Ich freue mich über KOMMENTARE am Ende der Seite


Freitag, 05. Juni 2020

Das Knallen von Feuerwerkskörpern reißt mich aus dem Schlaf. Sämtliche Hunde im Dorf drehen durch und kläffen sich die Kehle wund. Wer zum Kuckuck fackelt während Corona ein Feuerwerk ab, denke ich und taste nach dem Wecker. Mitternacht. Ich war gerade eingeschlafen. Wie so oft nach langem Hin- und Herwälzen, weil ich mal wieder zu lange am Computer gearbeitet hatte und über den Punkt war. Eine Polizeisirene ertönt. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Der Marder führt auf dem Dachboden einen Stepptanz auf oder fährt Rollschuh oder was Marder halt so machen, um ihre Untermieter wach zu halten. Jemand ruft laut und verzweifelt “Mutti!” Mein Herz rast. Unsere alte Nachbarin ruft im Schlaf manchmal nach ihrer Mutter. Wenn ihr und unser Fenster geöffnet ist, kann ich sie hören. Sie klingt wie ein verängstigtes Kind. Ich bin schon oft nachts aus dem Schlaf geschreckt, weil ich dachte, die Kinder rufen nach mir. Aber sie lagen stets friedlich schlummernd im Bett. Irgendwann begriff ich, dass die Rufe von unserer träumenden Nachbarin kamen. Unsere Kinder schreien schließlich nach Mama, nicht nach Mutti. Nichtsdestotrotz triggern die nächtlichen Rufe mein Mama-Adrenalin. Und da wundert sich meine Familie, dass ich tagsüber müde und gereizt bin.
Am nächsten Tag erfahre ich, dass unsere Freunde das Feuerwerk gezündet hatten. Und finde es sofort ziemlich lustig, weil ich mir gut vorstellen kann, wie sie es angetütert am Geburtstag für eine Knaller-Idee hielten und sich 60 Sekunden später mit dem geballten Zorn des Dorfes konfrontiert sahen. Sie bekamen prompt eine Anzeige.
“Das waren bestimmt Zugezogene”, sagt die Mutter meiner Freundin. “Früher hätte es so etwas im Dorf nicht gegeben.”
“Äh, Moment mal…”, sage ich zaghaft und fühle mich etwas in meiner Zugezogenen-Ehre gekränkt. “Ich glaube, es liegt an Corona.”
Nachbarn zeigen Nachbarn an, weil die sich nicht an die Kontaktbeschränkungen halten. 11000 Euro für eine Grillparty, 250 pro Kind auf einer Kindergeburtstagsfeier. Dazu muss man sagen, dass wir in einer Region wohnen, dessen Krankenhaus gerade mal einen Corona-Fall zu verzeichnen hatte. Im Kreis Heinsberg könnte ich das noch verstehen.
Mütter fangen an, andere Mütter zu gängeln, weil diese die Homeschooling-Aufgaben der Kinder nicht gemäß der Anweisungen in die Schul-Cloud hochgeladen haben.
Meiner Mutter wurde von ihren Nachbarn mit Polizei gedroht, da sie unsere Kinder einen Tag vor der offiziellen Öffnung der Spielplätze fünf Minuten auf dem Bolzplatz hatte spielen lassen, weil das Flatterband bereits entfernt war. Meine Mutter hat das entspannt hingenommen: “Seit Corona zeigen die Leute ihr wahres Gesicht”, sagte sie nur.
Ich glaube, ich werde bei der Gelegenheit mal die Nachbarn anzeigen, die ihren Hund immer vor unser Gartentor kacken lassen. Man munkelt nämlich, das waren die Nachbarn, die die Feuerwerksnachbarn angezeigt hatten. Die können mich dann ja anzeigen, weil unsere Kinder ihnen Flusskiesel aus dem Vorgarten zum Bemalen geklaut haben. Gut, sie haben sie bemalt wieder zurück gelegt, aber über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ach, das werden lustige Wochen für die Polizei.

Donnerstag, 04. Juni 2020

Der Chemielehrer der Fünftklässler unseres Dorfes bringt den Kindern bei, wie sie den Aggregatzustand ihrer Eltern transformieren können. Wenn die Chemieversuche für das Homeschooling abends rausgegeben werden, gehen alle Teilchen der Homeoffice Mütter von einem entspannt-amorphen Zustand in kürzester Zeit zum Siedepunkt über. Am Ende des Versuchs sind die Mütterteilchen so schnell in Bewegung, dass sie sich am liebsten gasförmig in Luft auflösen würden. Das nennt man Brownsche Molekularbewegung. Allerdings ist weder der Chemielehrer, noch Herr Brown in diesen Momenten anwesend, um den Schülern oder ihren Eltern diese Weisheit mitzuteilen. Homeschooling eben.
Der erste Versuch wurde den Schülern abends um 22 Uhr zugemailt, mit der Aufforderung, die Versuchsergebnisse am nächsten Morgen bis 9:30 Uhr hochzuladen. Für den Heim-Versuch werde eine Dose Cola und eine Dose Cola-light benötigt. Niemand, den ich kenne, hat Cola-Dosen auf Vorrat. Genausogut hätte der Lehrer ein Fass Lebertran und 500 Gramm Graupen verlangen können.
Also mussten die Homeoffice-Mütter am nächsten Morgen die Arbeit ruhen lassen und Einkaufen fahren. Dieser Morgen ging als Cola-Dosen-Odyssee in die Annalen der Dorfchronik ein. Der nächste Supermarkt ist im Schnitt vier Kilometer entfernt und nicht alle Supermärkte führen Dosen. Unser Dorf war zum ersten Mal im Vorteil: wir haben zwar keine Geschäfte, dafür eine Tankstelle. Also belieferten unsere Dorfkinder die Schüler der umliegenden Dörfer als Fahrradkuriere mit Cola-Dosen.
Für den nächsten Versuch sollten die Kinder den Saft eines 1/4 Rotkohls auskochen und mit Natron oder Zitronensäure vermengen. Die ersten Homeoffice Mütter reagierten exotherm und legten Beschwerde ein. Nein, sie hätten – Ende Mai – keinen frischen Rotkohl zuhause und Besseres zu tun (#bessereszutun), als sich auf die nächste Odyssee zu begeben, um dann stundenlang Rotkohl zu zerschneiden und auszukochen.
Die Kinder sollten diese Versuche übrigens – so die endotherme Reaktion des vor Corona sehr beliebten Lehrers – durchaus selbstständig durchführen. Wer hätte auch Bedenken, Kinder unbeaufsichtigt mit einem scharfen Messer Rotkohl schneiden, mit kochendem Wasser hantieren oder die Küche mit stark färbendem Rotkohlsaft verschönern zu lassen? – Solange es nicht die eigenen Kinder und Küchen sind!
Am Ende hatten dann alle Familien einen dreiviertel Rotkohl über und keinen Appetit mehr.
Seitdem finde ich Grundschul-Mathe plötzlich sehr leicht, zu unterrichten.

Mittwoch, 03. Juni 2020

Der Vierjährige steht zwischen blühenden Rosenbüschen mit einem seligen Lächeln im Gesicht und einem Küken auf dem Kopf. Die Siebenjährige hält dem winzigen Hühnchen eine Hand voll Körner hin, bis es den Schnabel voll hat und davon flattert.
Wir waren mit den Rädern auf dem Weg zum Badesee, als vor uns ein Küken über den Weg flitzte. Es gehört einer Familie, die wir flüchtig vom Kindergartenbus her kennen. Wir brachten es zurück in ihren Garten und waren sofort von flatternden Federbällchen umzingelt. Natürlich wollten die Kinder nicht mehr weg und spielten mit den Kindern der Familie Kükentraumatisieren. Der siebenjährige Kükenbesitzer nahm immer ein Küken in die Hand und warf es dem Vierjährigen entgegen oder setzte es sich auf den Kopf oder schleppte es mit aufs Trampolin. Die 25 Küken schienen alle das Stockholm-Syndrom zu haben. Sie liefen dem Jungen unermüdlich hinterher und fraßen ihm selbst kopfüber noch aus der Hand. Wer füttert, darf offensichtlich grob sein. Vielleicht ahnten die Küken auch, dass es ihnen immer noch besser erging, als den 45 Millionen Eintagsküken, die jährlich in der deutschen Geflügelzucht vergast oder geschreddert werden. Die Spielküken haben immerhin eine Wiese zum Grasen, Sandbäder unter den Büschen und ein ganzes Lebensjahr vor sich.
Anfangs standen unsere Kinder schockiert daneben. Zu oft haben sie von mir das Mantra “Tiere-sind-kein-Spielzeug” gehört. Unsere Hühner durften sie erst streicheln, als sie ihnen freiwillig auf den Schoß hüpften. Bei uns war schon vor Me-Too grapschen streng verboten. Irgendwann ließen sie sich jedoch mitreißen und setzten sich auch ein Küken auf den Kopf. Sie sahen so glücklich dabei aus, dass die Tierschützerin in mir mal für 10 Minuten interessiert die Schwalbennester unter dem Scheunendach studierte. Seit Corona habe ich eine Moral aus Kaugummi.
Am Ende saßen die Kinder einträchtig unter dem Rosenbusch und teilten sich mit den Küken ein Schokoladeneis. Wir tunkten sie dann doch noch in den Badesee, weil sie unkenntlich von Staub und Schokoladeneis waren und wir sonst wohlmöglich noch das falsche Kind mit nach Hause genommen hätten.
Ich werde heute Abend keine Nachrichten gucken. Ich werde für ein paar Stunden so tun, als wäre die ganze Welt Bullerbü und das Glück festhalten, bis es wieder davon flattert.

Dienstag, 02. Juni 2020

Die Siebenjährige darf bald zurück in die Schule. Ob sie will, weiß ich noch nicht. Ob ich will, auch nicht. Für die Erstklässler beginnt der Unterricht am 17. Juni. Sie geht ab dann ein bis zweimal pro Woche zur Schule, bis zu den Sommerferien kommt sie auf sieben Schulbesuche, jeweils von 8 Uhr bis 11.30 Uhr. Für uns ist das keine wirkliche Entlastung, zumal der Vierjährige noch nicht wieder in den Kindergarten darf.
Ich weiß nicht, was sie in den wenigen Schulstunden lernen wird. Vermutlich am ehesten Abstands- und Hygieneregeln. Es gibt zwei separate Schulein- und -ausgänge mit Abstandsmarkierungen auf dem Boden. Es gibt eine Kloampel. Die Kinder sollen bei Ankunft auf dem Schulgelände Masken tragen und Abstand halten, bis sie an ihrem Platz im Klassenzimmer sitzen. Dann sollen die Masken in einem speziellen Beutel verstaut werden. Sie dürfen aber erst in das Schulgebäude, wenn die Lehrerin sie reinholt. Der Reihe nach. Wenn es regnet sollen wir Regenschirme und Jacken mitgeben, weil auch dann die Kinder draußen warten müssen, bis das Kind vor ihnen Jacke und Schirm im engen Schulflur verstaut hat und an seinem Platz sitzt. Erst dann darf das nächste Kind in den Flur. Unsere kleine Dorfschule gibt sich wirklich Mühe, den strikten Hygieneanforderungen gerecht zu werden. Es ist eine große Kraftanstrengung und Belastung für alle Mitarbeiter. Mir kommt es vor, als würden wir unsere Tochter in irgendeiner zutiefst dystopischen Netflix-Science-Fiction-Serie zur Schule schicken. Bisher weiß sie gar nicht, was Corona bedeutet. Wie sehr es das Leben vieler Menschen einschränkt. Wir leben ja in dieser Luxus-Blase auf dem Dorf. Mit Schulbeginn wird sie es auf einen Schlag erfahren. Sie wird ihre Freunde zwar sehen, aber keinen wirklichen Kontakt zu ihnen haben dürfen. Kein Toben auf dem Pausenhof. Kein geheimes Tuscheln hinter den Hecken. Die Büsche auf dem Pausenhof sind ratzekurz geschnitten worden oder gefällt. Vielleicht, damit sich dahinter keine Kinder verstecken und den Abstandsregeln trotzen. Ihre Freundinnen und Freunde aus dem Dorf haben zeitversetzt zu ihr Unterricht, die wird sie noch nicht einmal sehen. Die Schule ist sieben Kilometer entfernt, normalerweise fährt sie mit dem Bus. Aber ich möchte nicht, das sie allein mit Mundschutz im Linienbus sitzt.
Alles, was an Schule schön ist, ist gestrichen. Die Klassenwanderung, der Schulausflug, die Bundesjugendspiele. Nur auf ihre Lehrerin freut sie sich sehr, sie ist der Grund, warum es sich trotz allem lohnen könnte.
Unsere Tochter ist Erstklässlerin und war noch gar nicht richtig in der Schule angekommen, als Corona alles auf den Kopf stellte. Ich möchte nicht, dass ihre prägendste Schulerfahrung in diesem so wichtigen ersten Schuljahr Masken und Abstandsregeln sein werden. Vielleicht wird sie auch daran wachsen. Ich weiß es nicht. Die Mutterglucke in mir möchte sie am liebsten zuhause behalten und hofft, dass nach den Sommerferien wieder alles beim Alten ist. Dann nähe ich ihr eine schöne Schultüte und wir fangen frisch von vorne an.

Montag, 01. Juni 2020

Ich bin von Zwillingen umzingelt. Mai und Juni hagelt es in unserer Familie Geburtstage. Und da ich aus irgendeinem Grund zuständig für das Ausdenken, Beschaffen und Verpacken von Geschenken und Planen von Geburtstagen bin, leidet mein mental load in diesen Wochen an Übergewicht und Kurzatmigkeit. Was mich ja im Prinzip zur Risikogruppe macht. Vielleicht sollte ich für ein paar Wochen in freiwillig Quarantäne gehen. Zumindest bis die Geburtstagswelle vorbei ist.
Als nächstes ist Friedolin dran. Friedolin ist ein harter Brocken, er hat es nicht so mit Geburtstagen. Er hat keine Wünsche und blendet Geburtstage anderer bis zum letzten Drücker aus. Karten schreiben ist nicht so seins und Geschenke ausdenken auch nicht. Meine Theorie ist, dass Friedolin in Bezug auf Geburtstage pappsatt ist. Seine Eltern haben ihm und seinem Bruder als Kinder nämlich außerordentlich tolle Geburtstage geschenkt. Wenn man einmal einen Ufo-Geburtstag feiern durfte, bei dem der eigene Vater aus Schrott ein riesiges abgestürztes Ufo im Garten gebaut, mit Trockeneis-Dampf vernebelt und einer wilden Alien-Backstory untermalt hat, also wenn man als Kind solche Geburtstage feiern durfte, kann da wirklich keine schnöde Grillparty im Erwachsenenalter mithalten.
Ich befinde mich dummerweise genau am anderen Ende des Geburtstags-Spektrums: Ich bin sehr bedürftig. Was vermutlich daran liegt, dass ich am selben Tag wie mein Großvater und meine Tante Geburtstag habe und als Kind oft auf den Feiern meiner Verwandten deprimiert in der Ecke hockte, deren Gäste noch nicht mal wussten, dass ich auch Geburtstag hatte. Ich fühle mich immer etwas einsam und ungesehen an meinem Geburtstag. Was in Kombination mit Friedolins Geburtstags-Detox meist dazu führt, dass wir uns streiten. Frauen mit enttäuschten Erwartungen sind ja in der Regel kaum auszuhalten. Am Ende hocke ich dann wieder deprimiert in der Ecke.
Nach Friedolin hat der Vierjährige Geburtstag. Er wünscht sich Tulpenzwiebeln. Das ist ebenso süß wie machbar. Für Friedolin habe ich immer noch keine Idee. Wir sind seit 13 Jahren ein Paar, alle kreativen, selbstgemachten, überraschenden und nützlichen Sachen habe ich ihm schon dreimal geschenkt. Und er ist nicht der Typ, der sich über ein Kissen mit dem Aufdruck: “Papas Schnarchecke” oder ein T-Shirt mit dem Schriftzug “The Walking Dad” freut.
Jetzt ist Pfingsten und sogar die Kirche hat Geburtstag. Da kann ich mich aber wirklich nicht auch noch drum kümmern. Meine einzige Hoffnung ist, dass der Heilige Geist auf mich nieder fährt und eine Idee mitbringt, was ich meinem Mann zum Geburtstag schenken kann.

Samstag, 30. Mai 2020

Die Sense ist ein unterschätztes Gartengerät, denke ich, während Friedolin wild gestikulierend vor mir steht. Er möchte mir irgendetwas ganz dringendes mitteilen, aber der Aufsitzrasenmäher unseres Nachbarn übertönt ihn. Seit Corona sind sämtliche Nachbarn zuhause und fürchterlich betriebsam. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht jemand die Terrasse kärchert, den Pool ausspritzt, Holzbohlen mit der Kettensäge trimmt oder Mulch schreddert. Ich will mich nicht beklagen, schließlich haben wir zwei Kinder, die das ganze Jahr durch den Garten toben und sehr viel Lebensfreude in die umliegenden Gärten hinausschreien. Zum Glück haben wir auf der einen Seite kinderfreundliche und auf der anderen Seite schwerhörige Nachbarn. Aber seit der Corona-Betriebsamkeit erscheint mir unsere alte Heimat in der Großstadt als Ort der Stille und des Friedens.
Wenn wir auf Tour sind, besuche ich immer die Krypta der ansässigen Kirchen. Die Stille dort unten ist absolut, wie auf dem Grund eines trockenen gefallenen Brunnens, dunkel und klar und alt.
Mein Leben war schon immer unstet, daher hatte ich mir geschworen, eines Tages an einem leisen Ort zur Ruhe zu kommen.
Dummerweise hatten wir unser Haus damals immer sonntags und im Sommer besichtigt. Wunderbare Ruhe, Vogelgesang, das Blätterrauschen der alten Ahorn-Bäume im Garten. Hier sind wir richtig, dachte ich. Als wir dann im Winter einzogen, waren wir geschockt, wie laut die Bundesstraße aufgrund der kahlen Felder und Bäume plötzlich zu hören war. Und Trecker müssen anscheinend sehr lange mit laufendem Motor auf dem Hof stehen, um einen reibungslosen Betriebsablauf zu gewährleisten. Wir bereuen unser Haus trotzdem nicht. Unsere Nachbarn sind die herzlichsten Menschen, unser Garten ein Paradies, es geht uns sehr gut hier. Aber ich rebelliere gegen die Geräusche. Im Herbst harke ich das Laub unser 18 Bäume mit dem Rechen. Das ist leise und sorgt für eine schmale Taille. Im Sommer lassen wir das Gras auf der Wiese hoch stehen als Kinderstube für die Insekten. Dann wird gesenst und Heu für die Hühner gemacht.
Der Aufsitzrasenmäher verstummt und Friedolins Tirade wird hörbar. Es geht um unseren Live-Stream, den er fertig geschnitten hat und schnell veröffentlichen will. Und den ich seit Tagen nicht angeschaut habe. Erstens, weil ich keine Zeit hatte und zweitens, weil wir uns mit Sicherheit streiten werden, weil er alles, was ich lustig fand, bestimmt rausgeschnitten hat. Wobei, wenn wir uns überhaupt nicht verständigen können, gehen wir einfach in den Garten. Dann können wir den Nachbarn die Schuld geben, dass wir uns nicht verstehen.

Freitag, 29. Mai 2020

Friedolin kommt in dieser Kolumne nicht immer gut weg. Könnte man meinen. Er erscheint als hilfloses Fluchtwesen. Sagt man. Friedolin hat sich diesbezüglich noch nicht geäußert. Das könnte daran liegen, dass er die Kolumne nicht liest. Was vielleicht daran liegt, dass er nicht besonders gut weg kommt. Er überfliegt sie höchstens, um ein passendes Foto auszuwählen. Es könnte aber auch daran liegen, dass er selbstbewusst und offen mit seinen Schwächen umgeht. Weil er weiß, dass er noch so viel mehr zu bieten hat. Der Friedolin aus Buchstaben ist natürlich nicht deckungsgleich mit dem Friedolin aus Fleisch und Blut. Der Friedolin in den Texten ist nur eine seiner Facetten, ist der Holzschnitt eines Vaters, der zwar von Friedolin geschnitzt und belebt wird, aber sich ebenso in den Vätern und Männern aus unserem Umfeld finden lässt. Ich erzähle wenig von den Dingen, die nur uns betreffen. Das wäre mir und uns zu privat. Ich versuche, authentisch zu sein, ohne uns zu verraten. Ebenso wie ich nur unscharfe Fotos unserer Kinder ins Internet stelle. Ich erzähle von den Dingen aus unserem Leben, bei denen ich glaube, dass sich viele Menschen auf die eine oder andere Art darin wieder erkennen. Es freut mich, dass ebenso viele Männer wie Frauen meine Texte lesen und liken. Wenn Friedolin wirklich schlecht weg käme, wären die Männer sicher schon ausgestiegen.
Anfangs hab ich Friedolin noch um Absegnung der Texte gebeten. Er kann jederzeit sein Veto einlegen, wenn es ihm zu bunt wird. Aber er ist Künstler. Er weiß, dass Kunst und Komik von Reibung lebt, von Konflikten und Missverständnissen. Nicht umsonst enden Geschichten, bevor sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage lebten.
Ich hoffe, dass es mit meiner Kolumne ähnlich wie mit unserem Bühnenprogramm ist, in dem wir uns zwei Stunden leidenschaftlich streiten. Eine Zuschauerin sagte einmal so treffend, dass man unseren Streitereien so gerne folgt, weil man spürt, dass darunter Harmonie und große Verbundenheit herrscht. Wo sie das mit der Harmonie rausgelesen hat, weiß ich zwar nicht. Das mit der großen Verbundenheit kann ich aber in jeder Hinsicht unterstreichen.

(c) Tolga Talas

Donnerstag, 28. Mai 2020

Friedolin sagt, ich soll mir einen Liebhaber zulegen. Er hat die Nase voll, ein anderer Mann muss her. Jeden Morgen wache ich auf und habe ein neues Projekt im Kopf. Friedolin ist am Rande seiner Belastbarkeit. Das bisschen Fremdgehen nimmt er billigend in Kauf. Hauptsache er hat mal seine Ruhe vor mir und meinen Ambitionen. Seit Corona bin ich im Overdrive. Ein Riesensandkasten für die Kinder aus Sturmholz mit angeschlossener Schwengelpumpe. Ein Teich im alten Sandkastenbecken. Eine Natursteintreppe für die neue Terrasse. Meine Ideen sind groß, mein Körper leider nicht. Also muss Friedolin maßgeblich zu ihrer Umsetzung beitragen. Nach zwei Schwangerschaften und drei kaputten Bandscheiben halte ich mit mir selbst nicht mehr mit. Mein Kopf ist 28, meine Knochen 80. Wenn ich mal wieder ein verstauchtes Kind oder riesige Feldsteine auf dem Rücken nach Hause getragen oder meinen lehmigen Acker umgegraben habe, fühle ich mich wie ein wackeliges Ersatzteillager voll Schrott. Das können auch Yoga und Osteopathie nicht mehr zurechtruckeln. Aber wir haben uns nun mal dieses Selbstversorgungs-Dings in den Kopf gesetzt, da heißt es Zähne zusammenbeißen und durch. Ich beiße so oft die Zähne zusammen, dass meine Zahnärztin mir eine Beißschiene verordnet hat. Den letzten Lachanfall hatte ich, als mich meine Osteopathin fragte, warum ich mich nicht mal einen Tag aufs Sofa legen könnte.
Friedolin ist solange genervt von meinen Ideen, bis er seine Chance erkennt: er kann sie annektieren und sich bei ihrer Umsetzung aus dem Staub machen. Wenn ich dann schimpfe, dass er sich ja auch mal um die Kinder kümmern könne, weil ich dringend arbeiten muss, sagt er unschuldig: Wieso, das mit der Terrasse war doch deine Idee? Erst meckert er, aber wenn hinterher Besucher seine Bauwerke bewundern, steht er da mit stolzgeschwellter Brust. Dann tut er so, als wäre alles von vornherein seine Idee gewesen. Nix mit Urheberrecht, ich tauche noch nicht mal in den Fußnoten auf. Meine geputzten Klos hat noch nie jemand bewundert. Ich glaube, die älteren Damen in unserer Straße sind alle etwas verliebt in Friedolin, weil er so patent ist. Aber langsam hat er die Schnauze voll. Er möchte lieber lustige youtube-Videos zu seiner Reihe “Friedolin Müller bespricht Handy-Fotos” basteln. Bevor er mir aber einen haarigen Handwerker mit Klempnerdekolletee aufs Auge drückt, sage ich vorsichtshalber: “Ich brauche keinen Liebhaber, ich hab doch Marita.” Marita ist unsere grandiose Nachbarin. Sie ist pensionierte Gärtnerin, über einen Kopf kleiner als ich und doppelt so stark wie jeder andere Mensch, den ich kenne. Sie ist Pippi Langstrumpf mit Falten. Sie hat mir schon geholfen, meine riesige Kräuterspirale zu mauern, jetzt haben wir uns zum geselligen Zement-Mischen und Wackersteine schleppen verabredet. Und wir werden GLEICHZEITIG die Kinder beschäftigen. So machen wir Frauen das nämlich. Ich weiß jetzt schon, dass Friedolin dann zappelig daneben stehen und alles besser wissen wird. Zum Glück ist Marita so redselig, dass er selten zu Wort kommt.

Mittwoch, 27. Mai 2020

Wir stehen auf unserem Vorplatz und winken dem Auto meiner Schwester hinterher, bis es um die erste Biegung verschwunden ist. Ich liebe dieses Abschiedsritual. Winken als eine Art Segen, als Schutzzauber, der die Abreisenden auf ihrer Reise behüten und für eine sichere Heimkehr sorgen soll. Magie des Alltags. In diesen Momenten habe ich jedes Mal eine sepiafarbene Doppelbelichtung. Dann sehe ich schemenhaft meine Großeltern auf dem Sandweg vor ihrem Holzhaus im Wald am Rand der Heide stehen, mein Großvater auf seinen Gehstock gestützt, eine Hand zum Abschiedsgruß erhoben, ebenso meine Großmutter, die Ringe an ihrer Hand blitzen ein letztes Mal im schwindenden Abendlicht auf. Meine Schwester und ich unangeschnallt auf der Rückbank unseres alten Volvos winken zurück, mein Vater hupt einmal kurz zum Abschied vor der ersten Kurve.
Die Elfjährige ist fort. Unsere verbleibenden Kinder kehren mit hängenden Schultern ins Haus zurück. Auch wenn wir nach drei Wochen Ausnahmezustand mit meiner Nichte froh über etwas eintönigen Alltag zu viert sind, vermissen wir sie natürlich sofort fürchterlich. 10 Minuten später klingelt das Telefon. Meine Nichte ist dran: “Kannst du mal in mein Zimmer gucken, ob mein Koffer und meine Schultasche noch da stehen?”, fragt sie nervös. Ja kann ich, ja tun sie. Faszinierend, das Auto meiner Schwester war bis unter das Dach vollgepackt, wir sind noch dreimal durchs Haus gegangen, ob meine Nichte etwas vergessen hat, aber den riesigen Koffer haben wir alle übersehen. Ein kollektiver blinder Fleck. Natürlich müssen sie jetzt umkehren. Nicht wegen der Klamotten im Koffer, aber der Laptop meiner Nichte, Harry Potter 7 und die Powerbank für ihr Handy sind schließlich auch hiergeblieben und systemrelevant. Die Kinder überlegen sich ein Rückkehr-Ritual und stehen so lange schielend einen Vogel zeigend auf dem Vorplatz, bis meine Schwester vorfährt. Meine Nichte sieht etwas verweint aus, schimpft aber zur Ablenkung wie ein Rohrspatz. Die Kleinen gehen in Deckung. Wir packen das übervolle Auto noch etwas voller und winken nach Küssen und Umarmungen und Liebesbeteuerungen erneut, bis sie um die erste Biegung verschwunden sind. Die Siebenjährige atmet auf. “Mama, kommt Pubertät eigentlich daher, dass Erwachsene die Kinder in dem Alter eher so ,Puh’ finden?” Ich finde, das ist eine ziemlich gute Definition und wische mir trotzdem eine Träne aus dem Augenwinkel.

