklich. Sie sprangen in den Pfützen herum und sangen den Kindergarten-Smash-Hit: “Die Feuerwehr, die Feuerwehr, die hat ‘nen langen Schlauch, der Hauptmann von der Feuerwehr, der hat ‘nen dicken Bauch.”
Wer braucht da noch Disney+.

Mittwoch, 25. März 2020

Nachts habe ich immer Corona. Tagsüber geht es mir gut, dann genieße ich die Entschleunigung. Sogar unser Internet macht langsamer als sonst. Nachts muss ich nur einmal husten und schon hab ich Corona. Dann wälze ich mich unruhig im Bett hin und her und stelle mir vor, dass ich auf eine Isolierstation muss und meine Kinder nicht mehr sehen darf. Meine Persönlichkeit ist ziemlich facettenreich. Vielleicht ist ja auch ein alter Mann mit Asthma darunter. Alle im Haus schlafen. Nur ich und der Marder sind noch wach. Der kommt immer erst auf den Dachboden, wenn Friedolin schläft. Er weiß, dass es sonst Ärger gibt. Ich fühl mich fiebrig. Corona. Es könnte auch an Friedolin liegen, der nachts in den Hochofenmodus schaltet. Wir können getrost unsere Kohlekraftwerke abschalten. Friedolin schafft das allein. Mein Hals kratzt. Das ist jetzt aber Corona. Dann fällt mir ein, dass ich vorhin für die Kinder lautstark gekräht habe. Immer wieder. Sie wissen nicht, wie laut ein Hahn ist, da unsere Hühner eine fröhliche Queer-Comunitiy sind. Alle sind lesbisch, nur Rambo ist transgender. Also doch nicht Corona. Ich hab mich wund gekräht. Wenn ich selbst kein Corona habe, dann bestimmt jemand, den ich liebe. Meine Schwester zum Beispiel. Die ist Ärztin und wird ständig angehustet. Als ich ein Kind war, hat meine Mutter zu mir gesagt: “Stell dir was Schönes vor, wenn du nicht schlafen kannst. Denk an deinen Geburtstag oder Weihnachten.” Aber seit ich über 30 bin, denke ich nicht mehr gerne an meinen Geburtstag. Und Weihnachten ist noch lange hin. Außerdem gibt es keinen Schnee mehr in Niedersachsen wegen des Klimawandels. Läuft gerade nicht so mit den schönen Gedanken. Mache ich mir ein Hörbuch an. Das Internet funktioniert wieder nicht. Also gehe ich auf den Dachboden und leiste dem Marder Gesellschaft.

Dienstag, 24. März 2020

Chips und Netflix helfen auf Dauer nicht gegen Corona. Also gehen wir heute unser Immunsystem stärken und sammeln Wildkräuter. Der Frühling ist da und er schmeckt lecker. Gundermann, Knoblauchsrauke, Bärlauch, Giersch… wächst alles in unserem Garten. Damit haben wir den Biologieunterricht abgehakt und brauchen nicht in den Supermarkt. Die Kunden mit Atemschutzmasken und Gummihandschuhen machen mir Angst. Und die ohne auch. Am meisten Angst macht mir meine Mutter. Die lässt ihren Einkauf jetzt immer 72 Stunden liegen, bevor sie davon isst. Weil sie gelesen hat, dass der Virus sich 72 Stunden auf Oberflächen hält. Der Mozzarella ist nach 72 Stunden vielleicht schon hin, aber wenn es gegen die Angst hilft, bitteschön. Die Corona-Diät. Angst und Logik gehen selten Hand in Hand. Die meisten meiner Freunde würden keinen Wildkräutersalat essen. Weil da ein Fuchs drauf gepinkelt haben könnte. “Dafür hat auf euer Essen ein Schwein gekackt”, sage ich. Aber das zählt nicht. Weil das Schwein ja nicht wirklich drauf kackt, sondern der Trecker die Gülle verteilt. Und das kackende Schwein sehen wir nicht, weil es sein Geschäft in Megaställen verrichtet. Diese Deutsche Pipi-Kacka-Logik habe ich nie verstanden. Wenn unser Nachbar seinen Hund an unser Gartentor pinkeln lässt, ist das nicht schön, aber gesellschaftlich toleriert. Wenn ich meinen Vierjährigen an die Haustür meines Nachbarn pinkeln ließe, bekäme ich vermutlich ein Anzeige. Wobei, es käme auf einen Versuch an.

Montag, 23. März 2020

Gibt es Frühaufsteher als Beruf? Wenn ja: Ich stelle ein. Wenn die Kinder um 6 Uhr fröhlich kreischend auf mich draufspringen, möchte ich mich #RegrettingMotherhood anschließen. Ich bin eine Eule durch und durch. Es ist mir ein Rätsel, wie ich zwei Lerchen bekommen konnte. Das sollte biologisch gar nicht möglich sein. Über die Corona bedingte Schulschließung habe ich mich gefreut. Fünf Wochen ausschlafen. Aber unsere Kinder haben einen Biorhythmus aus Beton. Selbst wenn wir sie später ins Bett schicken, stehen sie trotzdem um 6 Uhr auf. Sie sind dann nur genauso schlecht gelaunt wie ich. Sie brauchen Wochen, um sich an die Zeitumstellung zu gewöhnen. Eigentlich brauchen sie bis zur nächsten Zeitumstellung. Ich liebe meine Kinder. Ich habe keine Nacht bereut, in der ich ein kotzendes Kleinkind im Arm gehalten habe. Alles besser als Pubertät. Wobei sie in der Pubertät hoffentlich länger schlafen. Auch wenn sie dann Scheiße drauf sind und Drogen nehmen, Hauptsache ich kann endlich mal ausschlafen. Seit Corona schlafe ich unfassbar schlecht ein. Die Gedanken kreisen. Soviele Hörbücher kann ich gar nicht hören. Eigentlich wollten Friedolin und ich uns mit dem Frühaufstehen abwechseln. Aber wenn er mit den Kindern aufsteht, spielen sie bei Sonnenaufgang vor meiner Schlafzimmertür Fußball oder prügeln sich oder singen lautstark Jingle Bells. Während Friedolin etwas ganz Dringendes zu erledigen hat.

