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Mittwoch, 08. April 2020

Die Finanzkrise ist da. Also unsere ganz persönliche. Das weiß ich auch ohne Kontoauszug. Du weißt, dass die Finanzkrise da ist, wenn dein Ehemann Schnappatmung kriegt, weil du beim Rossmann-Einkauf den 10% Gutschein vergessen hast. Jetzt haben wir 6 Euro zum Fenster rausgeschmissen. Und das in Zeiten wie diesen. Nein, falsch! Ich, ICH habe 6 Euro zum Fenster raus geschmissen. Friedolin würde so was nie passieren. Er würde die Kinder im Rossmann vergessen, aber nicht den 10% Gutschein. In der Großstadt haben wir solche Gutscheine nie bekommen. Hier auf dem Land stecken die manchmal im Briefkasten. Weil gerade der männliche Dorfbewohner den Sinn von Drogerien nicht versteht und mit Gutscheinen aus seinem vertrauten Habitat gelockt werden muss. Denn Klopapier und Zahnpasta gibt’s ja auch im riesigen REWE. Gut, Klopapier gerade nicht. Daher schleichen die Dorfmännchen seit Corona in der Dämmerung vorm Rossmann herum, zögernd, ob sie ihr angestammtes Revier verlassen sollen.
In der Stadt waren Rossmann und Dm beliebte Treffpunkte junger Väter. Sie fachsimpelten dort mit Baby in der Bauchtrage über Windelpreise und die Schaumfähigkeit von Hafermilch. Hier auf dem Dorf ist Friedolin normalerweise der einzige Mann im Rossmann. Daher kennen ihn alle Weibchen des Territoriums. Wenn Friedolin keine Gutscheine mehr hat, lächelt er die alten Damen auf dem Parkplatz herzerweichend an. Wenn das nichts nützt, tanzt er für sie. Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf, lässt das Becken kreisen und spätestens dann stecken sie ihm ihre Gutscheine in den Hosenbund. Friedolin streitet das natürlich ab.

Dienstag, 07. April 2020

Meine Mutter ist auf kaltem Entzug. Drei Wochen allein in freiwilliger Quarantäne in der Stadt, drei Wochen ohne Enkelkinder. Die Substitutionstherapie aus Schokotrüffeln und Eierlikör schlägt nicht mehr an. Sie entwickelt bedenkliche Entzugserscheinungen. Täglich schickt sie uns Selfies von ihren selbstgebastelten Atemschutzmasken, mit denen sie andere Kunden im Supermarkt verschreckt. Die Strategie geht auf. Im Gegensatz zu uns hat sie immer Mehl und Klopapier. Vielleicht liegt es auch an ihrem ausgeprägtem Heuschnupfen. Sobald sie niesend und maskiert den Supermarkt betritt, leert sich das Geschäft schlagartig. Sollten die Supermärkte in Hannover pleite machen, meine Mutter ist Schuld. Als sie anfängt, die Enkelkinder ihrer Nachbarn zu stalken, ziehen wir die Reißleine. Denn nach drei Wochen Einzelhaft stellt sich die Frage: Was schützt mehr vor Krankheit: Isolation oder Glück? Sie braucht ihren Schuss Endorphine.
Die Luft ist mild und im Garten werden unsere hypothetisch infektiösen Kinder den Sicherheitsabstand zu ihrer geliebten Omimi schon einhalten. 30 Minuten später steht meine Zorro-Mutter vor der Tür und bringt Corona-Gastgeschenke: Klopapier und Mundschutze für die Kinder. Die Kinder haben Umarmungen für sie gebastelt. Zwei Papphände an einer Schnur. Die werfen sie ihr aus zwei Metern Entfernung um den Hals. Ich kneife mir mehrfach in den Arm, aber ich wache nicht auf. Die Kinder vermummen sich begeistert und richten im Garten eine Corona-Station für ihre Kuscheltiere ein. Sie führen in 30 Minuten deutlich mehr Tests durch als unser lokales Krankenhaus. Hier ist der Virus noch nicht angekommen. Vielleicht weil unser Internet so langsam ist. Von Minute zu Minute blüht meine Mutter im Spiel mit den Kindern auf. Schließlich springt sie lachend durch den Garten und schmeißt ihren Mundschutz in die Rabatten. Jetzt kann der Virus zusehen, wie er gegen diese Überdosis Glückshormone ankommen will.

Montag, 06. April 2020

„Mama, welche Farbe hat Fantasie?“ Ich versuche die Augen zu öffnen, aber die schlafen noch, die glücklichen. Ich kriege keine Luft. Jetzt habe ich aber wirklich Corona, denke ich. Doch es sitzt nur ein Kind auf meiner Brust. „Weiß ich nicht“, versuche ich zu sagen. Es klingt aber mehr wie „Wschnscht.“
„Wschnscht ist doch keine Farbe“, sagt meine Tochter. „Fantasie hat nicht nur eine Farbe, Fantasie ist alle Farben.“ Zufrieden klettert sie von mir runter. Natürlich nicht, ohne mir dabei in die Magengrube zu treten. „Schön, dass wir das geklärt haben“, ächze ich und dreh mich nochmal um. Vor Sonnenaufgang habe ich keine Sprechstunde. Das Zwielicht zwischen Wachen und Schlafen gehört mir ganz allein. Dort kann ich meine Träume steuern, Kurs Nord-Nordost, steifer Wind, Wellenrauschen, Möwenschreie… „Was fliegt, spuckt Feuer und wenn es im Himmel ist, fällt der Popo ab?“ lispelt eine kleine Stimme mit feuchter Aussprache in mein Ohr. Seltsamer Traum, denke ich, „Wschnscht“, sage ich. Wenn ich mal eine Reinigungsfirma gründe, wird das mein Slogan. „Falsch, eine Rakete“, sagt der Vierjährige und tippt mit klebrigen Fingern in meinem Gesicht herum.
„Ist heute Kindergarten?“
„Nein, immer noch nicht.“
Sonst will er nie in den Kindergarten. Jetzt darf er nicht, darum will er natürlich.
„Wann ist denn wieder Kindergarten?“
„Wschnscht.“
„Nach Corona?“
„Ja, nach Corona“, sage ich und fühle mich wie eine Hochstaplerin. Gerade kommt es mir vor, als ob es kein „nach Corona“ gäbe. Als ob wir weiter und weiter in dieser unwirklichen Seifenblase treiben, bis sie platzt. Hoffentlich fallen wir dann weich. In die Arme unser Freunde, in die Arme unserer Familie. Ich schließe noch einmal die Augen und träume davon. In allen Farben.