Dienstag, 26. Mai 2020

Für wie viel Kilo ist so eine Babyklappe eigentlich ausgerichtet? Sind 40 Kilo noch okay? So oder so gebe ich die Kinder hiermit zur Adoption frei. Alle drei. Unter der Bedingung, dass die zukünftige Familie meinen Ehemann gleich mit adoptiert. Die Hühner behalte ich.
Heute war einer dieser Tage. Die Elfjährige reist ab und alle Kinder haben Abschiedsschmerz. Den sie aber aufgrund ihres jeweiligen altersbedingten Unvermögens nicht als solchen benennen können. Also verfallen sie in nervtötende Zermürbungshandlungen. Sie sagen in Dauerschleife folgende Sätze:
“Ich habe Hunger!” (der Vierjährige)
“Ich will aber eine Kröte!” (die Siebenjährige)
“Ich will auf der Rückfahrt noch zu Burger King!” (die Elfjährige)
Den Vierjährigen kann ich noch am besten verstehen. Ich neige auch zu Frustessen. Vor allem, seit ich verheiratet bin. Nachdem der Vierjährige sich durch einen Apfel, zwei Birnen, drei Pflaumen, vier Erdbeeren und fünf Orangen gefressen hat, aber immer noch nicht satt ist, ziehe ich die Reißleine, bevor er sich in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt. Daraufhin beginnt er, mich zusätzlich zu “Ich habe Hunger” auch noch zu boxen.
Die Siebenjährige ist neidisch, weil der Vierjährige am Morgen eine attraktive Weinbergschnecke namens Moni kennen gelernt hat, die jetzt in seiner Becherlupe wohnt. Also möchte die Siebenjährige auch ein Haustier. Die Hühner zählen nicht, die wohnen draußen. Und ihr Geburtstagsmolch hat das Weite gesucht, nachdem der Vierjährige seine riesigen Gummi-Dinosaurier in den Teich gepfeffert hat. Sie will eine Kröte.
“Das wird schwierig”, sage ich. “Die sind gerade auf Wanderschaft.”
“Ich will aber eine Kröte”, sagt sie zum ersten von gefühlt hundert Malen an diesem Tag. Wir kommen im Thema jedoch nicht weiter, weil sie zwar eine Kröte will, aber zu deprimiert ist, eine zu suchen.
Die Elfjährige ist wütend. Auf ihre Mutter, die sie abholen kommt, auf mich, weil ich sie fahren lasse und sowieso auf die ganze Welt. Sie ist heute so was von Elf. Deshalb geht sie in den Widerstand.
“Ich will auf der Rückfahrt noch zu Burger King”, sagt sie. Es klingt ein bisschen wie kotzen. Wir sind ja alle eher linksversiffte Gutmenschen, mehr Widerstand als Burger King geht nicht. Ich erinnere sie vorsichtig daran, dass Burger Kings Soja-Lieferanten maßgeblich für die Abholzung der Regenwälder verantwortlich sind und ein Besuch dort ihre Streetcredibility bei der nächsten Fridays-for-Future-Demo arg schwächen würde. Das ist ihr egal, es ist eh Corona und sie ist jetzt wütend. Außerdem will sie nur eine Pommes.
Meine Schwester schlägt vor, dass wir uns von den Nachbarn den Aufsitzrasenmäher inklusive zwei Paar Lärmschutzkopfhörer ausleihen und den weiteren Tag nutzen, sehr laut Rasen zu mähen. Das ist der erste vernünftige Satz an diesem Tag.

Montag, 25. Mai 2020

Ich habe diese Sache mit der Zahnpasta nie verstanden. Es soll ja Paare geben, die sich deswegen getrennt haben. Weil die Frau die Tube nie gemäß der Tubenentleerungsordnung entleerte. Oder der Mann immer vergaß, hinterher den Deckel auf die Zahnpasta zu schrauben, wodurch die oberen Zahnpastazentimeter verklebten und der Frau als vertrocknete Wurst auf ihrer Bürste landeten. Was die Frau als Analogie auf ihr verkümmertes Sexleben verstand und die Scheidung einreichte. Worte wie “nie” und “immer” sind ja grundsätzlich der Anfang vom Ende. Weil man sich von seinem Partner so wenig gesehen und respektiert fühlt, dass all die unerfüllten Bedürfnisse gebündelt auf eine arglose Zahnpasta losgelassen werden. Bisher konnte ich mich über so etwas nicht aufregen. Immerhin wird täglich illegal der Regenwald am Amazonas abgeholzt, im Pazifik schwimmt ein Müllteppich viermal so groß wie Deutschland und auf die Kakaoplantagen an der Elfenbeinküste werden immer noch Kindersklaven verschleppt. Außerdem haben Friedolin und ich immer genug existentielle Gründe, um uns die Köppe einzuschlagen. Wir arbeiten ja seit 11 Jahren zusammen. Mittlerweile wissen wir beide nicht mehr, warum wir das anfangs für eine gute Idee gehalten haben. Manche Paare sind schon nach einer Woche Urlaub froh, wenn der Partner wieder arbeiten geht. Die Beatles haben sich nach 10 Jahren getrennt, wir kommen aus der Nummer so schnell nicht raus. Dann kam Corona.
Plötzlich fehlen die langen Autofahrten, auf denen wir uns ausgiebig über künstlerische Differenzen anschreien können. Die endlosen Zugreisen, auf denen wir uns im Flüsterton über Gleichberechtigung und Kinderbetreuungszeiten zerfleischen.
Plötzlich rege ich mich wahnsinnig darüber auf, dass er die Klorolle IMMER verkehrt herum aufhängt. Das Leben ist anstrengend genug, da muss ich doch nicht auch noch jedes Mal nach dem Pinkeln das Klopapier von der Wand pulen. Und NIE zerkleinert er die Eierschalen, bevor er sie auf den Kompost wirft. Dann muss ich sie wieder rausklauben und zerkleinern, damit meine Regenwürmer keine Bauchschmerzen bekommen. Ganz ehrlich. Friedolin regt sich bestimmt auch über etwas auf. Aber ich habe keine Ahnung, über was. Er spricht ja nicht. Also muss ich allein das Mantra unserer Unwichtigkeit anstimmen, um die Dinge in ihrer Verhältnismäßigkeit zu sehen: Amazonas, Pazifik, Elfenbeinküste, Klorolle, verdammt, Amazonas, Pazifik, Elfenbeinküste…. Es wird Zeit, dass wir wieder auf der Bühne streiten dürfen.

Sonntag, 24. Mai 2020

Die Kinder haben eine Gewerkschaft gegründet. Sie verlangen für alle volljährigen Familienmitglieder geregelte Arbeitszeiten und die Fünf-Tage-Woche. Corona hat uns was das betrifft ins 18. Jahrhundert katapultiert: in die Pre-Weekend-Ära. Seit die Kinder zuhause sind, arbeiten wir sieben Tage die Woche. Wir nutzen jede freie Minute, in der sich die Kinder entweder selbst beschäftigen oder dem Partner aufs Auge drücken lassen. Anders schaffen wir unser Pensum nicht. Das sorgt natürlich für eine gewissen Daueranspannung. Die Kinder drohen mit Streik. Da muss ich kurz lachen. Sie sind ja dauerhaft im Bummelstreik.
“Welche Arbeitsleistung wollt ihr denn während des Streiks niederlegen?”, frage ich. “Zimmeraufräumen? Schmutzwäsche selbstständig in den Wäschekorb räumen? Schuhe draußen ausziehen? Jacken aufhängen? Tisch decken? Hühner sauber machen? Um euren Forderungen Nachdruck zu verleihen, müsstet ihr eine dieser Aufgaben erstmal regelmäßig erledigen.”
Sie ziehen sich für Beratungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zurück. Kurze Zeit später stehen sie ernst dreinblickend in der Küche.
“In der Bibel steht: am siebten Tag sollst du ruhn”, zitiert die Siebenjährige. Sie passt in der Kinderkirche immer gut auf.
“Genau und deshalb darf ich sonntags ausschlafen”, sage ich. “Klappt nur fast nie.”
Sie stecken die Köpfe zusammen. Die Rädelsführerin verkündet anschließend die Entscheidung des Gremiums.

“Wir lassen dich sonntags ausschlafen, wenn du dafür nicht an den Computer gehst”, sagt sie. Damit hat sie mich. Nichts ist mir so heilig, wie einmal pro Woche ausschlafen zu dürfen.
“Deal”, sage ich und wir schlagen ein.
Dies ist der letzte Eintrag, der an einem Sonntag erscheint.



Samstag, 23. Mai 2020

“Du dumme, dumme Kuh”, brüllt der Vierjährige aus der Küchentür und wirft sie mit Karacho ins Schloss. Wir wollen die Schimpfwörter loswerden und schicken sie in den Garten. Seit die Elfjährige im Haus ist, nehmen die Beschimpfungen überhand. Im Garten sind sie besser aufgehoben. Den Hühnern und dem Molch ist es schließlich egal, wenn ihnen “Stinkfurz” (der Vierjährige) oder “du kleiner Pisser” (die Elfjährige) um die Ohren fliegen. Nur die Siebenjährige hält sich vornehm zurück. Sie hat es nicht so mit Schimpfwörtern. Ihr Wortschatz ist immens, aber mit Kraftausdrücken ist sie seltsam hilflos. Einmal standen wir mit den Kindern am Seeufer und probierten das Echo aus. Ihr etwas älterer Freund schrie herausfordernd “PENIS” über den See. Ich wartete gespannt, was unsere Tochter antworten würde. Schließlich holte sie tief Luft und rief: “WASSERPFLANZE!” Sie guckte stolz in die Runde und kam sich ziemlich wild vor. Gut, Scheide eignet sich mangels Explosivlaut zugegebenermaßen eher schlecht als Schlachtruf. Ebenso wie “dicke Eier” für Selbstbewusstsein steht, du “Pussy” aber genau das Gegenteil bedeutet. Was eigentlich vollkommen unlogisch ist, weil, wie jeder weiß, ein Tritt in die Eier selbst den stärksten Kerl in die Knie zwingt, wohingegen die “Pussy” in der Lage ist, einen vollständigen Menschen hindurchzuzwängen. Nur mal so am Rande.
Ihr Freund hat schon so manchen Fluch mit angeschleppt. Aber er ist ein pfiffiger Junge. Also haben wir ein Spiel draus gemacht, wer sich die lustigsten Schimpfwörter ausdenkt. Friedolin hat natürlich gewonnen. “Du Pastinakenvogel” ist so eine wunderbar liebevolle Beschimpfung, sie sollte in den Duden aufgenommen werden. Ihr Freund sagt auch gern “Alter” und “geil”. Wenn ich in Gegenwart meiner Großmutter geil sagte, warf sie mir einen strengen Blick zu und ich gab mir mehr Mühe. Sie verwendete Wörter wie hinreissend, wonnig, famos, fabelhaft, wunderbar oder bezaubernd. Natürlich wandelt sich Sprache und gerade Kinder und Jugendlich brauchen ihre eigenen Ausdrücke zur Abgrenzung. Aber auch ich finde “Alter” und “geil” bedauernswerte Beschneidungen der vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten unserer facettenreichen Sprache. Abhilfe schuf auch hier der Wettbewerbsgeist der Kinder. Es begann statt “Alter” mit den schönen Ausruf “Ach du grüne Neune”, wandelte sich über “ach du kratzige Unterhose” hin zu “ach du schmieriger Scheibenwischer”. Wir haben alle viel Spaß bei diesen Neuschöpfungen. Die Beschimpfungen werden wir aber wohl nicht los.
“Du dumme, dumme Kuh” spuckt der Vierjährige seiner Schwester ins Gesicht.
“Ich dachte, du hast die Schimpfwörter in den Garten rausgeschickt”, sage ich.
“Hab ich auch”, antwortet er. “Aber sie sind durch die Wäschekammer wieder reingekommen.”

Freitag, 22. Mai 2020

Was wir uns immer für Gedanken machen. Wochenlang hatten wir überlegt, ob wir den Geburtstag der Sechsjährigen, die ab heute die Siebenjährige genannt werden möchte, überhaupt feiern können.
Dann wurden die Spielplätze wieder geöffnet und die ersten Kinder zurück in die Schule geschickt und wir dachten, wenn fünf Kinder mit Abstand auf dem Spielplatz toben dürfen, dann doch auch bei uns im Garten. Und wir luden vier Kinder ein. Dann hörten wir von einer Familie aus dem Nachbarort, die zu 11000 Euro Bußgeld verdonnert wurde, weil sie eine Grillparty mit 16 Personen gefeiert hatte. Wir waren uns nicht ganz sicher, was uns vier Kinder kosten würden, aber da wir gerade kein Geld übrig haben und auch alle anderen Kinder in unserem Umfeld ihren Geburtstag nicht feiern, entschieden wir uns vorläufig gegen eine richtige Feier. Und dann wieder dafür. Und wieder dagegen. Oder auch nicht. Ich möchte mich aus juristischen Gründen nicht festlegen. Am gestrigen Vatertag sahen wir dann überall besoffene Männergrüppchen durch die Feldmark taumeln. Oder mit nacktem Oberkörper sonnenverbrannt an der Bundesstraße entlang wanken. Und aus jedem Garten mischte sich Stimmengewirr, Gelächter und Grillgeruch. Und ich wusste, dass all diese Männer vermutlich schon 20 Mal in ihrem Leben Vatertag gefeiert hatten und trotz Kontaktbeschränkung nicht darauf verzichten wollten. Und ich dachte an all die Kinder, die in ihrem Leben erst vier, fünf oder sechs Mal Geburtstag gefeiert hatten und in diesem Jahr dennoch darauf verzichten mussten. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass vor allem die Kinder in dieser Krise am häufigsten verzichten müssen. Die Siebenjährige hat übrigens mal wieder goldrichtig gelegen mit ihrer Verweigerung, Wünsche zu äußern oder einen Geschenkkorb im Spielwarenladen oder bei Amazon anzulegen. Am Vormittag ihres Geburtstages klingelte es und ihr kleiner Schulfreund stand vor der Tür. Er hatte ihr zum Geburtstag einen Molch für unseren neuen Teich gefangen. Da kann ich nur sagen: In your face, Amazon. Du verkaufst zwar alles, aber einen selbstgefangenen Molch hast du nicht zu bieten.

Donnerstag, 21. Mai 2020

Heute ist Vatertag. Was für uns in diesem Jahr besonders gut passt, da genau heute vor sieben Jahren Friedolin zum ersten Mal Vater geworden ist. Weil diese beiden herausragenden Ereignisse noch nie zeitgleich stattgefunden haben und diese Kolumne in den letzten zwei Monaten einen doch recht einseitigen Blick auf unser Familiengeschehen geworfen hat, dachte ich, wäre es doch mal eine schöne Gelegenheit, ihn den heutigen Text verfassen zu lassen. Eine scharfzüngige Gegendarstellung vielleicht. Oder ein ironischer Kommentar. Doch Friedolin hat mich wie immer überrascht. Selten habe ich eine so emotionale, eine so schonungslos ehrliche Darstellung von Vaterschaft gelesen. In diesem Sinne: fröhlichen Vatertag allerseits.

Am Vatertag
von Friedolin Müller

Am Vatertag – an Himmelfahrt
ist Vater wer nen Pimmel hat
Ein echtes Kind ist kaum von Nöten
um sich richtig zuzulöten

Während die Muttis mit den Blagen
sich im Lagerkoller plagen
zieht Vati mit dem Bollerwagen
Durch Feld und Wald und Parkanlagen

Zum Vatersein – da reicht normal
nicht der Besitz von Genital
Es hängt auch nicht an dicken Eiern
sich fürs Mannsein selbst zu feiern.

Erinnert euch, warum wir Väter sind:
Genau, der Grund – ist unser Kind!

Mittwoch, 20. Mai 2020

“Guten Tag, Frau Holla”, sagt der Vierjährige und vergräbt seine kleine Nase andächtig in der duftenden Holunderblüte. Dann lauscht er einen Moment auf die unhörbare Antwort. Die Sechsjährige streichelt sanft über die Blüten und schnuppert an ihren zartgelben Fingern. In alten Zeiten war es üblich, sich zur Blütezeit vor dem Hausholunder zu verneigen oder den Hut zu ziehen. Er galt als heiliger Baum, als Hausapotheke der Bauern, spendete Schutz und Nahrung. Die Urgöttin Holla, Hullefrau, Hel – oder wie wir sie heute kennen – Frau Holle hatte ihren Wohnsitz im Hollerbusch. Seine Wurzeln reichten tief in ihr unterirdisches, lichtdurchflutetes Reich. Schwangere Frauen umarmten den Busch, weil sie glaubten, die Göttin schicke durch ihn die Kinderseelen aus dem Jenseits in das Reich der Menschen. Daher stammt wohl der alte Abzählreim:

Ringel, Ringel Reihe,
sind der Kinder dreie,
sitzen unterm Hollerbusch,
machen alle husch, husch, husch.
Die Friesen vergruben ihr Toten unterm Husholler. Für sie war er der Baum der verstorbenen Ahnen, denen sie an seinen Wurzeln Milch, Brot oder Bier opferten. Kranke streiften Fieber und Gicht an ihm ab. Einen Holunder zu fällen brachte Unglück. Dann kam die christliche Kirche und machte das, was sie fast immer mit den heidnischen Natur-Bräuchen tat: sie verkehrte das Gute zum Bösen und aus dem Holunder wurde der Teufelsbaum. Die Menschen entsagten der Naturverehrung und fällten die heiligen Bäume. Wer weiß, wie weit der Klimawandel heute fortgeschritten wäre, würden wir das Göttliche immer noch in Wäldern, an Quellen und Flüssen anbeten und nicht in von Menschen erbauten Häusern.
Heute gilt Holunder vielen als Unkraut, weil die Vögel seine Samen munter im Garten verteilen. Wir lieben unsere Holunder. Kurz nach unserem Einzug haben wir den ersten gepflanzt. An die Stelle eines Kirschlorbeers. Mittlerweile haben sich seine Kinder in rauschenden Hecken über den Garten verteilt. Im Frühling betört uns sein Duft, im Sommer genießen wir Blüten-Sirup und Gelee, im Herbst kochen wir aus den Beeren Marmelade und Likör. Die Kinder haben schon so manches Fieber an ihm abgestreift. Wir glauben an die alten Sagen. Die Macht der Phantasie ist stärker als manche Medizin.
Letztes Jahr hatten wir unseren Hausholunder zur Blütezeit täglich auf dem Weg zum Kindergartenbus begrüßt. Der Vierjährige war dabei besonders hingebungsvoll und nahm sich Zeit, um an jeder Dolde zu schnuppern, die er noch auf Zehenspitzen erreichen konnte. Als die Holunderblüte schon längst vorbei war und die ersten Beeren am Strauch reiften, wuchs plötzlich ein einzelner Zweig in den Weg hinein. Genau auf Kopfhöhe des Vierjährigen bildete sich eine letzte wunderschöne Blüte. Unser Holunder wollte wohl noch ein wenig länger beschnuppert werden.

Unsere Kinder lieben Hollerküchle

Rezept für 12 Holunderblüten

200 g Mehl, Prise Salz, 2 Eigelb von glücklichen Hühnern, Hafermilch und Honig zu einem glatten Teig rühren. 2 Eiweiße steif schlagen und vorsichtig unterheben. Reichlich Öl in einem Topf erhitzen. Holunderblüten am Stiel anfassen und in den Teig tauchen. Sofort mit dem Stiel nach oben ins heiße Fett legen und etwa 2 Minuten schwimmend ausbacken. Herausnehmen, auf Küchenkrepp abtropfen lassen und heiß verspeisen. Zwischendrin immer mal die Reste aus dem Öl fischen. Wenn man wie ich zuviel davon isst, kann einem schnell schlecht werden. Es lebe der Frühling.

Dienstag, 19. Mai 2020

“Was wünscht du dir denn zum Geburtstag?” Die Sechsjährige zuckt mit den Schultern. Die Frage wird ihr gerade andauernd gestellt, aber sie möchte sie nicht beantworten. “Ich lass mich überraschen”, sagt sie. Die Reaktion auf diese Antwort liegt irgendwo zwischen Irritation und Hilflosigkeit. Denn Kinder lassen sich nicht mehr gern überraschen. Heutzutage hat man entweder einen Geschenkkorb im nächstgelegenen Spielwarenladen/Drogerie oder wünscht sich einen Gutschein von Amazon. Ist natürlich für beide Seiten praktisch. Die Eltern der eingeladenen Kinder müssen sich keine Gedanken mehr machen und das Geschenk noch nicht mal selbst verpacken, was Zeit und Nerven spart, die niemand mehr hat. Und die Geburtstagskinder kriegen zu 100 Prozent, was sie sich gewünscht haben und gebrauchen können. In unserem Umfeld haben die meisten Kinder zu viel von allem, unsere eingeschlossen, natürlich wird es da immer schwieriger, Wünsche zu äußern oder etwas zu schenken, was das Kind noch nicht in fünffacher Ausführung bestitzt. Vor allem, wenn man das Geburtstagskind kaum kennt. Auch Hörkassetten fallen in Zeiten von Spotify und Audible als Geburtstagsgeschenk flach. First World Problems. Ich finde diesen Trend trotzdem trist und unpersönlich. Wo bleibt denn die kribbelige Überraschungsfreude, wenn das Kind beim Auspacken ohnehin schon weiß, was drin ist? Aus meiner Kindheit erinnere ich noch zu gut, dass auch die öden Geschenke irgendwie wichtig waren, weil man sich dann umso mehr über die tollen Sachen gefreut hat. Die Kinder haben heute wenig Gelegenheit, ihre Frustrationstoleranz zu trainieren. Im Leben kriegt man später schließlich auch nicht immer, was man sich wünscht.
Die Sechsjährige will da nicht mitmachen. Sie weigert sich, Gutscheine zu verschenken.
“Dann wissen die doch hinterher gar nicht, dass das Geschenk von mir war.” Da ist sie ebenso romantisch wie egoistisch. Und sie liebt Überraschungen. Ihre allerliebsten Geschenke waren jene, von denen sie gar nicht wusste, dass sie sie sich sehnlichst gewünscht hatte. Ein Notizbuch mit einem Umschlag aus Wende-Pailletten, die in allen Regenbogenfarben schimmern. Ein selbstgenähtes Kissen mit Elfenstickerei. Ein bemalter Teller mit ihrem Namen. Ein Pappeinhorn zum Bekleben. Für solche Highlights nimmt sie liebend gern ein paar Enttäuschungen im Kauf. Mit Geschenken ist es schließlich wie mit der Liebe: wer nichts riskiert, wird zwar nicht enttäuscht, erlebt aber auch keine Wunder.

Montag, 18. Mai 2020

“Du bist voll wie Dieter Bohlen”, sagt meine Nichte zu Friedolin und streckt angriffslustig das Kinn vor. Er trägt es mit Fassung. Schließlich stimmt es irgendwie. Er provoziert die Kinder gern mit ironischen Sprüchen. Jetzt hat er eins im Haus, das zurück feuert, weil es im ironiefähigen Alter ist. Außerdem sind er und die Elfjährige dicke. Mit ihr kann er Fußball spielen, ohne dass sie heult, wenn er ihr voll Karacho den Ball ins Gesicht schießt. Er guckt mit ihr youtube Videos über schriftliches Dividieren (kann er nämlich auch nicht) und erklärt ihr geduldig, warum Sachtext-Strukturierung nicht “unnötig” und “dumm” ist. Gestern Abend haben sie einträchtig einen Film gechipsflixt, während ich die unter 1,30m-Jährigen ins Bett gebracht habe. Mit ihr kann er geduldig sein, weil sie näher an seinem Überschalltempo ist als die Kleinen. Das alles lässt mich auf die Zeit hoffen, wenn unsere Kinder älter sind. Ich glaube, manche Väter können erst brillieren, wenn die Kinder in ein Alter kommen, wo die Papas mehr mit ihnen anfangen können. Vorher sind sie einfach Nicht-Mama.
Die Elfjährige bringt frischen Wind in unser Familiensystem, das nach zwei Monaten Quarantäne dringend mal gelüftet werden musste. An ihr kann ich aus entspannter Distanz üben, wie Vorpubertät geht: es fühlt sich an wie tränenreicher Nahkampf in der Achterbahn. Ich atme gerade sehr oft tief durch und zähle bis Zehn. Hilft mir immerhin für den Matheunterricht mit der 6-Jährigen. Die Elfjährige ist schon immer meine Trainerin. Dank ihr war ich keine Anfänger-Mama, als unsere Tochter geboren wurde. Sie hat mich gut vorbereitet. Auf die Fallstricke, Durstrecken, Machtkämpfe und vor allem die glückseligen Inseln des Alltags. Ich war da, als sie auf die Welt kam und die Welle der allumfassenden Liebe zu ihr mich fast von den Füßen gerissen hat. Ich habe sie nachts durch die Straßen getragen, damit meine erschöpfte Schwester mal schlafen durfte. Ich bin mit ihr auf dem Rücken durch die Nordsee getobt, habe ihre Trotzanfälle erlebt, ihr Lachen, ihren Mut und ihre wunderbare Willenskraft. Ich habe die Namen der neuneinhalb Jungen gelernt, in die sie in der 3. Klasse verliebt war. Ich habe beobachten dürfen, wie mutig und stark Mädchen werden, wenn ihre Mütter es ihnen zutrauen. Das alles mit dem Luxus, irgendwann wieder abreisen und ausschlafen zu dürfen. Seitdem ich selber Mutter bin, habe ich nicht mehr so viel Zeit für sie. Sie fehlt mir. Dafür sind sie und unsere Kinder wie Geschwister. Mit ihr durfte unsere Große auch mal die Kleine sein und im Zeitraffer lernen, wie man Salto macht, den Eltern widerspricht und nervige Jungs auf dem Pausenhof umschubst. Dafür genießt die Elfjährige es, bei uns mal nicht Einzelkind zu sein und unter dem Radar zu laufen. “Hier werde ich irgendwie nie angemotzt”, sagt sie verwundert. “Weil du im Vergleich zu den Kleinen ziemlich viel richtig machst”, sage ich. “Und ich gar keine Zeit habe, euch alle andauernd anzumotzen.” Wenn sie jetzt auch noch meinen Mann erzieht, darf sie trotz vorpubertärer Ausnahmezustände gern bleiben, bis ihre Eltern sie zurück fordern.

Sonntag, 17. Mai 2020

Im Dorf ist gerade jeden Tag Ostern. Nur dass die Kinder keine Eier suchen sondern Steine. Ständig hört man irgendwo ein Kind: “Ich hab einen!” brüllen. Erst haben nur die größeren Kinder Flusskiesel in leuchtenden Farben bemalt und für die kleineren versteckt. Die Steine sollten kurz glücklich machen und dann wieder versteckt werden. Ein steinerner Kettenbrief von einem isolierten Kind zum anderen. Das haben die Kleinen aber anders gesehen. Sie wollten ihre Schätze nicht wieder rausrücken. Da half auch nicht, dass die Schulkinder irgendwann: Bitte wieder verstecken!!! hinten auf die Steine schrieben. Die Kleinen können ja nicht lesen. Mittlerweile sind Steine eine harte Währung im Dorf. Es gibt nämlich kaum noch welche, da alle Kinder manisch Steine bemalen, verstecken, suchen, klauen, horten. Es bilden sich regelrechte Stein-Banden, die mit ihren Rollern durch die Straßen rasen, um sich gegenseitig die schönsten Exemplare abzujagen. Ich muss wohl einen Elektrozaun um meine Kräuterspirale ziehen, sonst klauen die Gören noch alle Bruchsteine, bis das ganze Ding einstürzt. Gestern brachte ich den Vierjährigen ins Bett und es kollerte unter seinem Kopfkissen. Er hatte eine handvoll bemalter Steine darunter versteckt. Prinzessinnen kommen schon mit einer Erbse nicht klar, er schläft auf einem Steinbruch. Laut Studien hält sich SARS-CoV-2 auf Edelstahl und Kunststoff drei Tage, auf Pappe oder Papier einen Tag. Steine wurden in der Studie nicht explizit getestet. Weil mal wieder keiner die Kinder im Blick hatte, also ehrlich. Wenn ich ein Virus wäre, würde ich mir während der Kontaktsperre einfach so ein Stein-Taxi schnappen. Jemand sollte mal untersuchen, ob Acrylfarbe und Klarlack desinfizierend wirken.