Sonntag, 22. März 2020

Die Kinder haben Angst vor der drohenden Ausgangssperre. Weil der Osterhase dann auch nicht kommen kann. Sie wissen, dass Corona zuerst von Tieren übertragen wurde.
“Der Osterhase ist bestimmt in Kwarantäne”, sagt der Vierjährige. Er ist stolz auf seinen neuen Corona-Wortschatz.
“Quatsch, den Osterhasen sieht doch eh nie ein Mensch”, sagt die Sechsjährige. “Der hat Sicherheitsabstand, der steckt sich nicht an.”
Sie überlegen auch seit Tagen, wer die ganzen Ostereier im Supermarkt kauft.
“Das ist für die Erwachsenen”, sage ich. “Denen bringt der Osterhase ja nichts.”
“Der Osterhase würde auch nie Eier verteilen, die in soviel Aluminium verpackt sind”, sagt die Große.
“Und Plastik”, kräht der Vierjährige. Zu Weihnachten hatte er sich gewünscht, dass die Menschen weniger Plastik verbrauchen. Sein kleines Leben ist schon von recht großen Themen überschattet.
“Joni aus dem Kindergarten wünscht sich die Lego Feuerwehrstation zu Ostern”, sagt er.
“Aber bestimmt nicht vom Osterhasen”, sagt die Große. “Die ist auch aus Plastik.”
“Von wem dann?”
“Von seinen Eltern?”
“Schenken denn Eltern ihren Kindern auch was zu Ostern”?
“Ja, falls der Osterhase in Quarantäne ist”, sage ich und überlege, wie ich unverpackte Schokoeier hygienisch im Garten verstecken kann.

Samstag, 21. März 2020

Heute ist heimschulfrei. Also haben die Kinder bis 6 Uhr geschlafen. Wie immer, wenn frei ist. Vor dem Frühstück hat unsere 6-jährige Tochter beschlossen, sich selbst Klavierspielen beizubringen. Drei Töne mag sie besonders gerne. Die spielt sie immer wieder. Und wieder. Ich habe selten so eine Ausdauer bei ihr erlebt. Es klingt wie der Soundtrack zu einem Hitchcock-Thriller. Der Vierjährige ist genervt von dem Privatkonzert und kippt lautstark die Duplo-Kiste aus. Aber wozu gibt es denn das Forte-Pedal. Friedolin ist nirgends zu sehen. Wie so oft in den letzten Tagen hat er irgendwas ganz dringendes zu erledigen. Blöd, dass er immer zuerst drauf kommt.
Seit Corona sind die Kinder erstaunlich kreativ. Auf Langeweile folgt Phantasie. Jetzt hören wir auch wieder die Nachbarskinder in den Gärten, die sonst die ganze Woche Freizeitstress haben: Judo, Klarinettenunterricht, Fußball, Tanzen, zwischen Fördern und Überfordern liegt ein schmaler Grad. Der Druck der Leistungsgesellschaft ist schon bei den Kleinsten angekommen, es bleibt kaum Zeit zum freien Spielen. Jetzt hallt wieder Kinderlachen durch das sonst so stille Dorf. Und selbst die Bundesstraße hält inne und lauscht.

Freitag, 20. März 2020

Weil man ja keine Hamsterkäufe mehr machen soll, haben wir Hühner gekauft. Unsere alten Hühner sind schon Omas und legen kaum noch Eier. Außerdem sind sie in freiwillige Quarantäne gegangen, weil sie zur Risikogruppe gehören. Wenn sie mal ein Ei legen, verstecken sie es so gut im Gebüsch, dass nur der Fuchs es findet. Der Züchter hatte keine Skrupel, trotz Corona die Hühnerübergabe mit uns abzuwickeln. Zur Begrüßung wollte er uns die Hand schütteln. “Ich bin da nicht so”, sagte er. Er arbeite in der Pharmaindustrie, da hätten sie Pillen für alles.
“Dann hätte ich gern Pillen für Ehepaare, die sich wegen Corona auf den Sack gehen”, habe ich gesagt. Fand er nicht witzig. Die Leute lachen lieber, wenn sie Eintritt zahlen.
Eine neue Henne hat direkt die alte Leithenne gechallenged und blutig gepickt. Wir haben sie Rambo getauft. Uns ist Gender Mainstreaming sehr wichtig. Wenn jetzt nach Klopapier und Desinfektionsmittel auch noch Eier knapp werden, sind wir mit Rambo gut gegen Eier klauende Nachbarn gewappnet.

Donnerstag, 19. März 2020

Letzte Nacht haben Friedolin und ich die Tankstelle überfallen. Zwar nur im Traum, aber ich war trotzdem von meinem kriminellen Potential beeindruckt.
Aus irgendeinem Grund hatten wir einen Schlüssel für die Tankstelle, also nix mit Hände hoch und so, wir sind rein, haben die Kasse aufgeschlossen und nur ein paar müde 5 Euro Scheine vorgefunden. Mein erster Gedanke: Praktisch, haben wir ein paar Fünfer für unseren CD-Verkauf. Dann hab ich Panik gekriegt, weil wir keine Handschuhe trugen. Wer weiß, ob sich der Tankstellenwart immer die Hände gewaschen hat. Na, toll, jetzt kommen wir wegen 30 Euro in Quarantäne, dachte ich. Wir waren auf allen Überwachungskameras drauf, weil wir keine Atemschutzmasken bekommen hatten.
Mein Unterbewusstsein funkt Verarmungswahn. Jetzt werden auch schon Auftritte im Juni abgesagt.
Ideen für dubiose Geschäftsideen bitte per PN an uns.

Mittwoch, 18. März 2020

Unsere Eltern aus Hannover sind in freiwillige Quarantäne gegangen. Das ist die freundliche Umschreibung von: Wir wollen euch nicht mehr sehen. Wahrscheinlich nutzen gerade viele Corona, um unbeliebte Verwandte loszuwerden. Wir sind unbeliebt, weil wir zwei Kinder haben. Und da ein Kind laut Influenza-Influencer Kekulé 3000 Menschen anstecken kann, macht das bei 2 Kindern 6000 Menschen, da wären bestimmt auch die paar Großeltern drunter.
Jetzt haben wir also fünf Wochen die Kinder zu Hause, verdienen keinen Cent und die Großeltern sind futsch.
“Machen wir das Beste draus”, sage ich.
“Ja, wir gehen Schwimmen”, rufen die Kinder.
“Ähh, nee.”
“In den Zoo?”
“Auch nicht.”
“Kletterhalle.”
“Nope.”
“Spielplatz?”
Jetzt verhandeln wir über Corona-Kaninchen.