Sonntag, 05. April 2020

Es sind Ferien und wir brunchen in unserem Hotel. Friedolin mimt den Küchenchef, bei dem man sich wünscht, dass er ein Haarnetz tragen würde. Ich spiele den schlechtgelaunten Gast, der von der Putzkolonne geweckt wurde, weil er vergessen hat das „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür zu hängen. Unsere Tochter sitzt am Eingang zum Speisesaal und fragt nach der Zimmernummer. „Mein Zimmer hat gar keine Nummer“, sagt der Vierjährige verwirrt. „Dann darfst du hier auch nicht rein“, sagt die Große streng. Sie hat oft erlebt, wie ich auf Tour übernächtigt die Zimmernummer nicht wusste, weil wir ja jede Nacht das Hotel wechseln. Der Vierjährige ist kurz vorm Weinen. Dabei hat das Spiel gerade erst angefangen.
„Dann denk dir halt eine Zimmernummer aus“, sagt die Maître d‘hôtel gnädig.
„1000“, ruft er stolz.
„So viele Zimmer hat unser Hotel gar nicht.“
Daraufhin boxt er der Maître d‘hôtel in den Bauch. Sie kneift ihm in den Arm. Beide heulen. Theoretisch habe ich immer so gute Ideen. Praktisch stehe ich dann fassungslos davor, was meine Familie daraus macht. Schließlich einigen wir uns auf Zimmer Nr. 3 und dürfen rein. Das Buffett ist fantastisch. Die Kinder durften sich drei Dinge aussuchen, die es sonst nur im Hotel gibt. Sie waren sich sofort einig: Babybel, Lachs und essbare Marmeladenschälchen. Die klauen sie immer vom Buffet und knabbern sie wie Kekse. Die Ökodiktatorin in mir zuckt zusammen: der ganze Verpackungsmüll für einen winzigen Käse, noch nichtmal Bio und die Überfischung der Meere! Aber es ist Corona und der Nachwuchs soll glücklich sein. Nach dem Frühstück gehen wir an den Strand. Die Kinder haben ein altes Ofenrohr gefunden und mit der Schwengelpumpe hinten im Garten verbunden. So können sie den Sandkasten fluten und Gezeiten erzeugen. Sie bauen einen Steg aus Holzresten und verteilen Muscheln und Treibholz vom letzten Dänemark-Urlaub im Wattenmeer, während Friedolin und ich in der Sonne Kaffeetrinken. Als der Vierjährige dann noch kopfüber ins geflutete Hafenbecken plumpst, ist die Urlaubsstimmung vollkommen. Wie schön für uns und den Planeten, dass wir dank Corona nicht wegfahren durften.

Samstag, 04. April 2020

Was wir heute dank Corona Neues gelernt haben:
Der Vierjährige hat sich zum ersten Mal ans Klavier gesetzt und drauflos gespielt. Es klang wunderbar. „Ich wusste gar nicht, dass du so gut Klavier spielen kannst“, habe ich gesagt.
„Das habe ich mir gespart“, hat er geantwortet. „Ich hatte keine Zeit.“ Schließlich geht der Dorfkindergarten jeden Tag bis 12 Uhr.
Unsere 6-jährige Tochter hat mit Gebärdensprache begonnen. Ein Junge aus dem Neubaugebiet ist schwerhörig. Ihre ersten Gebärden sind Danke und Regenwurm. Damit lässt sich doch schon gut Konversation betreiben. Mehr Inhalt tauschen Erwachsene beim Smalltalk auch nicht aus. Ihr Mund und ihr Kopf sind ein Bienenstock aus Worten, die lautlose Sprache des Jungen fasziniert sie. Am liebsten spielt sie mit ihm Verstecken. Weil er beim Zählen nicht hören kann, ob sie über Kies oder Rasen davon rennt und das Spiel dadurch spannender wird. Das ist insofern praktisch, weil sie ohnehin nur noch Verstecken spielen dürfen. Dabei lässt sich der Sicherheitsabstand gut einhalten und die Polizei sieht immer nur höchstens zwei Kinder gleichzeitig. Ich frage sie, ob er ihr nicht mal die Gebärde für „Räum jetzt endlich dein Zimmer auf, verflixt nochmal“ beibringen kann. In dem Punkt hören unsere Kinder schlecht, vielleicht hilft gebärden. Doch sie zeigt nur augenrollend auf sich selbst und sagt: Ironiefreie Zone. Meine Tochter verwendet meine eigene Sprache gegen mich. Wenn sie in die Pubertät kommt, ist mein Tinnitus hoffentlich schon so laut, dass ich nicht mehr hören muss, was sie mir an den Kopf wirft. Aber bis dahin wird sie es gebärden können.
Friedolin hat gelernt, dass es ungünstig ist, einen neuen Supersandkasten fertig zu bauen, wenn das Kieswerk wegen Corona geschlossen hat und er gar keinen Sand holen kann.
Ich habe gelernt, dass meine verstreute Familie an Ostern wegen Corona gar nicht zusammen kommen kann. In den letzten Jahren hatte ich mir so oft Ruhe vor Familientrubel gewünscht. Jetzt habe ich meine Ruhe und es bricht mir das Herz.