Samstag, 16. Mai 2020

Wir haben gestern das Dorf verlassen. Es war keine gute Idee. Leider war sie von mir. Behauptet zumindest Friedolin. Ich kann mich nicht erinnern.
Bei uns ist zwar immer irgendwie Corona, weil die kollektive Ödnis der Quarantäne dem entschleunigten Landleben in einem Dorf ohne Läden und Lokale erstaunlich ähnelt. Das meine ich durchaus positiv. Wir genießen das. Unser Bühnenleben bringt mehr Abwechslung und Aufregung mit sich, als uns gut tut. Wir waren auch vor Corona eher häuslich und zurückgezogen.
In unserem Dorf ist aber irgendwie auch nie Corona, weil hier niemand Masken trägt. Wo auch? Und Abstandsregeln sind nebenan im Neubaugebiet mit betriebsamen Baustellen ohne Zäune nur ein theoretisches Konstrukt, das unvereinbar mit der tatsächlichen Lebenswirklichkeit ist. Amüsiert habe ich in diesem Zusammenhang gelesen, dass die Polizei Privat-“Partys” von drei Personen in Großstadtwohnungen aufgelöst hat. Bei uns gibt es keine Polizisten, die Männergrüppchen mit Feierabendbier im Vorgarten voneinander trennt. Und wenn, dann trinken sie mit. Wir sind mehr so der wilde Süd-Westen von Hannover. Hier brüllen höchstens Mal die Ehefrauen aus dem frisch eingesetzten Küchenfenster: “Jungs, das sind aber nicht zwei Meter.” Und die Männer brüllen zurück: “Lern erstmal einparken, dann reden wir über Abstände.” Corona ist anderswo.
Daher haben unsere Kinder bisher wenig vom Corona-Alltag mitbekommen. Für sie sind es einfach sehr lange Ferien, bei denen wir die Großeltern zurück lassen mussten. Da der Vierjährige aber neulich einen Nervenzusammenbruch erlitt, als die Klingel des Eiswagens zum ersten Mal in diesem Jahr an unserem See ertönte, wir aber kein Geld mithatten, sind wir in die Kleinstadt zum Eis essen gefahren. Vor der Eisdiele war jedoch eine ohrenbetäubende Großbaustelle, weshalb ich durch Mundschutze und Presslufthämmer und S-Fehler nicht verstehen konnte, welches Kind welche Eissorte wollte und jeder das falsche Eis bekam. Der Vierjährige erlitt einen Nervenzusammenbruch. Auf den Bänken neben der Eisdiele herrscht am Markttag außerdem Maskenpflicht, was das Eisessen natürlich erschwerte. Am Ende hockten wir wildromantisch auf einer Mauer hinter den öffentlichen Toiletten. Dann wollten wir noch in den Baumarkt, um Wasserpflanzen für den neuen Teich zu kaufen. Wir durften mit drei Kindern aber nicht rein. Was natürlich Sinn macht, wir aber in unserer ländlichen Blase nicht mitbekommen hatten. Der Vierjährige erlitt einen Nervenzusammenbruch. Wieder Zuhause hatten wir alle irgendwie das Gefühl, nochmal davon gekommen zu sein. Morgen fahren wir wieder in den Wald.

Freitag, 15. Mai 2020

Ich muss zum Schönheitschirurgen. Der soll mir vier zusätzliche Ohren und noch zwei Paar Hände annähen. Drei Paar Hände wären sicherlich auch praktisch, dann könnte ich gleichzeitig schreiben, Wäsche aufhängen und mir die Ohren zuhalten. Wobei ich dann ja noch zwei Paar Ohren offen hätte, aber keine weiteren Hände zum Zuhalten. Noch mehr Hände wären jedoch ungünstig, weil ich so nicht mehr auf der Seite schlafen könnte. Und die Kinder hätten Angst vor mir, wenn ich wie Frankensteins Monster aussähe. Sie würden sich nicht mehr in meine Nähe trauen, was die ganzen Hände und Ohren überflüssig machte. Egal wie ich es drehe und wende: es ist ein Teufelskreis.
Ich weiß nicht, wie oft ich seit Corona den Satz sage: “Der Reihe nach, ich kann nicht allen gleichzeitig zuhören.” Meistens zieht Friedolin den Kürzeren. “Du bist groß, du kannst warten”, sage ich dann immer. Er sieht das natürlich anders. Seine Impulskontrolle bezüglich des Zurückhaltens seiner Meinung nach dringender Mitteilungen ist ähnlich funktional wie die des Vierjährigen. Der ja wiederum die Impulskontrolle von Donald Trump besitzt. Bei uns ist ständig Pressekonferenz im Weißen Haus. Die meistens damit endet, das ich den Interviewpartnern das Wort entziehe und einen hektischen Abgang hinlege. Gerade sind wir alle ein bisschen Trump. In diesen Momenten kommt mir oft ein Satz meiner Hebamme in den Sinn. Unser Sohn war damals gerade einen Tag alt und ich versuchte gleichzeitig, der verunsicherten Zweijährigen ein Bilderbuch vorzulesen, das Neugeborene zu stillen und eine Position zu finden, die mir selbst kurz nach der Geburt nicht allzu große Schmerzen bereitete. Sie sagte: “Deine Kinder müssen satt, geliebt und sicher sein. Alles andere ist Bonus.” Daran muss ich seit Corona oft denken. Wenn ich wieder an mir zweifele, ob die Kinder genug lernen, lachen, singen, Sport treiben, Aufmerksamkeit bekommen oder gesund essen. Ob ich gerade in all meiner Multitasking-Überforderung die Mutter sein kann, die sie verdient haben. Doch dann liege ich spätabends erschöpft im Bett, zwei satte, zufriedene, warme, gleichmäßig atmende, duftende Kinder im Arm haltend, die vertrauensvoll an meiner Seite schlummern und denke: Das ist es, was zählt. Alles andere ist Bonus.

Donnerstag, 14. Mai 2020

Wir liegen auf der großen Matratze im Tobezimmer und verreisen. Der imaginär gepackte Koffer ist ziemlich voll. Die Elfjährige möchte alle Bände Harry Potter mitnehmen, für den Fall, dass wir wegen Corona nicht zurück reisen können. Wir werden wohl einen Aufschlag für Übergepäck zahlen müssen. Die drei Kinder liegen wie junge Hunde aneinander geschmiegt und erträumen sich einträchtig unsere einsame Insel. Das ganze Unglück der Menschen rührt ja bekanntlich daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer verbleiben können. Zitat Ende. Wobei Blaise Pascal sich im 17. Jahrhundert auch nicht in einem Raum mit einer smartphoneaffinen Elfjährigen befand. Heutzutage können Kinder ja sehr wohl ruhig in ihrem Zimmer bleiben und gleichzeitig hyperaktiv in die weite Welt surfen. Nix mit innerer Ruhe und stiller Harmonie mit sich selbst.
Die Sechsjährige müssen wir regelmäßig zu stiller Einkehr zwingen. Sie verliert sich schnell im Außen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was die grenzenlosen Weiten des Internets mit ihr anstellen werden. Nach der fremdbestimmten Vollbremsung ist sie anfangs rastlos und wütend. Bis sich ganz plötzlich ihr innerer Schalter umlegt und sie zufrieden vor sich hin summt, malt, schreibt oder Fantasielandschaften baut. Im Anschluss schwingt sie wieder im Einklang mit sich und der Außenwelt. Der Vierjährige kann besser auf sich aufpassen. Er nimmt sich rechtzeitig Auszeiten und zieht sich zurück, um zu bauen und allein zu spielen. Da kommt er nach Friedolin. Männer sind ja in der Regel besser darin, auf sich aufzupassen. Fragt sich nur immer, auf wessen Kosten.
Also, wir packen unseren Koffer und der Vierjährige nimmt mit: Kekse, Radieschen und seine Playmobil-Meerschweinchen. “Du magst doch gar keine Radieschen”, sage ich. “Aber das Wort finde ich schön”, sagt er. Die Sechsjährige nimmt mit: ein Zelt, fünf Wasserflaschen und eine Taschenlampe. “Falls wir in echt campen gehen.” Die Elfjährige nimmt mit: Handy, Laptop und nach meinem Einwurf, dass wir vermutlich keinen Strom auf unserer einsamen Insel haben werden, den Zauberstab von Harry Potter. Was das Spiel überflüssig macht, weil man mit einem Zauberstab ja sonst nichts einpacken muss. Ich stelle in den Raum, ob Harry Potter beim Homeschooling wohl auch die ganze Zeit heimlich TikTok-Videos geguckt hätte. Dann hätte er im Kampf gegen die Dementoren nämlich ganz schön alt ausgesehen, so ganz ohne Patronus-Zauber. Und die Reihe wäre nach dem dritten Band zu Ende gewesen. Sie rollt mit den Augen. “Bei Harry Potter hätte es während Corona gar kein Homeschooling geben dürfen, wegen des seit 1875 gültigen Erlasses zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger.” “Cool”, sage ich sehnsüchtig und ändere unsere Destination: “Ab in die Winkelgasse.”

Mittwoch, 13. Mai 2020

“Ich hab dich im Fernsehen erst gar nicht erkannt”, sagt meine Nachbarin. Sie hat mich in der Anstalt gesehen. “Ich mich auch nicht”, sage ich und verschränke meine Arme vor der Brust. Ich habe wieder mal keinen BH an und fühle mich nicht nach Konversation. Ich bin müde, sehe auch so aus und wollte eigentlich nur kurz die Mülltonnen reinholen. Eigentlich wäre aus mir ein guter Promi geworden. Ich sehe geschminkt komplett anders aus als privat. Meine Wimpern und Augenbrauen sind nahezu farblos. Die haben den Verdunklungsprozess meiner restlichen Haare leider nicht mitgemacht. Wobei privat ja nicht bei allen Frauen ungeschminkt bedeutet. Mich faszinieren Frauen, die samstags auf dem Weg zum Brötchenholen aussehen, als hätten sie im Anschluss ein wichtiges Meeting oder ein erstes Date oder wofür auch immer man glaubt, sich aufbrezeln zu müssen. Und sei es das Selbstwertgefühl. Ich sehe samstags um 9:30 Uhr aus, als hätte ich gerade Zwiebeln geschnitten, einen allergischen Schock erlitten und einen Knödel auf dem Kopf. Und laufe in löchrigen Leggins und Schlabberpullis rum. Schließlich habe ich Kinder, die gerne toben und mich vollkleckern, immer irgendwas im Garten zu erledigen und renitente Hühner, die mir auf den Schoß springen. Ich habe diese unsinnige Angewohnheit, meine schönen Anziehsachen für besondere Anlässe aufzuheben. Die sind hier auf dem Dorf aber Mangelware und wenn, dann bin ich overdressed in meinen knallbunten Blutsgeschwister-Kleidern. Also verkümmern sie im Kleiderschrank und riechen langsam nach Jungsfüßen, weil Friedolin immer seine getragenen Socken im Schrankzimmer liegen lässt.
Friedolin ist es relativ gleich, wie ich aussehe. Er hat ein inneres Bild von mir im Kopf, das er nicht täglich mit meinem tatsächlichen Aussehen abgleichen muss. Eigentlich nie. In unserem Alter sind Freundinnen für Komplimente zuständig. Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, mir die Haare kurz zu schneiden, nur um zu testen, ob er es bemerkt.
Meine Großmutter sah noch mit 103 Jahren jeden Tag tadellos aus. Sie lackierte sich die Nägel, zog sich die Augenbrauen nach und hängte sich ihre bombastische Bernsteinkette um. Sie war eine Dame, eine Diva mit bewundernswerter Selbstdisziplin. Wenn ich sie besuchte, dachte ich jedes Mal, ich könnte mir im Alltag vielleicht doch ein wenig mehr Mühe geben. Sie ließ sich niemals gehen, ich glaube deshalb ist sie so alt geworden. Wenn sie klagte, dann nur für einen Tag. Am nächsten riss sie sich zusammen und konzentrierte sich auf die schönen Dinge des Lebens. Wenn ich mich inmitten des Corona-Chaos mal wieder selbst bemitleide, höre ich sie leise summen: Davon geht die Welt nicht unter, sieht man sie manchmal auch grau. Einmal wird sie wieder bunter, einmal wird sie wieder himmelblau. Dann stehe ich auf, ziehe mir mein schönstes Kleid an und tanze mit den Kindern zu Elvis. Das ist ja wohl allemal ein besonderer Anlass.

Dienstag, 12. Mai 2020

Ich habe ein Kind gekriegt. Zum Glück war es keine spontane Geburt, denn sie ist über 1,50 Meter und wiegt an die 40 Kilo. Sie wurde mit dem Auto geholt. Was im Gegensatz zur Saugglocke besser für einen formschönen Hinterkopf ist. Meine elfjährige Nichte ist auf Landurlaub bei uns. Nach sieben Wochen mit ihren Eltern in einer Stadtwohnung interniert, hatten beide Seiten ein bisschen Abstand verdient. Ihre Eltern sind nämlich leider in diesem schwierigen Alter. Sie verstehen nicht, dass es durchaus sinnvoll ist, ohne Zeitsperre auf dem Handy TikTok-Videos zu gucken, Youtuber ein ehrenwertes Berufsziel ist und Kinder mit 11 quasi volljährig sind und selbst entscheiden können, wann sie ins Bett gehen oder wie streng man den Begriff Homeschooling auslegen sollte “Montag ist ja eigentlich noch Wochenende.”
Über Nacht wandeln sich die Themen in unserem Haushalt von “Mama, warum soll man eigentlich keine Popel essen?” hin zu “Hast du schonmal einen Promi getroffen?” Da ich sie mit Roger Willemsen und Howard Carpendale vermutlich nicht beeindrucken kann, versuche ich es mit Robert Pattinson. “Der aus Twilight.” Kennt sie nicht, dafür ist sie noch zu jung. Verdammt, denke ich, cooler wird es nicht. “Ist das der, der in Harry Potter 4 den Cedric gespielt hat?”, fragt sie hoffnungsvoll. “Genau der.” Plötzlich bin ich die coole Tante und wir fachsimpeln Harry Potter. Die eigenen Kinder kann man ja nur schwer beeindrucken. Unsere Kinder finden zum Beispiel, dass unser Beruf “Quatsch-auf-der-Bühne-erzählen” ist. Zumindest hat unsere Tochter das ihrer Schuldirektorin beim Eingangsgespräch erklärt. Meine Nichte hingegen erpresst ihre Schulfreunde, damit sie unsere youtube-Videos liken, weil sie sonst ihre TikTok-Videos nicht liked. Sie ist eine erfolgreiche Influencerin. Leider hat sie erst neun Follower auf Instagram, sonst wären wir karrieremäßig schon durch die Decke gegangen. Wenn ich 11 wäre, würde ich ihr definitiv folgen. Sie kann Flickflack auf dem Trampolin, reitet wie ein Cowboy, flucht wie ein Pirat und sieht aus wie ein Engel. Und auch sonst ist sie in jeder Hinsicht clever und wunderbar. Die Sechsjährige ist wie immer schockverliebt und leugnet meine Existenz seit dem Moment, in dem die Elfjährige das Haus betreten hat. Sie folgt ihr wie ein hypernervöses Hündchen. Nur der Vierjährige ist überfordert von so viel Weiblichkeit und beginnt, die Mädchen anzuspucken und zu boxen. Zum ersten Mal verstehe ich wirklich, warum Männer Frauen gegenüber oft solche Arschkrampen sind. Sie verzweifeln einfach daran, dass sie selbst nicht so wunderbar sind.

Montag, 11. Mai 2020

Der Vierjährige konstruiert eine Tisch-Abräum-Maschine. Allerdings ist die Entwicklung des Prototyps so zeitintensiv, dass er keine Zeit zum Tischabräumen mehr hat. Die Maschine nimmt das halbe Wohnzimmer ein. Und sie ist nicht tragbar. Daher wird es der Prototyp wohl niemals in Produktion schaffen. Er lässt sich nicht in die Nähe des abzuräumenden Tisches transportieren. Als nächstes wird der Vierjährige einen Teleporter für die Tisch-Abräum-Maschine bauen. Was ebenfalls Zeit kostet. Also werde ich wohl auch in Zukunft den Tisch alleine abräumen. Ich setze darauf, dass er später ein Patent entwickelt und damit unsere Rente aufbessert. Immerhin sind keine Stromkabel involviert. Sein Freund wollte aus einem Kinderstaubsauger eine elektrische Mausfalle bauen. Er schraubte ihn auseinander und setzte die Einzelteile neu zusammen. Die blanken Drähte steckte er in die Steckdose. Die Sicherung brannte durch und die Mutter fand ihn bewusstlos im Kinderzimmer. Eine schwarze Linie zog sich durch die Hand. Seine Neugierde hatte sich in seinen Körper gebrannt. Als er später im Krankenhaus erwachte, ein kleiner elender Junge, aus dem lauter Schläuche und Drähte guckten, lächelte er übers ganze Gesicht und sagte: „Endlich hat mal was funktioniert!“

Sonntag, 10. Mai 2020

Ich lasse mich heute anbeten. Schließlich ist Muttertag und an allen anderen Tagen ist die Anerkennung meiner Leistung in dieser Familie verbesserungswürdig. Einzig der Vierjährige findet mich das ganze Jahr über wunderbar. Friedolin ist aus dem Alter leider raus. Als ich mit ihm schwanger war, also mit dem Vierjährigen, sagte eine vielfache Mutter zu mir: “Schön, dass du einen Jungen bekommst. Ein Junge wird dir gut tun.” Heute weiß ich, was sie meint. Vor ein paar Wochen schaute er mich mit verklärten Augen an und lispelte: “Mama, du bist so schön. Du musst mal in den Spiegel schauen, damit du weißt, wie schön du bist.” Gut, er hatte auch 39,5 Fieber und gerade eine Dosis Ibuflam intus, dennoch war ich zu Tränen gerührt. Vielleicht sollte ich Friedolin mal mit Ibuflam überdosieren.
Heute ist also Muttertag und in meinen Statuten steht, dass ich ausschlafen möchte und Kaffee ans Bett. Keine Blumen. Ich mag keine Blumensträuße aus dem Laden. Ich kann mich nicht über etwas frisch Getötetes freuen, dem man beim langsamen Verwesen zuschaut und das unter ökologisch und arbeitsrechtlich fragwürdigen Umständen gewachsen ist. Eine Freundin von mir macht immer Blumensträuße aus Teekräutern, das finde ich eine schöne Idee, so sind sie nicht umsonst gestorben. Sorry, Blumenhändler, ich weiß, ihr habt es gerade auch nicht leicht.
Um sieben Uhr werde ich wach, weil sich eiskalte Füße an meine Waden drücken. Und jemand neben mir liegt, der ständig Plopp-, Schnalz-, Pfeiff- und Pupsgeräusche von sich gibt. “Muttertag”, nuschele ich. “Weck Papa.” Klappt natürlich nicht. Da könnte ich auch einem Stein sagen, dass er einen Stein wecken soll. Irgendwann bin ich von der Wachheit neben mir so wach, dass ich auch gleich aufstehen kann. Die Sechsjährige liegt vorbildlich in ihrem Bett und hört ein Hörbuch. Ich verziehe mich mit meinem Laptop in mein Zimmer und arbeite. Kurze Zeit später kommt Friedolin genervt rein, warum ich ihn denn nicht geweckt hätte. Er weiß, dass meine Laune im Keller ist, weil ich nicht ausschlafen durfte. Deshalb ist er mir mit der schlechten Laune lieber schonmal voraus. Läuft super mit der Anbetung.
Zu meinem persönlichen Leidwesen muss ich heute auch noch meine Jogginghose ausziehen. Wir stehen zum ersten Mal seit acht Wochen wieder auf einer Bühne, im wunderbaren TAK in Hannover. Und machen Live-Stream-Gedöns. Was einerseits sehr schön ist. Endlich kann ich mal mit Menschen über 1,30 Meter plaudern. Aber meine Jogginghose und ich haben uns in den vergangenen Wochen so aneinander gewöhnt. Außerdem bin ich Kabarettistin geworden, um eine Verbindung zu Menschen herzustellen. Sie zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Es wird sich komisch anfühlen, nur für eine Kamera zu spielen. Vielleicht mögt Ihr mal reinschauen und schreibt dann eure Gefühlsregungen in den Chat, dann weiß ich, dass ihr da seid. Aber bitte keine Kotz-Smileys. Die schickt mir meine Nichte immer. Vielleicht lasse ich auch nur meinen Oberkörper filmen und behalte die Jogginghose einfach an. Fröhlichen Muttertag.

Heute 18:30 Die Fensterbank-Marie live

https://www.tak-hannover.de/livestream/

Samstag, 9. Mai 2020

Unsere Kinder gehen fremd. Bei ihrer Großmutter in Hannover sind die Spielplätze und der Tiergarten wieder geöffnet. In unserem Dorf hingegen ist ja immer irgendwie Corona. Außerdem fanden die Kinder unseren Service zuletzt eher suboptimal. Das ergab eine repräsentative Umfrage bei allen unter Zehnjährigen in diesem Haushalt.
“Ständig sitzt du vorm Computer”, sagt die Sechsjährige vorwurfsvoll.
“Ja, ständig. Wenn ich euch nicht gerade anziehe, füttere, mit euch Schule mache, bastele, tobe, schmuse, spiele oder vorlese, Wäsche wasche, hinter euch her räume, Fußnägel schneide, das Klo putze oder Unkraut jäte, sitze ich andauernd vorm Computer”, will ich sagen. Aus meinem Mund kommt jedoch: “Ich bin gleich fertig.” Schließlich kann mein Kind nichts dafür, dass ich überfordert bin. Jetzt sind sie zum ersten Mal seit sieben Wochen aus dem Haus. Meine Mutter ist einsam und die Kinder nach der langen Quarantäne garantiert nicht ansteckend. Angesichts der Fülle der sich nun bietenden Möglichkeiten schwankt mein Körper zwischen Aktionismus und Käfertotstarremodus. Es ist so viel liegen geblieben an Arbeit und im Haushalt, gleichzeitig bin ich müde und leer. Wenn Hühner zwischen Flucht und Angriff hin und her gerissen sind, fangen sie als Übersprungshandlung an zu picken. Ich klicke mich durch alte Kinderfotos. Kaum sind sie aus der Tür, vermisse ich sie. Das Telefon klingelt. Der Vierjährige ist dran. Süß, denke ich, er vermisst mich auch.
“Mama, hast du die Meerschweinchen zugemacht?” Seine Playmobil-Meerschweinchen müssen abends in den Stall gebracht werden, falls der Playmobil-Marder kommt. Die Kinder sind von unserem letzten Marderschaden, dem neun Hühner zum Opfer gefallen sind, noch traumatisiert. Wenn das Zubettbringen sich wieder ewig zieht und sie mich auch nach dem fünften Schlaflied nicht aus dem Zimmer lassen, brauche ich nur zu sagen: “Ich muss jetzt aber ganz dringend die Hühner zumachen. Bevor der Marder kommt.” Dann darf ich raus. Hilft natürlich nicht gegen das Trauma.
“Ja, die Meerschweinchen sind zu”, lüge ich und fühle mich etwas schuldig. “Kannst du mal ins Kinderzimmer gehen und den Stall schütteln? Dann höre ich ja, dass sie drin sind”, sagt er. Er hat mich durchschaut. Also gehe ich ins Kinderzimmer, lege geräuschlos die Meerschweinchen in den Stall und schüttele sie laut. “Dann ist ja gut”, sagt er und legt auf. “Ich hab dich auch lieb”, sage ich und rolle mich auf dem staubigen Spielteppich zusammen. Vielleicht schaffe ich es wenigstens zu saugen, bevor sie wiederkommen.

Freitag, 8. Mai 2020

Friedolin möchte mich schlachten. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er seit Corona mein Gewicht mit Chips und Vanilleeis in die Höhe treibt. Vielleicht hat er im Darknet irgendeinen Kannibalen-Club aufgetan und hofft, mit seiner dicken Frau noch ein paar Euros dazu zu verdienen. Seit Corona suchen ja alle Künstler verzweifelt nach neuen Geschäftsideen. Und ich falle jeden Abend drauf herein. Wir haben gesund zu Abend gegessen mit Gartenkräuter-Tee, Bio-Vollkornbrot und Rohkost, die Kinder schlafen, Friedolin und ich brechen erschöpft auf dem Sofa zusammen und nach einer Weile lässt er ganz beiläufig diesen perfiden Satz fallen:
“Irgendwie hab ich noch Hunger…”
Und bevor ich “Einspruch” brüllen kann, ist er schon aus der Speisekammer zurück und stellt eine Schale mit Salt&Vinegar-Chips zwischen uns oder gesalzene Nüsse oder irgendeine andere Schweinerei, die man am nächsten Morgen bereut, wenn einem latent schlecht ist und die Augen vom vielen Salz zugeschwollen sind wie von Rocky Balboa.
“Es zwingt dich ja keiner, das zu essen”, sagt Friedolin dann immer. Was ja als Argumentation völlig unsinnig ist, weil natürlich MUSS ich das essen, wenn er es neben mich stellt. Und ich muss es auch aufessen. Ein bisschen Chips ist ja ähnlich befriedigend wie ein bisschen Sex. Aber mit jemanden, der einen Kalorienumsatz von einem hyperaktiven Erdmännchen hat, braucht man so etwas nicht zu diskutieren.
Die Kinder haben längst gewittert, dass hier was im Busche ist. Der Vierjährige schlurft neuerdings mit meinen Hausschuhen durch die Gegend und singt: “Ich bin ‘ne dicke Mama, ich bin ‘ne dicke Mama.” Eines morgens haben sie Sherlock-mäßig die Chipskrümel aus der Sofaritze gepult und uns vorwurfsvoll entgegengestreckt:
“Ihr habt Chips gegessen!” Sie bekommen Chips nur bei Dorffesten im Feuerwehrhaus. Seitdem stecke ich abends extra ein paar Krümel in die Sofaritze, damit die Kinder sie am nächsten Morgen finden. Schließlich ist Corona, da zählt jede Beschäftigungsmöglichkeit. Ich flehe Friedolin an, diese Sachen nicht mehr zu kaufen. Mittlerweile hat er mich jedoch so konditioniert, dass ich, sobald mein Hintern das Sofa berührt, so laut CHIPS denke, dass ich den Film nicht mehr verstehe und dann maule, weil er keine gekauft hat. Er sagt, mein Verhalten sei völlig widersinnig.
“Und wessen Schuld ist das?”, frage ich überflüssigerweise, weil er ja ohnehin immer Schuld ist.
Dabei ist es mir schnurzpiepegal, wie viel ich wiege. Ich habe zwei granatenstarke Kinder in diesem Körper beherbergt, das darf man durchaus auch sehen und würdigen. Mein Körper erzählt die Geschichte meines Lebens, mit allen Narben, Bergen und Tälern. Aber Chips und Sahneeis sind Kapitel, für die ich gern einen strengeren Lektor hätte. Ich träume davon schlecht und bin morgens gereizt, weil ich mich innerlich verklebt fühle. Also drücke ich auf die Spaßbremse, putze mir abends gemeinsam mit den Kindern die Zähne und gehe mit einem Buch ins Bett, während Friedolin unten alleine chipsflixt. Soll er sich doch eine neue Geschäftsidee suchen.