Dienstag, 17. März 2020

Die Schließung der Spielplätze haben wir erheitert zur Kenntnis genommen. Auf unserem Dorfspielplatz ist immer Corona. Der Dorfbewohner baut ja lieber im eigenen Garten einen Spielplatz mit Trampolin, Seilbahn und Pool. Oder hat einen Bauernhof. Da kann das Sandloch voller Kippen am Feldrand mit dem verrosteten Drehkarussell nicht mithalten. Wenn die Dorfkinder ihre Grundstücke verlassen, fahren sie mit dem Fahrrad zur Tankstelle an der Bundesstraße.
Anfangs waren wir oft auf dem Spielplatz. Als Ex-Großstädter suchten wir Kontakt zu den Einheimischen. Lief nicht so gut, war ja keiner da. Aber unsere Kinder haben gern in den Büschen um den Spielplatz Verstecken gespielt. Bis Kehrmaschine vom Bauhof die Hecken auf 50 cm runter geschnitten hat. Er heißt bei den Kindern Kehrmaschine, weil er sonst die Kehrmaschine fährt. Und den Kindergartenbus, wenn die Kindergartenbusfahrerin krank ist. Die Hecken waren der einzige Wind- und Sonnenschutz am Feldrand und haben die Kinder vor Staub und Glyphosat geschützt “Das wächst nach”, sagte Kehrmaschine. “Jetzt hab ich fünf Jahre Ruhe mit Schneiden.” Nach zwei Jahren hat er wieder alles runter geschnitten. Das nennt man Bauhof-Schaltjahr. Ich leg mich nicht mit ihm an, wir brauchen den Kindergartenbus. Ich geh eh nicht gern auf den Spielplatz. Mein Hintern ist für die Schaukeln zu dick.

Montag, 16. März 2020

Unser 1.Klasse-Schulkind maulte heute früh:
“Ich will nicht Schule machen, es sind Ferien.”
“Das hier sind keine Ferien, das ist Corona. Also, Hefte raus.”
Als der Protest anhielt, sagte ich:
“Wir spielen jetzt Schule. Du setzt deinen Ranzen auf, gehst zum Bus, wartest fünf Minuten und wenn du wieder kommst, ist hier die Schule und ich bin die Lehrerin”.
Das fand sie witzig und wir haben brav Schule gemacht. Der Haken an der Sache war, dass jetzt alle im Dorf erzählen, Familie Eymess würden ihre Kinder trotz Corona zur Schule schicken, weil sie unsere Tochter an der Schulbushaltestelle sitzen sahen.

Text: Wiebke Eymess
Fotos: Friedolin Müller & Wiebke Eymess

107 thoughts on “Tage in Corona

  1. Die Tagebuchgeschichten brechen Zacken aus der Viruskrone. Das Schmunzeln, was die Geschichten auslösen stärken das Immunsystem und sind daher ein wirksames Mittel gegen die Ansteckungsgefahr. Ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag.

  2. Wildkräutersalat, tolle Idee
    Esse heute Rauke mit Frauke

  3. Sehr erheiternd. Danke! Tut gut in diesen Tagen 🙂

  4. Ein Anticoronaprogramm könnte Marder weggurgeln sein. Das ist für den ein bedrohliches Geräusch. Aber bitte kein Marderkontakt! Vielleicht ist er auch infiziert oder neuer Zwischenträger. Das Virus hat ja einen IQ über 150…

  5. Den Kommentar mit dem Dorfspielplatz finde ich sehr treffend. Trampolin, Baumhaus und Pool haben wir im Garten, nur die Seilbahn ist noch nicht installiert – die Kinder drängeln aber auch schon. Herzliche Grüße aus Dankelshausen!

  6. Wie erklären die Kinder die Wirkung des Virus und was sie dagegen machen können. Die Verbindung zu eurem Familiengeschehen erleichtert das Ertragen aller Ereignisse durch Schmunzelfaktor.

  7. Also ich bin für Winterzeit, dann muss ich meine Öffnung-und Schließzeit auch nicht umstellen.

  8. Da mein Laptop wieder virenfrei ist, habe ich erst heute die witzigen Fotos sehen können. Einen guten Start in die Neuzeitwoche mit hoffentlich neuen Fots und Geschichten aus Quarantänehausen

  9. Ich könnte versuchen bei den Matheaufgaben zu helfen. Wär das nicht was?

  10. Wünsche euch, dass das krnke Huhn ein goldenes Ei legen will. Dann wird aus der Not eine Tugend und das passt auch irgendwie ins Zeitgeschehen.

  11. Ziitronenkuchen ist eine Superidee. Sauer macht lustig, werde 10 Zitronen verwenden.

  12. Jeden Tag kleine Geschichten über das Leben in Corona Zeiten, einfach toll. Weiter so

    1. Ich bin über die Anstalt auf eure Seite gestolpert. Die Geschichten machen die Zeit leichter. Danke für euer Durchhaltevermögen und macht unbedingt weiter :-))

  13. Karl-Heinz Knop April 5, 2020 at 8:16 am

    da kann der Tag noch so grau und griesgrämig anfangen, Wiebke lesen und die nächsten 24 Std. sind gerettet

  14. Über welche Reisegesellschaft kann man bei euch Urlaub buchen?

  15. Unschlagbar! Danke für diese heiteren Momente am Tag.

  16. Made my day… Jeden Tag aufs Neue. Deine Texte sind grandios. Schreib doch mal ein Buch… Ich würde es definitiv kaufen

  17. Coronageschichten gehören zu dentäglichen Ritualen, die den Start in den Tag erleichtern. Hoffentlich gibt’s diese auch zu Ostern.

  18. Ich bin heute durch die NP auf ‘Tage in Corona’ aufmerksam geworden. Ich bin begeistert und kicher hier so bei meiner Heimarbeit vor mich hin :))
    Ja ja ja, ein Buch. Ich würds auch kaufen!

  19. Ha, der neue Text ist vom 20.4.. Welch guter Schreibfehler, oder gar geplanter Beitrag? Denn am 20.4. soll nach bisherigem Stand (der ja erst nach Ostern überprüft wird), die Schule wieder beginnen. Also ein mögliches Datum für ganz viel Veränderung?! Ich glaube noch nicht daran, aber warten wir es ab. Dank der tollen Texte ist die Coronazeit zumindest unterhaltsam. GAnz lieben DANK!!!

  20. Dank der NP habe ich von Euch erfahren. Nur weiter so, dann kann ich wenigstens das Lachen, Lächeln und Schmunzeln nicht verlernen. Ich finde es Klasse!

  21. Ich kenne Fridolin aus seiner Landheim-Zeit bzw. kenne Melanie gut und die ist ja ein großer Fan von euch. Zu Recht, denn dieser Blog ist wirklich sehr unterhaltsam 🙂

    1. Habe heute, Dank des von mir geliebten BR 2, das jetzt endlich wieder in seiner gewohnten Programmstruktur sendet, von euch und diesem Blog erfahren.