Freitag, 03. April 2020

Heute backt Friedolin unseren Geburtskuchen. Zur Feier des Tages, weil es Mehl im Supermarkt gab. Und weil die Kinder das geheime Eiernest gefunden haben. Sieben Eier lagen versteckt im Igelhaus. Das hatte ich dem Igel im letzten Herbst gebaut, aber er zog es vor, unter der alten Zinkwanne zu überwintern. Die Tiere in unserem Garten machen einfach nicht, was sie sollen. Die Amseln ignorieren die Vogeltränke und baden lieber im rostigen Tonnendeckel. Die Hummeln meiden das Insektenhotel und sind hinter der Starkstromsteckdose eingezogen. Und die Frösche haben immer noch nicht verstanden, dass ihr Teich vorübergehend ein Sandkasten ist. Da können die Kinder nicht so schnell drin ertrinken. Die Frösche sehen daher während der Paarung leicht paniert aus.
Die Geschichte mit dem Geburtskuchen hatte uns unsere Hebamme eingebrockt. Beim ersten Kind dauert die Geburt in der Regel ja etwas länger. Daher riet unsere Hebamme, beim Einsetzen der Wehen erstmal einen Kuchen zu backen. Damit wir nicht so oft auf die Uhr schauen und nicht durch drehen. Ich bin trotzdem durchgedreht, als es losging. Weil wir keine Zitronen mehr hatten. Für jedes Geburts-Szenario hatte ich einen Plan-B, nur für den Joghurt-Zitronen-Kuchen nicht. Mit Frauen in den Wehen kann man schlecht diskutieren. Also musste Friedolin einkaufen und ich atmete Wehen weg. Nach einer Stunde kam er mit einem Großeinkauf zurück. Zitronen hatte er vergessen. Also musste er wieder los und ich atmete weiter Wehen weg. Den gemeinsamen Geburtskurs hätten wir uns sparen können. Als er mit den Zitronen zurück war, brachte ich nur noch raus: „Geh backen, sprich mich nicht mehr an.“ Dann kamen die Wehen schon alle fünf Minuten, aber wir konnten nicht ins Geburtshaus. Der Kuchen war ja noch im Ofen. Beinahe wäre unsere Tochter im Auto zur Welt gekommen. Aber der Kuchen war dufte.
Seitdem backt Friedolin immer Geburtskuchen, wenn unser Leben aus den Fugen gerät. Der Kuchen erinnert uns daran, nicht alles im Leben planen zu müssen. Es kommt ohnehin anders. Und er macht uns Hoffnung auf ein gutes Ende. Seit Corona planen wir gar nichts mehr. Wir machen es wie die Tiere in unserem Garten und improvisieren. Und wir versuchen, nicht an morgen zu denken. Dazu passt Geburts-Kuchen ganz ausgezeichnet.

Das Geburtskuchen-Rezept ist einfach (sofern man Zitronen im Haus hat):

200 g weiche Margarine mit 200 g Zucker und 1 Pkt Vanillezucker schaumig schlagen. 3 Eier von glücklichen Hühnern einrühren. Saft und Schale von 1 Zitrone und 150 Bio- oder Soja-Joghurt unterrühren. 300 g Mehl und 1 TL Backpulver sieben und unterrühren. In einer Kastenform bei 175 Grad ca. 55 Minuten backen. Wer mag, mit Zitronen-Puderzucker glasieren.
Haltet durch.

Donnerstag, 02. April 2020

Die Nachbarskinder halten mich für eine Hexe. Weil ich diesen magischen Heilkräutergarten habe. Sonst pflanzt man im Dorf gerne Kies. Außerdem wohnt eine Schleiereule auf unserem Dachboden. Und sie haben mich an Mittsommer erwischt, wie ich frühmorgens im weißen Nachthemd barfuß durch den Tau getanzt bin. Ganz eventuell habe ich auch damit gedroht, sie in Kröten zu verwandeln, wenn sie noch einmal durch meine Rabatten trampeln. Im Mittelalter wäre ich definitiv verbrannt worden. Dank meiner Heilkräuter muss ich mit meiner Blasenentzündung nicht in ein kontaminiertes Wartezimmer. In meiner Hexenküche warten Schraubgläser voller Goldrute, Birke und Brennnessel. Tinkturen von Kapuzinerkresse und Meerrettich, Weidenrinde und Mädesüß.
Je länger Corona dauert, desto dankbarer bin ich, dass wir schon immer so viel selbst machen. Wir sind nicht schuld an Amazons Rekordumsatz. Friedolin baut, repariert, erfindet. Ich pflanze, koche ein, nähe, mixe Putzmittel und Cremes und lasse unsere kleine Hausapotheke wachsen. Es könnte so idyllisch sein. Wenn wir nicht ständig streiten würden, wer wie viel Zeit für seine Aufgaben bekommt. Meistens verliere ich. Weil Warmwasserkollektoren auf dem Dach reparieren deutlich cooler ist, als das Klo zu putzen. Ich war mal sehr gut im Heimwerken. Bis Friedolin jedes Mal nervös neben mir stand, sobald ich einen Akkuschrauber zur Hand nahm. Er will auch mal zeigen, wo der Hammer hängt.
Ob ich kein Kraut gegen Corona habe, fragen die Kinder. „Ich weiß es nicht“, sage ich. Viele Pflanzen haben antivirale Wirkstoffe und werden pharmazeutisch genutzt. In meinem Garten wächst Kleine Braunelle, die unfassbar gut gegen Herpes hilft. Und meine Zistrose kann Zellen gegen Influenza-Viren stärken.
„Du bist doch eine Hexe, zauber Corona einfach weg“, sagen die Kinder. „Äh, ja, aber Corona kommt aus China und ich kann nur einheimischen Husten wegzaubern“, nuschele ich schnell. „Wer will Eis?“ Ich habe einen Ruf zu verlieren.

Mittwoch, 1. April 2020

Ich habe Fieber. Erst dachte ich, mein Körper erlaubt sich einen Aprilscherz. Aber das erledigen heute die Kinder. Während ich delirierend im Bett vor mich hinvegetiere, platzen die Kinder alle fünf Minuten ins Schlafzimmer und brüllen:
„Mama, der Schlauch von der Waschmaschine ist geplatzt!“
Oder: „Mama, da ist schon wieder eine Kröte im Wohnzimmer!“
Oder: „Mama, Papa hat uns gerade eine Stunde lang ein Buch vorgelesen.“
„April, April, der macht, was er will“, sage ich kraftlos. Die Kinder schauen mich verständnislos an. Das mit dem Buch war gar kein kein Aprilscherz. Ich sollte öfter krank sein. Dann klappen plötzlich Dinge, die sonst aus dem einfachen Grund nicht klappen, weil ich sie ja machen kann. Theoretisch ist Friedolin ein großartiger Vater. Praktisch halte ich ihn immer davon ab. Ich hab mir mal absichtlich einen Nabelbruch zugezogen, damit Friedolin kochen lernt. Zwischen Friedolin-kocht-Nudeln-mit-Wasser und Friedolin-kocht-Ziegenkäse-Gratin-mit-Rote-Beete-Schaum lag genau eine Woche. Da musste ich nach der OP das Bett hüten. Ich hab übrigens nicht Corona. Sollte ich vielleicht dazu sagen. Es ist eine banale Blasenentzündung. Wobei so banal fühlt die sich gar nicht an. Ich habe mich vermutlich bei meinem Huhn angesteckt. Miss Granger ist krank, sie kriegt ihr Ei nicht raus. Kann ich gut verstehen, ich würde in diesen Tagen auch kein Kind in die Welt setzen wollen. Auf die genaue Form der Ansteckung möchte ich gar nicht eingehen. Das hatte etwas mit einer Hühnerbadewanne und aufsteigenden Bakterien zu tun. Und weil ich tollpatschig bin, wenn ich zuviel gleichzeitig mache und mich beim Aufstehen mit dem verkeimten Badewasser… aber lassen wir das. Alle kriegen Corona, nur ich kriege eine Hühnerblasenentzündung Manchmal geht mein Drang zum Individualismus wirklich zu weit.