Donnerstag, 7. Mai 2020

Kinder sind fiese Virenschleudern. Ich weiß nicht, wie oft Friedolin und ich krank zu einer Tour aufgebrochen sind, weil unser reizender Nachwuchs mal wieder grippale Infekte oder Kotzerei aus dem Kindergarten angeschleppt hatte. Nostalgisch denke ich in diesem Zusammenhang an die Süddeutschland-Tour mit Magen-Darm zurück, wo ich nachts im Hotel mit Fieber und Eimer neben dem Bett zwischen Kotzen und Stillen changierte, um am nächsten Abend leicht grün im Gesicht auf der Bühne zu stehen. Diesmal mit Eimer hinter dem Vorhang. Da nimmt man in jeder Hinsicht ab. Zum Glück hat die erste Reihe in Theatern seit jeher Sicherheitsabstand. Zu dieser Zeit zählten Eltern, die ihre kranken Kinder in den Kindergarten geschickt hatten, zu meinem persönlichen Feindbild. Da gab es das Wort Solidarität in diesem Zusammenhang ja noch nicht. Jeder war sich selbst in seiner persönlichen Überforderung der Nächste. Nach mehrerer solcher Touren waren wir ernsthaft versucht, den Job zu wechseln. Ich weiß nicht wie oft meine Hausärztin mitleidig zu mir gesagt hat: “Wenn sie einen richtigen Job hätten, würde ich sie jetzt krank schreiben.” Dann haben wir beide herzlich gelacht und ich hab mich für die nächste Tour spielfähig gedopt.
Jetzt hätten wir endlich mal Zeit zum Krankwerden. Und können uns nirgendwo anstecken. Wenn Corona, dann doch jetzt bitteschön. Sollten wir es erst im Herbst kriegen, wenn wir hoffentlich wieder arbeiten dürfen, wäre das doch eher ungünstig. Unsere Kinder werden sich vermutlich nicht infizieren. In der italienischen Kleinstadt Vo wurden alle 3000 Bewohner nach einem Corona-Ausbruch getestet, kein Kind unter Zehn war infiziert. Aus Island wurde ebensolch eine Studie gemeldet, keines der 848 Probanden-Kinder wurde positiv getestet. Überall auf der Welt stecken erwachsene Corona-Infizierte durchschnittlich fünf bis zehn Prozent ihrer Kontakte an. Bei Kindern bleibt das große Fragezeichen, es fehlen einfach aussagekräftige Studien zu diesem Thema.
Gestern rollerte ein Nachbarsmädchen zum ersten Mal mit unseren Kindern um den Block. Ihr Lachen hallte wie ein Befreiungsschlag durch die Straßen. Die Eltern des Mädchens hatten sich seit Anfang März strikt an die Kontaktsperre gehalten. Der Vater sah weinend vom Bürgersteig zu, wie die Kinder mit den Rollern hin und her sausten. Er war herzzerreißend glücklich, dass seine Tochter zum ersten Mal seit acht Wochen wieder Kontakt zu anderen Kindern hatte. Bei all den Diskussionen um Autoindustrie und Fluggesellschaften sollten wir uns mal langsam fragen, wie lange wir unseren Kindern das noch antun wollen. Und mit welcher wissenschaftlichen Begründung.

Mittwoch, 6. Mai 2020

“Jungs küssen nicht”, pöbelt der Vater seinen dreijährigen Sohn an, der gerade seinem Freund einen Schmatzer auf die Wange drückt. Der Vater schaut hilflos in die Runde: “Das hat er gestern auch schon gemacht. Hör endlich auf damit”, schreit er und reißt den Jungen von seinem Freund weg. Der Junge guckt beschämt zu Boden. Die Umstehenden ignorieren den Vorfall gleichgültig oder peinlich berührt. Man könnte meinen, der Vater wolle seinen Sohn vor Corona schützen. Doch die Szene spielte sich beim letzten Nikolaus-Fest im Feuerwehrhaus ab. Zum Glück war unser Vierjähriger so damit beschäftigt, seinem Schoko-Nikolaus den Kopf abzubeißen, dass er nichts davon mitbekam. Er ist ein leidenschaftlicher Küsser. Ohne die vielen feuchten Küsschen unseres Sohnes wäre mein Leben deutlich ärmer. Wobei er Friedolin nie küsst, weil der so stachelt. Und seine Schwester darf er nicht küssen, weil die ihn latent unappetitlich findet. Er hat ständig klebrige, müffelnde Hände und eine verschmierte Schnute. Dank Corona hat er prompt ein Waschekzem bekommen. Seine Hände sind es einfach nicht gewohnt, so sauber zu sein. Bleiben umso mehr Küsse für mich.
Unser Sohn hat seine weibliche und männliche Seite perfekt ausbalanciert. Er liebt Glitzer und klärt Argumente gern mit Fäusten. Er trägt die abgelegten Kleider seiner großen Schwester und spielt dabei mit seinen Baggern im Sandkasten. Beim Kinderschminken wünscht er sich standhaft Schmetterlinge und Blumen, auch wenn die Frau mit der Schminke mehrfach nachfragt, ob er nicht doch lieber einen Teufel oder Spidermann auf der Wange hätte.
Wenn wir kleinen Jungs beibringen, dass sie alles sogenannt Weibliche in sich unterdrücken müssen, wie sollen sie da später ihren Frauen Respekt entgegen bringen?
Bei einem Gespräch äußerten ein paar Dorfmütter die Sorge, dass die heutige genderneutrale Erziehung die Kinder massiv verunsichern würde. Dabei war noch in den 80er-Jahren Unisex-Kleidung und Unisex-Spielzeug viel üblicher als heute. Und unser Umfeld behandelt die Kinder alles andere als genderneutral.
Wenn Besuch kommt, begrüßen sie unsere Tochter häufig mit den Worten: “Du hast aber ein hübsches Kleid an”. Und die erste Frage an unseren Sohn lautet oft: “Was hast du denn da Tolles gebaut?” Obwohl er sich extra für den Besuch schick gemacht hat und sie auch was Tolles gebaut hat. Das ärgert unsere Kinder. Wobei jungenhaftes Mädchenverhalten gesellschaftlich eher akzeptiert ist als andersherum. Wenn unsere Tochter Fußball spielt: kein Problem. Wenn unser Sohn mit seinem Puppenwagen durchs Dorf schiebt: befremdete Blicke.
Neulich sah ich in der Drogerie Kinderduschgel im Regal. Das Blaue hatte coole Jungs mit Fußball oder Gitarren in der Hand abgebildet. Die rosa Variante zeigte Mädchen mit Handtäschchen vorm Eiffelturm posierend. Die Jungs konnten was, die Mädchen sahen hübsch aus. Gendermarketing ist kapitalfördernd, weil die Firmen Spielwaren, Schulzeug und Kleidung gleich zweimal verkaufen können: einmal für Mädchen, einmal für Jungs. Diese Zuschreibung zieht sich bis zu Kinderbüchern durch. Die Jungs erleben Abenteuer in der weiten Welt, die Mädchen putzen mit ihren Freundinnen zuhause die Pferde. Das finde ich zum Würgen. Unsere Tochter macht sich nichts aus Äußerlichkeiten. Sie möchte lieber dafür bewundert werden, was sie kann. Unser Sohn blüht hingegen auf, wenn man die Glitzerwolke auf seinem T-Shirt bemerkt.
Wenn er in der Pubertät immer noch die Kleider seiner großen Schwester tragen möchte, kann er zur Not ja nach Köln ziehen. Hauptsache ich bekomme weiterhin meine feuchten Küsschen.

Dienstag, 5. Mai 2020

Wir überlegen, wen wir umbringen sollen, damit unsere Tochter in zwei Wochen ihren 7. Geburtstag feiern kann. Beerdigungen bis zu 10 Personen sind ja wieder erlaubt. Unser Huhn Miss Granger ist vor ein paar Tagen gestorben, vielleicht können wir das im kleinen Kreis mit den Nachbarskindern an ihrem Geburtstag beerdigen. Dafür müssten wir es allerdings erstmal exhumieren. Hinterher natürlich gut Händewaschen und zweimal Happy Birthday singen. Am Geburtstag macht das ja endlich mal Sinn. Oder wir spendieren allen eingeladenen Kindern einen neuen Haarschnitt, die Frisöre sind ja wieder geöffnet. Oder Friedolin und ich vollziehen eine Blitzscheidung und heiraten wieder an ihrem Geburtstag. Vorzugsweise jemand anderen. Nach sieben Wochen Quarantäne können wir ein bisschen Abwechslung gebrauchen.
“Ich hab noch nie an Scheidung gedacht”, sagt Friedolin zu meinem Vorschlag. “An Mord ja, aber Scheidung?”
“Hoffentlich wird mein nächster Mann auch so witzig wie du”, sage ich. Das ist mein neuer Lieblingskonter. “Dein Kind hat Geburtstag, da kannst du auch mal Opfer bringen.”
Ich bin entspannt, was ihren Corona-Geburtstag betrifft. Endlich stehen wir mal nicht in Konkurrenz mit all diesen Erlebnis-Geburtstagen im Freundeskreis unserer Tochter. Bauernhofgeburtstag, Tierparkgeburtstag, Gokart-Bahn-Geburtstag, Kletterhallengeburtstag, was ist nur aus dem guten alten Topfschlagen geworden? Die Kinder sind Sechs, wohin soll sich das in den nächsten Jahren noch steigern? Werden dann mit Zehn alle Kinder zu einem Kurztrip nach Mallorca eingeladen?
Wir feiern immer im Garten, sie ist schließlich ein Maikind und unser Garten muss sich amortisieren. Wenn Stadtkinder im Winter Geburtstag haben und in einer 3-Zimmer-Wohnung wohnen, verstehe ich ja dieses Event-Gedöns. Ich möchte auch nicht, dass mir ein Haufen zuckerinfundierter Siebenjähriger die Hütte auseinandernimmt. Aber hier auf dem Dorf haben doch alle einen großen Garten und die Kinder sind meiner Erfahrung nach froh, wenn sie mal in einer größeren Gruppe in Ruhe toben dürfen. Das haben sie bei all dem Freizeitstress heutzutage ja wirklich selten.
Wir werden bei unserer Beerdigung den Popcorn-spuckenden-Dino vom Dachboden holen, bei dem die puderzuckerverschmierten Kinder immer ekstatisch skandieren: Kotz! Noch! Mal! Kotz! Noch! Mal! Dann werden Friedolin und ich ein dadaistisches Puppentheater aufführen, woraufhin die Kinder ein noch viel anarchistischeres Puppentheater aufführen. Dann Schnitzeljagd und schließlich Lagerfeuer und Stockbrot. Zum Glück ist Corona, da werden auch die erlebnisverwöhnten Gören mit so einer Event-Beerdigung zufrieden sein.

Montag, 4. Mai 2020

Der Dorfbewohner geht eher 9 km besoffen zu Fuß, als dass er Fahrrad fährt. Sagen zumindest die Dorfbewohner. Nüchtern fährt er natürlich mit dem Auto. Wobei nüchtern ein denkbar dehnbarer Begriff ist. Zufußgehen und Fahrradfahren sind hier keine Fortbewegungsmittel sondern Hobbys, die niemand ins Freundebuch schreibt. Was das angeht, sind Friedolin und ich noch immer Großstädter. In der Stadt hatten wir jahrelang gar kein Auto, schließlich kann Friedolin sogar Möbel einhändig auf dem Fahrrad transportieren. Als wir aufs Dorf zogen, haben wir uns geschworen, weiterhin alles mit dem Fahrrad zu machen. Bis ich das erste Mal mit unserer Tochter im Hänger zu unserem 4 km entfernten Kindergarten im Nachbardorf gefahren bin. Der Fahrradweg führt parallel an der Bundesstraße entlang, 90 cm Abstand zur Fahrbahn, keine Leitplanke. Wenn einem ein 40-Tonner mit Höchstgeschwindigkeit entgegen kommt, haut der Fahrtwind selbst mich fast vom Rad. Die Kindergartenkinder hinterm Zaun starrten meinen Fahrradanhänger an wie eine exotisches Tier. Die meisten Kinder fahren mit dem Kindergarten-Bus, die anderen werden mit dem Auto gebracht. Eine Familie geht zu Fuß.
Wenn wir mit dem Fahrrad Freunde im Nachbardorf besuchen und es fängt an zu nieseln, müssen wir uns mit Händen und Füßen dagegen wehren, mit dem Auto nach Hause gebracht zu werden.
Als ich mit dem Fahrrad zu einer Geburtstagsparty wollte, wurde vorher eine Telefonkette gestartet, ob diese verrückte Großstädterin nicht jemand mit dem Auto mitnehmen könne. Ich fuhr trotzdem mit dem Rad und wurde am Abend jedem Gast mit den Worten vorgestellt: Das ist Wiebke, die ist mit dem Fahrrad gekommen. Wenn ich hier Fahrrad fahre, komme ich mir immer vor, als würde ich etwas verbotenes tun. Aber seit eine Frau mit ihrem Auto von der Bundesstraße abgekommen und vor mir über den Fahrradweg ins Feld gebrettert ist, weiß ich, warum hier keiner Fahrrad fährt. Nicht umsonst wird unser Abschnitt der Bundesstraße auch Todesstrecke genannt, weil hier oft übermüdete Pendler von der Fahrbahn abkommen. Ich hatte das Verkehrsministerium höflich ersucht, ob man nicht eine Leitplanke zwischen Fahrradweg und Bundesstraße ziehen könne. Die Zuständigen kamen, zählten sieben Radfahrer pro Stunde und zuckten mit den Achseln: “Lohnt sich nicht”. Ich war erstaunt, dass überhaupt sieben Radfahrer unterwegs waren. Mein Einwand, dass hier kein Mensch Fahrrad fährt, weil die Fahrradwege lebensgefährlich sind, wurde höflich ignoriert. Die Klimawende findet anderswo statt.
Leider haben sie nicht während Corona gezählt. Zur Zeit sind Heerscharen von Rentner auf ihren E-Bikes unterwegs. Sie brettern mit Höchstgeschwindigkeit durch die Feldmark, ihr Fahrtwind ist ähnlich fatal wie der eines 40-Tonners. Ich bin versucht ihnen “Sicherheitsabstand” hinterher zu brüllen, wenn sie den Vierjährigen fast über den Haufen fahren. Ob wegen Corona oder Verkehrssicherheit ist mir dann auch egal.

Sonntag, 3. Mai 2020

Wir stehen unter Zugzwang. Die Nachbarskinder haben eine Nintendo Switch bekommen. Da kann das Museum der toten Tiere unserer Kinder irgendwie nicht mithalten. Jetzt haben sie erstmal keine Zeit mehr zum Versteckspielen.
“Du willst lieber mit einem Computer spielen als mit mir?”, fragt die Sechsjährige fassungslos.
Ihr Freund nickt.
“Die Switch ist ja auch neu.”
“Verstehe ich trotzdem nicht.”
“Du bist ja nur neidisch, weil deine Mama dir sowas nicht erlaubt”, sagt er. Sie kaut unglücklich auf ihrer Unterlippe rum.
“Wir sind halt eine Naturfamilie”, sage ich beschwichtigend. Eigentlich finde ich es gut, wenn die Kinder so etwas unter sich klären. Aber unsere Tochter ist kurz vorm Weinen.
“Ist doch toll, dass ihr unterschiedlich seid. Da könnt ihr euch ergänzen. Bei dir könnt ihr mit der Switch spielen…”
“Nicht solange Corona ist.”
“Dafür kannst du mit uns zum See fahren und schwimmen, auch wenn wegen Corona noch alle Freibäder zu haben. So wird es nie langweilig, weil ihr beide was Tolles habt.”
“Die Switch ist aber cooler”, sagt er. Ich atme tief durch. Manchmal würde ich den Kindern gerne ganz altmodisch die Ohren lang ziehen.
“Dafür kannst du bei uns mit den Hühnern spielen…”
“Meine Eltern hassen Tiere.”
“Na, siehste.”
Unsere Tochter hat zu Weihnachten einen mp3-Player bekommen, weil mein altersschwacher Discman den Geist aufgegeben hatte. Mehr Technik haben unsere Kinder nicht. Ich hatte ihren schlichten mp3-Player nach kinderfreundlicher Bedienbarkeit und fairen Produktionsbedingungen in Deutschland ausgewählt. Die Sechsjährige fand ihn großartig. Bis ihre Freundin sagte: “Also, ich hab ja schon ein Iphone. Damit kann man auch Fotos machen und Spiele spielen und wenn ich Neun bin, kriege ich Whatsapp.” Danach fand unsere Tochter ihren mp3-Player nur noch so semitoll.
In solchen Momenten ziehe ich ein zurückgezogenes Leben in einer Blockhütte in Kanada durchaus in Erwägung. Wir möchten unseren Kindern eine möglichst medienfreie Kindheit schenken. Obwohl das für Friedolin und mich deutlich weniger kinderfreie Zeit bedeutet, als wenn wir sie ständig vor diversen Bildschirm parken würden. Sie sollen erstmal die begrenzte Welt von Haus, Garten und Wald kennenlernen, bevor sie sich in den unendlichen Weiten von Spotify, Youtube und Minecraft verlieren. Frustration und Langeweile ohne digitalen Schnuller aushalten lernen. Sobald die Technik Einzug hält, gibt es kein Zurück. Das habe ich zu oft im Freundeskreis beobachtet. Dort arten Diskussionen um Bildschirmzeit und Fernsehinhalte regelmäßig in handfeste Familienstreitereien aus. Ich habe keine Angst, dass unsere Kinder den Anschluss ans digitale Zeitalter verpassen. Kinder saugen alles so schnell auf. Unsere Tochter hat nur durch Beobachtung aus dem Augenwinkel in kürzester Zeit rausgehabt, wie Whatsapp funktioniert. Der Sog der Technik ist immens. Kinderärzte warnen nicht umsonst davor, dass es schon bei Kleinkindern einen deutlichen Anstieg von Kopfschmerzen, ADHS und psychischen Erkrankungen gibt. Wegen Smartphones und der neuen Medien. Wo soll man hin, wenn man am Ziel anfängt?
Die Nachbarn hatten die Switch übrigens angeschafft, weil sie auch unter Zugzwang sind. Die älteren Freunde der Kinder wollten nicht mehr zum Spielen kommen, weil es bei ihnen keine Spielkonsole gab. Das erinnert mich ein bisschen an den Kater von Friedolins Großmutter, der eines Tages nicht mehr nach Hause kam. Die Nachbarn hatten sich eine Fußbodenheizung eingebaut, von dem Tag an wohnte der Kater nebenan. Ich bin mir sicher, dass der Vierjährige auch irgendwann zu den Nachbarn ziehen wird. Wer braucht schon eine Mama, wenn er auch eine Switch haben kann.

Samstag, 2. Mai 2020

Was uns heute glücklich gemacht hat: Die Mauersegler sind zurück. Friedolin kocht Kaffee zu Toast mit Holunderbeermarmelade und Zwerghuhneiern. Die 1000 duftenden Blüten des Apfelbaums. Die ersten Radieschen sind reif. Unsere Wiese voller Gänseblümchen, Löwenzahn und Ehrenpreis-Gamander. Niemand hat sich verletzt. Die neuen Hühner sind so zahm, dass sie den Kindern auf den Schoß flattern. Wir werden bald meine Schwester wiedersehen. Wir werden bald meine Nichte wieder sehen. Das Rauschen des Regens im Ahornbaum. Die Sechsjährige schaut in den Himmel und sagt: Den Regen hat Ura uns geschickt, sie denkt an uns. Friedolin kocht Kaffee. Die Kinder bauen zwei Stunden allein in ihrem Zimmer eine Landschaft. Der grüne Geruch des Gartens nach dem Landregen. Unser Maibaum im Garten, der von den Kindern geschmückt ein wenig aussieht, als hätte der Wind ein Haufen Altkleider hineingeweht. Der Vierjährige denkt sich ein Mailied voller Blumen, Küken und Sonnenschein aus. Der Regen macht Pause, damit wir ein Maifeuer entzünden können. Der vergangene Sommer entfaltet brennend seine Kraft: Johanniskrautblüten, Salbei, Zitronenmelisse, Beifuß und Estragon. Wir springen dreimal durch den Rauch und wünschen uns was. Das sehr lustige Foto, das Friedolins Mutter von seinem Vater unter Auflagen gemacht hat. Der Abendgesang von Herrn Schmutzschnabel, unserer Privatamsel. Frisch bezogene Betten. Es fiel nicht einmal das Wort Corona. Doch jetzt. Verdammt.

Freitag, 1. Mai 2020

Gestern hat das ganze Dorf in den Mai getanzt. Die Kinder üben schon seit Wochen beim Kinderturnen einen Tanz dafür ein. Nachmittags hatten wir Blumenkränze aus den ersten Frühlingsblumen geflochten. Neun verschiedene Blumen müssen es sein, sonst bringt der Sommer keine gute Ernte. Sogar die Ringelblumen blühen schon, der Frühling war so warm. Die Kränze trugen sie abends stolz auf ihrem Weg ins Altenheim. Die Senioren freuen sich immer sehr auf den alljährlichen Maitanz der Kinder. Auch wenn die Musik aus dem tragbaren Ghettoblaster scheppert und die Kinder sich genauso oft schubsen, wie sie die richtigen Schritte tanzen, es ist natürlich trotzdem reizend. Als Dankeschön gab es tonnenweise Süßigkeiten vom Altenheim. Im Anschluss zogen alle zur Wiese am Feldrand hinter dem Feuerwehrhaus und sahen zu, wie der Maibaum aufgestellt wurde. Die Kinder flochten tanzend Bänder um den Baum. Dafür gab es dann später tonnenweise Süßigkeiten. Der Vierjährige brach den Tanz ständig ab, um mich zu fragen, ob er jetzt seine Bratwurst bekommt. Unsere Tochter ist Vegetarierin aus Überzeugung. Unser Sohn ist Zwangsvegetarier, weil ausgerechnet er in diese Möchtegern-Moralisten-Familie hineingeboren werden musste. Damit er nicht als 15-Jähriger aus Protest zu McDonalds überläuft, darf er als Kompromiss bei den Dorffesten Bratwurst von der freiwilligen Feuerwehr essen. Bei den ersten Dorffesten hatten wir noch Trinkflaschen mit Leitungswasser und Tupperdosen mit belegten Broten dabei. Die Kinder mochten keine Fanta und wir essen ja keine Bratwurst. Heute rennen unsere Kinder ebenso wie die anderen Dorfkinder unbeaufsichtigt mit ihrer Fanta, ihrer bunten Tüte und ihren Knicklichtern durch die Gegend. Wir sind assimiliert. Den Zuckerschock toben sie bis zur Dunkelheit beim Versteckspielen auf dem Sportplatz ab. Oder sie schmeißen Stöcke in die Feuerschale. Oder fallen in den Bach. Auf dem Dorf wird nicht gehelikoptert. Wir beobachten amüsiert ein Paar, das seiner schick angezogenen Tochter Wasser aus einer Emilflasche gibt. Dem einzigen Kind ohne bunte Tüte. Sie haben ein Hamburger Kennzeichen.
Als es dunkel wurde, bin ich noch heimlich nackt auf meinem Besen eine Runde im Regen um meinen kleinen Acker geflogen und habe den alten Göttern ein Trankopfer gebracht.
Ganz eventuell haben wir aber auch allein Abendbrot gegessen und sind früh schlafen gegangen.

Donnerstag, 30. April 2020

Mittwoch, 29. April 2020

Friedolin ist deutlich besser für Isolation gemacht als ich. Ihm reichen: “Steckst du noch ein Toast rein?”, “Besetzt!” und “Willst du heute Abend noch was gucken?” als zwischenmenschlicher Austausch am Tag. Wobei wir letzteres nur noch auf Englisch sagen. Sonst quengeln die Kinder, dass sie mit gucken wollen. Aber da sie ja schon von Sesamstraße Schnappatmung kriegen, sind deprimierende Netflix-Serien mit selbstzerstörerischen Hauptfiguren, die in kaputten Beziehungen in gewalttätigen Städten leben, vermutlich eher nicht die geeignete Abendunterhaltung für sie. Für mich allerdings auch nicht. Seit Corona kann ich so was nicht mehr gucken. Ich sehe keinen Sinn darin, die Realität ist gerade dystopisch genug. Friedolin führt dann gerne an, dass ich sogar beim Stillen The Walking Dead geguckt habe. Aber mit den Zombies konnte ich mich als junge Mutter durchaus identifizieren. Vor allem, wenn ich nach einer Nacht Dauerstillen morgens in den Spiegel geguckt habe. Wir sind ein Zombie-Haushalt. Friedolin bringt an manchen Tagen nicht mehr Laute zustande als grunzende Untote. Schon vor Corona musste ich ihn regelmäßig daran erinnern, dass man Menschen, die man liebt, auch mal anrufen kann. Oder noch verrückter, sich sogar mit ihnen verabreden darf. Seit Corona hat er endlich seine Ruhe vor meinen wohlmeinenden Sozial-Interventionen. Aber mir fehlt der Austausch. Das Dampfablassen, kollektive Jammern und befreiende Lachen mit meinen Freunden. Zum Telefonieren habe ich tagsüber keine Luft und abends bin ich zu müde. Seit der Zeitumstellung ist es noch schlimmer. Die Kinder machen die Sommerzeit immer nur zur Hälfte mit: sie schlafen abends später, dafür stehen sie morgens früher auf. Wenn sie endlich schlafen, rede ich vor Müdigkeit so verwaschen, als wäre ich besoffen. Ich werde immer dünnhäutiger unter diesem Multitasking-Druck. Friedolin kann einfach besser ausblenden, wenn die Kinder heulen, verdursten oder aus giftigen Pflanzen Suppe im Garten kochen. Er arbeitet in Seelenruhe weiter. Also schleiche ich mich einmal am Tag davon und laufe die Straßen entlang, bis ich eine Nachbarin im Garten entdecke. Oft folgen mir die Kinder wie zu heiß gewaschene Schatten, aber ich ignoriere sie. Dann plaudere ich solange coronakonform über den Gartenzaun, bis ich genug Östrogene einatmet habe, um zu meinem liebenswerten Zombie zurückzukehren.

Dienstag, 28. April 2020

Wir sind voll das Corona-Klischee. Überforderte Homeoffice-Eltern kombiniert mit miesem Internet. Ich möchte auf den Arm. Aber bei Friedolin geht das gerade nicht. Der möchte auch auf den Arm. Abgesehen davon hat er mich noch nie auf den Arm genommen. Für meine brünhildemäßigen 1,78 Meter reichen selbst Friedolins Bärenkräfte nicht. Wobei ich der Überzeugung bin, dass es mit mangelnder Hingabe zu tun hat. Er ist nämlich durchaus in der Lage den massiven Hühnerstall allein durch den Garten zu tragen. Oder tote Eichen im Wald umzuschubsen. Aber wenn es darum geht, unsere Kleinkinder bei langen Wanderungen auf dem Rücken zu tragen, schwächelt er nach kürzester Zeit. Dann schleppe ich sie kilometerweit, trotz durchhängendem Beckenboden. Also, falls sich irgendwer angesprochen fühlt: ICH. MÖCHTE. AUF. DEN. ARM. Dienstag in einer Woche sind wir im ZDF in der ANSTALT. Natürlich nicht in echt, weil es ist ja Corona und wir dürfen nicht nach München ins Studio. Wir filmen unsere Nummer von zuhause selbst und schicken sie zum ZDF. Das machen wir mal so nebenbei zwischen Homeschooling, Hausputz und Raubtierfütterung. Vorher müssen wir die Texte natürlich noch tagesaktuell zum tagesaktuellen Thema der Sendung schreiben. Was bei Friedolin und mir schon unter idealen Arbeitsbedingungen zu einem ausgewachsenen Rosenkrieg führt. Wir streiten bis aufs Blut um jede Formulierung, um jede Pointe. Geht natürlich gerade nicht, die Kinder haben es ja schon schwer genug mit uns. Also falls ihr Die Anstalt seht und unsere Nummer irgendwie blutleer findet, wisst ihr jetzt, woran es liegt. Heute war die technische Probe für die Sendung: ob die Internetleitungen und Computer der Künstler qualitativ gut genug für eine Live-Schaltung zum ZDF sind. Unser Internet ist jedoch ähnlich stabil wie der Nahe Osten. Daher musste Friedolin mit seinem Laptop zu unseren Nachbarn, unsere Leitung reicht nicht für zwei. Als die Leitung zum ZDF endlich stand und ich mitten in der Konferenz mit den Fernsehtechnikern und Kollegen war, hörte ich die Sechsjährige im Garten brüllen: “Mama, er hat meine Sandalen in den Teich geworfen!”. Ich lächelte leicht schmallippig mein Ebenbild auf dem Computerbildschirm an und dachte: Haarewaschen wäre auch eine Möglichkeit gewesen. Kurze Zeit später brüllte unsere Tochter: “Mama, jetzt hat er mich in den Teich geschubst.” Ich atmete tief durch: warum hatte ICH mich eigentlich nicht zu den Nachbarn abgesetzt? Dann stand sie tropfnass vor mir im Flur, während der Techniker mich irgendwas zu Upload-Raten und Lichtverhältnissen fragte. Ich beugte mich außer Sichtweite der Webcam, machte Hals-Abschneid-Gesten und gebärdete: Handtuch holen und was Trockenes anziehen, verdammte Axt. Kurze Zeit später rannte das Kind nackt durchs Bild. Zum Glück hatte sich in diesem Moment das Internet zum dritten Mal aufgehängt. Sobald die Grenzen auf sind, setzte ich mich nach Dänemark ab.