      Danke!!! Für die ehrlichen, oft witzigen und gut geschriebenen Einblicke in dein Leben und den ebenso interessanten Blicken durch das (Kamera)Auge deines Mannes.

      Ich hab soeben alle Tage am Stück gelesen und zusammen mit den Fotos genossen.

  22. Herrlich!! Danke für die tägliche Portion Humor!! Tut einfach gut und das Grinsen hält ewig!

  23. Toll geschrieben, direkt aus dem Leben!

  24. Deine Texte erheitern mir derzeit jeden Morgen. So viel gelacht (und geweint!) habe ich noch nie.

  25. wie im richtigen Leben

  26. Wie wärs mit einer Hühnergeschichte

  27. Jörg Zehrfeld April 16, 2020 at 2:23 pm

    Viele Gedanken kommen mir sehr bekannt vor…Wir sitzen halt alle im selben Boot. Im Januar hatte ich in Hemmingen das Vergnügen mit euch und freue mich schon auf die nächste Vorstellung. Ihr habt ja jetzt genug Zeit für ein neues Programm…wenn die Kinder euch Zeit lassen ;=)
    Vielen Dank für die amüsanten Gedanken. Bleibt gesund und munter!

  28. Der Blick über den Corona-Tellerrand regt zum Nachdenken an. Danke für die Bewussteinserweiterung. werde meinen Speiseplan überdenken.

  29. So ein wunderbarer Blog, vielen Dank. Klug, sehr witzig und überaus kreativ. Ihr seid eine tolle Familie. Danke ❤️

  30. Karin Skowronek April 18, 2020 at 5:31 pm

    ich bin ich ——- Ich weiss es schon lange —– normal ist langweilig und darum verstehe ich Dich gut.
    ich sehe das Leben nicht durch eine rosarote Brille, sondern durch meine eigene Brille —– und das ist viel spannender.
    Bitte schreib weiter so — auch wenn Corona irgendwann wieder bereit ist, abzutreten.

  31. Das ist eine gute Idee. ich würde das Buch kaufen!

  32. Köstlich. Das muss unbedingt später als Büchlein veröffentlicht werden. Zur Erinnerung an Zeiten, die besonders waren.

  33. einfach schön !!!
    Du bist meine Traummutter!

  34. Peter und Illa April 21, 2020 at 3:11 pm

    Alltagswahnsinn in Humorvolle Episoden gepackt erheitern uns täglich beim Lesen, hoffentlich bald auch wieder beim Hören und Sehen auf der Bühne.

  35. Diese Tagebuchgeschichten beleben den Alltag. Ich hätte davon gern eine Ausgabe in Buchform.

  36. Schließe mich der Sehnsucht an und sage DANKE für all die herzerfreuenden Beiträge, die auch einer Oma gut tun, die fast vor Sehnsucht nach ihren fünf Enkeln vergeht.

  37. Die Texte bieten Stoff für entwicklungspsychologische Schmunzelstudien

  38. Ich habe euch 2016 in der Anstalt gesehen und Tränen gelacht. Nun bin ich beim Stöbern auf eure Homepage gestoßen und habe in einer Nacht alle Videobeiträge und Blogeinträge verschlungen sowie direkt im Anschluss die CD bestellt. Danke für die Einblicke, Denkanstöße und euren köstlichen Humor! Bleibt guten Mutes 🙂

  39. Danke für den Seelenwärmer-Blog! Wie schön es doch ist, auch hier mitzuerleben, dass Kinder nunmal der normalste und wohl gesündeste Wahnsinn sind, den man sich je hätte ausdenken können. Kindgerechte Häuser sind im Idealfall schmutzig, unaufgeräumt und unmöglich eingerichtet – so war es zum Teil auch bei uns (als unsere Kids noch klein waren). Für Eltern wie Euch, die beruflich mit Humor jonglieren, ist das Leben mit “kleinen”(?) Kindern bestimmt ein insgesamt sehr geeignetes Übungsfeld… Ich freue mich schon darauf, mehr von Euch zu lesen, zu hören oder zu sehen!

  40. Auf euren Auftritt in der Anstalt bin ich sehr gespannt. Die Tagebuchgeschichten haben meine Neugier noch verstärkt. Danke für die vielen köstlichen Geschichten.

  41. Ich bin durch Zufall auf deine „Tage in Corona“ gestoßen und freue mich jeden Morgen auf eine neue Geschichte. Im Mai wärt ihr in Stuttgart; anfangs dachte ich noch da könnten wir hingehen. Inzwischen glaube ich das dauert noch bis wir euch live erleben können. Bis dahin genieße ich bei einem Kaffee deine Geschichten und lade dich auch gerne auf eine Tasse ein.
    Viele Grüße aus Fellbach
    Katja

  42. Hallo Wiebke, vorhin habe ich nachgeschaut, wer in der nächsten “Anstalt” auftreten wird/sollte und bin dabei auf euch gestoßen. Ich wusste vorher nichts von deiner Kabarett-Karriere. Aber ich kenne mit Sicherheit deinen Namen von früher. Wir sind gleich alt und beide aus Hannover. Entweder kenne ich dich aus meiner Schulzeit (Ricarda-Huch-Schule) oder durch meinen Bruder Andy (Herschelschule). Aber ich weiß es einfach nicht mehr. Vielleicht möchtest du mir helfen 🙂

  43. Liebe Wiebke,
    lass den Kopf nicht hängen! Irgendwann wird es doch wieder besser. Und immer dran denken, Du bist eine tolle Frau und Mutter!!

    Halte durch (trotz Stilldemenz) ;o)

    Liebe Grüße und tapfer sein

  44. Marion und Ralph Mai 1, 2020 at 10:02 am

    Vielen Dank, meine Frau und ich beginnen jeden Tag mit einem Lächeln, dank dieser Texte. Wir trinken einen virtuellen Kaffee mit Euch.
    Frühlingshafte Grüße aus Langenhagen !

  45. Liebe Wiebke,
    du hast wahrlich das Herz auf dem rechten Fleck. Wie schön, dass es noch solche Menschen und Familien gibt. Haltet durch und bleibt “anders”.
    Habe die Anstalt gestern programmiert und eben einen Kaffee auf dich getrunken über Paypal. Und den Blog schon etlichen Freundinnen empfohlen.
    Alles Liebe
    Conny

  46. Dorothea Burgdorf Mai 10, 2020 at 6:20 pm

    Herzlichen Dank für den herrlichen Block und den tollen Live Stream aus dem TAK. Dafür gibt es Kaffee und Kuchen für euch beide!