Dienstag, 31. März 2020

Heute schwebte eine unwirkliche Melodie durch unser Dorf. „Kinder, ein Drehorgelspieler“, rief ich aufgeregt. Friedolin lachte nur. „Das ist der Schrotthändler, du Stadtkind“. Manchmal fährt der Schrotthändler durchs Dorf und aus dem Megaphon auf seinem Autodach ertönt eine melancholische Melodie. Zu diesen lieblichen Klängen tragen die Dorfbewohner dann träumerisch ihr Altmetall an den Straßenrand. Oder ihre gepiercten Teenager. Natürlich gibt es bei uns keine Straßenmusikanten. Wir haben ja noch nicht mal vernünftige Bürgersteige, geschweige denn einen Dorfplatz. Und außerdem sind bald alle Musiker verhungert, wenn der Staat seine Soforthilfen nicht justiert. Aber es war auch nicht der Schrotthändler. Vor dem Seniorenheim spielte ein Blockflöten-Duo. Die Alten rollten mit diversen Gefährten auf ihre Balkone oder wurden gerollt und lauschten andächtig. Unten auf den Bänken vor dem Heimeingang lagen bunte Briefe und Ostereier. Die Dorfkinder waren einem Aufruf gefolgt und hatten für die Senioren gebastelt. Die Heimbewohner sind einsam, sie dürfen ja gerade keinen Besuch bekommen. Manchmal stehen Angehörige vor der Residenz und rufen zu den Balkonen hinauf. Das erinnert an Gefängnisszenen aus amerikanischen Filmen. Oder an Romeo und Julia mit Falten. Wir haben unsere Regenbogen dort abgegeben. Es gab ja diesen Aufruf #regenbogengegencorona. Alle Kinder sollten Regenbogen basteln und in ihr Fenster hängen, damit andere Kinder im Vorbeigehen sehen, dass dort auch ein Kind in Isolationshaft sitzt. Der Regenbogen soll Hoffnung spenden. Mein Regenbogen spendet nur Gelächter. Meine Bastelarbeiten sehen grundsätzlich aus, als wäre ein Linienbus drüber gefahren. Ich sag dann immer, der Vierjährige war’s. Weil wir am Ende einer Sackgasse wohnen und bei uns nie jemand vorbei läuft, war das mit dem Regenbogen im Fenster jedoch etwas witzlos. Und da ich mit diesen ganzen Corona-Aufrufen ohnehin durcheinander komme, brachten wir unsere Regenbogen ins Seniorenheim. Die können Gelächter gerade gut gebrauchen.

Montag, 30. März 2020

Heute gehen wir zum Frisör. Gemeinsam mit Astrid Lindgren. Das funktioniert so, dass die Kinder sich ihre Zauberumhänge anziehen und erwartungsfroh in unserem Frisiersalon am Küchentisch Platz nehmen. Sie freuen sich, weil sie beim Haareschneiden auf dem Laptop Bullerbü gucken können. Sonst dürfen sie nur fernsehen, wenn schlechtes Wetter ist. Und da es seit dem Klimawandel in unserem Dorf kaum noch regnet, kommt das selten vor. Eigentlich soll das Fernsehen beim Stillsitzen helfen, aber für den Vierjährigen ist selbst Bullerbü so aufregend, dass er vor Freude und Spannung zittert. Wenn er auf Tour im Hotel mal normales Kinderfernsehen gucken darf, muss er zwischendurch in eine Tüte atmen. Und ich auch. Kinderfernsehen ist so sensationslüstern geworden. Es geht nur noch um superaufregende Ereignisse, superbesondere Talente und superstarke Zauberkräfte. Oder irgendwas mit Pferden. Es gibt kaum noch normale Geschichten von normalen Kindern. Also schneide ich Haare mit Astrid Lindgren. Bei Friedolin nützt jedoch selbst Bullerbü nichts. Wenn ich seine Haare schneide, mault er, weil es ihm zu lange dauert. Seine Geduldsspanne liegt noch unter der des Vierjährigen. Also schneidet er selbst im Badezimmer vor dem Spiegel. Und zwar immer genau dann, wenn ich gerade das Bad geputzt habe. Waschbecken und Fußboden sehen hinterher aus, als ob jemand ein Schaf mit braunen Haaren geschoren hätte. Wohlbemerkt, nachdem Friedolin glaubt, alles wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt zu haben. Ehemänner mit Glatze haben durchaus Vorteile.
Ich schneide mir die Haare immer selbst, weil ich mich nie mit Frisörinnen drauf einigen kann, was „Bitte nur die Spitzen schneiden“ bedeutet. Ich meine damit: Bitte nur die Spitzen schneiden. Auf frisösisch übersetzt heißt das aber: Ich hätte gern einen flotten Kurzhaarschnitt. Die meisten Frisösen waren im vorherigen Leben Holzfäller. Bei einer Nordmanntanne sind 20 cm nur die Spitze.