Montag, 27. April 2020

“Skypen ist super”, sagt der Vierjährige und plantscht barfuß durch den eiskalten Bach.
“Kneippen heißt das”, sage ich nicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag und gebe gleichzeitig auf. Ich bin zu beschäftigt damit, die Menschenmassen im Wald um uns herum auszublenden. Was haben all diese Leute bloß vor Corona am Wochenende gemacht? Fußball geguckt? Mit den Mädels gebruncht? Ihren Weber-Grill angefeuert? Im Wald waren sie zumindest nicht. Die Corona-Wanderer erkennt man daran, dass sie ziemlich viele Spuren hinterlassen: Kronkorken, Kippen, Flaschen, Feuchttücher. Der Wald sieht seit Wochen aus wie sonst nur an Vatertag. Wann hat der Mensch eigentlich aufgehört, sich nahtlos in die Natur einzufügen?
Wir wandern gern an Orten ohne Einkehrmöglichkeit, ohne touristische Hotspots. Dort menschelt es weniger. Wir suchen die Stille. Sofern mit zwei Kindern im Schlepptau jemals Stille herrschen kann. Die Routen wählen wir nach Gruselfaktor aus. Je spannender die Geschichten zu den Wegmarken, desto mehr Kilometer wandern die Kinder, ohne es zu merken. Die Angstlust treibt sie voran. Heute haben sie 8 Kilometer und 250 Höhenmetern im Süntel durchgestanden dank der tragischen Geschichte des Knechts Hans Ridde. Er hatte dazumal den Grafen Schaumburg auf der Jagd vor einem wilden Keiler gerettet, im Todeskampf rammte der Keiler dem tapferen Knecht dann seine Hauer in den Leib und Schwein und Mann sanken tot zu Boden. Seine untröstliche Verlobte ertränkte sich daraufhin in der Weser. Knallergeschichte. Auch der Blutbach, das Totental und die Teufelskanzel zögern das alterstypische: “Ich kann nicht mehr laufen” ähnlich wirksam heraus wie zuckerhaltiges Kilometergeld. Ich verstehe nicht, warum immer mehr Kinderbücher ins süßliche, puschelige, absolut Korrekte abdriften. Unsere kleinen Vampire weiden sich an Schauergeschichten. Solange wir dabei nur fest ihre Hand halten. Wir möchten sie von Fantasie getragen darauf vorbereiten, dass auch die Dunkelheit zum Leben gehört. Weil das Licht danach umso heller strahlt. Wie bei Corona. Noch schaffen wir es, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass sich die dunklen Wolken auch irgendwann wieder verziehen.

Sonntag, 26. April 2020

Unsere Kinder haben seltsame Essensvorlieben. Eines der ersten Wörter unserer Tochter war: “Cornichon”. Das konnte sie noch vor “Papa” sagen. Man muss ja Prioritäten setzen. Wohingegen es Orange, Kiwi und Mandarine bis heute nicht in ihr Vokabular geschafft haben. Zitrusfrüchte heißen bei ihr einfach: Mag ich nicht. Sie mag keinen Kakao, dafür aber Oliven und strengen Käse. Immerhin konnten wir ihr beibringen, dass auf die Frage:
“Möchtest du einen Kakao, meine Kleine?”
“Nein, aber zu einem Stück Roquefort würde ich nicht nein sagen”, nicht die adäquate Antwort einer Sechsjährigen ist. Unser Sohn bastelt sich sein Essen gern selbst. Er zermatscht gekochte Kartoffeln und Erbsen in seinen Fäusten zu Bällchen, wendet sie im Sesam der Salatsoße, legt sie auf eine Scheibe Räuchertofu und schiebt sie sich genüsslich in den Mund. Viel mehr bringt manch Fernsehkoch auch nicht zustande. Beide Kinder sind sich einig, dass man Gemüse nicht im gekochten Zustand essen sollte. Und dass nur Verschwörungstheoretiker der Meinung sind, jeden Tag Nudeln essen sei ungesund. Eigentlich sind sie Kaninchen. Im Sommer hoppeln sie durch den Garten und knabbern alles an: Fenchelkraut, Spinat, Zuckererbsen, Kohlrabi, Möhren. Aber sobald das Gemüse auf ihrem Teller landet, schieben sie es missmutig mit ihren Pfoten hin und her. Also spielen wir Räuberessen. Wir schicken die Kinder zum Toben in den Garten und sobald sie außer Sichtweite sind, rufen wir theatralisch: “Hoffentlich klaut keiner die Paprika von meinem Teller…” Dann schauen wir demonstrativ in die andere Richtung, bis die Kinder das Gemüse räubern und kichernd hinter der Kräuterspirale verspeisen. Auf diese Weise kriegen wir Wagenladungen von Vitaminen in sie hinein. Seitdem können wir allerdings nicht mehr mit ihnen ins Restaurant. Heute koche ich mit den Kindern “Tomatensoße”. Ich habe ihnen all die Jahre erfolgreich verschwiegen, dass meine sogenannte “Tomatensoße” in Wirklichkeit eine wilde Mischung aus Gemüse ist, das die Kinder niemals freiwillig essen würden. Wozu besitze ich denn einen leistungsstarken Stabmixer? Aber es ist Corona und ich kann nicht mehr heimlich kochen. Zum Glück sind die Kinder so beschäftigt damit, Zwiebeln und Zucchini zu schneiden, Knoblauch zu pressen, Möhren zu reiben, Kräuter zu mörsern und Linsen zu waschen, dass sie gar nicht in Frage stellen, was das ganze noch mit Tomatensoße zu tun hat. Als der Vierjährige am Ende mit dem Stabmixer die Küchenwand dekoriert, schmeckt das Essen gleich nochmal so gut.

Samstag, 25. April 2020

“Sprich mir einfach nach: Nach Corona?”
“Ich will das nicht sagen.” Der Vierjährige guckt mich böse an.
Er steht vor dem Mikrofon in unserem Kabuff und hat keine Lust. Die Aufnahme fürs Radio muss fertig werden, aber er möchte natürlich lieber spielen.
“Komm, das geht ganz schnell. Einfach nur nachsprechen: Nach Corona?”
“Nach CORO”, sagt er und kichert.
Ich atme tief durch, visualisiere mich als liebevolle Fee bin und säusele:
“Ja, das war schon total prima. Also: Nach Corona?”
“Nach CO”, sagt er und lacht sich kaputt.
Eigentlich wäre es ziemlich lustig, wenn es nicht um unser finanzielles Überleben ginge.
“Kann ich jetzt spielen gehen?”
“Ja, wenn Du den Satz gesagt hast.”
“Ich will das blöde Wort nicht sagen. Corona ist blöde.”
“Dann sag halt: Nach SARS-CoV-2”
“Was?
“Schon gut.”
“Kriege ich ein Gummibärchen?”
“Ja, wenn du den Satz gesagt hast.”
“Ich will aber jetzt ein Gummibärchen.”
Seit ich “Tage in Corona” zweimal pro Woche für SWR3 produziere, liegen meine Nerven blank. Am Anfang fanden die Kinder es noch total witzig, zwischen Winterjacken und Wäschestapeln ihre Texte ins Mikrofon zu sagen. Aber seitdem sie es machen müssen, wird aus Spaß plötzlich Arbeit. Willkommen in der Welt der Künstler. Erst hatte ich im Arbeitszimmer mein Tonstudio aufgebaut. Aber der Vierjährige wollte immer ausgerechnet dann trommeln, wenn ich aufnahm. Oder laut singend die Treppe runter trampeln. Oder seine Schwester verprügeln. Die mitten in die Aufnahme platzte, um mich zu fragen, wo Papa schon wieder ihr Schnitzmesser versteckt habe. Das ganze endete dann mit Streit zwischen mir und Friedolin über Zuständigkeiten und Prioritäten und die Stimmung war schließlich so im Eimer, dass ich auch nicht mehr aufnehmen wollte. Danach habe ich mich mit meinem Mikrofon im schallgedämpften Kleiderschrank verschanzt. Ab da wollte die Sechsjährige die eine Hälfte ihrer Radio-Sätze mit mir ausdiskutieren und die andere Hälfte gar nicht mehr sprechen. Wir hatten ein Gespräch unter vier Augen. Es fielen die Worte Mülldienst, Corona-Kaninchen und Kinderarbeit im Mittelalter. “Früher mussten die Kinder schon mit 6 Jahren die Hütte putzen, auf die kleinen Geschwister aufpassen und wurden mit spätestens 10 in die Gruben geschickt”, sagte ich. “Du musst nur einen Satz ins Mikrofon sagen.” Jetzt spricht sie wie ein Profi. Der Vierjährige ist weniger einsichtig. Vermutlich würde er lieber unter Tage Steine schleppen, als “Nach Corona” ins Mikrofon zu sagen.
“Ok, wenn du es sagst, dürft ihr heute ausnahmsweise mal Paw Patrol gucken”, verspreche ich.
Paw Patrol, aka Merchandise-Manipulations-Maschine-mit-Hunden, dürfen sie sonst nie gucken. Ich bin wirklich verzweifelt.
“Nach Corona”, kräht er freudestrahlend ins Mikro. Hat sich doch gelohnt, dass wir die Kinder mit Fernsehen so kurz halten, denke ich. Bis ich sehe, wie er triumphierend zu seiner Schwester rennt und die beiden sich abklatschen. Es war ein abgekartetes Spiel von Anfang an. Die Kinder werden langsam zu clever für mich.

Freitag, 24. April 2020

Der Vierjährige steht mit einem Fuß auf dem Bürgersteig, stößt sich mit dem anderen vom Rinnstein ab und postuliert: “Die Welt ist mein Roller!”
Ich finde, der Spruch hätte durchaus Potential für ein Trump-Tweet. Der zweite Satz des Tages stammt von der Sechsjährigen:
“Warum bin ich eigentlich hier?”
“Weil ich ESSEN gebrüllt habe”, sage ich.
“Nein, hier auf der Welt”, sagt sie. “Und gibt es irgendwo einen Planeten, auf dem es noch ein Mädchen wie mich gibt?”
Wenn unser Sohn die Impulskontrolle von Donald Trump hat, besitzt unsere Tochter den Verstand von Habermas.
“Wie kommst du denn auf solche Gedanken”, frage ich sie.
“Wenn ich niemanden zum Spielen habe, denke ich manchmal so komische Sachen.”
Das bestätigt meine Theorie, dass große Schriftsteller meist in der langweiligen Provinz aufgewachsen sind und nicht in flirrenden Städten. Vor lauter Zerstreuung kommt man ja oft auf keinen gescheiten Gedanken. Vielleicht sollten wir unsere Tochter öfter isolieren. Dann bringt sie bald einen Aphorismus-Bestseller mit dem Titel raus: Gedanken hinter Schranken. Oder so ähnlich. Je länger Corona dauert, um so mehr denke ich über alternative Einnahmequellen nach.
“Warum bist du denn hier, Mama?”
“Ich glaube, ich bin hier, um anderen Menschen Freude zu bringen. Den Menschen, für ich auftrete, vor allem aber euch Kindern.”
“Jetzt kannst du ja gerade nicht auftreten.”
“Darum schreibe ich.”
Ich frage mich, wie die die Wochen der Isolation (hoffen wir Mal, dass es nur ein paar Wochen sind) diese Generation von Corona-Kindern prägen wird? Vor allem die jüngeren Einzelkinder, die jetzt nur noch ihre Eltern haben. Die Stadtkinder, die wirklich überhaupt niemanden mehr zum Spielen haben. Hier auf dem Dorf gibt es immerhin die Gärten, wo die Kinder mal mit Abstand einen Ball werfen oder Verstecken spielen können. Werden die Corona-Kinder nachdenklicher? Verhätschelter? Internet-süchtig? Oder führt dieser Zwang zum virtuellen Austausch dazu, dass die Kinder hinterher digital-übersättigt sind? Weil sie so eine Sehnsucht nach der echten Welt haben? Eigentlich heißt es ja, dass es den Kindern gut geht, wenn es ihren Eltern gut geht und sie den Kindern dadurch ein Gefühl von Sicherheit und Zufriedenheit vermitteln. Gerade habe ich aber den Eindruck, dass die Stimmung bei den Eltern kippt. Dass diejenigen, die am Anfang noch froh über die Ruhe und Entschleunigung waren, jetzt verstärkt unter der Unsicherheit leiden. Unter dem Druck, den zunehmend rastlosen oder deprimierten Kindern zuhause gerecht zu werden. Mit Homeschooling, Spiel- und Sportangeboten, und gleichzeitig Job, Haushalt und den Rest der Welt unter einen Hut bringen zu müssen. Mich überfordert es zusehends. Es wird Zeit für eine Perspektive.

Donnerstag, 23. April 2020

“Reicht das für ein Kaninchen?”
Der 4-Jährige hält mir zwei klebrige Fäuste voller Kleingeld entgegen. “Äh, nicht ganz”, sage ich.
“Für ein Eis?” “Ja, das schon”.
“Dann kaufe ich mir ein Eis.”
“Aber wenn du sparst, kannst du dir vielleicht irgendwann ein Kaninchen kaufen.”
“Nee, ich hole mir lieber ein Eis”. Er ist Hedonist, warum auf ein Kaninchen sparen, wo die Sonne scheint und Ausflüge zur Tankstelle zu den Höhepunkten des Dorflebens zählen. Die Große zögert. “Ich spare lieber auf ein Kaninchen.” Ihr hätten wir schon im Alter von einem Jahr Taschengeld auszahlen können. Sie hätte sich ein Festgeldkonto angelegt und wir könnten die Corona-Krise bequem auf ihren Zinsen aussitzen. “Wobei man Tiere gar nicht kaufen kann. Die gehören ja sich selber.” Das Klugscheißertum unserer Tochter nimmt beängstigende Ausmaße an. Vielleicht sollten Friedolin und ich beim Essen häufiger Englisch reden.
Taschengeld ist unser neues Corona-Projekt. Die Sechsjährige nimmt Geld in Mathe durch, da erschien der Zeitpunkt richtig. Das heißt für mich in meinem neuen Job als Lehrerin: Durchatmen. In Mathe bin ich schlecht, Geld kann ich gut. Ich war früher der Goblin meiner Familie. Alle kamen zu mir, wenn sie Bargeld brauchten. Bisher bekamen unsere Kinder kein Taschengeld, sie haben ohnehin zu viel von allem. Das Credo “Nur ein Geschenk pro Kind” konnte sich in unserer Groß-Familie nicht durchsetzen. Es sind leidenschaftliche Flohmarkt-Jäger, auf unserem Dachboden befindet sich mittlerweile eine Spielwarenhandlung aus gebrauchten Schätzen sorgfältig in Bananen-Kartons verpackt. Und unsere Speisekammer quillt immer noch über von den Süßigkeiten vom letzten Martins-Singen. Die Nachbarn hatten den Kindern so viel Süßkram in die Rucksäcke gesteckt, dass der Vierjährige abends hinten über gekippt ist. Die Nachbarn mussten ihre zuviel gekauften Süßigkeiten los werden, es gehen immer weniger Kinder am Martinstag singen. Halloween ist ja ähnlich ansteckend wie Corona. Wobei die Dörfler noch standhaft sind. Wenn Kinder an Halloween klingeln, sagen die Alten: “Kommt am Martinstag wieder” und schließen die Tür. In Gegenden, wo es kein Martins-Singen gibt, mag Halloween ja Sinn machen. Aber unser niedersächsisches Martins-Singen fand ich als Kind fast so wunderbar wie Weihnachten: Laterne-Laufen, der Heilige Martin auf dem Pferd, Feuerwehr und Blaskapelle, das Kribbeln im Bauch, weil man bei fremden Menschen klingeln durfte (wir machten das natürlich ständig, aber für Klingelstreiche gab es ja keine Süßigkeiten, sondern im schlimmsten Fall den Hintern versohlt), der Einblick in all die fremden Häuser, und die Enttäuschung, wenn es nur eine Mandarine gab (die trotzdem natürlich genauso wichtig für das Ritual war, wie die leckeren Naschereien). Und natürlich die netten Alten, die wieder den Martins-Tag vergessen hatten und uns eine Mark zusteckten. Also, unsere Kinder brauchen nichts. Die Kinder sehen das natürlich anders. Aber gerade weil sie so viel von allem haben, sollen sie dank Taschengeld den Wert der Dinge kennen lernen. Vor allem, um das ganze gebrauchte Spielzeug vom Dachboden gewinnbringend bei Ebay verticken zu können.

Mittwoch, 22. April 2020

Wir brauchen dringend Regen. Wieder so ein Satz, den ich früher in der Stadt nie gesagt hätte. Da bedeutete Regen, dass ich nicht Fahrrad fahren konnte und mit der U-Bahn dauerte alles doppelt so lang. In der Stadt hab ich Sätze gesagt wie: “Hast du das neue Stück von René Pollesch gesehen?” Aber seit ich auf dem Dorf wohne, bin ich so weit, dass ich René Pollesch für eine alte Apfelsorte halte. Also, es fehlt Niederschlag. Wir sitzen hier schon wieder seit Wochen auf dem Trockenen und meine Beete bekommen Risse wie meine Schienbeine im Winter. Die Kinder finden das natürlich spitze. Bei anhaltenden Hochdruckgebieten dürfen sie die Gärten und Höfe der Nachbarschaft unsicher machen und zusehends verwildern. Meine Eltern haben mir als Kind so sehr das Credo eingeimpft: ‘Bei gutem Wetter wird nicht drinnen gehockt”, da komme ich selbst in Zeiten des Klimawandels nicht von runter. Das sitzt ähnlich tief wie, dass vom Popeln die Nasenlöcher ausleiern. Ich drücke immer nach dem Popeln meine Nasenflügel zusammen, meine Nase ist so schon groß genug. Ich schweife heute ab, ich hab mir meine Multitasking-Muskeln gezerrt. Eigentlich wollte ich ja über Trockenheit schreiben. In den Nachbargärten sind schon viele große Bäume abgestorben, das Oberflächenwasser wird nach den heißen Sommern immer weniger. Ohnehin werden gerade ständig Bäume gefällt. Die Leute haben Angst vor Sturmschäden und entledigen sich der großen Bäume. Was natürlich eine Milchmädchenrechnung ist. Weniger Bäume = mehr Klimawandel = noch mehr Stürme. Zur ökologischen Kompensation wird dann ein Pool in den Garten gepflanzt. Als wir damals auf Häusersuche waren, lauteten erstaunlich viele Anzeigen: “Alle großen Bäume gefällt – nie wieder Laub harken” oder “Alles gepflastert – nie wieder Rasenmähen.” Ich frage mich, warum sich Menschen Gärten anschaffen, nur um sie dann sofort zu sterilisieren. In unserem Garten stehen zwei wunderschöne alte Ahornbäume, das war für uns einer der Hauptgründe, dieses Haus zu kaufen. Die Nachbarn versuchten uns am Anfang sanft zu überreden, die Bäume zu fällen. Sie machen viel Arbeit, all das Laub im Herbst und im Frühjahr dürfen wir und die Nachbarn eine Armee aus Baby-Ahörnern jäten. Dafür müssen wir uns bei 36 Grad nicht im Haus verkriechen. Die Luft unter den großen Baumkronen ist bis zu 8 Grad kälter. In heißen Sommern sind die Bäume die grüne Lunge der Siedlung. Außerdem wohnt eine Dryade in dem mächtigen Spitzahorn, aber das erzähle ich natürlich niemanden.
Der Himmel bleibt erbarmungslos blau. Die Bauern müssen schon wieder ihre Felder sprengen und meine Regenwasserzisternen sind leer. Also können die Kinder ihren Sandkasten nicht mehr mit der Schwengelpumpe fluten. Ich hätte nie gedacht, dass in Niedersachsen jemals Wasserknappheit herrscht. Wir sind ja bekannt für unser Schietwetter. Dafür dürfen die Kinder jetzt die Setzlinge in den Beeten mit Wasserpistolen gießen. Und natürlich sich selbst. Es sieht dann immer sehr reizend aus, wenn abends neben der Wäsche auch die tropfnassen Kinder an der Leine zum Trocken hängen.

Dienstag, 21. April 2020

Ich hocke in einem Meer aus gebrauchter Kinderkleidung und verzweifele. Die Kinder sind auch nicht gerade hilfreich. “Das ist mein Lieblings-Shirt”, ruft die 6-Jährige und durchwühlt den Stapel “Aussortiert”.
“Ja, aber es ist zu klein”, sage ich nicht zum ersten Mal an diesem Vormittag. Sie überhört mich demonstrativ und trägt das Shirt zurück zu ihrem Kleiderschrank. Währenddessen hortet der 4-Jährige alles von seiner großen Schwester mit Glitzer oder Blumen. Zum Glück ist er so eine coole Socke, das er für seine modischen Vorlieben im Kindergarten nicht gehänselt wird. Die Jungs im Dorf tragen eher Bürstenschnitt und dunkelblaue Sportklamotten. Der Übergang von Winter- zu Sommerkleiderschrank führt mich jedes Jahr an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Seit ich gelesen habe, dass in Deutschland alle zwei Minuten fünf Tonnen Kleidung weggeworfen werden, traue ich mich nichts mehr in den Altkleidercontainer zu werfen. Die Altkleider werden nach Afrika oder Osteuropa exportiert und zerstören dort die lokale Textilindustrie. Oder sie werden zu Dämmmaterial verarbeitet oder verbrannt. Durch zu billig gewordene Fast-Fashion ist Textilmüll ein ernsthaftes Umweltproblem geworden. Um mich herum stapeln sich verschiedene Haufen, beziehungsweise, das, was die Kinder davon übrig gelassen haben: Klamotten, die nächsten Herbst noch passen könnten, geliehene Klamotten, die an die jeweiligen Spender zurückgehen, noch tragbare Sachen für Kinder aus Familie und Freundeskreis, kaputte Kleidung für die Stoffkiste. Ich schiebe diverse Projekte vor mir hier, die ich in ferner Zukunft aus Stoffresten verwirklichen möchte, wenn ich mal wieder – Achtung, Pointe – Zeit übrig haben sollte. Waschbare Kosmetikpads nähen, Flickenteppiche flechten, aus Friedolins alten Hemden Kinderkleider nähen. Bis dahin ist meine Nähecke der Altkleidercontainer. Wir haben viele kaputte Sachen, da unsere Kinder ausschließlich gebrauchte Kleidung auftragen. Das Geld, das wir dadurch sparen, reinvestieren wir in Kleidung aus Fairem Handel, falls wir doch mal was Neues brauchen. Auch meine Kleidung hat ständig Löcher, ich krieche einfach zu oft durchs Gebüsch auf der Suche nach versteckten Eiernestern. Aber ich trage sie weiterhin, schließlich bin ich Künstlerin, da gehört fadenscheinige Kleidung zum Look. Vor allem seit Corona trage ich demonstrativ meine kaputten Klamotten als Protest gegen die nicht eingehaltenen Versprechen der Landesregierungen, Künstler mit Soforthilfen zu unterstützen.

Montag, 20. April 2020

“Ich wurde von einem Fischotter gebissen”, sagt der 4-Jährige triumphierend. Der alte Mann schaut ihn fragend an. Wir stehen mitten auf einem Waldweg, hier gibt es weit und breit keine Fischotter. “Ist schon eine Weile her”, sage ich schnell und ziehe die Kinder weiter. Die Fischotter-Geschichte erzählt der 4-Jährige immer, wenn er Konversation betreiben will. Es ist die spannendste Geschichte, die er zu bieten hat. Vermutlich wird seine Frau irgendwann augenrollend neben ihm sitzen, wenn er ein Abendessen unter Kollegen mit den Worten eröffnet: “Als Kind wurde ich ja mal von einem Fischotter gebissen”. Der alte Mann auf dem Waldweg hatte den Kindern von den Wildschweinen im Wald erzählt und dass sie ihre Frischlinge neben ihm spielen lassen. Das hat die Kinder schwer beeindruckt, da wollte der Vierjährige natürlich mithalten. Aber da seine Aussprache aufgrund seines S-Fehlers recht feucht ist, zog der alte Mann schnell weiter. Seine Spucke fliegt definitiv über zwei Meter. Seit Corona erleben wir wenig Neues, da bekommt die Fischotter-Geschichte umso mehr Gewicht. Fischotter sind ja von Natur aus scheu. In dem Wildtierpark hier in der Region sieht man den Otter eigentlich nie. Hinter dem Zaun ist immer nur der spiegelglatte Teich zu bewundern. Doch einmal stand unser damals noch sehr kleiner Sohn am scheinbar leeren Gehege und hielt sich mit seinen dicken Fäustchen am Maschendrahtzaun fest, er konnte noch nicht so sicher stehen. Da schoss der Fischotter aus dem Wasser, stürzte auf uns zu und noch bevor ich unseren Sohn wegziehen konnte, hatte er ihn in den Finger gebissen. Die Wunde war nicht tief, blutete aber ordentlich. Ich hatte nichts zum Reinigen, also hab ich den Finger mit Muttermilch desinfiziert. Es war ein neues Fischotter-Weibchen aus dem Zoo Hannover im Wildtierpark eingezogen. Die wusste nichts davon, dass Fischotter scheu sind. Der Finger sah am nächsten Tag zum Glück schon wieder gut aus. Muttermilch ist ähnlich desinfizierend wie 80 prozentiger Alkohol und kann laut einer Studie sogar Hepatitis-Viren eliminieren. Sollte man vielleicht auch mal an SARS-CoV-2 testen. Fun Fact am Rande: Wenige Tage nach dem Biss saßen Friedolin und ich auf Tour im Hotelzimmer und guckten Elefant, Tiger & Co und der Tierpfleger im Fernseher wird von einem Fischotter gebissen. “Oh, Mann”, sagt er. “Jetzt muss ich wieder zum Arzt und ein Antibiotikum nehmen. Fischotterbisse sind total gefährlich, die entzünden sich immer.” Naja, der arme Mann wurde auch nicht mehr gestillt.