  47. Herlichen Dank für diesen Blog! Wir kennen euch von euren Auftritten. Die tägliche Portion Gedanken und Gefühle, die mir (und meinem Mann) Freude bereiten – denn hier schreibt ein Mensch, der Gefühle hat und sie zeigt. In uns werden teilweise Erinnerungen wach, denn vieles haben wir genauso durchlebt und leben noch heute genauso wie ihr. Auch mein “Friedolin” spiegelt sich im Blog wieder. Achja, unsere dreiunddreißigjährige liest, findet diesen Blog ebenso aussergewöhnlich gut.

  48. Vielen Dank für den tollen Livestream im TAK! Haben seit Wochen nicht mehr so gelacht.
    Und auch vielen Dank für den Blog, Du sprichst mir aus der Seele. Genieß den Kaffee – obwohl: Whiskey passt um diese Uhrzeit besser .

  49. Nachdenken und Lachen, dazu Einiges über Leben mit Familie und Natur und sogar ein Kochrezept. So macht Lesen Vergnügen, was in Coronazeiten nicht selbstverständlich ist.

  50. Liebe Wiebke,
    Wegen mir könnte Corona ewig dauern, solange es deine tollen Texte gibt. Begeistert von euch bin ich ja schon lange.
    Wie wäre es, wenn Fridolin Sonntags mal seine Sicht der Dinge darstellt? Er kommt ja nicht extrem gut weg…
    Seine Photos sind toll und ganz mein Geschmack, sie mögen auch mehr sagen als tausend Worte.
    Viele liebe Grüße und vielen vielen Dank
    Karla

  51. Danke für diesen tollen Blog. War sehr interessant zu lesen.

  52. Eine herzerweichende Kaninchengeschichte, die zeigt, wie Kinderherzen ticken.

  53. Moin Wiebke.

    Wir lesen Deinen Blog regelmäßig (Wiebke jeden Tag :-)). Schön, dass Du Deine Gedanken mit uns teilst! Wir freuen uns schon, Euch bald auch mal wieder live erleben zu können!!! Alles Gute für Euch.

    Liebe Grüße
    Alexander & Wiebke

  54. Ein Foto zum Träumen, eine Geschichte zum Gedankenwandern. Danke!

  55. Danke für den umweltverträglichen Party Tipp und die weiteren Umwelt Geschichten ohne moralischen Zeigefinger.

  56. Liebe Wiebke, es ist ein Vergnügen Deine “reality”-Geschichten zu lesen. Mit Sarkasmus und dem nötigen Humor werden wir diese verrückte Zeit hoffentlich bald überstanden haben.

  57. Liebe Wiebke, seit Wochen fühle ich so vieles und so viel durcheinander. Und ich lese vieles und so vieles durcheinander. Aber nie, nirgends trifft jemand so verlässlich, immer wieder, jeden Tag den Nagel all dieser vielen Themen und Gefühle so präzise auf den Kopf wie du. Chaupeau und herzlichen Dank für den täglichen Schmunzler, den Seuftzer und das Gefühl, damit nich alleine zu sein.

  58. Ich lach mich gerade weg 🙂 Das hast Du so schön treffend auf den Punkt gebracht. Die Zeit mit kleineren Kindern ist oft nicht wirklich mit Achtsamkeit in Einklang zu bringen – und wenn, dann muss man dabei komplett seinen eigenen und passenden Weg finden.
    Liebe Wiebke… solange Dir Dein staubtrockener (unglaublich geiler!) Humor nicht abhanden kommt…. ist alles gut! ooooommmm und ein dreifaches Achtsamkeit, my ass

  59. Bitte bitte, bring deine Texte in Buchform heraus. „Mutter in Zeiten der Corona“ oder so.

  60. Wie wahr, wie wahr! Ach Wiebke, ich lese Deine Texte so gerne! Vielen Dank für diese so amüsanten Einblicke in Euer (Corona) Leben!!!

  61. Deine Geschichten sind so erfrischend. Schreib ein Buch, ich kaufe es

  62. Ihr seid live einfach großartig, und über Deine Erzählungen muss ich immer lauthals lachen. Danke dafür.

  63. Ich liebe deine Familiengeschichten.

  64. Das Wort “chipsflixt” finde ich ja total genial. Allein deshalb – und vor allem auch für die täglich unterhaltsamen (und so wahren) Einblicke ein dickes, fettes (sorry für die Wortwahl) Danke.

  65. Ja, Chipsflixen wird ab sofort in den Wortschatz aufgenommen!

  66. So eine süße Geschichte zu Frühstück. Ich wünsche mir noch ganz viele Fortsetzungen.

  67. Der Artikel über das Leben der Nutztiere ist nur gut ! Leute sollten sich das alles ansehen, im Stall der Grossbetriebe und bei der Schlachtung. ich bin Tierarzt und kaufe nur das, was ich kenne..und lebe damit nicht teuerer als Andere ! Es gibt nicht jeden Tag Fleisch, aber dafür Milch und Joghurt aus Kleinbetrieb mit Käserei .

  68. Liebe Wiebke,
    Premiere! Zum ersten Mal hinterlasse ich irgendwo einen Kommentar. Dein Blog hat das mehr als verdient und ich möchte mich für deine Geschichten bedanken- sie sind großartig! Sie bringen mich zum Nachdenken, berühren mich, lassen mich schmunzeln. Ich freue mich jeden Tag auf den nächsten Eintrag.

  69. Eine zauberhafte Seegeschichte frei von Corona doch die Seele stärkend. Hoffentlich bleibt dieser Ort noch lange geheim.

  70. Hallo Wiebke, danke für die schönen Geschichten. Eine Frage: Wir haben Euch mal auf der Bühne gesehen, da war Euer erstes Kind gerade unterwegs, schon ein paar Jahre her. Im Programm gab es ein Lied – das, in dem Eure Zeile vorkommt „Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie“. Das hab ich in den letzten Jahren immer wieder gesucht, z.B. bei Spotify, aber nie gefunden. Ich habe es aber immer noch im Ohr. Gibt es noch eine Aufnahme davon, die ich bekommen könnte? Dann schmeiße ich auch noch eine Runde Kaffee…;)

    1. Na klar, ich schreibe Dir eine Email.

  71. Nochmals oder immer noch: Danke für die spannenden,lustigen und nachdenklich machenden Geschichten!
    Die Berichte machen auf so vieles aufmerksam,mit dem ich nicht unmittelbar in Berührung stehe – Selbstständige Kunstschaffende,Alltag mit Kindern, Leben auf dem Land – und sind gerade deswegen so anregend für mich.
    Ich kommentiere nicht gerne im Internet,sondern interagiere lieber live, mit direkter Rückmeldung,von daher habe ich mich zur stillen,regelmäßigen Leserin entwickelt. Ich verstehe sehr gut,wie wichtig diese kleinen Rückmeldungen für den weiteren Schreibprozess sind,von daher sende ich hiermit ein kleines Lebenszeichen aus dem Publikum: Applaus!