Sonntag, 29. März 2020

Ich mache die Zeitumstellung nicht mit. Für irgendwas muss Corona ja gut sein. Die Kinder gehen nicht zur Schule, wir sind arbeitslos, mit niemandem verabredet, wozu die Quälerei? Uns wird gerade so viel genommen, da lasse ich mir nicht auch noch eine Stunde klauen. Jetzt muss ich nur noch Schlafmasken für die Amseln vor meinem Fenster nähen, damit die den Sonnenaufgang nicht mitbekommen. Im Winter füttere ich sie, im Frühling möchte ich sie erwürgen. Wenn Friedolin morgens um 5 Uhr so lautstark gezwitschert hätte, um mit mir Babys zu machen, gäbe es unsere Kinder nicht. Knapp vier Millionen Europäer haben für die Abschaffung der Zeitumstellung gestimmt und müssen trotzdem bis 2021 warten, weil sich unser Parlament nicht auf Sommer- oder Winterzeit einigen kann. Weil sie einen Zeitflickenteppich befürchten. Du liebe Güte, in Europa werden gerade ganze Länder in Dornröschenschlaf versetzt, da kann es ja wohl nicht so schwer sein, mal die Finger von der Uhr zu lassen. Auch wenn sie mal wieder abgestaubt werden muss. Wenn ihr diese Zeilen am Morgen lest, werde ich noch schlafen. Sonntags macht Friedolin Frühstück. Ihr dürft Euch gerne aussuchen, ob dieser Text in Zukunft zur Winter- oder Sommerzeit erscheinen soll. Unten in den Kommentaren. Wenn knapp vier Millionen abstimmen, halte ich mich auch dran. Da kann die EU noch was von mir lernen.

Samstag, 28. März 2020

Seit Tagen überfliege ich die Schlagzeilen, wann Soziale Distanzierung endlich auch für Ehepartner vorgeschrieben wird. Wäre doch dem häuslichen Frieden zuträglich, wenn man nicht mit dem eigenen Mann in Quarantäne hätte gehen müssen. Nun hocken wir hier aufeinander und denken uns Hobbys aus.
Friedolin übt Zaubertricks. Er lässt sich andauernd selbst verschwinden. Vielleicht hat er die Schlagzeile gefunden und mir nichts davon gesagt. Schön wäre nur, wenn er die Kinder mit in seinen Hut nehmen würde. Vielleicht wird es besser, wenn wir Kaninchen haben.
Die 6-Jährige hat Fotografie für sich entdeckt. Gestern hat sie 130 Fotos von den neuen Hühnern gemacht. Das erinnert mich daran, wie ich mir zum ersten Mal die Kleinbildkamera meiner Eltern bei einem Schulausflug ausleihen durfte. Mit zwei Farbfilmen. Mein Vater war nicht erfreut, als er 20 Mark für das Entwickeln von 72 Pinguin-Fotos bezahlen musste. Ich war schon immer meiner Zeit voraus. Heute macht jeder 72 Fotos von ein und demselben unnötigen Motiv. Sich selbst zum Beispiel.
Der 4-Jährige schließt sich seit Corona gern auf dem Klo ein. Das hat er von seinem Vater. Friedolin liest dort Zeitung. Weil er das Sofa nicht abschließen kann. Unser Sohn telefoniert mit seiner Großmutter. Stundenlang. Das Klo ist der einzige Ort, wo er in dieser Familie voller Klugscheißer mal ausreden darf. Eigentlich will ich diese Telefonate nutzen, um was im Haushalt zu erledigen. Aber meistens lausche ich, weil ich dabei viel lerne. Am 21. März hat er ihr das Prinzip von Tag-und-Nacht-Gleiche erklärt. Das kennt er, weil wir an dem Tag immer Stockbrot machen. Gestern war Thema, dass Schafe keine Schneidezähne im Oberkiefer haben. Bei Tischgesprächen erfreut er Besucher auch gern mit Einwürfen wie: „Früher gab es nur einen Kontinent. Der hieß Pangäa.“ Die Tatsache, dass er dabei ein Lätzchen trägt und einen ausgeprägten S-Fehler hat, macht solche Sätze umso eindrucksvoller.
Mein neues Hobby ist das Spiel: Was liegt auf meinem Po? Dabei lege ich mich aufs Sofa, schließe die Augen und die Kinder legen Gegenstände auf meinen Hintern, die ich erraten muss. Die Kinder lachen sich dabei so scheckig, dass es nicht auffällt, wenn meine Antworten ausbleiben.

Freitag, 27. März 2020

Mein erstklassiges Kind und ich traumatisieren uns gerade gegenseitig. 1. Klasse-Mathe überfordert uns. Sie versteht es nicht und ich verstehe nicht, warum ich sie damit quälen muss. Schließlich ist Frühling und Corona und die Welt wird in Zukunft ohnehin von Robotern beherrscht. Wir können durchaus 15 – 3 – 7 rechnen, aber Rechenquadrate und Logikaufgaben überfordern uns. Sie schreibt großartige Kurzgeschichten, von wasserscheuen Wölfen und eingebildeten Mäusen, mit Pointe und Moral von der Geschicht. Darin ist sie mit ihren sechs Jahren allen Roboter voraus. Sie liest ihrem kleinen Bruder auch jeden Morgen ein Buch vor, seit ich ihnen verboten habe, vor 6:30 Uhr das Kinderzimmer zu verlassen. Dennoch denkt sie, sie sei dumm. Weil sie die abstrakten Mathe-Aufgaben nicht versteht. Praktischen Matheunterricht gab es in der Schule nicht. Ihr Mathe lebensnah beizubringen, ist jetzt mein Job. Ich muss sowas googeln. Ich war so schlecht in Mathe, dass mein Mathelehrer Herr Rohrbach sich in der 12. Klasse auf einen Deal mit mir geeinigt hatte: Wenn er mich dran nahm, sagte ich ein Heinz Erhardt-Gedicht auf. Jedes Mal ein anderes. Ansonsten ließen wir uns in Ruhe. Wenn die PQ-Formel sich gereimt hätte, hätte ich in Mathe 15 Punkte gehabt. Also zerknülle ich den Aufgaben-Zettel meiner Tochter und sage: Hinter eines Baumes Rinde wohnt die Made mit dem Kinde. Dann gehen wir Trampolin springen. Schwerkraft ist ja auch Mathe. Oder Physik? Egal, spring in den Himmel.
Ich verlange, die Verbeamtung aller Eltern, die ihre Kinder gerade zuhause unterrichten. Inklusive Sonderzahlung und Pension. Wenn wir es schaffen, zwischen Home-Office, Geldsorgen und Corona unseren Kindern die Freude am Lernen zurückzugeben, haben wir das allemal verdient.