Sonntag, 19. April 2020

Unser Dorf ist derzeit Schauplatz eines seltenen Naturschauspiels. An sonst menschenleeren Orten lungern scheu dreinblickende Teenager, die hier in freier Wildbahn noch nie beobachtet werden konnten. Sie kauern in Kleingruppen an den Ufer des Dorfes, im Schatten des Feuerwehrhauses, auf dem Parkplatz des Sportheims, hinter Bauzäunen und Altpapier-Containern.
“Mama, was machen die da?”, fragt die 6-Jährige verstört. In ihrem Alter sind Kinder ja noch regelkonform und sie weiß, dass man sich nicht mehr in Gruppen treffen darf.
“Die machen das, was Teenager machen”, sage ich. “Sie sind im Widerstand.”
“Was bedeutet das?”
“Sie machen genau das Gegenteil von dem, was die Erwachsenen sagen.”
Sie sieht schockiert aus. “Also ich werde das später bestimmt nicht so machen”, sagt sie.
“Darf ich das aufnehmen?”, frage ich. Ich lege einen Beweismittelordner an, in dem unter anderem folgende Tonaufnahmen lagern:
“Mama, ich ziehe nie aus, ich möchte später mit Papa auf dem Dachboden wohnen.” und “Warum sollte ich dich denn peinlich finden, wenn ich älter bin? Du bist doch toll!”
Wir gehen langsam weiter, aber sie dreht sich immer wieder nach den Teenagern um.
Die Jugendlichen sind auf den ersten Blick nur schwer der Gattung Teenager zuzuordnen, da sie nicht ihren typischen Habitus zur Schau tragen. Der gemeine Teenager hält ja fremde Spezies gern mit einem vernichtenden: “Guck-nicht-oder-ich-töte-dich”-Blick auf Distanz. Besonders weibliche Teenager nutzen diese Taktik zur Abwehr. Ebenfalls kennzeichnend ist der “Du-bist-so-unwichtig-ich-guck-dich-nur-zufällig-an-weil-ich-zu-träge-zum-Weggucken-bin”-Blick. Die von uns observierten Teenager hingegen schauen verschreckt, schuldbewusst, abschätzend, ob sie zur Flucht ansetzen sollen. Möglicherweise ist ihre Rudelbildung im erlaubten Rahmen der aktuellen Richtlinien zum Verhalten der Spezies. Denn sie scheinen alle derselben Familie anzugehören. Sie sehen zumindest alle gleich aus. Die Weibchen tragen langes, geglättetes Haar, enge Hosen und Schlabberpullis. Die Männchen Undercut und Sportklamotten. Ich frage mich, ob sie zur heimischen Teenager-Gattung zählen. Wir haben sie nie zuvor im Dorf gesehen. Vielleicht wagten sie sich vor der Pandemie auch erst nach Einbruch der Dämmerung aus ihren Höhlen. Irgendjemand muss ja den hiesigen Spielplatz mit Zigarettenkippen markiert haben.

Samstag, 18. April 2020

Unser Sohn hat neun Freundinnen. Er krümelt beim Essen, darauf stehen die Ladies. Die Damen sind zweifelhafter Umgang, denn sie kacken manchmal unter den Esstisch. Wobei das unser Sohn auch schon gemacht hat. Heute dinieren sie gemeinsam in der Küche. Denn es gab Reis, Baby. Der Vierjährige verliert Wagenladungen von Reis auf dem Weg zwischen Teller und Mund. Bei Nudeln passiert ihm das seltsamerweise nicht. Aber wenn ich ausschließlich kochen würde, was die Kinder mögen, gäbe es jeden Tag Nudeln mit Pfannkuchen. Basmatireis klebt und lässt sich nur mühsam wegfegen. Und da meine Zeit begrenzt ist, lasse ich die Hühner für mich den Boden sauber picken. Ich hab ja sonst keine Haushaltshilfe. Außerdem komme ich mir so ein bisschen vor wie Cinderella. Dann tanze ich singend durch die Küche und lasse auch die Mäuse und Ameisen hinein. Wobei die Mäuse Hausverbot gekriegt haben, nachdem sie 13 Kinder hinter unserer Spülmaschine gezeugt hatten. Jedes Mal, wenn die Spülmaschine lief, roch es nach Mäusepipi. Besonders im Winter freuen sich die Hühner auf Reistage, denn wir haben Fußbodenheizung. Ich muss allerdings den richtigen Zeitpunkt abpassen, sonst lassen die Hühner hinten fallen, was sie vorne gegessen haben und die Zeitersparnis ist für die Katz. Für Hipster-Großstädter, die gerne Hühner in der Wohnung halten möchten, gibt es mittlerweile Hühner-Windeln. Vielleicht wäre das was.
Im Sommer essen wir draußen, da lungern die Hühner ständig unterm Tisch und warten, bis etwas für sie abfällt. Je älter die Kinder werden, desto frustrierter sind die Hühner. Mittlerweile picken sie uns auffordernd in die Füße oder springen uns auf den Schoß, wenn die Kinder nicht kleckern. Ich füttere sie dann heimlich. Friedolin findet es unhygienisch, wenn ich die Hühner in die Küche lasse. Meine Mutter ebenso. Da sind die beiden sich ausnahmsweise mal einig. Ich mache das allerdings auch, um das Allergierisiko unserer Kinder zu mildern. Kinder von Allergikern soll man regelmäßig Schmutz aussetzen, um ihr Immunsystem zu trainieren. Und ich bin nicht diejenige, die im Frühling das ganze Haus wach niest.

Freitag, 17. April 2020

Wir sind die Müllkippe des Dorfes. Mittlerweile hat sich rumgesprochen, dass man alles bei uns abladen kann. Alte Fenster, Balken, Fässer, kaputte Türen, Kameras, Kinderbetten… wozu haben wir denn den alten Stall? Was uns nicht gebracht wird, klaubt Friedolin vom Sperrmüll oder vom Flohmarkt. Manchmal mache ich mir Sorgen, dass er Messie-Tendenzen entwickelt. Man kann unser Nebengebäude kaum noch betreten. Wobei ich den Stall ohnehin nicht betrete. Dort hausen Spinnen, groß wie Suppenteller. Immerhin halten sie uns die Ratten vom Leib. Vielleicht behauptet Friedolin das aber auch nur, damit er im Stall seine Ruhe vor mir hat. Doch jedes Mal, wenn ich mit ihm schimpfe, weil er wieder eine Wagenladung voll Schrott ankarrt, zieht Friedolin ein Ass aus dem Ärmel. Oder eine Spax-Schraube. Dann baue ich mir ein neues Frühbeet und Friedolin verschwindet im Stall, nur um Jean-Pütz-mäßig “Ich hab da mal was vorbereitet” mit einem Fenster wieder aufzutauchen, das millimetergenau auf meinen Beet-Rahmen passt. Oder er baut eine Wandverkleidung aus alten Türen, wodurch unsere usselige Tenne plötzlich wie ein Berlin-Mitte-Hipster-Lokal aussieht. Aus dem Fenster des Abriss-Hauses wird eine Vitrine, aus den antiken Tiertransport-Kisten Küchenoberschränke und aus dem Ski-Stock ein Klorollenhalter.
Manchmal wandele ich fasziniert durch die stilvoll eingerichteten Neubauten unserer Freunde, durch ihre perfekten Einbauküchen und Natursteinbäder. Dort passt alles zusammen, alles ist heil und aufgeräumt und sieht aus wie diese schönen Pinterest-Einrichtungsfotos, auf denen immer die Sonne scheint. Dann bin ich kurz wehmütig und denke, ach, ein Esstisch ohne Risse im Holz, die von unseren Kinder als Kartoffelbreidepot genutzt werden, wäre auch mal schön. Aber dann erinnere ich mich daran, wie meine Eltern sich von unseren alten Sofas trennten. Auf den glänzenden neuen Ledersofas durften wir Kinder nicht mehr hopsen, nicht mehr krümeln oder kabbeln. Danach war das Wohnzimmer nur noch halb so heimelig. Und ich denke an die Kredite, die für all die neue Schönheit aufgenommen werden mussten und die Unfreiheit, die damit einhergeht. Wir haben noch nie auf großem Fuß gelebt. Daher trifft uns die Corona-Krise nur bedingt. Wir verdienen zwar nichts mehr, aber wir brauchen auch nicht viel zum Glücklichsein. Manchmal ist es von Vorteil, einen Messie als Mann zu haben. Wobei, wenn ich Messi zum Mann hätte, würde ich zu einer neuen Küche nicht nein sagen.

Donnerstag, 16. April 2020

Katzen können Corona kriegen. Das haben Chinesische Wissenschaftler heraus gefunden. Und sie können ihre Artgenossen mit dem Virus anstecken. Menschen wiederum können sich vermutlich nur bei Katzen anstecken, wenn sie sie essen. Deutsche Katzen werden zum Glück eher gestreichelt. Wenn wir mehr Tiere streicheln und weniger essen würden, wäre das dem Überleben der Menschheit durchaus zuträglich. Dann hätten wir nicht so einen Ärger mit zoonotischen Viren und multiresistenten Bakterien aus der Massentierhaltung. Weltweit sterben jedes Jahr rund 700.000 Menschen durch Antibiotikaresistenzen. Die WHO warnt schon seit Jahren vor der Ära der unbesiegbaren Keime. Und das Problem nimmt zu. Ich frage mich, wo da die Panik bleibt, wo die strengen Restriktionen? Strengere Regeln für Antibiotika-Vergabe bei Nutztieren sind in der EU erst für 2021 geplant, obwohl es den Aktionsplan dazu seit 2011 gibt. Was bei Corona innerhalb von Wochen ging, dauert hier 10 Jahre. Vermutlich ist die Lobby aus Pharmazie, Bauernverbänden und Grill-Liebhabern zu stark. Die Risikogruppe ist fast dieselbe wie bei Corona. Wo bleibt da die Solidarität mit den Geschwächten, Vorerkrankten, Neugeborenen, Alten? Hauptsache es gibt weiterhin billige Grillwürstchen beim Aldi. Die Produktion von Billigfleisch bedeutet immer, dass eine zu hohe Zahl von Nutztieren auf zu wenig Raum gehalten wird – und das ist nur unter Einsatz großer Mengen von Antibiotika möglich. Langsam habe ich die Schnauze voll von Corona, daher wollte ich mal über andere Bedrohungen schreiben. Ich male heute schwarz. Die wochenlang erhofften Lockerungen betreffen uns nicht. Unsere Kinder bleiben voraussichtlich bis zu den Sommerferien Zuhause, wir können auf unabsehbare Zeit nicht arbeiten und mein Huhn Miss Granger ist gestorben. Das letzte Huhn habe ich an den Kater unserer Nachbarn verloren. Der dicke Hancock hatte mein Zwerghuhn Esmeralda mit einem Nackenbiss getötet. Seitdem halte ich eine Wasserpistole für ihn bereit. Ich verlange, auch für Katzen während Corona eine Mundschutz-Pflicht einzuführen. Bis die Restriktionen gelockert werden, dürften die Singvögel mit ihrer Jungenaufzucht durch sein und wenigstens meine Hühner sind für eine Weile in Sicherheit.

Mittwoch, 15. April 2020

Ich bin mit einem Eichhörnchen verheiratet. Seine buschigen Haare hätten mich vorwarnen müssen. Seit Corona räumt Friedolin manisch auf. Das ist ja so ein Corona-Trend: dem Chaos der Welt mit Ordnung in den eigenen vier Wänden ein Schnippchen schlagen. Vielleicht ist den Menschen auch einfach nur langweilig. Leider kann sich Friedolin nach dem Aufräumen nie erinnern, wo er unsere Sachen verbuddelt hat. Dann finde ich meine Haarschneideschere nach stundenlangem Suchen in seiner Werkstatt und das Schnitzmesser unserer Tochter unter den Sonnenbrillen vergraben. Nächstes Jahr wächst bestimmt irgendwo im Haus ein Gartenhandschuh-Baum. Die finde ich nämlich auch nicht mehr. Friedolin bestreitet natürlich, dass er es war. Früher hat er die Schuld immer meiner Mutter in die Schuhe geschoben, aber die kommt ja seit Corona nicht mehr ins Haus. Also ist sein Alibi fadenscheinig. Denn die Kinder und ich würden niemals aufräumen. Ich mache seit Corona so viele Jobs auf einmal: Lehrerin, Frisöse, Tierärztin, Kindergärtnerin, Yoga-Guru, ich halte Haus, Kinder und Wäsche sauber, für Ordnung habe ich keine Zeit. Außerdem sehe ich keinen Sinn darin. Die Kinder verwüsten nach fünf Minuten ohnehin wieder alles. Sisyphos soll man sich ja bekanntlich als einen glücklichen Menschen vorstellen. Aber der musste auch nur einen Felsen rollen und nicht bei uns aufräumen. Ich habe mich unserem Chaos ergeben. Solange ich im Halbschlaf vom Bett zum Klo komme, ohne mir einen Legostein einzutreten, nenne ich es aufgeräumt. Und schließlich haben wir so viele Zimmer, seit wir auf dem Dorf wohnen, wenn eines chaotisch ist, mache ich einfach die Tür zu und gehe da nicht mehr rein. Friedolin hadert mit seinem Schicksal. Er kann ja gerade nicht weg. “Unordnung ist kindlich regressives Verhalten”, doziert er. Ich sage, er solle froh sein, dass ich wenigstens EIN kindlich regressives Verhalten habe, sonst hätte er an der Seite seiner modernen emanzipierten Frau überhaupt keine Chance mehr, seinen klassischen Führungsanspruch als Mann durchzusetzen. “Räum erstmal in dir selber auf”, sage ich. In Friedolins Kopf herrscht so ein Durcheinander von Hoch- und Popkultur, von krudem Nischenwissen und abstrusen Zitaten. Kein Wunder, dass dazwischen die Info verschüttet ist, wohin er meine Gartenhandschuhe verräumt hat. Zur Strafe hat er prompt mein Notizbuch mit den Tage-in-Corona-Entwürfen versteckt. Zur Strafe habe ich einfach eine neue Kolumne geschrieben. Nämlich diese.

Dienstag, 14. April 2020

Wir haben angebadet. Einmal kopfüber in den eiskalten See. Also mit wir meine ich alle außer Friedolin. Der ist zu dünn für kaltes Wasser. Irgendeinen Vorteil muss es ja haben, wenn man Unterhautfettgewebe wie ein Seehund besitzt. Andere begrüßen den Frühling mit Angrillen, wir mit Anbaden. Als Vegetarier-Familie muss man Alternativen finden. Geplant war das natürlich nicht. So verrückt sind nichtmal wir, dass wir mit Vorsatz im 9 Grad kalten See baden. Aber das Wetter an Ostern war wunderbar und die Kinder haben massiven Wasserentzug. Schwimmen vermissen sie seid Corona fast so sehr wie ihre Großeltern. Mit denen können sie immerhin telefonieren. Wir hatten eine Fahrradtour durch die Felder zur nahegelegenen Seenplatte gemacht. Dort haben wir eine verwilderte Parzelle an einem renaturierten Kiesteich gepachtet. Den Kindern wachsen von Frühling bis Spätsommer Schwimmhäute zwischen den Fingern, so viel Zeit verbringen sie dort im Wasser. Nur im Winter weichen wir aufs Schwimmbad aus. Wenn Wasser in den Augen brennt, sollte es schon salzig sein. Erst waren wir nur mit den Füßen drin. Dann zogen wir unsere Hosen aus und gingen bis zum Po rein und plötzlich konnten wir nicht anders und mussten reinspringen. Der See plätscherte sein Willkommen, kalt und großartig. Alle Corona-Sorgen waren für diesen Moment weggespült. Handtücher hatten wir natürlich keine. Also haben wir uns hinterher in der Sonne trocken gehüpft. Ich habe zur Freude der Kinder meinen Nackidei-Wickel-Wackel-Tanz aufgeführt. Seit der zweiten Schwangerschaft ist der besonders lustig. Bis Friedolin trocken kommentierte: “Du solltest einen Hut aufstellen”. Ich hatte den Angler auf dem Steg hinter mir übersehen. Er starrte entgeistert in meine Richtung. Mit solchen Ostereiern hatte er wohl nicht gerechnet. Danach haben wir mit meiner Mutter in einem Meer aus Schlüsselblumen gepicknickt, mit frischem Hefezopf und Pfannkuchen. Auf dem Heimweg liefen schließlich noch drei große Feldhasen direkt vor uns über den Weg. Sie ließen zwar keine bemalten Eier zurück, aber ein fröhliches Kribbeln im Bauch. Wir hatten keine großen Erwartungen an dieses Corona-Ostern. Aber es war eines der schönsten Osterfeste, die wir je hatten. Vielleicht gerade deswegen.

Sonntag, 12. April 2020

Die Kinder wünschen sich zu Ostern neben tonnenweise Schokoladeneiern und Playmobil-Osterhasen… mich. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Kein Garten umgraben, Hochbeet bepflanzen, Endlich-mal-alle-Spinnweben-im-Haus-entfernen, kein: “Warte, ich muss nur noch ganz schnell…” und vor allem kein Computer. Das schenke ich ihnen von Herzen gerne. Es wird ja nicht mehr lange dauern, bis sie mich peinlich finden, nur noch mit “Äh, nee?” antworten und höchstens zum Wäsche waschen nach Hause kommen. Daher pausieren die Tage in Corona bis Dienstag früh. 27 Texte habe ich bisher für Euch und mich geschrieben. Es wird Zeit, dass wir mal durchatmen. Dafür dürft ihr Euch ein Thema wünschen für die nächste Geschichte. Diese Zeilen habe ich gestern Nacht getippt, nachdem ich alles für Ostersonntag wie immer auf den letzten Drücker erledigt habe. Und wieder bekommt der Osterhase die ganzen Lorbeeren ab. Ich wünsche Euch allen schöne Ostertage. Ich hoffe, Ihr könnt es mit denen feiern, die ihr liebt. Und falls nicht, denkt immer daran: Liebe überwindet alles, auch Corona. Frohe Ostern.

Samstag, 11. April 2020

Der Stein sieht exakt aus wie ein beschnittener Penis. Mit Hodensack und allem drum und dran. Als hätte ihn ein Homo erectus erschaffen. Der Vierjährige hält ihn mir strahlend entgegen: “Ist der gut?”, fragt er. Die Sechsjährige steht betrübt mit einem Schneckenhaus daneben. “Sein Penis ist viel cooler”, mosert sie. Diesen Satz sagen Mädchen mit Brüdern ja öfter. Der Vierjährige streckt ihr die Zunge raus: “Das ist mein Penis, ich hab ihn gefunden.” Sie kontert mit: “Du Römer!”, ihr neues Lieblingsschimpfwort seit der Kreuzigungsgeschichte. Und wieder finde ich mich in einer dieser Szenen, bei denen ich mich frage, ob alle Kinder diesen Hang zum Surrealismus haben.
Die beiden waren losgezogen, um Schmuck für unseren Frühlings-Altar zu sammeln. Dabei hatte ich allerdings eher an Fruchtbarkeitssymbole wie Eier und Blüten gedacht und nicht an einen Steinzeitphallus. Die Kinder drapieren ihre Schätze liebevoll auf dem alten Mühlstein, den wir im Laufe des Jahreskreises immer neu gestalten. Darunter hockt manchmal eine dicke Kröte. Unser Garten ist bevölkert von Naturgeistern und alten Göttern. Jesus war gestern dran, heute feiern wir den Frühling. Weil das Osterfeuer zum großen Kummer der Kinder ausfällt, entzünden wir heute unser heimisches Frühlingsfeuer und nicht wie sonst am 21. März zur Tag-und-Nacht-Gleiche. Wir corona-kompensieren, wie so oft in letzter Zeit. Ich habe die Jahreskreisfeste eingeführt, weil ich mal etwas ohne Geschenkewahnsinn und hyperventilierende Kinder feiern wollte. Zu den alten heidnischen Festen gibt es, was die Natur uns schenkt. Das Fest selbst ist unser Geschenk. Wir sitzen um das Feuer, räuchern Kräuter, rösten Brotfladen, reden über das, was war und das, was kommt, denken an die, die nicht mehr da sind, singen und erzählen Geschichten. Die Kinder hüllen Kartoffeln in Lehm und legen sie in die Glut. Aus dem übrigen Lehm formen sie kleine Fruchtbarkeitsgöttinnen. Die Sechsjährige wundert sich, warum es in der Kirche “Gott, der Herr” und “Gott, der Vater” heißt. Sie stellt sich Gott im alttestamentarischen Sinn vor, als es noch hieß: “Ich bin Gott, kein Mann.” Am schönsten findet sie, was sie in der Kinderkirche gelernt hat: Gottes Name bedeutet ICH BIN DA. Bei jemanden sein, mit jemandem sein, darauf kommt es an. In diesen Tagen wird uns das besonders bewusst.

Freitag, 10. April 2020

Jesus ist tot. Das ist jetzt eigentlich keine Neuigkeit. Doch unsere Kinder schockiert es Karfreitag jedes Jahr aufs Neue. Der Osterhase ist so ein Popstar, da gerät die Geschichte mit Jesus schnell ins Hintertreffen. Dieses Jahr erwischt es sie besonders kalt, weil die christliche Erziehung seit Corona brach liegt. Ich bin ja eine heidnische Naturanbeterin, normalerweise bereiten die Kinderkirche und der Religionsunterricht der Schule sie auf Ostern vor. Aber da sie Eier suchen möchten, sollen sie auch wissen warum. Eigentlich kenn ich mich besser mit Geschichten von Zeus und Odin aus und die muss man blutig erzählen, sonst macht das keinen Spaß. Für Jesus gilt das offenbar nicht. Der Vierjährige kriegt bei meiner dramatischen Schilderung der Kreuzigungsgeschichte eine Zitterlippe und versteckt sich unter dem Tisch. Wenn Prometheus an den Felsen gekettet wird, macht er nicht so ein Theater. Ich sage, dann soll er halt seine Omimi anrufen, die kann das mit Jesus besser als ich. Friedolin und ich gehören zur Gemeinde der Taucher, wie unser Pastor so schön sagt. Zu Weihnachten tauchen wir unvermittelt in der Kirche auf. Die Weihnachtsgeschichte können unsere Kinder natürlich auswendig. Geburt liegt ihrem Alter zum Glück näher als Tod und Auferstehung. Sie machen auch jedes Jahr im Krippenspiel mit: die Sechsjährige ist der dritte Engel von links, der Vierjährige immer ein Schaf. Er ist ziemlich gut im method-acting. Letztes Mal hat er das Deko-Essgras vor der Krippe komplett weggefressen. Kreuzigungsspiele hingegen haben sich in Kinderkirchen offenbar nicht durchsetzen können. Aber da habe ich meine Mutter unterschätzt. Gerade spielt sie mit den Kindern die Ostergeschichte im Sandkasten mit Playmobilmännchen nach. Der Vierjährige besteht darauf, dass auch Seerobben bei der Kreuzigung anwesend waren. Die Sechsjährige formuliert ihre Kritik an dieser Auslegung der Bibel mit einem gezielten Tritt gegen sein Schienbein. Woraufhin er wutentbrannt den Hügel von Golgatha zertrampelt. Beide heulen. “Lasset die Kinder zu mir kommen.” Ich bin mir nicht sicher, ob Jesus das gesagt hätte, wenn er unsere Kinder gekannt hätte. Immerhin haben sie sich an Gründonnerstag die Füße gewaschen. Wenngleich ich mir nicht sicher bin, ob das ein offizieller Osterbrauch ist.

Donnerstag, 09. April 2020

Alle Bordelle sind wegen Corona geschlossen. Dafür geht es in unserem Garten voll zur Sache. Wir betreiben einen Feuerwanzen-Puff. Oder wie die Nachbarskinder liebevoll sagen: Fick-Käfer. “Was ist Ficken?”, fragt der Vierjährige. “Was die Feuerwanzen machen”, sage ich. Jetzt denkt er, man muss dafür mit dem Hinterteil zusammenkleben. Ich hoffe, seine erste Freundin wird mir das verzeihen. Wir können nicht mehr auf die Terrasse treten, ohne kopulierende Pärchen zu zerquetschen. Die plattgetretenen Feuerwanzen landen im Museum-der-toten-Tiere, dem aktuellen Corona-Projekt unserer Kinder. Es gibt ja seitenweise Tipps, wie Eltern ihre Kinder in Quarantäne beschäftigen können. Knochen horten war irgendwie nicht dabei. Die Kinder sammeln das Gewölle der Schleiereule, die auf unserem Dachboden wohnt. Sie zerlegen die ausgewürgten Fellknäule in ihre Einzelteile, säubern die Knöchelchen und breiten sie auf der Terrasse aus. Da sie gerade ohnehin ständig Händewaschen und dabei zweimal Happy Birthday singen müssen, dürfen sie meinetwegen auch mit Kleintierskeletten spielen. Hauptsache ich kann mal in Ruhe Kaffee trinken. Knochen, die sie doppelt haben, tauschen sie untereinander wie andere Kinder Star-Wars-Karten. Wobei die Skelette des Vierjährigen etwas wolpertingerhaftes haben. Er lässt sich ständig über den Tisch ziehen. Eine halbe Ewigkeit haben sie mit ihren Exponaten hinterm Gartentor gewartet. Aber es kamen keine Besucher. Die denken ja, dass alle Museen wegen Corona geschlossen sind. Dann haben sie ihr Musée des animaux morts auf einen Bollerwagen geladen, sind durch unsere Straße gezogen und haben “Das einzige geöffnete Corona-Museum” gebrüllt. Unsere Nachbarn warfen ihnen einen Euro Eintritt aus sicherer Entfernung zu. Ist doch schön, dass wenigstens unsere Kinder Einkommen generieren. Gerade denke ich, wir haben sie ziemlich gut auf Corona vorbereitet. Auch wenn die medienfreien Jahre ohne Smartphone, Tablet und Fernsehen für Friedolin und mich oft anstrengend waren. Heute sind unsere Kinder wahre Meister der Langeweile.

Mittwoch, 08. April 2020

Die Finanzkrise ist da. Also unsere ganz persönliche. Das weiß ich auch ohne Kontoauszug. Du weißt, dass die Finanzkrise da ist, wenn dein Ehemann Schnappatmung kriegt, weil du beim Rossmann-Einkauf den 10% Gutschein vergessen hast. Jetzt haben wir 6 Euro zum Fenster rausgeschmissen. Und das in Zeiten wie diesen. Nein, falsch! Ich, ICH habe 6 Euro zum Fenster raus geschmissen. Friedolin würde so was nie passieren. Er würde die Kinder im Rossmann vergessen, aber nicht den 10% Gutschein. In der Großstadt haben wir solche Gutscheine nie bekommen. Hier auf dem Land stecken die manchmal im Briefkasten. Weil gerade der männliche Dorfbewohner den Sinn von Drogerien nicht versteht und mit Gutscheinen aus seinem vertrauten Habitat gelockt werden muss. Denn Klopapier und Zahnpasta gibt’s ja auch im riesigen REWE. Gut, Klopapier gerade nicht. Daher schleichen die Dorfmännchen seit Corona in der Dämmerung vorm Rossmann herum, zögernd, ob sie ihr angestammtes Revier verlassen sollen.
In der Stadt waren Rossmann und Dm beliebte Treffpunkte junger Väter. Sie fachsimpelten dort mit Baby in der Bauchtrage über Windelpreise und die Schaumfähigkeit von Hafermilch. Hier auf dem Dorf ist Friedolin normalerweise der einzige Mann im Rossmann. Daher kennen ihn alle Weibchen des Territoriums. Wenn Friedolin keine Gutscheine mehr hat, lächelt er die alten Damen auf dem Parkplatz herzerweichend an. Wenn das nichts nützt, tanzt er für sie. Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf, lässt das Becken kreisen und spätestens dann stecken sie ihm ihre Gutscheine in den Hosenbund. Friedolin streitet das natürlich ab.

Dienstag, 07. April 2020

Meine Mutter ist auf kaltem Entzug. Drei Wochen allein in freiwilliger Quarantäne in der Stadt, drei Wochen ohne Enkelkinder. Die Substitutionstherapie aus Schokotrüffeln und Eierlikör schlägt nicht mehr an. Sie entwickelt bedenkliche Entzugserscheinungen. Täglich schickt sie uns Selfies von ihren selbstgebastelten Atemschutzmasken, mit denen sie andere Kunden im Supermarkt verschreckt. Die Strategie geht auf. Im Gegensatz zu uns hat sie immer Mehl und Klopapier. Vielleicht liegt es auch an ihrem ausgeprägtem Heuschnupfen. Sobald sie niesend und maskiert den Supermarkt betritt, leert sich das Geschäft schlagartig. Sollten die Supermärkte in Hannover pleite machen, meine Mutter ist Schuld. Als sie anfängt, die Enkelkinder ihrer Nachbarn zu stalken, ziehen wir die Reißleine. Denn nach drei Wochen Einzelhaft stellt sich die Frage: Was schützt mehr vor Krankheit: Isolation oder Glück? Sie braucht ihren Schuss Endorphine.
Die Luft ist mild und im Garten werden unsere hypothetisch infektiösen Kinder den Sicherheitsabstand zu ihrer geliebten Omimi schon einhalten. 30 Minuten später steht meine Zorro-Mutter vor der Tür und bringt Corona-Gastgeschenke: Klopapier und Mundschutze für die Kinder. Die Kinder haben Umarmungen für sie gebastelt. Zwei Papphände an einer Schnur. Die werfen sie ihr aus zwei Metern Entfernung um den Hals. Ich kneife mir mehrfach in den Arm, aber ich wache nicht auf. Die Kinder vermummen sich begeistert und richten im Garten eine Corona-Station für ihre Kuscheltiere ein. Sie führen in 30 Minuten deutlich mehr Tests durch als unser lokales Krankenhaus. Hier ist der Virus noch nicht angekommen. Vielleicht weil unser Internet so langsam ist. Von Minute zu Minute blüht meine Mutter im Spiel mit den Kindern auf. Schließlich springt sie lachend durch den Garten und schmeißt ihren Mundschutz in die Rabatten. Jetzt kann der Virus zusehen, wie er gegen diese Überdosis Glückshormone ankommen will.