  72. Andrea Eymess Juli 7, 2020 at 7:53 am

    Kleine Schwester,
    deine Texte sind phantastisch. In dieser unsicheren und ermüdenden Zeit eine Hilfe und Stütze. Und sie schenken das Gefühl, nicht alleine zu sein. Mit all den Momenten der Erschöpfung, den Zweifeln, den: so halte ich das keinen weiteren Tag durch-Gefühlen. Sie zaubern mir morgens ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, lassen mich seufzen und manchmal auch ganz unerwartet eine Träne kullern. Und dann geht es wieder.
    Weil sie so authentisch sind, machen sie angreifbar. Aber genau das macht sie so einzigartig und besonders.
    Lass dich nicht entmutigen durch Fallstricke und unsichtbare Regeln. Die Reaktion des Gegenüber sagt oft mehr über diesen aus, als über den Stein des Anstoßes. Alles, was zur Diskussion und Nachdenken anregt, kommt auch mit Widerständen einher und wir möchten am liebsten weglaufen. Aber einer der schönsten Sätze lautet: die Krise ist eine Herausforderung, wenn man ihr den Anstrich der Katastrophe nimmt.
    Mach, was sich für dich richtig anfühlt. Und das Wochenende sollte Wochenende sein.
    Es ist wie bei den Kindern: nach überstandenem Infekt sind sie wieder ein Stück gewachsen.
    Dein größter Fan

  73. Liebe Wiebke,
    auch ich gehöre zu den regelmäßigen Lesern deiner Geschichten und finde sie einfach phantastisch. Durch Zufall draufgestoßen und ohne euch zu kennen, habe ich dich und deine Familie lieb gewonnen, weil ihr so authentisch, ehrlich und echt seid. Auch wenn manches nur literarisch ist, man spürt das große Herz, die Weite im Denken, die Verbundenheit mit allen Geschöpfen dieser Erde, die Wahrhaftigkeit, mit der du dem Leben begegnest.
    Viele leben anders und nicht alle haben diesen intensiven Naturzugang. Aber man bekommt Lust drauf, wenn man deine Texte liest. Die kritische Auseinandersetzung mit dem heutigen Lebensstil der meisten Menschen bringst du so witzig, liebenswert und bei dir bleibend aufs Tapet, dass es ankommt, ohne zu verletzen oder Widerstand zu wecken. Zumindest mir geht es so.
    Ich backe, was Ökologie angeht, viel kleinere Brötchen als ihr, aber seit Frühjahr 2019 ist mir die Sache mit dem Klimawandel endlich ins Herz gerutscht. Und auf einmal kann ich was verändern und es fühlt sich total gut und richtig an. Dieses Jahr versuche ich erstmals, Gemüse und Kräuter selbst zu ziehen, wasche ohne zu murren und voller Stolz den sandigen Salat aus dem eigenen Garten auch 5 x, bis er sauber ist. Freue mich am vegetarischen Chilli. Lasse gern und oft das Auto für mein E-Bike stehen. Ganz kleine Schritte, ich weiß. Aber ich lerne weiter.
    Auch deine Texte zu euren Kindern oder Fridolin – köstlich und wunderbar auf dem Punkt. Welche Ehe kennt das nicht, man liebt sich und möchte sich nicht missen, aber im Alltag kommen die jeweiligen Macken eben voll zum Tragen und manchmal würde man am liebsten davonlaufen.
    Aus deinen Worten blitzt schon das Charisma eurer Kinder auf. Das werden/sind auch 2 ganz besondere Menschen.
    Also, wollte nur mal sagen: Ich freue mich immer an deinem Blog und hoffe, dass er noch lange andauert. Und vielleicht irgendwann in einem Buch veröffentlicht wird.
    Herzliche Grüße von Conny

  74. Ich mag deinen Blog sehr! Mehr als eure Auftritte, aber vielleicht bin ich auch einfach nicht so der Comedy Typ und lache generell eher über etwas gelesenes als über gehörtes. Vielleicht bin ich auch einfach nicht so gut im Zuhören weil ich als meist alleinerziehende Mutter usw eh die ganze Zeit an so viel andere Dinge parallel denke, zb an die Schultüte, an den Einkauf, an die Wäsche, an den Patienten, der noch auf einen Hausbesuch wartet, an den Hund, der schon wieder vergessen wurde zu füttern, die Oma, die mal wieder angerufen werden sollte, den Ex daran erinnern, dass morgen Elternabend ist, den Freund daran erinnern, dass er ein Regal in die Küche gestellt hat, was er vom Sperrmüll mitgebracht, aufgearbeitet und leider nie aufgehangen hat… Und was nun seit Tagen auf der Arbeitsfläche rumsteht. Und nebenbei von der 6 und 10 jährigen zugequatscht werde. Mental load deluxe.
    Da ist es schön, dem Hund beim Fressen zuzugucken – Achtsamkeit! – , die Kinder zum Schlagzeug üben in den Keller zu verbannen, kurz inne zu halten und zu lesen und zu schmunzeln, wie ähnlich es Anderen geht. Und von eurem Haus mit Garten und Hühnern träumen.
    Da kommen aber schon wieder die Kinder hoch und wollen nochmal das Video von den alten weißen Männern sehen. Immerhin, dafür kuschelt die 6 jährige sich auf meinen Schoß….wenn schon keine Umarmungen und Romantik im Alltag, dann wenigstens nach Stroh duftendes Kinderhaar vor der Nase. Wunderbar.
    Jetzt darf nur die blöde Nachbarin nicht klingeln und sich über den 10 minütigen Schlagzeuglärm von vorhin beschweren.

  75. ….. Und weil der Rest irgendwie abgeschnitten wurde:
    Applaus und Lächeln und ganz viel Zuversicht. Es ist gut, dass es Menschen gibt wie dich, die Anderen mit ihren Geschichten Trost spenden, zum Lachen und zum Nachdenken bringen. DANKE

  76. Da seit Mittwoch kein Eintrag mehr veröffentlicht wurde,hoffe ich doch sehr,dass es nicht an der Sommergrippe liegt,sondern daran,dass es so viele andere schöne Dinge zu tun gab, dass der Blog einfach vergessen wurde. Ansonsten: gute Besserung!