Donnerstag, 26. März 2020

Gestern hat es im Dorf gebrannt. Ganz zur Freude unserer Kinder. Der alte Herr W. hatte mit dem Unkrautflämmer seine Lebensbaumhecke in Brand gesetzt. Da wir in diesem Jahr wegen Corona auf das Osterfeuer verzichten müssen, waren wir Herrn W. sehr dankbar, dass er die Dinge selbst in die Hand genommen hat. Wir wissen auch noch gar nicht, wo wir unseren Grünschnitt loswerden. Kein Osterfeuer, das Kompostwerk hat zu und die Nachbarn mit dem Schredder sind in freiwilliger Quarantäne. Vielleicht sollten wir uns Herrn W.s Unkrautflämmer ausleihen. Als die ganze Straße unter Qualm stand, kamen die Nachbarn mit Wassereimern angerannt und löschten den Brand. Es dauerte ein bisschen länger, weil sie bemüht waren, den Sicherheitsabstand von 2 Metern einzuhalten. Die Kinder hüpften wie Flummis auf und ab und feuerten sie an. Als dann noch die Sirene im Dorf losging und die Dorffeuerwehr mit Tatütata und dem maroden Löschfahrzeug mit der undichten Wasserpumpe kam und die ganze Straße flutete, waren die Kinder restlos glücklich. Sie sprangen in den Pfützen herum und sangen den Kindergarten-Smash-Hit: „Die Feuerwehr, die Feuerwehr, die hat ’nen langen Schlauch, der Hauptmann von der Feuerwehr, der hat ’nen dicken Bauch.“
Wer braucht da noch Disney+.

Mittwoch, 25. März 2020

Nachts habe ich immer Corona. Tagsüber geht es mir gut, dann genieße ich die Entschleunigung. Sogar unser Internet macht langsamer als sonst. Nachts muss ich nur einmal husten und schon hab ich Corona. Dann wälze ich mich unruhig im Bett hin und her und stelle mir vor, dass ich auf eine Isolierstation muss und meine Kinder nicht mehr sehen darf. Meine Persönlichkeit ist ziemlich facettenreich. Vielleicht ist ja auch ein alter Mann mit Asthma darunter. Alle im Haus schlafen. Nur ich und der Marder sind noch wach. Der kommt immer erst auf den Dachboden, wenn Friedolin schläft. Er weiß, dass es sonst Ärger gibt. Ich fühl mich fiebrig. Corona. Es könnte auch an Friedolin liegen, der nachts in den Hochofenmodus schaltet. Wir können getrost unsere Kohlekraftwerke abschalten. Friedolin schafft das allein. Mein Hals kratzt. Das ist jetzt aber Corona. Dann fällt mir ein, dass ich vorhin für die Kinder lautstark gekräht habe. Immer wieder. Sie wissen nicht, wie laut ein Hahn ist, da unsere Hühner eine fröhliche Queer-Comunitiy sind. Alle sind lesbisch, nur Rambo ist transgender. Also doch nicht Corona. Ich hab mich wund gekräht. Wenn ich selbst kein Corona habe, dann bestimmt jemand, den ich liebe. Meine Schwester zum Beispiel. Die ist Ärztin und wird ständig angehustet. Als ich ein Kind war, hat meine Mutter zu mir gesagt: „Stell dir was Schönes vor, wenn du nicht schlafen kannst. Denk an deinen Geburtstag oder Weihnachten.“ Aber seit ich über 30 bin, denke ich nicht mehr gerne an meinen Geburtstag. Und Weihnachten ist noch lange hin. Außerdem gibt es keinen Schnee mehr in Niedersachsen wegen des Klimawandels. Läuft gerade nicht so mit den schönen Gedanken. Mache ich mir ein Hörbuch an. Das Internet funktioniert wieder nicht. Also gehe ich auf den Dachboden und leiste dem Marder Gesellschaft.

Dienstag, 24. März 2020

Chips und Netflix helfen auf Dauer nicht gegen Corona. Also gehen wir heute unser Immunsystem stärken und sammeln Wildkräuter. Der Frühling ist da und er schmeckt lecker. Gundermann, Knoblauchsrauke, Bärlauch, Giersch… wächst alles in unserem Garten. Damit haben wir den Biologieunterricht abgehakt und brauchen nicht in den Supermarkt. Die Kunden mit Atemschutzmasken und Gummihandschuhen machen mir Angst. Und die ohne auch. Am meisten Angst macht mir meine Mutter. Die lässt ihren Einkauf jetzt immer 72 Stunden liegen, bevor sie davon isst. Weil sie gelesen hat, dass der Virus sich 72 Stunden auf Oberflächen hält. Der Mozzarella ist nach 72 Stunden vielleicht schon hin, aber wenn es gegen die Angst hilft, bitteschön. Die Corona-Diät. Angst und Logik gehen selten Hand in Hand. Die meisten meiner Freunde würden keinen Wildkräutersalat essen. Weil da ein Fuchs drauf gepinkelt haben könnte. „Dafür hat auf euer Essen ein Schwein gekackt“, sage ich. Aber das zählt nicht. Weil das Schwein ja nicht wirklich drauf kackt, sondern der Trecker die Gülle verteilt. Und das kackende Schwein sehen wir nicht, weil es sein Geschäft in Megaställen verrichtet. Diese Deutsche Pipi-Kacka-Logik habe ich nie verstanden. Wenn unser Nachbar seinen Hund an unser Gartentor pinkeln lässt, ist das nicht schön, aber gesellschaftlich toleriert. Wenn ich meinen Vierjährigen an die Haustür meines Nachbarn pinkeln ließe, bekäme ich vermutlich ein Anzeige. Wobei, es käme auf einen Versuch an.

Montag, 23. März 2020

Gibt es Frühaufsteher als Beruf? Wenn ja: Ich stelle ein. Wenn die Kinder um 6 Uhr fröhlich kreischend auf mich draufspringen, möchte ich mich #RegrettingMotherhood anschließen. Ich bin eine Eule durch und durch. Es ist mir ein Rätsel, wie ich zwei Lerchen bekommen konnte. Das sollte biologisch gar nicht möglich sein. Über die Corona bedingte Schulschließung habe ich mich gefreut. Fünf Wochen ausschlafen. Aber unsere Kinder haben einen Biorhythmus aus Beton. Selbst wenn wir sie später ins Bett schicken, stehen sie trotzdem um 6 Uhr auf. Sie sind dann nur genauso schlecht gelaunt wie ich. Sie brauchen Wochen, um sich an die Zeitumstellung zu gewöhnen. Eigentlich brauchen sie bis zur nächsten Zeitumstellung. Ich liebe meine Kinder. Ich habe keine Nacht bereut, in der ich ein kotzendes Kleinkind im Arm gehalten habe. Alles besser als Pubertät. Wobei sie in der Pubertät hoffentlich länger schlafen. Auch wenn sie dann Scheiße drauf sind und Drogen nehmen, Hauptsache ich kann endlich mal ausschlafen. Seit Corona schlafe ich unfassbar schlecht ein. Die Gedanken kreisen. Soviele Hörbücher kann ich gar nicht hören. Eigentlich wollten Friedolin und ich uns mit dem Frühaufstehen abwechseln. Aber wenn er mit den Kindern aufsteht, spielen sie bei Sonnenaufgang vor meiner Schlafzimmertür Fußball oder prügeln sich oder singen lautstark Jingle Bells. Während Friedolin etwas ganz Dringendes zu erledigen hat.