Montag, 06. April 2020

“Mama, welche Farbe hat Fantasie?” Ich versuche die Augen zu öffnen, aber die schlafen noch, die glücklichen. Ich kriege keine Luft. Jetzt habe ich aber wirklich Corona, denke ich. Doch es sitzt nur ein Kind auf meiner Brust. “Weiß ich nicht”, versuche ich zu sagen. Es klingt aber mehr wie “Wschnscht.”
“Wschnscht ist doch keine Farbe”, sagt meine Tochter. “Fantasie hat nicht nur eine Farbe, Fantasie ist alle Farben.” Zufrieden klettert sie von mir runter. Natürlich nicht, ohne mir dabei in die Magengrube zu treten. “Schön, dass wir das geklärt haben”, ächze ich und dreh mich nochmal um. Vor Sonnenaufgang habe ich keine Sprechstunde. Das Zwielicht zwischen Wachen und Schlafen gehört mir ganz allein. Dort kann ich meine Träume steuern, Kurs Nord-Nordost, steifer Wind, Wellenrauschen, Möwenschreie… “Was fliegt, spuckt Feuer und wenn es im Himmel ist, fällt der Popo ab?” lispelt eine kleine Stimme mit feuchter Aussprache in mein Ohr. Seltsamer Traum, denke ich, “Wschnscht”, sage ich. Wenn ich mal eine Reinigungsfirma gründe, wird das mein Slogan. “Falsch, eine Rakete”, sagt der Vierjährige und tippt mit klebrigen Fingern in meinem Gesicht herum.
“Ist heute Kindergarten?”
“Nein, immer noch nicht.”
Sonst will er nie in den Kindergarten. Jetzt darf er nicht, darum will er natürlich.
“Wann ist denn wieder Kindergarten?”
“Wschnscht.”
“Nach Corona?”
“Ja, nach Corona”, sage ich und fühle mich wie eine Hochstaplerin. Gerade kommt es mir vor, als ob es kein “nach Corona” gäbe. Als ob wir weiter und weiter in dieser unwirklichen Seifenblase treiben, bis sie platzt. Hoffentlich fallen wir dann weich. In die Arme unser Freunde, in die Arme unserer Familie. Ich schließe noch einmal die Augen und träume davon. In allen Farben.

Sonntag, 05. April 2020

Es sind Ferien und wir brunchen in unserem Hotel. Friedolin mimt den Küchenchef, bei dem man sich wünscht, dass er ein Haarnetz tragen würde. Ich spiele den schlechtgelaunten Gast, der von der Putzkolonne geweckt wurde, weil er vergessen hat das “Bitte nicht stören”-Schild an die Tür zu hängen. Unsere Tochter sitzt am Eingang zum Speisesaal und fragt nach der Zimmernummer. “Mein Zimmer hat gar keine Nummer”, sagt der Vierjährige verwirrt. “Dann darfst du hier auch nicht rein”, sagt die Große streng. Sie hat oft erlebt, wie ich auf Tour übernächtigt die Zimmernummer nicht wusste, weil wir ja jede Nacht das Hotel wechseln. Der Vierjährige ist kurz vorm Weinen. Dabei hat das Spiel gerade erst angefangen.
“Dann denk dir halt eine Zimmernummer aus”, sagt die Maître d‘hôtel gnädig.
“1000”, ruft er stolz.
“So viele Zimmer hat unser Hotel gar nicht.”
Daraufhin boxt er der Maître d‘hôtel in den Bauch. Sie kneift ihm in den Arm. Beide heulen. Theoretisch habe ich immer so gute Ideen. Praktisch stehe ich dann fassungslos davor, was meine Familie daraus macht. Schließlich einigen wir uns auf Zimmer Nr. 3 und dürfen rein. Das Buffett ist fantastisch. Die Kinder durften sich drei Dinge aussuchen, die es sonst nur im Hotel gibt. Sie waren sich sofort einig: Babybel, Lachs und essbare Marmeladenschälchen. Die klauen sie immer vom Buffet und knabbern sie wie Kekse. Die Ökodiktatorin in mir zuckt zusammen: der ganze Verpackungsmüll für einen winzigen Käse, noch nichtmal Bio und die Überfischung der Meere! Aber es ist Corona und der Nachwuchs soll glücklich sein. Nach dem Frühstück gehen wir an den Strand. Die Kinder haben ein altes Ofenrohr gefunden und mit der Schwengelpumpe hinten im Garten verbunden. So können sie den Sandkasten fluten und Gezeiten erzeugen. Sie bauen einen Steg aus Holzresten und verteilen Muscheln und Treibholz vom letzten Dänemark-Urlaub im Wattenmeer, während Friedolin und ich in der Sonne Kaffeetrinken. Als der Vierjährige dann noch kopfüber ins geflutete Hafenbecken plumpst, ist die Urlaubsstimmung vollkommen. Wie schön für uns und den Planeten, dass wir dank Corona nicht wegfahren durften.

Samstag, 04. April 2020

Was wir heute dank Corona Neues gelernt haben:
Der Vierjährige hat sich zum ersten Mal ans Klavier gesetzt und drauflos gespielt. Es klang wunderbar. “Ich wusste gar nicht, dass du so gut Klavier spielen kannst”, habe ich gesagt.
“Das habe ich mir gespart”, hat er geantwortet. “Ich hatte keine Zeit.” Schließlich geht der Dorfkindergarten jeden Tag bis 12 Uhr.
Unsere 6-jährige Tochter hat mit Gebärdensprache begonnen. Ein Junge aus dem Neubaugebiet ist schwerhörig. Ihre ersten Gebärden sind Danke und Regenwurm. Damit lässt sich doch schon gut Konversation betreiben. Mehr Inhalt tauschen Erwachsene beim Smalltalk auch nicht aus. Ihr Mund und ihr Kopf sind ein Bienenstock aus Worten, die lautlose Sprache des Jungen fasziniert sie. Am liebsten spielt sie mit ihm Verstecken. Weil er beim Zählen nicht hören kann, ob sie über Kies oder Rasen davon rennt und das Spiel dadurch spannender wird. Das ist insofern praktisch, weil sie ohnehin nur noch Verstecken spielen dürfen. Dabei lässt sich der Sicherheitsabstand gut einhalten und die Polizei sieht immer nur höchstens zwei Kinder gleichzeitig. Ich frage sie, ob er ihr nicht mal die Gebärde für “Räum jetzt endlich dein Zimmer auf, verflixt nochmal” beibringen kann. In dem Punkt hören unsere Kinder schlecht, vielleicht hilft gebärden. Doch sie zeigt nur augenrollend auf sich selbst und sagt: Ironiefreie Zone. Meine Tochter verwendet meine eigene Sprache gegen mich. Wenn sie in die Pubertät kommt, ist mein Tinnitus hoffentlich schon so laut, dass ich nicht mehr hören muss, was sie mir an den Kopf wirft. Aber bis dahin wird sie es gebärden können.
Friedolin hat gelernt, dass es ungünstig ist, einen neuen Supersandkasten fertig zu bauen, wenn das Kieswerk wegen Corona geschlossen hat und er gar keinen Sand holen kann.
Ich habe gelernt, dass meine verstreute Familie an Ostern wegen Corona gar nicht zusammen kommen kann. In den letzten Jahren hatte ich mir so oft Ruhe vor Familientrubel gewünscht. Jetzt habe ich meine Ruhe und es bricht mir das Herz.

Freitag, 03. April 2020

Heute backt Friedolin unseren Geburtskuchen. Zur Feier des Tages, weil es Mehl im Supermarkt gab. Und weil die Kinder das geheime Eiernest gefunden haben. Sieben Eier lagen versteckt im Igelhaus. Das hatte ich dem Igel im letzten Herbst gebaut, aber er zog es vor, unter der alten Zinkwanne zu überwintern. Die Tiere in unserem Garten machen einfach nicht, was sie sollen. Die Amseln ignorieren die Vogeltränke und baden lieber im rostigen Tonnendeckel. Die Hummeln meiden das Insektenhotel und sind hinter der Starkstromsteckdose eingezogen. Und die Frösche haben immer noch nicht verstanden, dass ihr Teich vorübergehend ein Sandkasten ist. Da können die Kinder nicht so schnell drin ertrinken. Die Frösche sehen daher während der Paarung leicht paniert aus.
Die Geschichte mit dem Geburtskuchen hatte uns unsere Hebamme eingebrockt. Beim ersten Kind dauert die Geburt in der Regel ja etwas länger. Daher riet unsere Hebamme, beim Einsetzen der Wehen erstmal einen Kuchen zu backen. Damit wir nicht so oft auf die Uhr schauen und nicht durch drehen. Ich bin trotzdem durchgedreht, als es losging. Weil wir keine Zitronen mehr hatten. Für jedes Geburts-Szenario hatte ich einen Plan-B, nur für den Joghurt-Zitronen-Kuchen nicht. Mit Frauen in den Wehen kann man schlecht diskutieren. Also musste Friedolin einkaufen und ich atmete Wehen weg. Nach einer Stunde kam er mit einem Großeinkauf zurück. Zitronen hatte er vergessen. Also musste er wieder los und ich atmete weiter Wehen weg. Den gemeinsamen Geburtskurs hätten wir uns sparen können. Als er mit den Zitronen zurück war, brachte ich nur noch raus: “Geh backen, sprich mich nicht mehr an.” Dann kamen die Wehen schon alle fünf Minuten, aber wir konnten nicht ins Geburtshaus. Der Kuchen war ja noch im Ofen. Beinahe wäre unsere Tochter im Auto zur Welt gekommen. Aber der Kuchen war dufte.
Seitdem backt Friedolin immer Geburtskuchen, wenn unser Leben aus den Fugen gerät. Der Kuchen erinnert uns daran, nicht alles im Leben planen zu müssen. Es kommt ohnehin anders. Und er macht uns Hoffnung auf ein gutes Ende. Seit Corona planen wir gar nichts mehr. Wir machen es wie die Tiere in unserem Garten und improvisieren. Und wir versuchen, nicht an morgen zu denken. Dazu passt Geburts-Kuchen ganz ausgezeichnet.

Das Geburtskuchen-Rezept ist einfach (sofern man Zitronen im Haus hat):

200 g weiche Margarine mit 200 g Zucker und 1 Pkt Vanillezucker schaumig schlagen. 3 Eier von glücklichen Hühnern einrühren. Saft und Schale von 1 Zitrone und 150 Bio- oder Soja-Joghurt unterrühren. 300 g Mehl und 1 TL Backpulver sieben und unterrühren. In einer Kastenform bei 175 Grad ca. 55 Minuten backen. Wer mag, mit Zitronen-Puderzucker glasieren.
Haltet durch.

Donnerstag, 02. April 2020

Die Nachbarskinder halten mich für eine Hexe. Weil ich diesen magischen Heilkräutergarten habe. Sonst pflanzt man im Dorf gerne Kies. Außerdem wohnt eine Schleiereule auf unserem Dachboden. Und sie haben mich an Mittsommer erwischt, wie ich frühmorgens im weißen Nachthemd barfuß durch den Tau getanzt bin. Ganz eventuell habe ich auch damit gedroht, sie in Kröten zu verwandeln, wenn sie noch einmal durch meine Rabatten trampeln. Im Mittelalter wäre ich definitiv verbrannt worden. Dank meiner Heilkräuter muss ich mit meiner Blasenentzündung nicht in ein kontaminiertes Wartezimmer. In meiner Hexenküche warten Schraubgläser voller Goldrute, Birke und Brennnessel. Tinkturen von Kapuzinerkresse und Meerrettich, Weidenrinde und Mädesüß.
Je länger Corona dauert, desto dankbarer bin ich, dass wir schon immer so viel selbst machen. Wir sind nicht schuld an Amazons Rekordumsatz. Friedolin baut, repariert, erfindet. Ich pflanze, koche ein, nähe, mixe Putzmittel und Cremes und lasse unsere kleine Hausapotheke wachsen. Es könnte so idyllisch sein. Wenn wir nicht ständig streiten würden, wer wie viel Zeit für seine Aufgaben bekommt. Meistens verliere ich. Weil Warmwasserkollektoren auf dem Dach reparieren deutlich cooler ist, als das Klo zu putzen. Ich war mal sehr gut im Heimwerken. Bis Friedolin jedes Mal nervös neben mir stand, sobald ich einen Akkuschrauber zur Hand nahm. Er will auch mal zeigen, wo der Hammer hängt.
Ob ich kein Kraut gegen Corona habe, fragen die Kinder. “Ich weiß es nicht”, sage ich. Viele Pflanzen haben antivirale Wirkstoffe und werden pharmazeutisch genutzt. In meinem Garten wächst Kleine Braunelle, die unfassbar gut gegen Herpes hilft. Und meine Zistrose kann Zellen gegen Influenza-Viren stärken.
“Du bist doch eine Hexe, zauber Corona einfach weg”, sagen die Kinder. “Äh, ja, aber Corona kommt aus China und ich kann nur einheimischen Husten wegzaubern”, nuschele ich schnell. “Wer will Eis?” Ich habe einen Ruf zu verlieren.

Mittwoch, 1. April 2020

Ich habe Fieber. Erst dachte ich, mein Körper erlaubt sich einen Aprilscherz. Aber das erledigen heute die Kinder. Während ich delirierend im Bett vor mich hinvegetiere, platzen die Kinder alle fünf Minuten ins Schlafzimmer und brüllen:
“Mama, der Schlauch von der Waschmaschine ist geplatzt!”
Oder: “Mama, da ist schon wieder eine Kröte im Wohnzimmer!”
Oder: “Mama, Papa hat uns gerade eine Stunde lang ein Buch vorgelesen.”
“April, April, der macht, was er will”, sage ich kraftlos. Die Kinder schauen mich verständnislos an. Das mit dem Buch war gar kein kein Aprilscherz. Ich sollte öfter krank sein. Dann klappen plötzlich Dinge, die sonst aus dem einfachen Grund nicht klappen, weil ich sie ja machen kann. Theoretisch ist Friedolin ein großartiger Vater. Praktisch halte ich ihn immer davon ab. Ich hab mir mal absichtlich einen Nabelbruch zugezogen, damit Friedolin kochen lernt. Zwischen Friedolin-kocht-Nudeln-mit-Wasser und Friedolin-kocht-Ziegenkäse-Gratin-mit-Rote-Beete-Schaum lag genau eine Woche. Da musste ich nach der OP das Bett hüten. Ich hab übrigens nicht Corona. Sollte ich vielleicht dazu sagen. Es ist eine banale Blasenentzündung. Wobei so banal fühlt die sich gar nicht an. Ich habe mich vermutlich bei meinem Huhn angesteckt. Miss Granger ist krank, sie kriegt ihr Ei nicht raus. Kann ich gut verstehen, ich würde in diesen Tagen auch kein Kind in die Welt setzen wollen. Auf die genaue Form der Ansteckung möchte ich gar nicht eingehen. Das hatte etwas mit einer Hühnerbadewanne und aufsteigenden Bakterien zu tun. Und weil ich tollpatschig bin, wenn ich zuviel gleichzeitig mache und mich beim Aufstehen mit dem verkeimten Badewasser… aber lassen wir das. Alle kriegen Corona, nur ich kriege eine Hühnerblasenentzündung Manchmal geht mein Drang zum Individualismus wirklich zu weit.

Dienstag, 31. März 2020

Heute schwebte eine unwirkliche Melodie durch unser Dorf. “Kinder, ein Drehorgelspieler”, rief ich aufgeregt. Friedolin lachte nur. “Das ist der Schrotthändler, du Stadtkind”. Manchmal fährt der Schrotthändler durchs Dorf und aus dem Megaphon auf seinem Autodach ertönt eine melancholische Melodie. Zu diesen lieblichen Klängen tragen die Dorfbewohner dann träumerisch ihr Altmetall an den Straßenrand. Oder ihre gepiercten Teenager. Natürlich gibt es bei uns keine Straßenmusikanten. Wir haben ja noch nicht mal vernünftige Bürgersteige, geschweige denn einen Dorfplatz. Und außerdem sind bald alle Musiker verhungert, wenn der Staat seine Soforthilfen nicht justiert. Aber es war auch nicht der Schrotthändler. Vor dem Seniorenheim spielte ein Blockflöten-Duo. Die Alten rollten mit diversen Gefährten auf ihre Balkone oder wurden gerollt und lauschten andächtig. Unten auf den Bänken vor dem Heimeingang lagen bunte Briefe und Ostereier. Die Dorfkinder waren einem Aufruf gefolgt und hatten für die Senioren gebastelt. Die Heimbewohner sind einsam, sie dürfen ja gerade keinen Besuch bekommen. Manchmal stehen Angehörige vor der Residenz und rufen zu den Balkonen hinauf. Das erinnert an Gefängnisszenen aus amerikanischen Filmen. Oder an Romeo und Julia mit Falten. Wir haben unsere Regenbogen dort abgegeben. Es gab ja diesen Aufruf #regenbogengegencorona. Alle Kinder sollten Regenbogen basteln und in ihr Fenster hängen, damit andere Kinder im Vorbeigehen sehen, dass dort auch ein Kind in Isolationshaft sitzt. Der Regenbogen soll Hoffnung spenden. Mein Regenbogen spendet nur Gelächter. Meine Bastelarbeiten sehen grundsätzlich aus, als wäre ein Linienbus drüber gefahren. Ich sag dann immer, der Vierjährige war’s. Weil wir am Ende einer Sackgasse wohnen und bei uns nie jemand vorbei läuft, war das mit dem Regenbogen im Fenster jedoch etwas witzlos. Und da ich mit diesen ganzen Corona-Aufrufen ohnehin durcheinander komme, brachten wir unsere Regenbogen ins Seniorenheim. Die können Gelächter gerade gut gebrauchen.

Montag, 30. März 2020

Heute gehen wir zum Frisör. Gemeinsam mit Astrid Lindgren. Das funktioniert so, dass die Kinder sich ihre Zauberumhänge anziehen und erwartungsfroh in unserem Frisiersalon am Küchentisch Platz nehmen. Sie freuen sich, weil sie beim Haareschneiden auf dem Laptop Bullerbü gucken können. Sonst dürfen sie nur fernsehen, wenn schlechtes Wetter ist. Und da es seit dem Klimawandel in unserem Dorf kaum noch regnet, kommt das selten vor. Eigentlich soll das Fernsehen beim Stillsitzen helfen, aber für den Vierjährigen ist selbst Bullerbü so aufregend, dass er vor Freude und Spannung zittert. Wenn er auf Tour im Hotel mal normales Kinderfernsehen gucken darf, muss er zwischendurch in eine Tüte atmen. Und ich auch. Kinderfernsehen ist so sensationslüstern geworden. Es geht nur noch um superaufregende Ereignisse, superbesondere Talente und superstarke Zauberkräfte. Oder irgendwas mit Pferden. Es gibt kaum noch normale Geschichten von normalen Kindern. Also schneide ich Haare mit Astrid Lindgren. Bei Friedolin nützt jedoch selbst Bullerbü nichts. Wenn ich seine Haare schneide, mault er, weil es ihm zu lange dauert. Seine Geduldsspanne liegt noch unter der des Vierjährigen. Also schneidet er selbst im Badezimmer vor dem Spiegel. Und zwar immer genau dann, wenn ich gerade das Bad geputzt habe. Waschbecken und Fußboden sehen hinterher aus, als ob jemand ein Schaf mit braunen Haaren geschoren hätte. Wohlbemerkt, nachdem Friedolin glaubt, alles wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt zu haben. Ehemänner mit Glatze haben durchaus Vorteile.
Ich schneide mir die Haare immer selbst, weil ich mich nie mit Frisörinnen drauf einigen kann, was “Bitte nur die Spitzen schneiden” bedeutet. Ich meine damit: Bitte nur die Spitzen schneiden. Auf frisösisch übersetzt heißt das aber: Ich hätte gern einen flotten Kurzhaarschnitt. Die meisten Frisösen waren im vorherigen Leben Holzfäller. Bei einer Nordmanntanne sind 20 cm nur die Spitze.

Sonntag, 29. März 2020

Ich mache die Zeitumstellung nicht mit. Für irgendwas muss Corona ja gut sein. Die Kinder gehen nicht zur Schule, wir sind arbeitslos, mit niemandem verabredet, wozu die Quälerei? Uns wird gerade so viel genommen, da lasse ich mir nicht auch noch eine Stunde klauen. Jetzt muss ich nur noch Schlafmasken für die Amseln vor meinem Fenster nähen, damit die den Sonnenaufgang nicht mitbekommen. Im Winter füttere ich sie, im Frühling möchte ich sie erwürgen. Wenn Friedolin morgens um 5 Uhr so lautstark gezwitschert hätte, um mit mir Babys zu machen, gäbe es unsere Kinder nicht. Knapp vier Millionen Europäer haben für die Abschaffung der Zeitumstellung gestimmt und müssen trotzdem bis 2021 warten, weil sich unser Parlament nicht auf Sommer- oder Winterzeit einigen kann. Weil sie einen Zeitflickenteppich befürchten. Du liebe Güte, in Europa werden gerade ganze Länder in Dornröschenschlaf versetzt, da kann es ja wohl nicht so schwer sein, mal die Finger von der Uhr zu lassen. Auch wenn sie mal wieder abgestaubt werden muss. Wenn ihr diese Zeilen am Morgen lest, werde ich noch schlafen. Sonntags macht Friedolin Frühstück. Ihr dürft Euch gerne aussuchen, ob dieser Text in Zukunft zur Winter- oder Sommerzeit erscheinen soll. Unten in den Kommentaren. Wenn knapp vier Millionen abstimmen, halte ich mich auch dran. Da kann die EU noch was von mir lernen.

Samstag, 28. März 2020

Seit Tagen überfliege ich die Schlagzeilen, wann Soziale Distanzierung endlich auch für Ehepartner vorgeschrieben wird. Wäre doch dem häuslichen Frieden zuträglich, wenn man nicht mit dem eigenen Mann in Quarantäne hätte gehen müssen. Nun hocken wir hier aufeinander und denken uns Hobbys aus.
Friedolin übt Zaubertricks. Er lässt sich andauernd selbst verschwinden. Vielleicht hat er die Schlagzeile gefunden und mir nichts davon gesagt. Schön wäre nur, wenn er die Kinder mit in seinen Hut nehmen würde. Vielleicht wird es besser, wenn wir Kaninchen haben.
Die 6-Jährige hat Fotografie für sich entdeckt. Gestern hat sie 130 Fotos von den neuen Hühnern gemacht. Das erinnert mich daran, wie ich mir zum ersten Mal die Kleinbildkamera meiner Eltern bei einem Schulausflug ausleihen durfte. Mit zwei Farbfilmen. Mein Vater war nicht erfreut, als er 20 Mark für das Entwickeln von 72 Pinguin-Fotos bezahlen musste. Ich war schon immer meiner Zeit voraus. Heute macht jeder 72 Fotos von ein und demselben unnötigen Motiv. Sich selbst zum Beispiel.
Der 4-Jährige schließt sich seit Corona gern auf dem Klo ein. Das hat er von seinem Vater. Friedolin liest dort Zeitung. Weil er das Sofa nicht abschließen kann. Unser Sohn telefoniert mit seiner Großmutter. Stundenlang. Das Klo ist der einzige Ort, wo er in dieser Familie voller Klugscheißer mal ausreden darf. Eigentlich will ich diese Telefonate nutzen, um was im Haushalt zu erledigen. Aber meistens lausche ich, weil ich dabei viel lerne. Am 21. März hat er ihr das Prinzip von Tag-und-Nacht-Gleiche erklärt. Das kennt er, weil wir an dem Tag immer Stockbrot machen. Gestern war Thema, dass Schafe keine Schneidezähne im Oberkiefer haben. Bei Tischgesprächen erfreut er Besucher auch gern mit Einwürfen wie: “Früher gab es nur einen Kontinent. Der hieß Pangäa.” Die Tatsache, dass er dabei ein Lätzchen trägt und einen ausgeprägten S-Fehler hat, macht solche Sätze umso eindrucksvoller.
Mein neues Hobby ist das Spiel: Was liegt auf meinem Po? Dabei lege ich mich aufs Sofa, schließe die Augen und die Kinder legen Gegenstände auf meinen Hintern, die ich erraten muss. Die Kinder lachen sich dabei so scheckig, dass es nicht auffällt, wenn meine Antworten ausbleiben.

Freitag, 27. März 2020

Mein erstklassiges Kind und ich traumatisieren uns gerade gegenseitig. 1. Klasse-Mathe überfordert uns. Sie versteht es nicht und ich verstehe nicht, warum ich sie damit quälen muss. Schließlich ist Frühling und Corona und die Welt wird in Zukunft ohnehin von Robotern beherrscht. Wir können durchaus 15 – 3 – 7 rechnen, aber Rechenquadrate und Logikaufgaben überfordern uns. Sie schreibt großartige Kurzgeschichten, von wasserscheuen Wölfen und eingebildeten Mäusen, mit Pointe und Moral von der Geschicht. Darin ist sie mit ihren sechs Jahren allen Roboter voraus. Sie liest ihrem kleinen Bruder auch jeden Morgen ein Buch vor, seit ich ihnen verboten habe, vor 6:30 Uhr das Kinderzimmer zu verlassen. Dennoch denkt sie, sie sei dumm. Weil sie die abstrakten Mathe-Aufgaben nicht versteht. Praktischen Matheunterricht gab es in der Schule nicht. Ihr Mathe lebensnah beizubringen, ist jetzt mein Job. Ich muss sowas googeln. Ich war so schlecht in Mathe, dass mein Mathelehrer Herr Rohrbach sich in der 12. Klasse auf einen Deal mit mir geeinigt hatte: Wenn er mich dran nahm, sagte ich ein Heinz Erhardt-Gedicht auf. Jedes Mal ein anderes. Ansonsten ließen wir uns in Ruhe. Wenn die PQ-Formel sich gereimt hätte, hätte ich in Mathe 15 Punkte gehabt. Also zerknülle ich den Aufgaben-Zettel meiner Tochter und sage: Hinter eines Baumes Rinde wohnt die Made mit dem Kinde. Dann gehen wir Trampolin springen. Schwerkraft ist ja auch Mathe. Oder Physik? Egal, spring in den Himmel.
Ich verlange, die Verbeamtung aller Eltern, die ihre Kinder gerade zuhause unterrichten. Inklusive Sonderzahlung und Pension. Wenn wir es schaffen, zwischen Home-Office, Geldsorgen und Corona unseren Kindern die Freude am Lernen zurückzugeben, haben wir das allemal verdient.