  77. Liebe Wiebke, liebe Mitlesende, ich glaube nicht, dass der Blog vergessen wurde, sondern immer noch viele dankbare LeserInnen hat. Ich lese manchmal 2 Tage auf einmal, aber immer mit soviel Vergnügen und Herzfreude. Was dir, liebe Wiebke, alles einfällt und wie du so viele besondere Blicke auf die Wirklichkeit wirfst, das ist so schön und einzigartig. Werde dich vermissen, aber natürlich hast du dir einen wundervollen Urlaub mit möglichst viel Kür verdient. Da sollten wir dir nochmal ein kleines Urlaubsgeld hinterlassen. Ich freue mich darauf, euch im November in Nürnberg erstmals live zu sehen. Sei gesegnet.

    1. Liebe Conny, ich danke Dir für Deine lieben Kommentare und natürlich für den Kaffee. Und wir drücken alle Daumen, dass der Auftritt in Nürnberg statt findet, dann würde ich mich sehr freuen, wenn wir uns einmal persönlich kennen lernen. Alles Liebe Wiebke

  78. Wie schön, daß die Geschichten weitergehen!

  79. Hallo Wiebke,

    ich war gestern auf der Insel Wilhelmstein und habe Deinen / Euren Auftritt sehr genossen : viel gelacht, nachdenken müssen – sehr anregend und nachhaltig. Mit dem roten Ball durfte ich zum richtigen Zeitpunkt meinen Einsatz haben – netter Gag. Es hat viel Spaß gemacht, weil Ihr es schafft, Alltag und Politik in den Zusammenhang zu stellen, in den er hinein gehört. Was mach ich nur mit meinem Kirschlorbeer?
    Ich liebe politisches Kabarett, habe selbst in eine Gruppe ein wenig Karett gespielt. Macht weiter so!!!!
    Liebe Grüße
    Wolfgang

    P.S. Habe keine CD gekauft, komme aber gerne wieder live zu euch!

  80. Jetzt weiß ich wieder was mir in den letzten Tagen gefehlt hat. Wunderschön, ja traumhaft geschrieben

  81. Ach es ist bei deinen Blogs so als würdest du meine Gedanken zu Papier bringen

  82. “In die Weite und das Blau, in die Kinderzeit und die Friedolinzeit.” Du schreibst soo schön, da geht das Herz auf…danke

  83. Liebe Wiebke, wir wünschen dir viel Kraft für den Fünfjährigen (der Arme) und all die anderen “Kleinigkeiten”, die an dir zerren. Die LIebe, das Einfühlungsvermögen, den Sinn, für das was dran ist, das hast du ja sowieso. Was du zu deiner Schwester schreibst, ist so schön. Genauso geht es mir mit meiner – eine der intensivsten Herzensbeziehungen, für die man nur dankbar sein kann. Was ein Glück, dass es das Internet gibt, um sich trotz Entfernungen nah zu sein.
    Up and down – so ist das Leben. Gut, wenn man drüber reden kann, denn damit verarbeiten wir Frauen ja schon die Hälfte, oder? Alles Liebe, du bist eine starke Frau.

  84. Plagegeister erschweren eine positive Haltung zu Insekten. Doch dein Humor hilft bei der Bewältigung dieser.

  85. Der Schluss der Busfahrer geschichte schärft den Blick positiv auf unsere Mitmenschen, gefällt mir gut

  86. Dank Dir habe ich seit Coronabeginn immer wieder dieses “Ferien auf Immenhof meets die Nebel von Avalon- und – das- alles- auf – der – Fensterbank” – Gefühl, das Herz und Seele sehr gut tut.

  87. Wiebke,
    Deine Texte haben mich in den vergangenen Monaten aufs Warmherzigste geerdet und vor ein paar schwarzen Löchern bewahrt. Danke dafür!

  88. Ich lese deinen Blog von Anfang an so gerne mit. Es sind so schöne Geschichten- es zaubert mir ein bisschen mehr Gelassenheit ins Gesicht, wenn es mal anstrengend ist

  89. Lange Zeit nicht gelesen und nun wieder Tränen in den Augen vor Mitgefühl und gleichsam ein Lächeln auf den Lippen, weil du so schön die alltäglichen Krisen und Erlebnisse beschreibst, die so oder anders fast jede_r kennt.
    Du sprichst mir so oft aus der Seele, ob es um Krankenhäuser, Mutterglück (oder – Erschöpfung), alte weiße Männer, Umwelt oder Madenwürmer geht.
    Letztere kommen übrigens oft wieder…ohne Panik verbreiten zu wollen. Ich hoffe darauf, dass sich das mir der Pubertät irgendwann von selbst ergibt, bis dahin schleppen sie die Kids ständig an oder man wird sie einfach nicht los. Ein Weibchen legt bis zu 10.000 Eier die 3 Monate im Staub überleben können, man stelle sich das mal (lieber nicht) vor! Seltsam, das trotz der Durchsuchung niemand darüber spricht. Immerhin, so bekommen die Kinder bestimmt weniger Allergien.

    Ich denke an euch, ohne euch zu kennen, aber wünsche den gerissenen Bändern und überstrapazierten Nerven, den gebrochenen Knochen und Herzen alles Gute…. Und auch der armen Puschi. Es kommen wieder bessere Zeiten. Das versuche ich auch unentwegt meiner resignieren Mutter zu erklären, die als alleinstehende Messebauerin nach dem Tod meines Vater nun ihr gesamtes Einkommen für die nächsten Jahre verloren hat und nicht mal mehr die Firma verkaufen kann wie geplant. Keine Rente, keine Arbeit, kein Geld, nicht mal ne richtige Sofort Hilfe.
    Doch, schwacher Trost, immerhin kam da noch der Altweibersommer und wir können ihn und seinen goldenen Sonnenschein in einem der reichsten und sichersten Länder der Welt genießen.

    Die liebe Wiebke viel Liebe und Licht im Herzen, ihr seid wunderbar.