Sonntag, 22. März 2020

Die Kinder haben Angst vor der drohenden Ausgangssperre. Weil der Osterhase dann auch nicht kommen kann. Sie wissen, dass Corona zuerst von Tieren übertragen wurde.
„Der Osterhase ist bestimmt in Kwarantäne“, sagt der Vierjährige. Er ist stolz auf seinen neuen Corona-Wortschatz.
„Quatsch, den Osterhasen sieht doch eh nie ein Mensch“, sagt die Sechsjährige. „Der hat Sicherheitsabstand, der steckt sich nicht an.“
Sie überlegen auch seit Tagen, wer die ganzen Ostereier im Supermarkt kauft.
„Das ist für die Erwachsenen“, sage ich. „Denen bringt der Osterhase ja nichts.“
„Der Osterhase würde auch nie Eier verteilen, die in soviel Aluminium verpackt sind“, sagt die Große.
„Und Plastik“, kräht der Vierjährige. Zu Weihnachten hatte er sich gewünscht, dass die Menschen weniger Plastik verbrauchen. Sein kleines Leben ist schon von recht großen Themen überschattet.
„Joni aus dem Kindergarten wünscht sich die Lego Feuerwehrstation zu Ostern“, sagt er.
„Aber bestimmt nicht vom Osterhasen“, sagt die Große. „Die ist auch aus Plastik.“
„Von wem dann?“
„Von seinen Eltern?“
„Schenken denn Eltern ihren Kindern auch was zu Ostern“?
„Ja, falls der Osterhase in Quarantäne ist“, sage ich und überlege, wie ich unverpackte Schokoeier hygienisch im Garten verstecken kann.

Samstag, 21. März 2020

Heute ist heimschulfrei. Also haben die Kinder bis 6 Uhr geschlafen. Wie immer, wenn frei ist. Vor dem Frühstück hat unsere 6-jährige Tochter beschlossen, sich selbst Klavierspielen beizubringen. Drei Töne mag sie besonders gerne. Die spielt sie immer wieder. Und wieder. Ich habe selten so eine Ausdauer bei ihr erlebt. Es klingt wie der Soundtrack zu einem Hitchcock-Thriller. Der Vierjährige ist genervt von dem Privatkonzert und kippt lautstark die Duplo-Kiste aus. Aber wozu gibt es denn das Forte-Pedal. Friedolin ist nirgends zu sehen. Wie so oft in den letzten Tagen hat er irgendwas ganz dringendes zu erledigen. Blöd, dass er immer zuerst drauf kommt.
Seit Corona sind die Kinder erstaunlich kreativ. Auf Langeweile folgt Phantasie. Jetzt hören wir auch wieder die Nachbarskinder in den Gärten, die sonst die ganze Woche Freizeitstress haben: Judo, Klarinettenunterricht, Fußball, Tanzen, zwischen Fördern und Überfordern liegt ein schmaler Grad. Der Druck der Leistungsgesellschaft ist schon bei den Kleinsten angekommen, es bleibt kaum Zeit zum freien Spielen. Jetzt hallt wieder Kinderlachen durch das sonst so stille Dorf. Und selbst die Bundesstraße hält inne und lauscht.

Freitag, 20. März 2020

Weil man ja keine Hamsterkäufe mehr machen soll, haben wir Hühner gekauft. Unsere alten Hühner sind schon Omas und legen kaum noch Eier. Außerdem sind sie in freiwillige Quarantäne gegangen, weil sie zur Risikogruppe gehören. Wenn sie mal ein Ei legen, verstecken sie es so gut im Gebüsch, dass nur der Fuchs es findet. Der Züchter hatte keine Skrupel, trotz Corona die Hühnerübergabe mit uns abzuwickeln. Zur Begrüßung wollte er uns die Hand schütteln. „Ich bin da nicht so“, sagte er. Er arbeite in der Pharmaindustrie, da hätten sie Pillen für alles.
„Dann hätte ich gern Pillen für Ehepaare, die sich wegen Corona auf den Sack gehen“, habe ich gesagt. Fand er nicht witzig. Die Leute lachen lieber, wenn sie Eintritt zahlen.
Eine neue Henne hat direkt die alte Leithenne gechallenged und blutig gepickt. Wir haben sie Rambo getauft. Uns ist Gender Mainstreaming sehr wichtig. Wenn jetzt nach Klopapier und Desinfektionsmittel auch noch Eier knapp werden, sind wir mit Rambo gut gegen Eier klauende Nachbarn gewappnet.

Donnerstag, 19. März 2020

Letzte Nacht haben Friedolin und ich die Tankstelle überfallen. Zwar nur im Traum, aber ich war trotzdem von meinem kriminellen Potential beeindruckt.
Aus irgendeinem Grund hatten wir einen Schlüssel für die Tankstelle, also nix mit Hände hoch und so, wir sind rein, haben die Kasse aufgeschlossen und nur ein paar müde 5 Euro Scheine vorgefunden. Mein erster Gedanke: Praktisch, haben wir ein paar Fünfer für unseren CD-Verkauf. Dann hab ich Panik gekriegt, weil wir keine Handschuhe trugen. Wer weiß, ob sich der Tankstellenwart immer die Hände gewaschen hat. Na, toll, jetzt kommen wir wegen 30 Euro in Quarantäne, dachte ich. Wir waren auf allen Überwachungskameras drauf, weil wir keine Atemschutzmasken bekommen hatten.
Mein Unterbewusstsein funkt Verarmungswahn. Jetzt werden auch schon Auftritte im Juni abgesagt.
Ideen für dubiose Geschäftsideen bitte per PN an uns.