Donnerstag, 26. März 2020

Gestern hat es im Dorf gebrannt. Ganz zur Freude unserer Kinder. Der alte Herr W. hatte mit dem Unkrautflämmer seine Lebensbaumhecke in Brand gesetzt. Da wir in diesem Jahr wegen Corona auf das Osterfeuer verzichten müssen, waren wir Herrn W. sehr dankbar, dass er die Dinge selbst in die Hand genommen hat. Wir wissen auch noch gar nicht, wo wir unseren Grünschnitt loswerden. Kein Osterfeuer, das Kompostwerk hat zu und die Nachbarn mit dem Schredder sind in freiwilliger Quarantäne. Vielleicht sollten wir uns Herrn W.s Unkrautflämmer ausleihen. Als die ganze Straße unter Qualm stand, kamen die Nachbarn mit Wassereimern angerannt und löschten den Brand. Es dauerte ein bisschen länger, weil sie bemüht waren, den Sicherheitsabstand von 2 Metern einzuhalten. Die Kinder hüpften wie Flummis auf und ab und feuerten sie an. Als dann noch die Sirene im Dorf losging und die Dorffeuerwehr mit Tatütata und dem maroden Löschfahrzeug mit der undichten Wasserpumpe kam und die ganze Straße flutete, waren die Kinder restlos glücklich. Sie sprangen in den Pfützen herum und sangen den Kindergarten-Smash-Hit: “Die Feuerwehr, die Feuerwehr, die hat ‘nen langen Schlauch, der Hauptmann von der Feuerwehr, der hat ‘nen dicken Bauch.”
Wer braucht da noch Disney+.

Mittwoch, 25. März 2020

Nachts habe ich immer Corona. Tagsüber geht es mir gut, dann genieße ich die Entschleunigung. Sogar unser Internet macht langsamer als sonst. Nachts muss ich nur einmal husten und schon hab ich Corona. Dann wälze ich mich unruhig im Bett hin und her und stelle mir vor, dass ich auf eine Isolierstation muss und meine Kinder nicht mehr sehen darf. Meine Persönlichkeit ist ziemlich facettenreich. Vielleicht ist ja auch ein alter Mann mit Asthma darunter. Alle im Haus schlafen. Nur ich und der Marder sind noch wach. Der kommt immer erst auf den Dachboden, wenn Friedolin schläft. Er weiß, dass es sonst Ärger gibt. Ich fühl mich fiebrig. Corona. Es könnte auch an Friedolin liegen, der nachts in den Hochofenmodus schaltet. Wir können getrost unsere Kohlekraftwerke abschalten. Friedolin schafft das allein. Mein Hals kratzt. Das ist jetzt aber Corona. Dann fällt mir ein, dass ich vorhin für die Kinder lautstark gekräht habe. Immer wieder. Sie wissen nicht, wie laut ein Hahn ist, da unsere Hühner eine fröhliche Queer-Comunitiy sind. Alle sind lesbisch, nur Rambo ist transgender. Also doch nicht Corona. Ich hab mich wund gekräht. Wenn ich selbst kein Corona habe, dann bestimmt jemand, den ich liebe. Meine Schwester zum Beispiel. Die ist Ärztin und wird ständig angehustet. Als ich ein Kind war, hat meine Mutter zu mir gesagt: “Stell dir was Schönes vor, wenn du nicht schlafen kannst. Denk an deinen Geburtstag oder Weihnachten.” Aber seit ich über 30 bin, denke ich nicht mehr gerne an meinen Geburtstag. Und Weihnachten ist noch lange hin. Außerdem gibt es keinen Schnee mehr in Niedersachsen wegen des Klimawandels. Läuft gerade nicht so mit den schönen Gedanken. Mache ich mir ein Hörbuch an. Das Internet funktioniert wieder nicht. Also gehe ich auf den Dachboden und leiste dem Marder Gesellschaft.

Dienstag, 24. März 2020

Chips und Netflix helfen auf Dauer nicht gegen Corona. Also gehen wir heute unser Immunsystem stärken und sammeln Wildkräuter. Der Frühling ist da und er schmeckt lecker. Gundermann, Knoblauchsrauke, Bärlauch, Giersch… wächst alles in unserem Garten. Damit haben wir den Biologieunterricht abgehakt und brauchen nicht in den Supermarkt. Die Kunden mit Atemschutzmasken und Gummihandschuhen machen mir Angst. Und die ohne auch. Am meisten Angst macht mir meine Mutter. Die lässt ihren Einkauf jetzt immer 72 Stunden liegen, bevor sie davon isst. Weil sie gelesen hat, dass der Virus sich 72 Stunden auf Oberflächen hält. Der Mozzarella ist nach 72 Stunden vielleicht schon hin, aber wenn es gegen die Angst hilft, bitteschön. Die Corona-Diät. Angst und Logik gehen selten Hand in Hand. Die meisten meiner Freunde würden keinen Wildkräutersalat essen. Weil da ein Fuchs drauf gepinkelt haben könnte. “Dafür hat auf euer Essen ein Schwein gekackt”, sage ich. Aber das zählt nicht. Weil das Schwein ja nicht wirklich drauf kackt, sondern der Trecker die Gülle verteilt. Und das kackende Schwein sehen wir nicht, weil es sein Geschäft in Megaställen verrichtet. Diese Deutsche Pipi-Kacka-Logik habe ich nie verstanden. Wenn unser Nachbar seinen Hund an unser Gartentor pinkeln lässt, ist das nicht schön, aber gesellschaftlich toleriert. Wenn ich meinen Vierjährigen an die Haustür meines Nachbarn pinkeln ließe, bekäme ich vermutlich ein Anzeige. Wobei, es käme auf einen Versuch an.

Montag, 23. März 2020

Gibt es Frühaufsteher als Beruf? Wenn ja: Ich stelle ein. Wenn die Kinder um 6 Uhr fröhlich kreischend auf mich draufspringen, möchte ich mich #RegrettingMotherhood anschließen. Ich bin eine Eule durch und durch. Es ist mir ein Rätsel, wie ich zwei Lerchen bekommen konnte. Das sollte biologisch gar nicht möglich sein. Über die Corona bedingte Schulschließung habe ich mich gefreut. Fünf Wochen ausschlafen. Aber unsere Kinder haben einen Biorhythmus aus Beton. Selbst wenn wir sie später ins Bett schicken, stehen sie trotzdem um 6 Uhr auf. Sie sind dann nur genauso schlecht gelaunt wie ich. Sie brauchen Wochen, um sich an die Zeitumstellung zu gewöhnen. Eigentlich brauchen sie bis zur nächsten Zeitumstellung. Ich liebe meine Kinder. Ich habe keine Nacht bereut, in der ich ein kotzendes Kleinkind im Arm gehalten habe. Alles besser als Pubertät. Wobei sie in der Pubertät hoffentlich länger schlafen. Auch wenn sie dann Scheiße drauf sind und Drogen nehmen, Hauptsache ich kann endlich mal ausschlafen. Seit Corona schlafe ich unfassbar schlecht ein. Die Gedanken kreisen. Soviele Hörbücher kann ich gar nicht hören. Eigentlich wollten Friedolin und ich uns mit dem Frühaufstehen abwechseln. Aber wenn er mit den Kindern aufsteht, spielen sie bei Sonnenaufgang vor meiner Schlafzimmertür Fußball oder prügeln sich oder singen lautstark Jingle Bells. Während Friedolin etwas ganz Dringendes zu erledigen hat.

Sonntag, 22. März 2020

Die Kinder haben Angst vor der drohenden Ausgangssperre. Weil der Osterhase dann auch nicht kommen kann. Sie wissen, dass Corona zuerst von Tieren übertragen wurde.
“Der Osterhase ist bestimmt in Kwarantäne”, sagt der Vierjährige. Er ist stolz auf seinen neuen Corona-Wortschatz.
“Quatsch, den Osterhasen sieht doch eh nie ein Mensch”, sagt die Sechsjährige. “Der hat Sicherheitsabstand, der steckt sich nicht an.”
Sie überlegen auch seit Tagen, wer die ganzen Ostereier im Supermarkt kauft.
“Das ist für die Erwachsenen”, sage ich. “Denen bringt der Osterhase ja nichts.”
“Der Osterhase würde auch nie Eier verteilen, die in soviel Aluminium verpackt sind”, sagt die Große.
“Und Plastik”, kräht der Vierjährige. Zu Weihnachten hatte er sich gewünscht, dass die Menschen weniger Plastik verbrauchen. Sein kleines Leben ist schon von recht großen Themen überschattet.
“Joni aus dem Kindergarten wünscht sich die Lego Feuerwehrstation zu Ostern”, sagt er.
“Aber bestimmt nicht vom Osterhasen”, sagt die Große. “Die ist auch aus Plastik.”
“Von wem dann?”
“Von seinen Eltern?”
“Schenken denn Eltern ihren Kindern auch was zu Ostern”?
“Ja, falls der Osterhase in Quarantäne ist”, sage ich und überlege, wie ich unverpackte Schokoeier hygienisch im Garten verstecken kann.

Samstag, 21. März 2020

Heute ist heimschulfrei. Also haben die Kinder bis 6 Uhr geschlafen. Wie immer, wenn frei ist. Vor dem Frühstück hat unsere 6-jährige Tochter beschlossen, sich selbst Klavierspielen beizubringen. Drei Töne mag sie besonders gerne. Die spielt sie immer wieder. Und wieder. Ich habe selten so eine Ausdauer bei ihr erlebt. Es klingt wie der Soundtrack zu einem Hitchcock-Thriller. Der Vierjährige ist genervt von dem Privatkonzert und kippt lautstark die Duplo-Kiste aus. Aber wozu gibt es denn das Forte-Pedal. Friedolin ist nirgends zu sehen. Wie so oft in den letzten Tagen hat er irgendwas ganz dringendes zu erledigen. Blöd, dass er immer zuerst drauf kommt.
Seit Corona sind die Kinder erstaunlich kreativ. Auf Langeweile folgt Phantasie. Jetzt hören wir auch wieder die Nachbarskinder in den Gärten, die sonst die ganze Woche Freizeitstress haben: Judo, Klarinettenunterricht, Fußball, Tanzen, zwischen Fördern und Überfordern liegt ein schmaler Grad. Der Druck der Leistungsgesellschaft ist schon bei den Kleinsten angekommen, es bleibt kaum Zeit zum freien Spielen. Jetzt hallt wieder Kinderlachen durch das sonst so stille Dorf. Und selbst die Bundesstraße hält inne und lauscht.

Freitag, 20. März 2020

Weil man ja keine Hamsterkäufe mehr machen soll, haben wir Hühner gekauft. Unsere alten Hühner sind schon Omas und legen kaum noch Eier. Außerdem sind sie in freiwillige Quarantäne gegangen, weil sie zur Risikogruppe gehören. Wenn sie mal ein Ei legen, verstecken sie es so gut im Gebüsch, dass nur der Fuchs es findet. Der Züchter hatte keine Skrupel, trotz Corona die Hühnerübergabe mit uns abzuwickeln. Zur Begrüßung wollte er uns die Hand schütteln. “Ich bin da nicht so”, sagte er. Er arbeite in der Pharmaindustrie, da hätten sie Pillen für alles.
“Dann hätte ich gern Pillen für Ehepaare, die sich wegen Corona auf den Sack gehen”, habe ich gesagt. Fand er nicht witzig. Die Leute lachen lieber, wenn sie Eintritt zahlen.
Eine neue Henne hat direkt die alte Leithenne gechallenged und blutig gepickt. Wir haben sie Rambo getauft. Uns ist Gender Mainstreaming sehr wichtig. Wenn jetzt nach Klopapier und Desinfektionsmittel auch noch Eier knapp werden, sind wir mit Rambo gut gegen Eier klauende Nachbarn gewappnet.

Donnerstag, 19. März 2020

Letzte Nacht haben Friedolin und ich die Tankstelle überfallen. Zwar nur im Traum, aber ich war trotzdem von meinem kriminellen Potential beeindruckt.
Aus irgendeinem Grund hatten wir einen Schlüssel für die Tankstelle, also nix mit Hände hoch und so, wir sind rein, haben die Kasse aufgeschlossen und nur ein paar müde 5 Euro Scheine vorgefunden. Mein erster Gedanke: Praktisch, haben wir ein paar Fünfer für unseren CD-Verkauf. Dann hab ich Panik gekriegt, weil wir keine Handschuhe trugen. Wer weiß, ob sich der Tankstellenwart immer die Hände gewaschen hat. Na, toll, jetzt kommen wir wegen 30 Euro in Quarantäne, dachte ich. Wir waren auf allen Überwachungskameras drauf, weil wir keine Atemschutzmasken bekommen hatten.
Mein Unterbewusstsein funkt Verarmungswahn. Jetzt werden auch schon Auftritte im Juni abgesagt.
Ideen für dubiose Geschäftsideen bitte per PN an uns.

Mittwoch, 18. März 2020

Unsere Eltern aus Hannover sind in freiwillige Quarantäne gegangen. Das ist die freundliche Umschreibung von: Wir wollen euch nicht mehr sehen. Wahrscheinlich nutzen gerade viele Corona, um unbeliebte Verwandte loszuwerden. Wir sind unbeliebt, weil wir zwei Kinder haben. Und da ein Kind laut Influenza-Influencer Kekulé 3000 Menschen anstecken kann, macht das bei 2 Kindern 6000 Menschen, da wären bestimmt auch die paar Großeltern drunter.
Jetzt haben wir also fünf Wochen die Kinder zu Hause, verdienen keinen Cent und die Großeltern sind futsch.
“Machen wir das Beste draus”, sage ich.
“Ja, wir gehen Schwimmen”, rufen die Kinder.
“Ähh, nee.”
“In den Zoo?”
“Auch nicht.”
“Kletterhalle.”
“Nope.”
“Spielplatz?”
Jetzt verhandeln wir über Corona-Kaninchen.

Dienstag, 17. März 2020

Die Schließung der Spielplätze haben wir erheitert zur Kenntnis genommen. Auf unserem Dorfspielplatz ist immer Corona. Der Dorfbewohner baut ja lieber im eigenen Garten einen Spielplatz mit Trampolin, Seilbahn und Pool. Oder hat einen Bauernhof. Da kann das Sandloch voller Kippen am Feldrand mit dem verrosteten Drehkarussell nicht mithalten. Wenn die Dorfkinder ihre Grundstücke verlassen, fahren sie mit dem Fahrrad zur Tankstelle an der Bundesstraße.
Anfangs waren wir oft auf dem Spielplatz. Als Ex-Großstädter suchten wir Kontakt zu den Einheimischen. Lief nicht so gut, war ja keiner da. Aber unsere Kinder haben gern in den Büschen um den Spielplatz Verstecken gespielt. Bis Kehrmaschine vom Bauhof die Hecken auf 50 cm runter geschnitten hat. Er heißt bei den Kindern Kehrmaschine, weil er sonst die Kehrmaschine fährt. Und den Kindergartenbus, wenn die Kindergartenbusfahrerin krank ist. Die Hecken waren der einzige Wind- und Sonnenschutz am Feldrand und haben die Kinder vor Staub und Glyphosat geschützt “Das wächst nach”, sagte Kehrmaschine. “Jetzt hab ich fünf Jahre Ruhe mit Schneiden.” Nach zwei Jahren hat er wieder alles runter geschnitten. Das nennt man Bauhof-Schaltjahr. Ich leg mich nicht mit ihm an, wir brauchen den Kindergartenbus. Ich geh eh nicht gern auf den Spielplatz. Mein Hintern ist für die Schaukeln zu dick.

Montag, 16. März 2020

Unser 1.Klasse-Schulkind maulte heute früh:
“Ich will nicht Schule machen, es sind Ferien.”
“Das hier sind keine Ferien, das ist Corona. Also, Hefte raus.”
Als der Protest anhielt, sagte ich:
“Wir spielen jetzt Schule. Du setzt deinen Ranzen auf, gehst zum Bus, wartest fünf Minuten und wenn du wieder kommst, ist hier die Schule und ich bin die Lehrerin”.
Das fand sie witzig und wir haben brav Schule gemacht. Der Haken an der Sache war, dass jetzt alle im Dorf erzählen, Familie Eymess würden ihre Kinder trotz Corona zur Schule schicken, weil sie unsere Tochter an der Schulbushaltestelle sitzen sahen.

Text: Wiebke Eymess
Fotos: Friedolin Müller & Wiebke Eymess

53 Kommentare zu “Tage in Corona

  1. Die Tagebuchgeschichten brechen Zacken aus der Viruskrone. Das Schmunzeln, was die Geschichten auslösen stärken das Immunsystem und sind daher ein wirksames Mittel gegen die Ansteckungsgefahr. Ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag.

  2. Wildkräutersalat, tolle Idee
    Esse heute Rauke mit Frauke

  3. Sehr erheiternd. Danke! Tut gut in diesen Tagen 🙂

  4. Ein Anticoronaprogramm könnte Marder weggurgeln sein. Das ist für den ein bedrohliches Geräusch. Aber bitte kein Marderkontakt! Vielleicht ist er auch infiziert oder neuer Zwischenträger. Das Virus hat ja einen IQ über 150…

  5. Den Kommentar mit dem Dorfspielplatz finde ich sehr treffend. Trampolin, Baumhaus und Pool haben wir im Garten, nur die Seilbahn ist noch nicht installiert – die Kinder drängeln aber auch schon. Herzliche Grüße aus Dankelshausen!

  6. Wie erklären die Kinder die Wirkung des Virus und was sie dagegen machen können. Die Verbindung zu eurem Familiengeschehen erleichtert das Ertragen aller Ereignisse durch Schmunzelfaktor.

  7. Also ich bin für Winterzeit, dann muss ich meine Öffnung-und Schließzeit auch nicht umstellen.

  8. Da mein Laptop wieder virenfrei ist, habe ich erst heute die witzigen Fotos sehen können. Einen guten Start in die Neuzeitwoche mit hoffentlich neuen Fots und Geschichten aus Quarantänehausen

  9. Ich könnte versuchen bei den Matheaufgaben zu helfen. Wär das nicht was?

  10. Wünsche euch, dass das krnke Huhn ein goldenes Ei legen will. Dann wird aus der Not eine Tugend und das passt auch irgendwie ins Zeitgeschehen.

  11. Ziitronenkuchen ist eine Superidee. Sauer macht lustig, werde 10 Zitronen verwenden.

  12. Jeden Tag kleine Geschichten über das Leben in Corona Zeiten, einfach toll. Weiter so

    1. Ich bin über die Anstalt auf eure Seite gestolpert. Die Geschichten machen die Zeit leichter. Danke für euer Durchhaltevermögen und macht unbedingt weiter :-))

  13. Karl-Heinz Knop April 5, 2020 at 8:16 am

    da kann der Tag noch so grau und griesgrämig anfangen, Wiebke lesen und die nächsten 24 Std. sind gerettet

  14. Über welche Reisegesellschaft kann man bei euch Urlaub buchen?

  15. Unschlagbar! Danke für diese heiteren Momente am Tag.

  16. Made my day… Jeden Tag aufs Neue. Deine Texte sind grandios. Schreib doch mal ein Buch… Ich würde es definitiv kaufen

  17. Coronageschichten gehören zu dentäglichen Ritualen, die den Start in den Tag erleichtern. Hoffentlich gibt’s diese auch zu Ostern.

  18. Ich bin heute durch die NP auf ‘Tage in Corona’ aufmerksam geworden. Ich bin begeistert und kicher hier so bei meiner Heimarbeit vor mich hin :))
    Ja ja ja, ein Buch. Ich würds auch kaufen!

  19. Ha, der neue Text ist vom 20.4.. Welch guter Schreibfehler, oder gar geplanter Beitrag? Denn am 20.4. soll nach bisherigem Stand (der ja erst nach Ostern überprüft wird), die Schule wieder beginnen. Also ein mögliches Datum für ganz viel Veränderung?! Ich glaube noch nicht daran, aber warten wir es ab. Dank der tollen Texte ist die Coronazeit zumindest unterhaltsam. GAnz lieben DANK!!!

  20. Dank der NP habe ich von Euch erfahren. Nur weiter so, dann kann ich wenigstens das Lachen, Lächeln und Schmunzeln nicht verlernen. Ich finde es Klasse!

  21. Ich kenne Fridolin aus seiner Landheim-Zeit bzw. kenne Melanie gut und die ist ja ein großer Fan von euch. Zu Recht, denn dieser Blog ist wirklich sehr unterhaltsam 🙂

    1. Habe heute, Dank des von mir geliebten BR 2, das jetzt endlich wieder in seiner gewohnten Programmstruktur sendet, von euch und diesem Blog erfahren.

      Danke!!! Für die ehrlichen, oft witzigen und gut geschriebenen Einblicke in dein Leben und den ebenso interessanten Blicken durch das (Kamera)Auge deines Mannes.

      Ich hab soeben alle Tage am Stück gelesen und zusammen mit den Fotos genossen.

  22. Herrlich!! Danke für die tägliche Portion Humor!! Tut einfach gut und das Grinsen hält ewig!

  23. Toll geschrieben, direkt aus dem Leben!

  24. Deine Texte erheitern mir derzeit jeden Morgen. So viel gelacht (und geweint!) habe ich noch nie.

  25. wie im richtigen Leben

  26. Wie wärs mit einer Hühnergeschichte

  27. Jörg Zehrfeld April 16, 2020 at 2:23 pm

    Viele Gedanken kommen mir sehr bekannt vor…Wir sitzen halt alle im selben Boot. Im Januar hatte ich in Hemmingen das Vergnügen mit euch und freue mich schon auf die nächste Vorstellung. Ihr habt ja jetzt genug Zeit für ein neues Programm…wenn die Kinder euch Zeit lassen ;=)
    Vielen Dank für die amüsanten Gedanken. Bleibt gesund und munter!

  28. Der Blick über den Corona-Tellerrand regt zum Nachdenken an. Danke für die Bewussteinserweiterung. werde meinen Speiseplan überdenken.

  29. So ein wunderbarer Blog, vielen Dank. Klug, sehr witzig und überaus kreativ. Ihr seid eine tolle Familie. Danke ❤️

  30. Karin Skowronek April 18, 2020 at 5:31 pm

    ich bin ich ——- Ich weiss es schon lange —– normal ist langweilig und darum verstehe ich Dich gut.
    ich sehe das Leben nicht durch eine rosarote Brille, sondern durch meine eigene Brille —– und das ist viel spannender.
    Bitte schreib weiter so — auch wenn Corona irgendwann wieder bereit ist, abzutreten.

  31. Das ist eine gute Idee. ich würde das Buch kaufen!

  32. Köstlich. Das muss unbedingt später als Büchlein veröffentlicht werden. Zur Erinnerung an Zeiten, die besonders waren.

  33. einfach schön !!!
    Du bist meine Traummutter!

  34. Peter und Illa April 21, 2020 at 3:11 pm

    Alltagswahnsinn in Humorvolle Episoden gepackt erheitern uns täglich beim Lesen, hoffentlich bald auch wieder beim Hören und Sehen auf der Bühne.

  35. Diese Tagebuchgeschichten beleben den Alltag. Ich hätte davon gern eine Ausgabe in Buchform.

  36. Schließe mich der Sehnsucht an und sage DANKE für all die herzerfreuenden Beiträge, die auch einer Oma gut tun, die fast vor Sehnsucht nach ihren fünf Enkeln vergeht.

  37. Die Texte bieten Stoff für entwicklungspsychologische Schmunzelstudien

  38. Ich habe euch 2016 in der Anstalt gesehen und Tränen gelacht. Nun bin ich beim Stöbern auf eure Homepage gestoßen und habe in einer Nacht alle Videobeiträge und Blogeinträge verschlungen sowie direkt im Anschluss die CD bestellt. Danke für die Einblicke, Denkanstöße und euren köstlichen Humor! Bleibt guten Mutes 🙂

  39. Danke für den Seelenwärmer-Blog! Wie schön es doch ist, auch hier mitzuerleben, dass Kinder nunmal der normalste und wohl gesündeste Wahnsinn sind, den man sich je hätte ausdenken können. Kindgerechte Häuser sind im Idealfall schmutzig, unaufgeräumt und unmöglich eingerichtet – so war es zum Teil auch bei uns (als unsere Kids noch klein waren). Für Eltern wie Euch, die beruflich mit Humor jonglieren, ist das Leben mit “kleinen”(?) Kindern bestimmt ein insgesamt sehr geeignetes Übungsfeld… Ich freue mich schon darauf, mehr von Euch zu lesen, zu hören oder zu sehen!

  40. Auf euren Auftritt in der Anstalt bin ich sehr gespannt. Die Tagebuchgeschichten haben meine Neugier noch verstärkt. Danke für die vielen köstlichen Geschichten.

  41. Ich bin durch Zufall auf deine „Tage in Corona“ gestoßen und freue mich jeden Morgen auf eine neue Geschichte. Im Mai wärt ihr in Stuttgart; anfangs dachte ich noch da könnten wir hingehen. Inzwischen glaube ich das dauert noch bis wir euch live erleben können. Bis dahin genieße ich bei einem Kaffee deine Geschichten und lade dich auch gerne auf eine Tasse ein.
    Viele Grüße aus Fellbach
    Katja

  42. Hallo Wiebke, vorhin habe ich nachgeschaut, wer in der nächsten “Anstalt” auftreten wird/sollte und bin dabei auf euch gestoßen. Ich wusste vorher nichts von deiner Kabarett-Karriere. Aber ich kenne mit Sicherheit deinen Namen von früher. Wir sind gleich alt und beide aus Hannover. Entweder kenne ich dich aus meiner Schulzeit (Ricarda-Huch-Schule) oder durch meinen Bruder Andy (Herschelschule). Aber ich weiß es einfach nicht mehr. Vielleicht möchtest du mir helfen 🙂

  43. Liebe Wiebke,
    lass den Kopf nicht hängen! Irgendwann wird es doch wieder besser. Und immer dran denken, Du bist eine tolle Frau und Mutter!!

    Halte durch (trotz Stilldemenz) ;o)

    Liebe Grüße und tapfer sein

  44. Marion und Ralph Mai 1, 2020 at 10:02 am

    Vielen Dank, meine Frau und ich beginnen jeden Tag mit einem Lächeln, dank dieser Texte. Wir trinken einen virtuellen Kaffee mit Euch.
    Frühlingshafte Grüße aus Langenhagen !

  45. Liebe Wiebke,
    du hast wahrlich das Herz auf dem rechten Fleck. Wie schön, dass es noch solche Menschen und Familien gibt. Haltet durch und bleibt “anders”.
    Habe die Anstalt gestern programmiert und eben einen Kaffee auf dich getrunken über Paypal. Und den Blog schon etlichen Freundinnen empfohlen.
    Alles Liebe
    Conny

  46. Dorothea Burgdorf Mai 10, 2020 at 6:20 pm

    Herzlichen Dank für den herrlichen Block und den tollen Live Stream aus dem TAK. Dafür gibt es Kaffee und Kuchen für euch beide!

  47. Herlichen Dank für diesen Blog! Wir kennen euch von euren Auftritten. Die tägliche Portion Gedanken und Gefühle, die mir (und meinem Mann) Freude bereiten – denn hier schreibt ein Mensch, der Gefühle hat und sie zeigt. In uns werden teilweise Erinnerungen wach, denn vieles haben wir genauso durchlebt und leben noch heute genauso wie ihr. Auch mein “Friedolin” spiegelt sich im Blog wieder. Achja, unsere dreiunddreißigjährige liest, findet diesen Blog ebenso aussergewöhnlich gut.

  48. Vielen Dank für den tollen Livestream im TAK! Haben seit Wochen nicht mehr so gelacht.
    Und auch vielen Dank für den Blog, Du sprichst mir aus der Seele. Genieß den Kaffee – obwohl: Whiskey passt um diese Uhrzeit besser .

  49. Nachdenken und Lachen, dazu Einiges über Leben mit Familie und Natur und sogar ein Kochrezept. So macht Lesen Vergnügen, was in Coronazeiten nicht selbstverständlich ist.

  50. Liebe Wiebke,
    Wegen mir könnte Corona ewig dauern, solange es deine tollen Texte gibt. Begeistert von euch bin ich ja schon lange.
    Wie wäre es, wenn Fridolin Sonntags mal seine Sicht der Dinge darstellt? Er kommt ja nicht extrem gut weg…
    Seine Photos sind toll und ganz mein Geschmack, sie mögen auch mehr sagen als tausend Worte.
    Viele liebe Grüße und vielen vielen Dank
    Karla

  51. Danke für diesen tollen Blog. War sehr interessant zu lesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.