  90. So traurig, die Geschichte von Puschi. Und Nürnberg wurde auch abgesagt, was ich sehr bedauere. Wieviel Resilienz ihr und wir alle momentan entwickeln müssen. Haltet die Ohren steif, die Herzen weit und schafft euch kleine Oasen der Lebenslust und Veränderung, um das Gefühl für ein eigenständig bestimmtes Leben nicht zu verlieren. Verbunden! Conny

  91. Liebe Wiebke,
    jetzt trinke ich mit Freude virtuell Kaffee mit Dir und genieße Deine Geschichten – und sollte es sich wieder einmal ergeben, dann würde ich mich auch sehr über einen wirklichen, gemeinsamen Kaffee freuen – wie im Juni 2010 hier bei uns in Saldenburg.
    Herzlicher Gruß
    Uli Hanke

  92. Guten Morgen Wiebke,
    gestern abend habe ich im Frauentreff unserer Kirchengemeinde bei einem “Corona-Abend” auch ein paar deiner Blog-Texte vorgelesen. Sie passten so wunderbar zu unserem sonstigen Programm. Ich hoffe, das war okay, wegen Copyright etc. Wir haben ein Kässchen aufgestellt und auch wenn wir nur 13 Leute waren (Corona lässt grüßen) haben viele gerne etwas für euch gegeben. Die Überweisungen sind gerade über Paypal an dich rausgegangen.
    Liebe Grüße und danke für die schöne Geschichte von heute! Conny

  93. Hallo Ihr da im Lande. Sind auf Eure Seite gestoßen. Haben nachgelesen all die wunderbaren, naturnahen, lebenswirklichen und humorvollen Erlebnisse, denen Ihr Euch stellt, an denen Ihr teilnehmen lasst. Schade, dass wir nicht ums Eck wohnen! Es gäbe viel zu quasseln zu wichtigen Themen. Danke auch für die heutigen Zeilen. Leben pur. So darf, so muss das Leben eben auch sein – Genuss des Augenblicks, Geschenke. Deshalb jetzt unsere spontanen Zeilen. Bleibt weiterhin trotz allem gut auf Spur in dieser arg gebeutelten Welt – Ihr, mit Euren Kindern, der Arbeit auf der Bühne oder beim Texten hier im Tagebuch. Wir werden gern weiter mitlesen, ebenfalls als Paar (mit zwei Bengels, aber schon davon) und gemeinsam auf Reise als etwas anders kreative Kleinstunternehmer. Herzliche Grüße

  94. Hallo Wiebke, deine Corona-Geschichten schärfen den Blick auf vieles, was hinter den Kulissen passiert. Es ist für mich ein Ritual entstanden mit Kaffee trinken, Geschichten lesen, Emotionen entwickeln und dann wieder normaler Alltag. Ich wünschte mir alles in Buchform . Mit einem Lottogewinn würde ich es drucken lassen.
    Doch auch so ist es einfach toll, dass dieses Tagebuch abrufbar ist. Mögest du dir noch viel Kraft für die Fortsetzung aufbewahren.

  95. Elsa Brüggemann Oktober 6, 2020 at 3:29 pm

    Die letzten Corona-Geschichten haben eine Leichtigkeit, die Fantasie anregen und diese schwere Zeit der Ungewissheit erträglicher machen. 1000 Dank dafür.

  96. Florian Barbarino Oktober 22, 2020 at 1:32 pm

    Hallo ihr Lieben,
    habe gerade eine email erhalten, dass Euer Auftritt diesen Samstag in Mainz abgesagt und auf nächstes Jahr November verschoben wurde.
    Ich behalte natürlich die Karten und meine Freundin und ich werden uns nächstes Jahr genauso gut amüsieren wie dieses. Allerdings hoffe ich, dass es keine schlimmen Gründe gibt die diesen Schritt notwendig machen. Alles Gute für euch (Wiebke und Friedolin und die Familie) und bis nächstes Jahr

  97. Wie schön von der Familienwelt Kabarett unterwegs zu lesen. Ich habe diesen Blog richtig vermisst. Danke für diesen ausführlichen Reisebericht.

  98. Hallo Wiebke,
    ich lasse einfach viele Grüße da und ein Danke für deine Texte 🙂
    Alles Liebe, Rena

  99. Zahnfeen müssen unterstützt werden! ;o)

    Liebe Grüße, Heike

  100. Liebe Wiebke, bin ganz deiner Meinung, dass Vorlesen total wichtig ist und eine wunderbare Gelegenheit, Nähe, Herzensbildung, Vergnügen und Konzentrationsfähigkeit in einem weiterzugeben und zu teilen. Erinnere mich aber, dass ich als junge Mutter manchmal auch sehr mit dem Schlaf gekämpft habe damals. Dass unser erstes Enkelkind nun mit 1,5 Jahren schon ständig gezielt Bücher anschleppt zum gemeinsamen Gucken macht mich glücklich.
    Dein Ganzkörper-Einsatz trägt Früchte, jetzt und später!
    Liebe Grüße Conny

  101. Annabelle Vongerichten November 14, 2020 at 1:19 pm

    Liebe Wiebke,

    ich liebe Deine Geschichten !
    Sobald ich anfange zu lesen, zaubern sie mir ein Lächeln ins Gesicht , oft muss ich laut auflachen und immer versüßen sie mir die Tage in Corona ; )
    Dankeschön und macht bitte weiter, auch wenn ich natürlich hoffe, dass Ihr bald wieder auftreten könnt.
    Euer Auftritt in Mainz wurde ja leider verschoben.

    Ganz liebe Grüße ,
    Anna

    PS : Die Idee mit der Coronatauglichen Süßigkeitenrutsche hat uns gut gefallen.

  102. Susanne Herbermann November 18, 2020 at 12:52 pm

    Ich bin vor kurzem auf Deinen Blog gestossen und lese nun jeden Morgen mit Freude Deine kleinen Geschichten und Abenteuer mit Deiner Familie. Deine Mutter hatte mir zwar, zu Beginn der Pandemie, von Deinem Blog über Corona berichtet, aber zu der Zeit (April) wollte ich irgendwann nichts mehr von und über Corona hören. Ich hatte keine wirkliche Vorstellung davon, was mich erwarten würde und nun bin ich begeisterte Leserin geworden, zumal mich Deine Geschichten an die Erlebnisse meiner Tochter mit Ihren zwei kleinen Kindern erinnern. Nun würde ich Dich dafür auch gerne zu einem Kaffee einladen, virtuell natürlich, ich weiß nur nicht, wie ich bezahlen kann.
    Herzliche Grüße aus Kiel, Susanne

  103. Elsa Brüggemann November 26, 2020 at 2:13 pm

    Das war wieder ein genialer Tagebucheintrag. DIe Idee in der Pressseabteilung oder besser noch in der Politik mitzuwirken sollte in die Tat umgesetzt werden.

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