Mittwoch, 18. März 2020

Unsere Eltern aus Hannover sind in freiwillige Quarantäne gegangen. Das ist die freundliche Umschreibung von: Wir wollen euch nicht mehr sehen. Wahrscheinlich nutzen gerade viele Corona, um unbeliebte Verwandte loszuwerden. Wir sind unbeliebt, weil wir zwei Kinder haben. Und da ein Kind laut Influenza-Influencer Kekulé 3000 Menschen anstecken kann, macht das bei 2 Kindern 6000 Menschen, da wären bestimmt auch die paar Großeltern drunter.
Jetzt haben wir also fünf Wochen die Kinder zu Hause, verdienen keinen Cent und die Großeltern sind futsch.
„Machen wir das Beste draus“, sage ich.
„Ja, wir gehen Schwimmen“, rufen die Kinder.
„Ähh, nee.“
„In den Zoo?“
„Auch nicht.“
„Kletterhalle.“
„Nope.“
„Spielplatz?“
Jetzt verhandeln wir über Corona-Kaninchen.

Dienstag, 17. März 2020

Die Schließung der Spielplätze haben wir erheitert zur Kenntnis genommen. Auf unserem Dorfspielplatz ist immer Corona. Der Dorfbewohner baut ja lieber im eigenen Garten einen Spielplatz mit Trampolin, Seilbahn und Pool. Oder hat einen Bauernhof. Da kann das Sandloch voller Kippen am Feldrand mit dem verrosteten Drehkarussell nicht mithalten. Wenn die Dorfkinder ihre Grundstücke verlassen, fahren sie mit dem Fahrrad zur Tankstelle an der Bundesstraße.
Anfangs waren wir oft auf dem Spielplatz. Als Ex-Großstädter suchten wir Kontakt zu den Einheimischen. Lief nicht so gut, war ja keiner da. Aber unsere Kinder haben gern in den Büschen um den Spielplatz Verstecken gespielt. Bis Kehrmaschine vom Bauhof die Hecken auf 50 cm runter geschnitten hat. Er heißt bei den Kindern Kehrmaschine, weil er sonst die Kehrmaschine fährt. Und den Kindergartenbus, wenn die Kindergartenbusfahrerin krank ist. Die Hecken waren der einzige Wind- und Sonnenschutz am Feldrand und haben die Kinder vor Staub und Glyphosat geschützt „Das wächst nach“, sagte Kehrmaschine. „Jetzt hab ich fünf Jahre Ruhe mit Schneiden.“ Nach zwei Jahren hat er wieder alles runter geschnitten. Das nennt man Bauhof-Schaltjahr. Ich leg mich nicht mit ihm an, wir brauchen den Kindergartenbus. Ich geh eh nicht gern auf den Spielplatz. Mein Hintern ist für die Schaukeln zu dick.

Montag, 16. März 2020

Unser 1.Klasse-Schulkind maulte heute früh:
„Ich will nicht Schule machen, es sind Ferien.“
„Das hier sind keine Ferien, das ist Corona. Also, Hefte raus.“
Als der Protest anhielt, sagte ich:
„Wir spielen jetzt Schule. Du setzt deinen Ranzen auf, gehst zum Bus, wartest fünf Minuten und wenn du wieder kommst, ist hier die Schule und ich bin die Lehrerin“.
Das fand sie witzig und wir haben brav Schule gemacht. Der Haken an der Sache war, dass jetzt alle im Dorf erzählen, Familie Eymess würden ihre Kinder trotz Corona zur Schule schicken, weil sie unsere Tochter an der Schulbushaltestelle sitzen sahen.

Text: Wiebke Eymess
Fotos: Friedolin Müller

17 Kommentare zu “Tage in Corona

  1. Die Tagebuchgeschichten brechen Zacken aus der Viruskrone. Das Schmunzeln, was die Geschichten auslösen stärken das Immunsystem und sind daher ein wirksames Mittel gegen die Ansteckungsgefahr. Ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag.

  2. Wildkräutersalat, tolle Idee
    Esse heute Rauke mit Frauke

  3. Sehr erheiternd. Danke! Tut gut in diesen Tagen 🙂

  4. Ein Anticoronaprogramm könnte Marder weggurgeln sein. Das ist für den ein bedrohliches Geräusch. Aber bitte kein Marderkontakt! Vielleicht ist er auch infiziert oder neuer Zwischenträger. Das Virus hat ja einen IQ über 150…

  5. Den Kommentar mit dem Dorfspielplatz finde ich sehr treffend. Trampolin, Baumhaus und Pool haben wir im Garten, nur die Seilbahn ist noch nicht installiert – die Kinder drängeln aber auch schon. Herzliche Grüße aus Dankelshausen!

  6. Wie erklären die Kinder die Wirkung des Virus und was sie dagegen machen können. Die Verbindung zu eurem Familiengeschehen erleichtert das Ertragen aller Ereignisse durch Schmunzelfaktor.

  7. Also ich bin für Winterzeit, dann muss ich meine Öffnung-und Schließzeit auch nicht umstellen.

  8. Da mein Laptop wieder virenfrei ist, habe ich erst heute die witzigen Fotos sehen können. Einen guten Start in die Neuzeitwoche mit hoffentlich neuen Fots und Geschichten aus Quarantänehausen

  9. Ich könnte versuchen bei den Matheaufgaben zu helfen. Wär das nicht was?

  10. Wünsche euch, dass das krnke Huhn ein goldenes Ei legen will. Dann wird aus der Not eine Tugend und das passt auch irgendwie ins Zeitgeschehen.

  11. Ziitronenkuchen ist eine Superidee. Sauer macht lustig, werde 10 Zitronen verwenden.

  12. Jeden Tag kleine Geschichten über das Leben in Corona Zeiten, einfach toll. Weiter so

  13. Karl-Heinz Knop April 5, 2020 at 8:16 am

    da kann der Tag noch so grau und griesgrämig anfangen, Wiebke lesen und die nächsten 24 Std. sind gerettet

  14. Über welche Reisegesellschaft kann man bei euch Urlaub buchen?

  15. Unschlagbar! Danke für diese heiteren Momente am Tag.

  16. Made my day… Jeden Tag aufs Neue. Deine Texte sind grandios. Schreib doch mal ein Buch… Ich würde es definitiv kaufen

  17. Coronageschichten gehören zu dentäglichen Ritualen, die den Start in den Tag erleichtern. Hoffentlich gibt’s diese auch zu Ostern.

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